Chronische Wunden – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch chronische Wunden (dauerhaft bestehende Wunden) mitbedingt sein können:

Haut und Unterhaut (L00-L99)

  • Ekzematisierung der Wundumgebung (entzündliche Hautveränderung der Umgebung der Wunde) – irritative oder kontaktallergische Dermatitis (Hautentzündung) durch Exsudat (Wundflüssigkeit), Wundauflagen, Klebstoffe oder topische Therapeutika; klinisch relevant durch Pruritus (Juckreiz), Erythem (Hautrötung), Mazeration (Aufweichung der Haut) und zusätzliche Wundrandlabilität [LL1, LL2]
  • Hypodermitis (Entzündung der Unterhaut) – entzündliche Beteiligung der Subkutis (Unterhaut) im Wundumfeld, insbesondere bei venöser Stauung, chronischer Inflammation (Entzündung) und persistierendem Ödem (Gewebeschwellung); abzugrenzen von Erysipel (Wundrose), Cellulitis (bakterielle Weichteilinfektion) und nekrotisierender Weichteilinfektion (schwerer gewebezerstörender Weichteilinfektion) [LL1, LL2]
  • Mazeration der Wundumgebung – Aufweichung der periwundalen Haut (Haut um die Wunde) durch chronisches Exsudat mit Barrierestörung, Schmerzen, erhöhter Vulnerabilität (Verletzlichkeit) und erhöhtem Infektionsrisiko [LL1]
  • Rezidivierendes Ulcus cruris (wiederkehrendes offenes Bein) – Wiederauftreten eines Beinulkus (Beingeschwür) nach Abheilung, insbesondere bei persistierender chronischer venöser Insuffizienz (dauerhaft bestehender Venenschwäche), peripherer arterieller Verschlusskrankheit (Durchblutungsstörung der Beine), Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), eingeschränktem Kompressionsmanagement oder unzureichender Kausaltherapie [1, 2, LL1, LL2]
  • Rezidivierende Wunden (wiederkehrende Wunden), nicht näher bezeichnet – erneute Wundentstehung bei fortbestehenden lokalen oder systemischen Risikofaktoren, z. B. Druckbelastung, Ischämie (Minderdurchblutung), Neuropathie (Nervenschädigung), Ödem, venöser Hypertension (erhöhtem Venendruck) oder Malnutrition (Mangelernährung) [1-3, LL1, LL3]
  • Wundrandhyperkeratose (Hornhautverdickung am Wundrand) und Wundrandunterminierung (Unterhöhlung des Wundrandes) – chronische mechanische Belastungs- und Entzündungsfolge mit erschwerter Epithelisierung (Hautneubildung) und verzögerter Wundheilung [LL1]

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Bakteriämie (Bakterien im Blut) und Sepsis (Blutvergiftung) – systemische Ausbreitung einer Wundinfektion, insbesondere bei tiefen Weichteilinfektionen, diabetischem Fußulkus (diabetischem Fußgeschwür), Ischämie, Immunsuppression (Unterdrückung der Abwehrkräfte) oder verzögerter Sanierung; potenziell lebensbedrohlich [LL3]
  • Erysipel – akute bakterielle Infektion der Haut und Lymphspalten ausgehend von einer chronischen Wunde als Eintrittspforte; klinisch relevant durch scharf begrenzte Rötung, Überwärmung, Schmerz, Schwellung und systemische Entzündungszeichen [LL1, LL3]
  • Infektion der Wunde (Wundinfektion) – klinisch manifeste mikrobielle Invasion (Eindringen von Keimen) mit lokaler Entzündung, Schmerzen, Exsudatzunahme, Geruch, verzögerter Heilung und gegebenenfalls systemischen Zeichen; eine bloße Kolonisation (Besiedlung mit Keimen) ist davon abzugrenzen [LL1, LL3]
  • Nekrotisierende Weichteilinfektion – seltene, aber hochakute Komplikation einer infizierten chronischen Wunde mit rascher Gewebedestruktion (Gewebezerstörung), schwerer systemischer Toxizität (Vergiftung des Körpers) und dringlicher chirurgischer Interventionspflicht [LL3]

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Bewegungseinschränkung und Kontrakturen (Gelenkversteifungen) – Folge von chronischem Schmerz, Immobilisation (Ruhigstellung), Schonhaltung, Verbandstechnik, Druckulzera (Druckgeschwüren) in Gelenknähe oder langdauernder Entlastung; relevant durch Funktionsverlust und erhöhtes Rezidivrisiko (Wiederauftretensrisiko) [2, LL1]
  • Gelenkbeteiligung bei tiefer Infektion – mögliche Ausbreitung einer Wundinfektion auf gelenknahe Strukturen mit Risiko für septische Arthritis (eitrige Gelenkentzündung), insbesondere bei tiefen Fuß-, Fersen- oder Druckulzera [LL3]
  • Muskelatrophie (Muskelschwund) und Dekonditionierung (Verlust der körperlichen Leistungsfähigkeit) – sekundär durch chronischen Schmerz, Immobilität (eingeschränkte Beweglichkeit), Entlastung, Hospitalisation (Krankenhausaufenthalt) und reduzierte Alltagsaktivität; relevant für Sturzrisiko, Pflegebedürftigkeit und verzögerte Rehabilitation [2, 3]
  • Osteomyelitis (Knochenentzündung) – Knocheninfektion bei tief reichender chronischer Wunde, besonders relevant beim diabetischen Fußulkus, Druckulkus und bei freiliegendem Knochen; diagnostisch bedeutsam sind klinischer Befund, Sonde-bis-Knochen-Test, Röntgen, Entzündungsparameter und Magnetresonanztomographie (Kernspintomographie) [LL3]

