Chronische Wunde – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Wundheilung: Behandlung der Wundursache und Förderung eines dauerhaften Wundverschlusses.
  • Symptomkontrolle: Schmerzlinderung und Verbesserung der Lebensqualität.
  • Infektionskontrolle: Behandlung klinisch relevanter Infektionen und Vermeidung von Gewebeverlust und systemischen Komplikationen.
  • Tetanusprävention: Überprüfung und Sicherstellung eines ausreichenden Impfschutzes sowie indikationsgerechte Immunprophylaxe.

Therapieempfehlungen

Jede chronische Wunde erfordert eine zeitnahe ursachenbezogene Diagnostik. Arzneimittel ergänzen die kausale Behandlung und eine fachgerechte Wundversorgung. Beim Ulcus cruris venosum (offenes Bein infolge einer Venenerkrankung) sind Kompression nach Prüfung der arteriellen Durchblutung und gegebenenfalls die Behandlung des venösen Refluxes (Rückfluss des Blutes in den Venen) entscheidend; bei arterieller Ischämie (Minderdurchblutung durch eine arterielle Durchblutungsstörung) ist eine Revaskularisation zu prüfen; beim diabetischen Fuß (Fußschädigung infolge von Diabetes) gehören Druckentlastung und individuell angepasste Diabetesbehandlung zur Basistherapie [LL1, LL2, LL3].

Wundinfektionen werden primär klinisch diagnostiziert. Erhöhte Entzündungsparameter sind keine zwingende Voraussetzung einer behandlungsbedürftigen Infektion. Normale Leukozytenzahlen oder ein normales CRP schließen insbesondere eine lokale Infektion nicht aus. Bei Neuropathie (Nervenschädigung), Ischämie oder Immunsuppression (Unterdrückung der körpereigenen Abwehr) können typische Entzündungszeichen fehlen; Laborparameter unterstützen die Beurteilung bei unklarem klinischem Befund [3, LL3].

Kolonisation (Keimbesiedlung), lokale und systemische Infektion

Klinische Einordnung und therapeutische Konsequenzen

Situation Klinische Einordnung Therapeutische Konsequenz
Kolonisation Mikroorganismen ohne klinische Infektionszeichen; ein positiver Abstrich allein beweist keine Infektion. Keine Antibiotika zur Förderung der Heilung. Wundreinigung und ursachenbezogene Versorgung; keine routinemäßige dauerhafte Antiseptik.
Lokale Infektion Neue oder zunehmende Schmerzen, Überwärmung, Rötung, Schwellung, eitriges Sekret oder klinische Verschlechterung. Geruch und vermehrtes Exsudat (Wundflüssigkeit) sind ergänzende Hinweise, allein jedoch nicht beweisend. Reinigung und gegebenenfalls Debridement unter Berücksichtigung der Perfusion (Gewebedurchblutung). Beim oberflächlich und begrenzt infizierten venösen Ulkus zunächst zeitlich begrenzte Antiseptik; systemische Antibiotika nach klinischer Gesamtsituation, insbesondere bei Verschlechterung, Risikokonstellation oder unzureichendem Ansprechen. Beim klinisch infizierten diabetischen Fuß auch bei milder Infektion systemische Antibiotika.
Sich ausbreitende oder tiefe Infektion Über den Wundrand hinaus zunehmende Rötung oder Schwellung, Lymphangitis (Entzündung der Lymphbahnen), Abszess (abgekapselte Eiteransammlung) oder Beteiligung von Sehnen, Gelenken oder Knochen; Allgemeinsymptome können fehlen. Systemische Antibiotika und rasche Prüfung einer chirurgischen Herdsanierung; bei tiefer Infektion oder relevanter Ischämie frühzeitige stationäre Behandlung.
Systemische Infektion Zum Beispiel Fieber oder Hypothermie (Unterkühlung), Tachykardie (beschleunigter Herzschlag), Kreislaufinstabilität oder akute Bewusstseinsveränderung. Sepsis (lebensbedrohliche Reaktion auf eine Infektion) bezeichnet eine infektionsbedingte Organdysfunktion (Funktionsstörung von Organen). Notfallmäßige stationäre Behandlung, intravenöse Antibiotika und Herdsanierung; gegebenenfalls Sepsistherapie.

