Rachenmandelvergrößerung (adenoide Hyperplasie) – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Linderung einer klinisch relevanten nasalen Obstruktion (Behinderung der Nasenatmung) und damit verbundener Beschwerden.
  • Vermeidung unnötiger Arzneimittelbehandlungen und Operationen bei beschwerdefreien Kindern.
  • Rechtzeitige Behandlung von Schlafatemstörungen und Mittelohrkomplikationen; eine erforderliche Adenotomie (operative Entfernung der Rachenmandel) darf durch medikamentöse Therapieversuche nicht verzögert werden [LL1].

Therapieempfehlungen

Beobachtendes Abwarten

Eine vergrößerte Rachenmandel allein begründet keine Arzneimitteltherapie. Bei fehlenden Beschwerden und Komplikationen ist beobachtendes Abwarten mit verlaufsabhängigen Kontrollen angemessen. Entscheidend sind Beschwerden und Funktionsbeeinträchtigungen, nicht allein die Größe der Rachenmandel [LL1].

Symptomatische Maßnahmen

  • Isotonische Kochsalzlösung kann bei begleitender Sekretansammlung (Ansammlung von Schleim) oder gereizter Nasenschleimhaut unterstützend eingesetzt werden. Eine zuverlässige Verkleinerung des adenoiden Gewebes ist dadurch nicht belegt [2, 3].
  • Abschwellende Nasenpräparate sind ausschließlich bei zusätzlicher akuter Schleimhautschwellung kurzzeitig zu erwägen: möglichst wenige Tage, bei den nachfolgend genannten Präparaten höchstens 7 Tage. Sie behandeln die Rachenmandelhyperplasie nicht und eignen sich nicht zur Dauerbehandlung oder zur Behandlung eines Paukenergusses (Flüssigkeitsansammlung im Mittelohr) [LL1, FI2, FI3].

Intranasale Glucocorticoide: begrenzter Stellenwert

  • Bei symptomatischer adenoider Hyperplasie kann nach HNO-ärztlicher Beurteilung ein zeitlich begrenzter Therapieversuch erwogen werden. Die Anwendung zur Behandlung der adenoiden Hyperplasie erfolgt off-label; hierfür besteht keine zugelassene Standarddosierung oder Standardtherapiedauer [LL1, FI1].
  • Die Metaanalyse von Chohan und Kollegen und eine neuere Metaanalyse berichten Verbesserungen von Beschwerden und Adenoidgröße. Unterschiedliche Behandlungsprotokolle und begrenzte Langzeitdaten erlauben jedoch keine pauschale Empfehlung und keine Zusicherung einer dauerhaften Operationsvermeidung [1, 4].
  • Die MIST-Studie und die MIST+-Studie zeigten bei Kindern mit schlafbezogenen Atemstörungen keinen zusätzlichen symptomatischen Nutzen von Mometason gegenüber Kochsalzlösung. Diese Studien untersuchten nicht ausschließlich Kinder mit gesicherter adenoider Hyperplasie; ihre Ergebnisse begrenzen dennoch die Begründung einer routinemäßigen Steroidtherapie allein wegen Schnarchens [2, 3].
  • Praktisch kann ein erster Kontrolltermin nach etwa 6 Wochen vereinbart werden. Vor Beginn werden Behandlungsziel, Off-Label-Anwendung und Abbruchkriterien besprochen. Ohne relevante Besserung keine unkritische Fortführung oder Dosissteigerung. Bei längerer Anwendung Wachstum und Nasenschleimhaut kontrollieren [2, 3, FI1].

Nicht zur Behandlung der Hyperplasie empfehlen

  • Systemische Glucocorticoide, Antibiotika und Antihistaminika sind keine Behandlung der adenoiden Hyperplasie [LL1].
  • Eine unabhängig bestehende bakterielle Infektion oder allergische Rhinitis (allergischer Schnupfen) wird nach eigener Indikation behandelt. Daraus ergibt sich keine Empfehlung zur antibiotischen oder antihistaminergen Verkleinerung der Rachenmandel [LL1].

Wirkstoffe (Hauptindikationen)

Eine zugelassene medikamentöse Standardtherapie zur Verkleinerung der Rachenmandel besteht nicht. Die folgende Option betrifft einen individuell begründeten Therapieversuch.

Intranasale Glucocorticoide

Wirkstoff Besonderheiten
Mometasonfuroat Off-Label-Anwendung bei adenoider Hyperplasie. NASONEX ist bei allergischer Rhinitis ab 3 Jahren zugelassen; diese Zulassung gilt nicht für die Rachenmandelhyperplasie. Unter 3 Jahren keine Routineanwendung [FI1].
  • Wirkweise: lokale Entzündungshemmung; eine Abnahme der Adenoidgröße ist möglich [1, 4].
  • Indikation: gegebenenfalls befristeter, ärztlich überwachter Therapieversuch bei symptomatischer adenoider Hyperplasie [LL1].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit, unbehandelte lokale Naseninfektion; nach Nasenoperation oder -verletzung bis zur Abheilung nicht anwenden [FI1].
  • Nebenwirkungen: Epistaxis (Nasenbluten), lokale Reizung; selten systemische Steroidwirkungen, insbesondere bei hoher Dosis und langer Anwendung [FI1].

