Frieren – Medikamentöse Therapie
Therapieziel
Linderung eines krankheitsbedingten Kältegefühls durch gezielte Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankung. Physiologisches (normales, körperlich bedingtes) Frieren bei Kälteexposition oder individuell erhöhter Kälteempfindlichkeit erfordert keine medikamentöse Therapie. Für das isolierte Symptom Frieren besteht keine etablierte spezifische Arzneimitteltherapie.
Therapieempfehlungen
Physiologisches Frieren und krankheitsbedingte Kälteintoleranz (übermäßige Kälteempfindlichkeit) unterscheiden: Ein situationsabhängiges Kältegefühl, das durch warme Kleidung, eine wärmere Umgebung und Bewegung nachlässt, ist zunächst eine normale Reaktion. Neu aufgetretenes, anhaltendes oder ausgeprägtes Frieren trotz angemessener Umgebungstemperatur sollte hingegen ursachenbezogen abgeklärt werden. Mögliche Ursachen sind insbesondere Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion), Anämie (Blutarmut), Unterernährung und Gefäßerkrankungen. Frieren allein beweist keine dieser Erkrankungen [1].
Vor einer Arzneimitteltherapie: Anamnese (Erhebung der Krankengeschichte) zu Kälteexposition, Ernährung, Gewichtsverlauf, Blutverlusten, Begleitsymptomen und Medikamenten; körperliche Untersuchung einschließlich Körpertemperatur und Kreislaufstatus. Bei entsprechendem Verdacht Blutbild und Schilddrüsendiagnostik; bei möglichem Eisenmangel Ferritin und gegebenenfalls Transferrinsättigung unter Berücksichtigung einer begleitenden Entzündung. Weitere Untersuchungen richten sich nach dem Befund [1, LL1, LL3].
- Physiologisches Frieren: Wärmeerhalt, trockene Kleidung, angemessene Raumtemperatur, Bewegung sowie ausreichende Energiezufuhr. Keine empirische Behandlung mit Schilddrüsenhormonen, Eisen oder gefäßerweiternden Arzneimitteln.
- Manifeste primäre Hypothyreose (ausgeprägte, von der Schilddrüse selbst ausgehende Unterfunktion): Levothyroxin als Standardtherapie. Bei korrekter Substitution (Ersatzbehandlung) kann sich die Kälteintoleranz im Verlauf bessern. Eine fortbestehende Kälteempfindlichkeit bei adäquater Stoffwechseleinstellung rechtfertigt keine Dosiserhöhung über den notwendigen Ersatzbedarf hinaus [LL1, LL2].
- Latente Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion mit erhöhtem TSH bei noch normalem freiem Schilddrüsenhormon): Keine automatische Behandlung allein aufgrund von Frieren. Wiederholungsmessung, Ausmaß und Persistenz der TSH-Erhöhung, Alter und besondere Situationen berücksichtigen. Bei TSH bis 10 mU/l empfiehlt die DEGAM-Leitlinie grundsätzlich keine Substitution; bei höheren Werten ist die Entscheidung differenziert zu treffen. Für Schwangere gelten gesonderte Empfehlungen. Bei älteren Menschen mit latenter Hypothyreose zeigte die TRUST-Studie keinen relevanten allgemeinen Symptomvorteil durch Levothyroxin [2, LL1].
- Eisenmangelanämie (Blutarmut durch Eisenmangel): Eisensubstitution und gleichzeitige Behandlung der Ursache. Insbesondere uterine (von der Gebärmutter ausgehende) oder gastrointestinale (den Magen-Darm-Trakt betreffende) Blutverluste sowie Resorptionsstörungen (Störungen der Aufnahme von Stoffen aus dem Darm) abklären. Eisen behandelt eine nachgewiesene Mangelsituation; eine spezifische Wirksamkeit gegen isoliertes Frieren ist nicht belegt [LL3].
- Andere Anämieformen: Bei Vitamin-B12- oder Folatmangel gezielter Ersatz; bei renaler (nierenbedingter), entzündungsbedingter oder hämolytischer (durch vermehrten Abbau roter Blutkörperchen bedingter) Anämie Behandlung nach der jeweiligen Ursache. Keine pauschale Eisengabe bei jeder Anämie. Siehe die jeweiligen Artikel zur Pharmakotherapie [LL3, LL4].