Systemische Antibiotika dürfen nicht ausschließlich an Fieber, Leukozytose (erhöhte Anzahl weißer Blutkörperchen) oder eine CRP-Erhöhung gebunden werden. „Kritische Kolonisation“ und ein vermuteter Biofilm (Schicht aus Mikroorganismen und ihrer schützenden Umgebung) sind keine eigenständigen Antibiotikaindikationen. Ein Biofilm erfordert insbesondere eine geeignete Wundreinigung und gegebenenfalls wiederholtes Debridement; eine pauschale Prozentangabe zur Biofilmbesiedlung ist für die individuelle Therapieentscheidung nicht geeignet [3, LL1, LL2, LL3, LL4].

Antimikrobieller Behandlungsalgorithmus

  • Lokale Therapie: Geeignete Antiseptika zeitlich begrenzt und nach Wundreinigung einsetzen; beim venösen Ulkus spätestens nach 14 Tagen die Indikation überprüfen. Sie ersetzen bei antibiotikapflichtiger Infektion keine systemische Behandlung [LL1, LL2].
  • Mikrobiologie: Beim infizierten diabetischen Fuß bevorzugt eine nach Reinigung gewonnene Gewebeprobe; beim Beinulkus insbesondere bei Verschlechterung oder fehlendem Ansprechen eine Probe nach Reinigung. Schwere Infektionen ohne Verzögerung behandeln [LL3, LL4].
  • Antibiotikawahl: Schweregrad, Erregerspektrum, Vorbehandlung, Allergien, Organfunktion und lokale Resistenzlage berücksichtigen; nach Erregernachweis gezielt behandeln. Keine pauschale MRSA- oder Pseudomonas-Abdeckung. Der bloße Nachweis eines resistenten Erregers in einer klinisch nicht infizierten Wunde rechtfertigt keine systemische Antibiotikatherapie [LL3].
  • Dauer und Kontrolle: Beim unkompliziert infizierten Beinulkus häufig zunächst 7 Tage, bei diabetischer Weichteilinfektion (Infektion von Haut und darunterliegendem weichem Gewebe) in der Regel 1-2 Wochen. Osteomyelitis (Knocheninfektion) benötigt ein gesondertes Schema. Ohne Besserung innerhalb von 48-72 Stunden oder bei Verschlechterung erneut beurteilen; intravenöse Therapie nach etwa 48 Stunden auf orale Fortführung prüfen [LL3, LL4].

Tetanusprophylaxe

Bei jeder chronischen Wunde den dokumentierten Tetanus (Wundstarrkrampf)-Impfstatus überprüfen und einen vollständigen Impfschutz sicherstellen. Dies ist insbesondere bei Ulcus cruris, Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) und Durchblutungsstörungen relevant. Fehlende Impfungen der Grundimmunisierung nachholen; reguläre Auffrischimpfungen im Erwachsenenalter erfolgen grundsätzlich alle 10 Jahre [LL5, B2].

Eine chronische Wunde allein begründet keine automatische Simultanprophylaxe. Bei einer tetanusgefährdenden Wundsituation richtet sich die unverzüglich durchzuführende Immunprophylaxe nach Wundart, dokumentierter Anzahl der Impfstoffdosen und Zeit seit der letzten Impfung. Chronische Wunden mit Gewebsnekrosen (abgestorbenem Gewebe), Kontamination oder Gewebeschädigung mit reduzierter Sauerstoffversorgung gehören zu den Risikokonstellationen der Kategorie „alle anderen Wunden“; sie dürfen nicht als saubere geringfügige Wunden eingeordnet werden [LL5].