Wirkstoffe (Nebenindikationen)

Kochsalzpräparate zur unterstützenden Nasenpflege

Wirkstoff Besonderheiten
Natriumchlorid, isotonisch Altersgerechte Tropfen oder Sprays; Nasenspülungen nur bei ausreichender Mitarbeit und nach Anleitung. Keine belegte gezielte Verkleinerung der Rachenmandel [2, 3].
  • Wirkweise: Befeuchtung und Unterstützung der Sekretentfernung.
  • Indikation: unterstützende Behandlung begleitender nasaler Beschwerden.
  • Kontraindikationen: produktbezogene Gegenanzeigen beachten; Spülung nicht erzwingen.
  • Nebenwirkungen: gelegentlich Brennen, Reizung oder Druckgefühl bei Spülungen.

Topische Sympathomimetika bei zusätzlicher akuter Rhinitis

Die Altersgrenzen sind präparatespezifisch. Eine pauschale Kontraindikation von Xylometazolin unter einem Jahr ist nicht korrekt. Die nachfolgenden Beispiele gelten ausschließlich für die genannten Produkte; Konzentrationen und Dosierhilfen sind nicht beliebig austauschbar [FI2, FI3].

Wirkstoff / Präparat Besonderheiten
Xylometazolin 0,025 %; Otriven gegen Schnupfen Nasentropfen Für Säuglinge und Kleinkinder unter 2 Jahren. Unter 1 Jahr nur auf ärztlichen Rat; bei Frühgeborenen und untergewichtigen Säuglingen nur nach ärztlicher Dosierungsanordnung [FI2].
Xylometazolin 0,05 %; Otriven Dosierspray ohne Konservierungsstoffe Für Kinder von 2-12 Jahren; unter 2 Jahren kontraindiziert. Anwendung unter Aufsicht Erwachsener [FI3].
  • Wirkweise: Vasokonstriktion (Verengung der Blutgefäße) der Nasenschleimhaut; keine Behandlung des vergrößerten lymphatischen Gewebes (Abwehrgewebes).
  • Indikation: kurzfristige Linderung einer zusätzlich bestehenden akuten Schleimhautschwellung.
  • Kontraindikationen: unter anderem präparatespezifische Altersunterschreitung, Rhinitis sicca (Entzündung mit trockener Nasenschleimhaut) und Eingriffe mit Freilegung der Dura (harten Hirnhaut); weitere Gegenanzeigen und Wechselwirkungen gemäß Fachinformation [FI2, FI3].
  • Nebenwirkungen: Schleimhautreizung und Rebound-Schwellung (erneute verstärkte Schwellung nach Nachlassen der Wirkung) bis zur Rhinitis medicamentosa (durch übermäßigen Gebrauch abschwellender Nasenmittel verursachter Schnupfen) bei Übergebrauch; Überdosierungen können insbesondere bei kleinen Kindern schwere Kreislauf- und zentrale Atemstörungen verursachen [FI2, FI3].

Beachte

Bei beobachteten Atempausen, ausgeprägten Schlafstörungen, Hörminderung, anhaltendem Paukenerguss oder Entwicklungsbeeinträchtigung ist eine zeitnahe HNO-ärztliche Abklärung erforderlich. Bei entsprechender Operationsindikation ersetzt eine medikamentöse Behandlung die Adenotomie nicht [LL1].

Abkürzungsverzeichnis

  • HNO: Hals-Nasen-Ohren
  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • LL: Leitlinie
  • FI: Fachinformation

Literatur

  1. Chohan A, Lal A, Chohan K et al.: Systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials on the role of mometasone in adenoid hypertrophy in children. Int J Pediatr Otorhinolaryngol 2015;79(10):1599-1608. doi: 10.1016/j.ijporl.2015.07.009.
  2. Baker A, Grobler A, Davies K et al.: Effectiveness of Intranasal Mometasone Furoate vs Saline for Sleep-Disordered Breathing in Children: A Randomized Clinical Trial. JAMA Pediatr 2023;177(3):240-247. doi: 10.1001/jamapediatrics.2022.5258.
  3. Nixon GM, Anderson D, Baker A et al.: Intranasal Treatments for Children With Sleep-Disordered Breathing: The MIST+ Randomized Clinical Trial. JAMA Pediatr 2026;180(3):240-249. doi: 10.1001/jamapediatrics.2025.5717.
  4. Ripp AT, Kallenberger EM, Nguyen SA et al.: Topical nasal steroids for adenoid hypertrophy in children: A systematic review and meta-analysis. Int J Pediatr Otorhinolaryngol 2025;198:112580. doi: 10.1016/j.ijporl.2025.112580.

Leitlinien

  1. S2k-Leitlinie: Adenoide Vegetationen. (AWMF-Registernummer: 017 - 021), November 2022, Version 4.1, gültig bis 31.10.2027. Langfassung [LL1]

Fachinformationen

  1. Organon Healthcare GmbH: NASONEX 50 µg/Sprühstoß Nasenspray, Suspension. Stand März 2024. Fachinformation [FI1]
  2. Haleon Germany GmbH: Otriven gegen Schnupfen 0,025 % Nasentropfen. Stand Mai 2025. Fachinformation [FI2]
  3. Haleon Germany GmbH: Otriven 0,05 % Dosierspray ohne Konservierungsstoffe. Stand Juni 2026. Fachinformation [FI3]