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Maligne Transformation (bösartige Umwandlung) im Bereich persistierender Wunden – insbesondere Marjolin-Ulkus (bösartiger Tumor in einer chronischen Wunde), meist als Plattenepithelkarzinom (Hautkrebs aus Deckzellen) in chronischen Ulzera (Geschwüren), Narben oder dauerhaft entzündetem Gewebe; Warnzeichen sind exophytisches Wachstum (nach außen wachsendes Gewebe), Blutung, zunehmender Schmerz, Geruch, Wundrandveränderung, Therapieresistenz und rasche Größenzunahme [4]

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Angststörungen und depressive Symptome (Niedergeschlagenheitssymptome) – begünstigt durch chronischen Schmerz, Geruch, Exsudat, soziale Einschränkung, Therapielast, Schlafstörung und Rezidiverleben; chronische Wunden sind mit einer deutlich reduzierten gesundheitsbezogenen Lebensqualität assoziiert [2, 3]
  • Chronischer Wundschmerz (dauerhafter Wundschmerz) – nozizeptiver (gewebeschmerzbedingter), neuropathischer (nervenschmerzbedingter) oder gemischter Schmerz durch Entzündung, Gewebeschädigung, Ischämie, Infektion, Verbandwechsel oder Neuropathie; klinisch relevant durch Schlafstörung, Immobilität und reduzierte Therapieadhärenz (Therapietreue) [2, LL1]
  • Schlafstörungen – häufig durch Schmerz, nächtliches Exsudatmanagement, Juckreiz, Geruch, Lagerungserfordernisse und psychische Belastung; relevant für Fatigue (Erschöpfung), Stimmungslage und Heilungsverlauf [2, 3]

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Exsudation – persistierende oder zunehmende Wundsekretion (Wundabsonderung) mit Risiko für Mazeration, Geruchsbildung, Hautbarrierestörung, Verbandleckage und soziale Einschränkung [LL1]
  • Fatigue und reduzierte körperliche Belastbarkeit – multifaktoriell durch chronische Entzündung, Schmerz, Schlafstörung, Immobilität, Anämie (Blutarmut), Infektion oder Komorbiditäten (Begleiterkrankungen); relevant für Alltagsfunktion und Rehabilitation [2, 3]
  • Foetor ex vulnere (Wundgeruch) – belastender Wundgeruch, häufig bei hoher Keimlast, Nekrosen (abgestorbenem Gewebe), Exsudatretention (Zurückhalten von Wundflüssigkeit) oder Tumorwunden; relevant durch soziale Isolation, Ekel, Scham und reduzierte Lebensqualität [2, LL1]
  • Mobilitätseinschränkung – Folge von Schmerz, Verbandvolumen, Entlastung, Wundlokalisation, Exsudat, Infektion oder Angst vor Wundverschlechterung; erhöht das Risiko für Dekonditionierung und Rezidive (Wiederauftreten) [2, 3, LL1]

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Amputationsnotwendigkeit (Notwendigkeit der Gliedmaßenentfernung) – schwerwiegende Folge tiefer Infektion, Osteomyelitis, Gangrän (Gewebsuntergang), kritischer Ischämie oder therapierefraktärer diabetischer Fußulzera; besonders relevant bei Kombination aus Infektion und peripherer arterieller Verschlusskrankheit [2, LL3]
  • Gewebsnekrose (Gewebeuntergang) und Gangrän – Folge von Ischämie, Infektion, Druck, inadäquater Entlastung oder Mischätiologie (gemischter Ursache); prognostisch ungünstig und häufig mit dringlichem chirurgischem oder gefäßmedizinischem Handlungsbedarf verbunden [LL1, LL3]

Weiteres

  • Erhöhte Versorgungs- und Therapielast – chronische Wunden verursachen wiederholte Arztkontakte, Verbandwechsel, Pflegebedarf, Hilfsmittelversorgung, Arbeitsunfähigkeit und erhebliche direkte sowie indirekte Kosten [2, 3]
  • Stark eingeschränkte Lebensqualität – bedingt durch Schmerz, Geruch, Exsudat, Mobilitätseinschränkung, Schlafstörung, soziale Isolation, Abhängigkeit von Versorgungspersonen und rezidivierende Behandlungszyklen [2, 3]
  • Wundheilungsstörungen – Persistenz (Fortbestehen) oder Progression (Fortschreiten) der Wunde durch fortbestehende Kausalfaktoren (Ursachenfaktoren) wie Druck, venöse Hypertension, Ischämie, Neuropathie, Infektion, Ödem, Rauchen, Malnutrition, Hyperglykämie (erhöhter Blutzucker) oder Immunsuppression [1-3, LL1]