Tetanus-Immunprophylaxe nach Wundart und dokumentiertem Impfstatus gemäß STIKO 2026

Wundart Dokumentierter Tetanusimpfstatus Zeit seit letzter Impfung Aktive Impfung Tetanus-Immunglobulin (TIG)
Saubere geringfügige Wunde Ungeimpft oder unbekannt Unabhängig vom Abstand Ja Ja
Saubere geringfügige Wunde 1 oder 2 dokumentierte Impfstoffdosen Erforderlichen Impfabstand berücksichtigen Ja, Grundimmunisierung vervollständigen Nein
Saubere geringfügige Wunde Mindestens 3 dokumentierte Impfstoffdosen Mindestens 10 Jahre Ja Nein
Saubere geringfügige Wunde Mindestens 3 dokumentierte Impfstoffdosen Weniger als 10 Jahre Nein Nein
Alle anderen Wunden Weniger als 3 dokumentierte Impfstoffdosen oder Impfstatus unbekannt Erforderlichen Impfabstand berücksichtigen Ja, Grundimmunisierung beginnen bzw. vervollständigen Ja
Alle anderen Wunden Mindestens 3 dokumentierte Impfstoffdosen Mindestens 5 Jahre Ja Nein
Alle anderen Wunden Mindestens 3 dokumentierte Impfstoffdosen Weniger als 5 Jahre Nein Nein

„Alle anderen Wunden“ umfasst insbesondere tiefe oder verschmutzte Wunden, Verletzungen mit Gewebszermürbung und verminderter Sauerstoffversorgung, Fremdkörperverletzungen, schwere Verbrennungen und Erfrierungen sowie Gewebsnekrosen. Bei bereits begonnener Grundimmunisierung ist der Abstand zur vorherigen Impfstoffdosis zu berücksichtigen; eine zusätzliche postexpositionelle Impfung am Tag der Wundversorgung ist nur sinnvoll, wenn dieser mindestens 28 Tage beträgt [LL5].

  • Aktive Impfung: Altersgerechten tetanushaltigen Kombinationsimpfstoff verwenden. Bei Erwachsenen die einmalige Pertussis (Keuchhusten)-Impfung im Erwachsenenalter bzw. eine aktuelle Pertussisimpfindikation bei der Auswahl des Kombinationsimpfstoffs berücksichtigen [LL5].
  • Passive Immunisierung: TIG bei entsprechender Indikation im Allgemeinen mit 250 IE i. m. verabreichen, simultan zur aktiven Impfung, jedoch an einer anderen Körperstelle. Bei bestimmten Hochrisikowunden kann die Dosis auf 500 IE erhöht werden, beispielsweise bei Gewebsnekrosen, tiefen kontaminierten Wunden mit verminderter Sauerstoffversorgung oder infizierten Wunden, deren chirurgische Behandlung nicht innerhalb von 24 Stunden gewährleistet ist [LL5].
  • Weitere Versorgung: Eine erforderliche Immunprophylaxe ergänzt die Wundversorgung. Aus der chronischen Wunddauer allein ergibt sich keine Indikation für wiederholte Impfungen oder wiederholte TIG-Gaben [LL5].

Wirkstoffe (Hauptindikationen)

Die Dosierungen gelten für Erwachsene. Organfunktion, Begleiterkrankungen, Wechselwirkungen und Produktinformation berücksichtigen. Keine der folgenden Substanzen ist eine allgemeine medikamentöse Wundheilungstherapie.