- Medikamentenassoziierte Beschwerden: Beispielsweise können Betablocker kalte Extremitäten (Arme und Beine) begünstigen; Lithium oder Amiodaron können eine Schilddrüsenfunktionsstörung verursachen. Indikation, Dosis und mögliche Alternativen ärztlich überprüfen; keine eigenständige Therapieunterbrechung.
- Weitere Ursachen: Bei Raynaud-Syndrom (anfallsartigen Durchblutungsstörungen vor allem der Finger), peripherer arterieller Verschlusskrankheit (Durchblutungsstörung durch verengte oder verschlossene Schlagadern der Gliedmaßen) oder Unterernährung ursachenspezifische Behandlung; siehe die entsprechenden Therapieartikel. Eine vasodilatierende (gefäßerweiternde) Therapie ist keine allgemeine Behandlung des Frierens.
Wirkstoffe (Hauptindikationen)
Die folgenden Wirkstoffe behandeln ausgewählte Grunderkrankungen, die mit Frieren einhergehen können. Die Dosierungsangaben beziehen sich auf Erwachsene; individuelle Anpassung und jeweilige Fachinformation beachten.
Schilddrüsenhormone – bei gesicherter Hypothyreose
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Levothyroxin | Regelmäßig nüchtern mit Wasser, mindestens 30 Minuten vor dem Frühstück einnehmen. Wechselwirkungen mit Eisen und Calcium beachten. Bei primärer Hypothyreose TSH-Kontrolle etwa 8 Wochen nach Therapiebeginn oder Dosisänderung; nach stabiler Einstellung in der Regel jährlich. Bei zentraler Hypothyreose (durch eine Störung übergeordneter Steuerzentren verursachter Schilddrüsenunterfunktion) Steuerung anhand von fT4 und klinischem Verlauf statt TSH [LL1, LL2, FI1]. |
- Wirkweise: Ersatz des fehlenden Schilddrüsenhormons; Normalisierung des hormonabhängigen Stoffwechsels und der Wärmeproduktion.
- Indikation: Gesicherte Hypothyreose; keine Indikation bei normaler Schilddrüsenfunktion allein wegen Kälteempfindlichkeit. Liothyronin und Schilddrüsenextrakte sind keine routinemäßigen Alternativen [LL2].
- Kontraindikationen (Gegenanzeigen): Unbehandelte Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion), unbehandelte Nebennierenrindeninsuffizienz (ungenügende Hormonproduktion der Nebennierenrinde) sowie akuter Myokardinfarkt (Herzinfarkt), akute Myokarditis (Herzmuskelentzündung) oder akute Pankarditis (Entzündung aller Herzwandschichten). Eine vermutete begleitende Nebennierenrindeninsuffizienz muss vor Beginn des Hormonersatzes abgeklärt und gegebenenfalls behandelt werden [FI1].
- Nebenwirkungen: Bei Überdosierung insbesondere Palpitationen (Herzklopfen), Tachykardie (beschleunigter Herzschlag), Tremor (Zittern), Unruhe und Schlafstörungen; längerfristig erhöhtes Risiko für Vorhofflimmern (Herzrhythmusstörung mit unregelmäßigem Herzschlag) und Knochenverlust. Dosis nicht allein anhand des subjektiven Kältegefühls steigern [LL2, FI1].
Orale Eisenpräparate – bei nachgewiesener Eisenmangelanämie
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Eisen(II)-Salze, z. B. Eisen(II)-sulfat oder Eisen(II)-fumarat | Die Mengenangabe bezieht sich auf elementares Eisen. Möglichst nüchtern; bei gastrointestinaler Unverträglichkeit Einnahme mit einer Mahlzeit unter Inkaufnahme geringerer Resorption erwägen. Hb-Ansprechen nach 2–4 Wochen prüfen. Nach Hb-Normalisierung meist etwa 3 Monate weiterbehandeln, abhängig von Eisenspeichern und fortbestehenden Verlusten [3, LL3]. |
- Wirkweise: Bereitstellung von Eisen für die Hämoglobinsynthese (Bildung des roten Blutfarbstoffs) und Auffüllung der Eisenspeicher.
