Gesichtsrötung (Flush) – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Reduktion von Häufigkeit, Intensität und Belastung episodischer Flush-Attacken (anfallsartiger Hautrötungen mit Wärmegefühl) durch Behandlung der zugrunde liegenden Ursache.
  • Bei Rosazea (chronisch-entzündlicher Gesichtshauterkrankung) gesondert: vorübergehende Verminderung eines persistierenden zentrofazialen Erythems (anhaltender Rötung der Gesichtsmitte).
  • Erkennen behandlungsbedürftiger systemischer Ursachen (den gesamten Körper betreffender Ursachen) und Vermeidung einer ungezielten symptomatischen Arzneimitteltherapie [1, LL1].

Therapieempfehlungen

Ein Flush ist eine anfallsartige Hautrötung mit Wärmegefühl. Ein persistierendes Rosazea-Erythem und episodische Flush-Attacken sind unterschiedliche Therapieziele. Beide können gleichzeitig vorliegen. Die Wirksamkeit eines Arzneimittels gegen die anhaltende Gesichtsrötung belegt keine entsprechende Wirksamkeit gegen Häufigkeit oder Intensität vorübergehender Flush-Attacken [1, 2, LL1].

Eine allgemeine medikamentöse Standardtherapie des Symptoms Flush besteht nicht. Entscheidend sind zeitlicher Verlauf, Auslöser, Begleitsymptome, Arzneimittelanamnese und gesicherte Grunderkrankung. Bei gelegentlichem physiologischem Erröten ohne Krankheitswert ist gewöhnlich keine Pharmakotherapie erforderlich [1].

Ursachenbezogene Behandlung und konkrete Therapieverweise

Ursache bzw. Konstellation Therapeutische Konsequenz
Rosazea mit persistierendem zentrofazialem Erythem Brimonidin kann die anhaltende Rötung vorübergehend vermindern. Bei zusätzlich vorhandenen entzündlichen Papeln (Knötchen) und Pusteln (Eiterbläschen) erfolgt eine gesonderte Behandlung, z. B. mit Ivermectin, Metronidazol, Azelainsäure oder indikationsgerecht Doxycyclin; siehe Rosazea/Pharmakotherapie [2, LL1, FI1].
Rosazea mit episodischem Flush Individuelle Auslöser erfassen und vermindern. Bei ausgeprägten, anhaltend belastenden Beschwerden kann nach fachärztlicher Nutzen-Risiko-Abwägung Carvedilol als Off-Label-Use erwogen werden. Die Evidenz ist begrenzt; eine zuverlässige Unterdrückung der Attacken ist nicht gesichert [3, LL1].
Menopausale vasomotorische Beschwerden (wechseljahresbedingte Hitzewallungen und Schweißausbrüche) Behandlung nach dem individuellen Nutzen-Risiko-Profil, z. B. mit menopausaler Hormontherapie oder einer geeigneten nicht-hormonellen Therapie. Bei Fezolinetant sind insbesondere die aktuellen Vorgaben zur Leberüberwachung zu beachten. Siehe Menopause/Pharmakotherapie [1, FI3].
Arzneimittel- oder alkoholbedingter Flush Auslöser prüfen, z. B. Nitrate, Calciumantagonisten oder Nicotinsäure. Indikation, Dosis und mögliche Alternativen ärztlich überprüfen; erforderliche Arzneimittel nicht eigenständig absetzen. Eine zusätzliche Dauertherapie zur Unterdrückung der Rötung ist gewöhnlich nicht der erste Schritt [1].
Histamin- bzw. mastzellvermittelte Beschwerden (durch Histamin bzw. bestimmte Immunzellen ausgelöste Beschwerden) Bei entsprechender Diagnose kommen H1-Antihistaminika infrage; siehe Urtikaria (Nesselsucht), Mastozytose (Erkrankung mit Vermehrung von Mastzellen) bzw. Mastzellaktivierung. Ein isolierter Flush begründet keine pauschale antihistaminerge Dauerbehandlung. Bei Anaphylaxie (schwerer allergischer Allgemeinreaktion) ist intramuskuläres Adrenalin die entscheidende Erstlinientherapie; Antihistaminika ersetzen es nicht [1, LL2].
Karzinoidsyndrom (durch Tumorbotenstoffe ausgelöster Beschwerdekomplex) bei neuroendokrinem Tumor (Tumor aus Zellen mit Nerven- und Hormonzelleigenschaften) Spezialisierte endokrinologisch-onkologische Behandlung; zur Kontrolle des hormonellen Syndroms insbesondere Somatostatinanaloga wie Octreotid oder Lanreotid. Weitere Maßnahmen richten sich nach Tumorlokalisation, Ausbreitung und Hormonaktivität. Telotristat ist keine allgemeine Flush-Therapie; sein Einsatz betrifft die Karzinoidsyndrom-assoziierte Diarrhoe (Durchfall) unter definierten Voraussetzungen. Siehe neuroendokrine Tumoren/Karzinoidsyndrom [1].
Phäochromozytom (meist hormonbildender Tumor des Nebennierenmarks) bzw. Paragangliom (verwandter Tumor außerhalb des Nebennierenmarks) Bei entsprechender Symptomkonstellation gezielte Abklärung und spezialisierte Behandlung. Falls eine adrenerge Blockade erforderlich ist, muss eine ausreichende Alpha-Blockade einer zusätzlichen Beta-Blockade vorausgehen. Keine empirische Betablockertherapie bei entsprechendem Verdacht [1].
Situatives emotionales Erröten Bei erheblicher Belastung psychosoziale Faktoren und gegebenenfalls eine Angststörung berücksichtigen. Keine routinemäßige Verordnung von Betablockern oder Psychopharmaka allein aufgrund sichtbarer Gesichtsrötung [1, LL1].