Lokale Antiseptika

Wirkstoff Besonderheiten
Polihexanid/Polyhexanid (PHMB) Option bei lokaler Wundinfektion, insbesondere beim venösen Ulkus. Arzneimittel und Medizinprodukte mit unterschiedlichen Zweckbestimmungen unterscheiden [LL1, LL2].
Octenidindihydrochlorid/Phenoxyethanol Oberflächliche, zeitlich begrenzte Anwendung. Nicht mittels Spritze in die Tiefe des Gewebes einbringen [FI1].
  • Wirkweise: Lokale Schädigung mikrobieller Zellstrukturen.
  • Indikation: Klinisch lokal infizierte Wunde im Rahmen geeigneter Wundversorgung; keine unbefristete Behandlung bloß kolonisierter Wunden. Ein gesicherter Vorteil hinsichtlich des vollständigen Wundverschlusses ist für die verschiedenen antiseptischen Lösungen nicht allgemein nachgewiesen [LL1, LL2].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit und produktspezifische Anwendungsverbote. Octenidin/Phenoxyethanol nicht in Bauchhöhle, Harnblase oder am Trommelfell anwenden; keine Injektion [FI1].
  • Nebenwirkungen: Brennen, Reizung und Kontaktallergie (allergische Hautreaktion nach Kontakt); bei unsachgemäßer Anwendung von Octenidin in tiefen Geweben schwere Gewebeschäden [FI1].

Systemische Antibiotika: penicillinasefeste Penicilline

Wirkstoff Besonderheiten
Flucloxacillin Empfindliche Staphylokokken und Streptokokken; keine MRSA-Abdeckung. Schwere Infektionen benötigen eine gesonderte intravenöse Behandlung [LL4, FI2].
  • Wirkweise: Bakterizide Hemmung der Zellwandsynthese.
  • Indikation: Klinisch relevante Haut- und Weichteilinfektion durch empfindliche Erreger; keine bloße Kolonisation [FI2].
  • Kontraindikationen: Relevante β-Lactam-Überempfindlichkeit und frühere Flucloxacillin-bedingte Leberfunktionsstörung oder Ikterus (Gelbsucht) [FI2].
  • Nebenwirkungen: Allergie bis zur Anaphylaxie (schwere allergische Allgemeinreaktion), gastrointestinale Beschwerden, antibiotikaassoziierte Kolitis (Darmentzündung im Zusammenhang mit einer Antibiotikabehandlung) und cholestatische Leberschädigung (Leberschädigung mit gestörtem Gallenabfluss). Zusammen mit Paracetamol insbesondere bei Sepsis, Niereninsuffizienz (eingeschränkter Nierenfunktion) oder Mangelernährung Risiko einer metabolischen Azidose (stoffwechselbedingten Übersäuerung) mit vergrößerter Anionenlücke [FI2].

Bei Allergie, polymikrobieller Infektion (Infektion durch mehrere Erregerarten) oder Resistenzverdacht ist eine andere, klinisch und mikrobiologisch begründete Antibiotikatherapie erforderlich. Oritavancin ist eine spezialisierte Option für ausgewählte akute bakterielle Haut- und Weichteilinfektionen durch grampositive Erreger; keine Standardtherapie chronischer Wunden. Bei Verdacht auf Osteomyelitis ist eine alternative Therapie erforderlich. Das frühere Orbactiv wird in der EU als Tenkasi geführt [FI3].

Nicht-opioide Analgetika

Wirkstoff Besonderheiten
Paracetamol Bei Körpergewicht unter 50 kg, chronischer Fehl-/Unterernährung, Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) oder chronischem Alkoholismus gemäß zitierter Fachinformation maximal 2.000 mg/Tag; Organfunktion berücksichtigen [FI4].
  • Wirkweise: Analgetisch und antipyretisch.
  • Indikation: Leichte bis mäßige Wundschmerzen [FI4].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit. Bei Leberfunktionsstörung ist besondere Vorsicht mit Anpassung von Dosis und Dosierungsintervall erforderlich [FI4].
  • Nebenwirkungen: Bei Überdosierung schwere Hepatotoxizität (Leberschädigung); selten schwere Überempfindlichkeitsreaktionen. Paracetamol aus mehreren Präparaten nicht unbemerkt addieren [FI4].

