Kehldeckelentzündung (Epiglottitis) – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Sicherung des Atemwegs und der Oxygenierung; Verhinderung von Asphyxie (Ersticken durch Sauerstoffmangel) und hypoxischer Organschädigung (Organschaden durch Sauerstoffmangel).
- Frühzeitige Behandlung der bakteriellen Infektion einschließlich einer möglichen Bakteriämie (Bakterien im Blut) oder Sepsis (lebensbedrohliche Organschädigung durch eine fehlgesteuerte Reaktion auf eine Infektion); Vermeidung lokaler Komplikationen.
- Rückbildung von Ödem (Gewebeschwellung), Schmerzen und Schluckstörung sowie Wiederherstellung einer sicheren Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme.
- Bei invasiver Erkrankung (Infektion normalerweise keimfreier Körperbereiche) durch Haemophilus influenzae Typ b (Hib): Unterbrechung der Übertragung durch Kontaktmaßnahmen und gegebenenfalls Postexpositionsprophylaxe [1, LL1, LL2, LL3, LL4].
Therapieempfehlungen
Atemwegssicherung hat Vorrang. Die vermutete Epiglottitis (Kehldeckelentzündung) ist ein stationär zu behandelnder Notfall. Unverzüglich HNO und Anästhesiologie hinzuziehen; bei Kindern ein erfahrenes pädiatrisches Atemwegsteam einbinden. Spontanatmung und die selbst gewählte, meist aufrechte Position erhalten. Gewaltsame Racheninspektion, erzwungene Rückenlage und unkontrollierte Sedierung können eine vollständige Obstruktion (Verschluss oder starke Verengung) auslösen. Medikamente ersetzen keine erforderliche Atemwegssicherung [1, LL1, LL2].
Eine SpO2 über 92 % schließt eine kritische Verengung nicht aus; Hypoxämie (Sauerstoffmangel im Blut) ist häufig ein spätes Zeichen. Bei Erwachsenen ist ein selektives konservatives Vorgehen nur unter ununterbrochener intensivmedizinischer Überwachung mit unmittelbarer Intubationsbereitschaft und Möglichkeit eines chirurgischen Atemwegszugangs vertretbar. Bei Kindern besteht eine niedrigere Schwelle zur kontrollierten Atemwegssicherung durch ein erfahrenes Team. Sauerstoff nach klinischem Bedarf und unter Vermeidung zusätzlicher Unruhe verabreichen. CPAP oder NIV sind kein Ersatz für die Sicherung eines bedrohten oberen Atemwegs [1, LL2].
Bei bedrohtem Atemweg dürfen CT, Blutentnahme, venöser Zugang oder Medikamentengabe die Sicherung nicht verzögern. Blutkulturen möglichst vor Antibiotikabeginn gewinnen, sofern ohne relevante Verzögerung möglich. Ein supraglottischer Abstrich erfolgt erst bei gesichertem Atemweg beziehungsweise unter entsprechend kontrollierten Bedingungen [1, LL1, LL2].
Antibiotikakonzept. Frühzeitig intravenös behandeln. Ceftriaxon oder Cefotaxim sind geeignete empirische Optionen gegen die üblichen Erreger einschließlich Hib; die deutsche S2k-Leitlinie empfiehlt Cephalosporine der Gruppe 3a insbesondere bei schwerer Infektion mit wahrscheinlicher Hib-Beteiligung. Auswahl und Dosierung richten sich zusätzlich nach Alter, Resistenzlage und invasiven Begleiterkrankungen. Bei unkompliziertem Verlauf beträgt die Gesamtdauer meist 7-10 Tage; die norwegische Erwachsenenleitlinie nennt 7 Tage, der pädiatrische Akutleitfaden 7-10 Tage. Meningitis (Hirnhautentzündung), persistierende Bakteriämie oder Abszess (abgekapselte Eiteransammlung) erfordern ein angepasstes Schema [LL1, LL2, LL6].
Ampicillin/Sulbactam ist nur bei geeigneter lokaler Empfindlichkeitslage beziehungsweise dokumentiert empfindlichem Erreger und ohne Meningitisverdacht eine Alternative. Es ist kein universelles empirisches Erstmittel bei invasivem Hib: Neben Betalaktamasen sind veränderte Penicillin-bindende Proteine, insbesondere PBP3 bei BLNAR-Stämmen, zu berücksichtigen. Ein Betalaktamasehemmer überwindet diese Resistenz nicht zuverlässig [LL4, FI2].