Persistierendes Rosazea-Erythem

Brimonidin wirkt symptomatisch durch kutane Vasokonstriktion (Verengung der Hautblutgefäße). Die Wirkung beginnt häufig innerhalb etwa einer halben Stunde und klingt im Tagesverlauf wieder ab. Eine Heilung der Rosazea oder dauerhafte Beseitigung von Teleangiektasien (sichtbar erweiterten kleinen Hautblutgefäßen) ist damit nicht verbunden. Die Behandlung entzündlicher Läsionen (Hautveränderungen) muss gegebenenfalls zusätzlich erfolgen [2, LL1, FI1].

Episodischer Flush bei Rosazea

Topische Vasokonstriktoren sind keine gesicherte Standardtherapie isolierter Flush-Attacken. Insbesondere kann Brimonidin selbst eine verstärkte Rötung oder Flush-Symptomatik auslösen. Bei ausgewählten Patienten kann ein kontrollierter Therapieversuch mit Carvedilol erwogen werden; die Behandlung erfolgt außerhalb der Zulassung und erfordert insbesondere Blutdruck- und Pulskontrollen [3, LL1, FI1, FI2].

Wirkstoffe (Hauptindikationen)

Die folgende zugelassene Behandlung betrifft das Gesichtserythem bei Rosazea im Erwachsenenalter. Sie ist keine allgemeine Behandlung des Symptoms Flush.

Topische Alpha-2-Adrenozeptoragonisten

Wirkstoff Besonderheiten
Brimonidin, Gel 3 mg/g Zugelassen zur symptomatischen Behandlung des Gesichtserythems bei Rosazea bei Erwachsenen. Augen, Augenlider, Lippen und Schleimhäute aussparen; nicht auf offene Wunden oder gereizte Haut auftragen. Bei verstärkter Rötung absetzen [FI1].
  • Wirkweise: Selektive Stimulation von Alpha-2-Adrenozeptoren mit vorübergehender Verengung kutaner Blutgefäße.
  • Indikation: Symptomatische Verminderung des persistierenden Gesichtserythems bei Rosazea; keine gesicherte Attackenprophylaxe bei isoliertem episodischem Flush [2, LL1].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; Kinder unter zwei Jahren; gleichzeitige Behandlung mit MAO-Hemmern oder tri- bzw. tetrazyklischen Antidepressiva mit Einfluss auf die noradrenerge Transmission. Bei Personen unter 18 Jahren nicht anwenden. In der Schwangerschaft vorsorglich vermeiden, während der Stillzeit nicht anwenden [FI1].
  • Nebenwirkungen: Hautbrennen, Juckreiz, Kontaktdermatitis (durch Hautkontakt ausgelöste Entzündung) sowie verstärktes Erythem oder Flush, teilweise ausgeprägter als vor Behandlungsbeginn. Systemische Effekte wie Hypotonie (niedriger Blutdruck) und Bradykardie (verlangsamter Herzschlag) sind möglich; besondere Vorsicht bei kardiovaskulären Erkrankungen (Herz-Kreislauf-Erkrankungen) und zusätzlicher blutdrucksenkender Therapie [FI1].

Wirkstoffe (Nebenindikationen)