Nichtsteroidale Antirheumatika

Wirkstoff Besonderheiten
Ibuprofen Niedrigste wirksame Dosis für die kürzest mögliche Dauer. Bei Nierenerkrankung, Dehydratation, Herzinsuffizienz (Herzschwäche), Antikoagulation oder hohem gastrointestinalem Risiko häufig ungeeignet [FI5].
  • Wirkweise: Cyclooxygenasehemmung mit analgetischer und antiphlogistischer Wirkung.
  • Indikation: Kurzzeitige Behandlung leichter bis mäßiger, entzündlich mitbedingter Schmerzen bei geeigneten Patienten [FI5].
  • Kontraindikationen: Aktive oder wiederkehrende peptische Ulzera (Geschwüre in Magen oder Zwölffingerdarm) bzw. Blutungen, frühere NSAR-bedingte gastrointestinale Blutung, schwere Nieren-, Leber- oder Herzinsuffizienz, entsprechende Überempfindlichkeit und drittes Schwangerschaftstrimenon [FI5].
  • Nebenwirkungen: Gastrointestinale Ulzera und Blutungen, Nierenschädigung, Flüssigkeitsretention (Wassereinlagerung) und Überempfindlichkeitsreaktionen; keine Kombination verschiedener NSAR [FI5].

Opioid-Analgetika

Wirkstoff Besonderheiten
Morphin, unretardiert Starke, anderweitig nicht ausreichend kontrollierte Schmerzen. Bei Niereninsuffizienz Akkumulation aktiver Metaboliten; gegebenenfalls anderes Opioid wählen. Therapieziele und Beendigungsplan festlegen [FI6].
  • Wirkweise: Vorwiegend Agonismus an μ-Opioidrezeptoren.
  • Indikation: Starke Wund- oder interventionsbedingte Schmerzen nach Nutzen-Risiko-Abwägung [FI6].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit, Ileus (Darmverschluss) und akutes Abdomen (akuter, potenziell gefährlicher Krankheitszustand im Bauchraum); bei beeinträchtigter Atmung oder Bewusstseinsstörung besonders strenge Indikationsstellung und Überwachung [FI6].
  • Nebenwirkungen: Atemdepression (Abschwächung der Atmung), Sedierung, Übelkeit, Obstipation (Verstopfung), Harnverhalt, Toleranz und Abhängigkeit. Obstipationsprophylaxe vorsehen; sedierende Begleitmedikation erhöht das Atemdepressionsrisiko [FI6].

Wirkstoffe (Nebenindikationen)

Zusatztherapie beim Ulcus cruris venosum: Methylxanthinderivate

Wirkstoff Besonderheiten
Pentoxifyllin Optionale Zusatztherapie ausgewählter Patienten mit venösem Ulkus, insbesondere zusammen mit Kompression. In Deutschland für diese Indikation Off-Label-Use [1, FI7].
  • Wirkweise: Hämorheologische Effekte mit Verbesserung der Erythrozytenverformbarkeit und Verminderung der Blutviskosität.
  • Indikation: Zusatztherapie eines venösen Ulkus; kein Ersatz für Kompression oder kausale Behandlung [1].
  • Kontraindikationen: Akuter Myokardinfarkt (Herzinfarkt), klinisch relevante Blutung einschließlich intrazerebraler (im Gehirn gelegener) oder retinaler (die Netzhaut betreffender) Blutung, hämorrhagische Diathese (erhöhte Blutungsneigung), Magen-/Darmulzera und Überempfindlichkeit [FI7].
  • Nebenwirkungen: Gastrointestinale Beschwerden, Schwindel, Blutdruckabfall, Herzrhythmusstörungen und Blutungen; Wechselwirkungen mit Antikoagulantien und blutzuckersenkenden Arzneimitteln beachten [FI7].