- Indikation: Nachgewiesene Eisenmangelanämie. Bei Eisenmangel ohne Anämie individuelle Indikationsstellung; Frieren allein begründet keine Substitution [LL3].
- Kontraindikationen: Eisenüberladung, z. B. Hämochromatose (Eisenspeicherkrankheit); Anämie ohne nachgewiesenen Eisenmangel. Präparatespezifische Gegenanzeigen beachten.
- Nebenwirkungen: Übelkeit, Bauchschmerzen, Obstipation (Verstopfung) oder Diarrhoe (Durchfall) sowie dunkle Stuhlfärbung. Eisen kann die Aufnahme unter anderem von Levothyroxin, Tetracyclinen und Fluorchinolonen vermindern. Einnahmeabstände nach Fachinformation einhalten; für L-Thyroxin Henning ist die Einnahme mindestens 2 Stunden vor eisenhaltigen Arzneimitteln vorgesehen [LL3, FI1].
Intravenöse Eisenpräparate – bei begründeter Indikation zur parenteralen Substitution
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Eisen(III)-Derisomaltose oder Eisen(III)-Carboxymaltose | Bei Unverträglichkeit, unzureichender Wirksamkeit oder ungeeigneter oraler Behandlung sowie bei begründetem Bedarf an rascher Eisenauffüllung. Anwendung mit verfügbarer Notfallausrüstung; Überwachung während und mindestens 30 Minuten nach jeder Gabe. Hypophosphatämierisiko, insbesondere bei Eisen(III)-Carboxymaltose, berücksichtigen [LL3, B1, B2]. |
- Wirkweise: Parenterale Eisenbereitstellung unter Umgehung der intestinalen (über den Darm erfolgenden) Aufnahme.
- Indikation: Nachgewiesener Eisenmangel mit begründeter Notwendigkeit einer intravenösen Behandlung; keine Eskalation allein wegen fortbestehenden Frierens.
- Kontraindikationen: Eisenüberladung, Anämie ohne Eisenmangel und relevante Überempfindlichkeit; bei bekannter schwerwiegender Überempfindlichkeit gegen andere parenterale Eisenpräparate präparatespezifische Gegenanzeigen beachten [B1].
- Nebenwirkungen: Infusionsreaktionen bis zur Anaphylaxie (schwere allergische Allgemeinreaktion), Übelkeit, Kopfschmerzen und Blutdruckveränderungen; bei Extravasation (Austritt der Infusionslösung in das umliegende Gewebe) lang anhaltende Hautverfärbung. Insbesondere Eisen(III)-Carboxymaltose kann eine Hypophosphatämie (Phosphatmangel im Blut) mit Osteomalazie (Knochenerweichung) verursachen. Phosphatkontrollen entsprechend Risikoprofil und wiederholter Behandlung einplanen. Im September 2026 wurde eine europäische Sicherheitsüberprüfung injizierbarer Eisenpräparate hierzu eingeleitet; daraus ist noch kein abgeschlossenes neues Klassenergebnis abzuleiten [B1, B2].
Weitere ursachenbezogene Pharmakotherapie
- Vitamin-B12-Mangel: Ersatz mit einem geeigneten Cobalaminpräparat; Applikationsweg und Dauer nach Ursache und Schweregrad. Bei neurologischen (das Nervensystem betreffenden) oder schweren hämatologischen (das Blut betreffenden) Manifestationen Behandlung nicht durch langwierige Diagnostik verzögern; bei bestimmten irreversiblen Resorptionsstörungen ist ein lebenslanger intramuskulärer Ersatz erforderlich [LL4].
- Folatmangel: Gezielte Folsäuretherapie nach Abklärung eines begleitenden Vitamin-B12-Mangels. Eine alleinige Folsäuregabe kann die Anämie bei Vitamin-B12-Mangel bessern, während neurologische Schäden fortschreiten.
- Keine pauschale Zusatzmedikation: Erythropoese-stimulierende (die Bildung roter Blutkörperchen anregende) Arzneimittel, Bluttransfusionen und gefäßaktive Medikamente bleiben spezifischen Indikationen vorbehalten. Ein allgemeines Arzneimittelschema für Frieren ist nicht gerechtfertigt.