Systemische Betablocker – Off-Label-Use bei Rosazea

Wirkstoff Besonderheiten
Carvedilol Nur ausgewählter fachärztlich überwachter Therapieversuch bei stark belastender Rosazea-assoziierter Flush-Symptomatik bzw. persistierendem Erythem. Off-Label-Use; begrenzte Evidenz. Verlaufskontrolle anhand von Attackenhäufigkeit, Belastung und Verträglichkeit; bei fehlendem Nutzen beenden [3, LL1, FI2].
  • • Wirkweise: Nichtselektive Beta-Adrenozeptorblockade mit zusätzlicher Alpha-1-blockierender Wirkung; Beeinflussung adrenerg vermittelter Beschwerden.
  • Indikation: Im Einzelfall ausgeprägte Rosazea-assoziierte Flush-Symptomatik bzw. persistierendes Erythem bei unzureichender Kontrolle durch andere Maßnahmen. Keine allgemeine Therapie ungeklärter Flush-Attacken [3, LL1].
  • Kontraindikationen: Insbesondere Asthma bzw. Bronchospasmus (Verkrampfung der Atemwege) in der Anamnese, ausgeprägte Bradykardie, höhergradiger AV-Block (Störung der elektrischen Erregungsleitung zwischen Herzvorhöfen und Herzkammern) ohne Schrittmacher, schwere Hypotonie, kardiogener Schock (Kreislaufversagen durch unzureichende Herzleistung), instabile/dekompensierte Herzinsuffizienz (akut verschlechterte Herzschwäche) mit erforderlicher intravenöser inotroper Therapie und klinisch manifeste Leberfunktionsstörung. Bei Verdacht auf Phäochromozytom keine Einleitung vor spezialisierter Abklärung [1, FI2].
  • Nebenwirkungen: Schwindel, Müdigkeit, Hypotonie, orthostatische Beschwerden (Beschwerden beim Aufstehen), Bradykardie und Bronchospasmus; mögliche Verschlechterung einer Herzinsuffizienz und Maskierung von Hypoglykämiesymptomen (Anzeichen einer Unterzuckerung). Wechselwirkungen mit weiteren frequenzsenkenden Arzneimitteln beachten; nach längerer Behandlung nicht abrupt absetzen [FI2].

Beachte

  • Notfallkonstellation: Flush mit Atemnot, Zungen- oder Kehlkopfschwellung, Kreislaufabfall oder Synkope (kurzzeitiger Bewusstlosigkeit) erfordert sofortige Beurteilung auf Anaphylaxie und entsprechende Notfalltherapie [LL2].
  • Gezielte Abklärung: Wiederkehrende Attacken mit Diarrhoe, Bronchospasmus, ausgeprägten Blutdruckschwankungen, Palpitationen (Herzklopfen oder Herzstolpern) oder Gewichtsverlust dürfen nicht allein als Rosazea oder menopausale Beschwerden eingeordnet werden. Die Diagnostik richtet sich nach der klinischen Verdachtsdiagnose; kein ungezieltes neuroendokrines Screening bei jedem Flush [1].
  • Therapieüberwachung: Bei episodischem Flush Attackenhäufigkeit und Belastung dokumentieren; bei persistierendem Erythem Ausmaß und Dauer der Rötungsreduktion beurteilen. Beide Therapieziele getrennt bewerten.
  • Brimonidin: Bei verstärkter Rötung nicht häufiger oder in größerer Menge anwenden, sondern absetzen und den Befund überprüfen [FI1].

Abkürzungen

  • AV: atrioventrikulär; die Verbindung zwischen Herzvorhöfen und Herzkammern betreffend.
  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
  • EMA: Europäische Arzneimittel-Agentur.
  • FI: Fachinformation.
  • H1: Histaminrezeptor vom Typ 1.
  • LL: Leitlinie.
  • MAO: Monoaminoxidase.
  • S2k: konsensbasierte Leitlinie mit strukturierter Konsensfindung.

Literatur

  1. Huguet I, Grossman AB: MANAGEMENT OF ENDOCRINE DISEASE: Flushing: current concepts. Eur J Endocrinol. 2017;177:R219–R229. PubMed.
  2. Fowler J et al.: Once-daily topical brimonidine tartrate gel 0·5% is a novel treatment for moderate to severe facial erythema of rosacea: results of two multicentre, randomized and vehicle-controlled studies. Br J Dermatol. 2012;166:633–641. doi: 10.1111/j.1365-2133.2011.10716.x.
  3. Facial flushing and erythema of rosacea improved by carvedilol. Originalarbeit, PubMed.

Leitlinien

  1. S2k-Leitlinie: Rosazea. Deutsche Dermatologische Gesellschaft und beteiligte Fachgesellschaften. (AWMF-Registernummer: 013-065), Stand 28. Januar 2022, gültig bis 31. Dezember 2026. Langfassung [LL1]
  2. S2k-Leitlinie: Akuttherapie und Management der Anaphylaxie – Update 2021. (AWMF-Registernummer: 061-025). Langfassung [LL2]

Fachinformationen

  1. Mirvaso 3 mg/g Gel: Fachinformation des Zulassungsinhabers, elektronische Fassung. Summary of Product Characteristics; ergänzend EMA-Zulassungsinformationen [FI1]
  2. Carvedilol 3,125 mg Filmtabletten: Fachinformation, elektronische Fassung. Summary of Product Characteristics. Die Anwendung bei Rosazea bzw. Flush ist nicht Bestandteil der zugelassenen Indikationen [FI2]
  3. Veoza: Europäische Produktinformation. Fachinformation; ergänzend Sicherheitsinformation zu arzneimittelbedingten Leberschäden [FI3]