Keine pauschale Arzneimitteltherapie zur Ulkusheilung

  • Acetylsalicylsäure: Keine routinemäßige Verordnung allein zur Heilung eines venösen Ulkus; ein verlässlicher Nutzen ist nicht nachgewiesen. Eine eigenständige kardiovaskuläre Indikation gesondert beurteilen [2].
  • Weitere vasoaktive Arzneimittel: Iloprost, Alprostadil, Sulodexid, Diosmin/Hesperidin, Cumarin/Troxerutin und Rosskastanienextrakt nicht pauschal für chronische Wunden empfehlen. Ein möglicher Einsatz setzt eine konkrete Indikation und substanzspezifische Evidenz voraus; eine Wirkung auf Ödeme (Schwellungen durch Flüssigkeitseinlagerungen) beweist keine allgemeine Wundheilungswirkung [LL1, LL2].

Nichttuberkulöse Mykobakterien

Nichttuberkulöse Mykobakterien (NTM; früher MOTT) können bei atypischem Verlauf, Knoten, Abszessen oder Fisteln (krankhaften Verbindungsgängen) schlecht heilende Wunden verursachen. Geeignetes Material vom Infektionsort, möglichst Gewebe, für Mykobakterienkultur und ergänzende Untersuchungen gewinnen; das Labor über den Verdacht informieren. Blutkulturen bei vermuteter disseminierter Infektion (im Körper ausgebreiteter Infektion) ersetzen die lokale Probengewinnung nicht [B1].

Keine pauschale empirische Clarithromycin-Monotherapie. Spezialärztliche Behandlung nach Spezies, Resistenzprüfung, Lokalisation und Ausdehnung, häufig mit mehreren Antibiotika und gegebenenfalls chirurgischer Sanierung. Keine einheitliche Therapiedauer von 3-4 Monaten für sämtliche NTM-Wundinfektionen [B1].

Beachte

  • Notfallzeichen: Rasche Ausbreitung, unverhältnismäßig starke Schmerzen, Nekrosen, Krepitation (Knistern durch Gas im Gewebe), Kreislaufstörung oder Bewusstseinsveränderung erfordern sofortige Abklärung einer tiefen bzw. nekrotisierenden Infektion (Infektion mit Gewebezerstörung) oder Sepsis [LL3, LL4].
  • Wundreinigung: Sterile, wirkstofffreie Kochsalz- oder Ringerlösung sind geeignete Optionen. Kein generelles Verbot von Leitungswasser wegen Zytotoxizität (zellschädigender Wirkung); sein Einsatz erfordert eine hygienische Risikobeurteilung, gegebenenfalls mit sachgerecht eingesetzten Sterilfiltern [LL1].
  • Ungeeignete Routinetherapien: Keine routinemäßigen lokalen Antibiotika, keine nichtmedizinischen Lebensmittel oder Rohstoffe und keine unkritische Anwendung von Wasserstoffperoxid, Ethacridinlactat oder Farbstoffen. Enzymatische Debridementverfahren nicht pauschal als ungeeignet einstufen, sondern indikationsbezogen prüfen [LL1].

Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)

Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für die Gesundheit von Haut, Haaren und Nägeln sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:

  • Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
  • Mineralstoffe (Magnesium)
  • Spurenelemente (Eisen, Kupfer, Mangan, Molybdän, Selen, Zink)
  • Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA); Omega-6-Fettsäure: Gamma-Linolensäure (GLA))
  • Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Lycopin, Grüntee-Polyphenole, Traubenkern- und Oliven-Polyphenole)
  • Weitere Vitalstoffe (Coenzym Q10 (CoQ10), Hirse-Extrakt und Kieselerde)

Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.

Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.

Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.

Abkürzungen

  • CRP: C-reaktives Protein.
  • MRSA: Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus.
  • STIKO: Ständige Impfkommission.
  • TIG: Tetanus-Immunglobulin.
  • IE: internationale Einheiten.
  • i. m.: intramuskulär.
  • PHMB: Polyhexamethylenbiguanid.
  • NSAR: nichtsteroidale Antirheumatika.
  • NTM: nichttuberkulöse Mykobakterien.
  • MOTT: Mycobacteria other than tuberculosis.
  • EPA: Eicosapentaensäure.
  • DHA: Docosahexaensäure.
  • GLA: Gamma-Linolensäure.
  • CoQ10: Coenzym Q10.