Beachte
- Frieren ist nicht gleich Hypothermie (Unterkühlung): Eine Körperkerntemperatur unter 35 °C bedeutet Hypothermie. Bewusstseinsstörung, ausgeprägte Bradykardie (verlangsamter Herzschlag), Kreislaufinstabilität oder schwere Kälteexposition erfordern eine sofortige Notfallbeurteilung und leitliniengerechte Wiedererwärmung [LL5].
- Schüttelfrost abgrenzen: Plötzliches heftiges Muskelzittern, insbesondere mit Fieber oder schwerem Krankheitsgefühl, erfordert eine Abklärung auf Infektion und gegebenenfalls Sepsis (lebensbedrohliche Organschädigung durch eine fehlgesteuerte Reaktion auf eine Infektion); keine alleinige symptomatische Behandlung des Kältegefühls.
- Endokriner (hormonbedingter) Notfall: Hypothermie mit Bewusstseinsstörung und Hinweisen auf schwere Hypothyreose kann auf ein Myxödemkoma (lebensbedrohliche Entgleisung einer schweren Schilddrüsenunterfunktion) hinweisen und gehört in die sofortige stationäre, in der Regel intensivmedizinische Behandlung.
- Therapieerfolg: Anhand der Grunderkrankung, ihrer Labor- und klinischen Verlaufsparameter sowie der Beschwerden beurteilen. Persistierendes Frieren trotz korrigierter Ursache erfordert eine erneute Bewertung statt ungezielter Dosiseskalation.
Abkürzungen
- AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
- DEGAM: Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin.
- fT4: freies Thyroxin.
- Hb: Hämoglobin.
- NICE: National Institute for Health and Care Excellence.
- p.o.: per os; Einnahme über den Mund.
- TRUST: Thyroid Hormone Replacement for Untreated Older Adults with Subclinical Hypothyroidism; Name einer klinischen Studie.
- TSH: Thyreoidea-stimulierendes Hormon.
Literatur
- MedlinePlus: Cold intolerance. Überarbeitet am 27. Februar 2026. Volltext.
- Stott DJ et al.: Thyroid Hormone Therapy for Older Adults with Subclinical Hypothyroidism. N Engl J Med. 2017;376:2534–2544. doi:10.1056/NEJMoa1603825.
- Stoffel NU et al.: Iron absorption from oral iron supplements given on consecutive versus alternate days and as single morning doses versus twice-daily split dosing in iron-depleted women: two open-label, randomised controlled trials. Lancet Haematol. 2017;4:e524–e533. doi:10.1016/S2352-3026(17)30182-5.
Leitlinien
- S2k-Leitlinie: Erhöhter TSH-Wert in der Hausarztpraxis. Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin. AWMF-Registernummer: 053-046, 2023; gültig bis Mai 2027. Langfassung und Materialien [LL1]
- National Institute for Health and Care Excellence: Thyroid disease: assessment and management. NICE guideline NG145. 2019, aktualisiert 2023; ergänzende Evidenzüberprüfung 2025. Empfehlungen [LL2]
- Snook J et al.: British Society of Gastroenterology guidelines for the management of iron deficiency anaemia in adults. Gut. 2021;70:2030–2051. doi:10.1136/gutjnl-2021-325210 [LL3]
- National Institute for Health and Care Excellence: Vitamin B12 deficiency in over 16s: diagnosis and management. NICE guideline NG239. 2024. Empfehlungen [LL4]
- European Resuscitation Council: European Resuscitation Council Guidelines 2025: Special Circumstances in Resuscitation. Resuscitation. 2025;215:110753. Langfassung [LL5]
Behördeninformationen
- European Medicines Agency: New recommendations to manage risk of allergic reactions with intravenous iron-containing medicines. 2013. Sicherheitsinformation [B1]
- European Medicines Agency: Parenteral iron-containing medicinal products – Article 31 referral: notification. September 2026. Einleitung der Sicherheitsüberprüfung [B2]
Fachinformationen
- L-Thyroxin Henning 25–200. Fachinformation, Stand Juni 2023. Fachinformation [FI1]