Prognosefaktoren

  • Diabetes mellitus und Hyperglykämie – ungünstig durch Neuropathie, Mikro- und Makroangiopathie (Schädigung kleiner und großer Blutgefäße), Infektionsanfälligkeit und verzögerte Wundheilung [LL1, LL3]
  • Druckbelastung und fehlende Entlastung – relevant bei Druckulzera und diabetischen Fußulzera; inadäquate Druckentlastung begünstigt Persistenz, Infektion und Rezidiv [LL1, LL3]
  • Durchblutungssituation – periphere arterielle Verschlusskrankheit, kritische Extremitätenischämie (kritische Minderdurchblutung der Gliedmaßen) und fehlende Revaskularisationsmöglichkeit (Möglichkeit zur Wiederherstellung der Durchblutung) verschlechtern Heilung und erhöhen Infektions- und Amputationsrisiko [LL1, LL3]
  • Ernährungsstatus – Malnutrition, Proteinmangel (Eiweißmangel) und Mikronährstoffdefizite können die Wundheilung beeinträchtigen, insbesondere bei alten, multimorbiden (mehrfach erkrankten) oder pflegebedürftigen Patienten [LL1]
  • Infektionstiefe – tiefe Weichteilinfektion, Abszess (Eiteransammlung), nekrotisierende Infektion oder Osteomyelitis verschlechtern die Prognose deutlich und erfordern rasche Diagnostik und interdisziplinäre Therapie [LL3]
  • Ödem und venöse Hypertension – persistierende Schwellung und unzureichende Kompressionstherapie erhöhen Persistenz- und Rezidivrisiko bei Ulcus cruris venosum [LL2]
  • Rauchen – ungünstig durch Vasokonstriktion (Gefäßverengung), reduzierte Gewebeoxygenierung (Sauerstoffversorgung des Gewebes), endotheliale Dysfunktion (Funktionsstörung der Gefäßinnenwand) und erhöhtes Risiko für arterielle Verschlussprozesse [LL1]
  • Therapieadhärenz und Versorgungsstruktur – regelmäßige Wundbeurteilung, Kausaltherapie, Kompression, Druckentlastung, Infektionskontrolle und interdisziplinäre Versorgung verbessern die Prognose [LL1-LL3]
  • Wundätiologie (Wundursache) – venöses Ulkus, arterielles Ulkus, diabetisches Fußulkus, Druckulkus, Mischulkus (gemischt verursachtes Geschwür) oder atypisches Ulkus bestimmen Heilungschance, Rezidivrisiko und notwendige Kausaltherapie [1, LL1-LL3]
  • Wunddauer und Wundgröße – lange bestehende, große oder progrediente Wunden sind prognostisch ungünstig und sollten auf unzureichende Kausaltherapie, Infektion, Ischämie oder atypische Ursachen überprüft werden [LL1]

Literatur

  1. Martinengo L, Olsson M, Bajpai R et al.: Prevalence of chronic wounds in the general population: systematic review and meta-analysis of observational studies. Ann Epidemiol. 2019;29:8-15. https://doi.org/10.1016/j.annepidem.2018.10.005
  2. Olsson M, Järbrink K, Divakar U et al.: The humanistic and economic burden of chronic wounds: A systematic review. Wound Repair Regen. 2019;27(1):114-125. https://doi.org/10.1111/wrr.12683
  3. Sen CK: Human Wounds and Its Burden: An Updated Compendium of Estimates. Adv Wound Care (New Rochelle). 2019;8(2):39-48. https://doi.org/10.1089/wound.2019.0946
  4. Bazaliński D, Przybek-Mita J, Barańska B, Więch P: Marjolin’s ulcer in chronic wounds – review of available literature. Contemp Oncol (Pozn). 2017;21(3):197-202. https://doi.org/10.5114/wo.2017.70109

Leitlinien

  1. S3-Leitlinie Lokaltherapie schwerheilender und/oder chronischer Wunden aufgrund von peripherer arterieller Verschlusskrankheit, Diabetes mellitus oder chronischer venöser Insuffizienz. (AWMF-Registernummer 091-001) September 2023. Langfassung
  2. S2k-Leitlinie: Diagnostik und Therapie des Ulcus cruris venosum. (AWMF-Registernummer 037-009), Januar 2024  Langfassung  
  3. Senneville É, Albalawi Z, van Asten SA et al.: IWGDF/IDSA Guidelines on the Diagnosis and Treatment of Diabetes-related Foot Infections. Clin Infect Dis. 2024;79(1):e1-e20. https://doi.org/10.1093/cid/ciad527