Literatur

  1. Jull AB, Arroll B, Parag V, Waters J: Pentoxifylline for treating venous leg ulcers. Cochrane Database Syst Rev. 2012;12:CD001733. doi:10.1002/14651858.CD001733.pub3.
  2. Jull A et al.: Low dose aspirin as adjuvant treatment for venous leg ulceration: pragmatic, randomised, double blind, placebo controlled trial (Aspirin4VLU). BMJ. 2017;359:j5157. doi:10.1136/bmj.j5157.
  3. Dissemond J et al.: Systematics, diagnosis and treatment of wound infections in chronic wounds: A position paper from WundDACH. J Dtsch Dermatol Ges. 2025;23(5):565-574. doi:10.1111/ddg.15649.

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. S3-Leitlinie: Lokaltherapie schwerheilender und/oder chronischer Wunden aufgrund von peripherer arterieller Verschlusskrankheit, Diabetes mellitus oder chronischer venöser Insuffizienz. (AWMF-Registernummer: 091-001), Oktober 2023, Version 2.2. Langfassung [LL1]
  2. S2k-Leitlinie: Diagnostik und Therapie des Ulcus cruris venosum. (AWMF-Registernummer: 037-009), Januar 2024, Version 4.1. Langfassung [LL2]
  3. Senneville É et al.: IWGDF/IDSA Guidelines on the Diagnosis and Treatment of Diabetes-related Foot Infections (IWGDF/IDSA 2023). Clin Infect Dis. 2023:ciad527. doi:10.1093/cid/ciad527. Volltext [LL3]
  4. National Institute for Health and Care Excellence: Leg ulcer infection: antimicrobial prescribing. NICE guideline NG152, Februar 2020. Empfehlungen [LL4]
  5. Ständige Impfkommission: Empfehlungen der Ständigen Impfkommission beim Robert Koch-Institut 2026. Epidemiologisches Bulletin. 2026;4. Abschnitt 5.4 und Tabelle 9: Tetanus-Immunprophylaxe im Verletzungsfall, 22. Januar 2026. Volltext [LL5]

Behördeninformationen

  1. Centers for Disease Control and Prevention: Clinical Overview of Nontuberculous Mycobacteria. Abruf: 14. Oktober 2026 [B1]
  2. Robert Koch-Institut: RKI-Ratgeber Tetanus. Hinweise zur Prävention bei Ulcus cruris, Diabetes und Durchblutungsstörungen; für die konkrete Immunprophylaxe gelten die STIKO-Empfehlungen 2026. Abruf: 14. Oktober 2026 [B2]

Produktinformationen

  1. Schülke & Mayr GmbH: octenisept, Lösung; Stand April 2026. Fachinformation [FI1]
  2. Altamedics GmbH: Flucloxacillin Altamedics 500 mg Hartkapseln; Stand Mai 2023. Fachinformation [FI2]
  3. Europäische Arzneimittel-Agentur: Tenkasi, Oritavancin, Pulver für ein Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung; aktuell bereitgestellte EU-Produktinformation, Abruf 14. Oktober 2026. Produktinformation [FI3]
  4. Berlin-Chemie AG: Paracetamol BC 500 mg Tabletten; Stand Januar 2025. Fachinformation [FI4]
  5. Berlin-Chemie AG: EUDORLIN Extra Ibuprofen-Schmerztabletten, 400 mg Filmtabletten; Stand Januar 2025. Fachinformation [FI5]
  6. L. Molteni & C. dei F.lli Alitti Società di Esercizio S.p.A.: Oramorph 20 mg/ml Lösung; Stand September 2025. Fachinformation [FI6]
  7. ratiopharm GmbH: Pentoxifyllin-ratiopharm, 400/600 mg Retardtabletten; Stand Mai 2026. Fachinformation [FI7]