Keine routinemäßige MRSA- oder Pseudomonas-Abdeckung. Vancomycin ergänzen, wenn Anamnese, lokale Epidemiologie, mikrobiologischer Hinweis oder schwere Sepsis einen relevanten MRSA-Verdacht begründen. Bekannte Pseudomonas-Kolonisation, ausgeprägte Immunsuppression (Unterdrückung der körpereigenen Abwehr) beziehungsweise Neutropenie (Mangel an bestimmten weißen Blutkörperchen) oder ein nosokomialer Kontext (Zusammenhang mit einer im Krankenhaus erworbenen Infektion) können den Ersatz des Standard-Betalaktams durch Piperacillin/Tazobactam rechtfertigen. Erweiterungen nach Befundlage zurücknehmen [4, LL1].
Allergie differenzieren. Unverträglichkeit und benignes Exanthem (Hautausschlag) sind anders zu bewerten als Anaphylaxie (schwere allergische Sofortreaktion) oder schwere kutane Arzneimittelreaktionen (schwere Hautreaktionen auf Medikamente) (SCAR). Ein unspezifisches Penicillinallergielabel schließt Ceftriaxon nicht pauschal aus. Bei tatsächlicher schwerer Betalaktamallergie nennt die norwegische Erwachsenenleitlinie Ciprofloxacin plus Vancomycin. Bei Kindern und nach SCAR ist ein individuelles infektiologisch-allergologisches Regime erforderlich. Levofloxacin oder Moxifloxacin sind wegen möglicher Erreger- und Resistenzlücken keine pauschalen Monotherapiealternativen [LL1].
Verlauf und Begleitbehandlung. Nach Erregernachweis deeskalieren. Bei Stabilität und sicherer Schluckfähigkeit ist eine orale Sequenztherapie, beispielsweise Amoxicillin/Clavulansäure bei nachgewiesener Empfindlichkeit, möglich. Flüssigkeit, Analgesie und Fiebersenkung bedarfsgerecht unter Berücksichtigung von Atemweg und Schluckfähigkeit. Bei vermutetem Hib Tröpfchenschutz bis 24 Stunden nach Beginn wirksamer Antibiotika und gesundheitsamtliche Koordination veranlassen [LL1, LL2, LL4].
Wirkstoffe (Hauptindikationen)
Die Erwachsenendosen gelten bei normaler Organfunktion. Pädiatrische Angaben beziehen sich auf Kinder ab einem Lebensmonat; Neonaten (Neugeborene) sind ausgenommen. Bei Meningitis, komplizierter invasiver Infektion oder Organinsuffizienz (eingeschränkte Organfunktion) gelten gesonderte Schemata. Zulassung und Anwendungshinweise des gewählten Präparats beachten; eine leitliniengestützte Anwendung kann im Einzelfall außerhalb der zugelassenen Indikationen liegen.
Cephalosporine der dritten Generation
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Ceftriaxon | Empirische Standardoption. Bei Meningitis oder komplizierter Bakteriämie krankheitsspezifisches Schema beachten. Isolierte Niereninsuffizienz (eingeschränkte Nierenfunktion) bei normaler Leberfunktion erfordert meist keine Reduktion; bei Kreatinin-Clearance unter 10 ml/min maximal 2 g/Tag. Kombinierte schwere Leber- und Nierenfunktionsstörung besonders überwachen [LL4, LL6, FI1]. |
| Cefotaxim | Pädiatrische Tagesdosis nach deutscher S2k-Leitlinie. Bei besonders schwerem Verlauf individuelles intensivmedizinisches Dosierungsschema; bei erheblicher Niereninsuffizienz anpassen [LL1, LL6]. |
- Wirkweise: Bakterizide Hemmung der Zellwandsynthese durch Bindung an Penicillin-bindende Proteine.
- Indikation: Empirische parenterale beziehungsweise gezielte Behandlung der bakteriellen Epiglottitis.
- Kontraindikationen: Präparatüberempfindlichkeit und relevante schwere Betalaktamreaktionen nach differenzierter Bewertung. Ceftriaxon hat besondere neonatale Gegenanzeigen bei Hyperbilirubinämie beziehungsweise notwendiger intravenöser Calciumgabe.
- Nebenwirkungen: Allergische Reaktionen, Diarrhö (Durchfall) einschließlich Clostridioides-difficile-Kolitis (Dickdarmentzündung), Blutbild- und Leberwertveränderungen; Ceftriaxon zusätzlich biliäre Präzipitate (Ablagerungen in den Gallenwegen). Neurotoxizität (Schädigung des Nervensystems) bei Kumulation beachten.
Aminopenicillin mit Betalaktamasehemmer
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Ampicillin/Sulbactam | Nur bei passender Empfindlichkeit und ohne Meningitisverdacht. Pädiatrische Auswahl und Dosierung fachärztlich; bei Niereninsuffizienz Intervall anpassen [FI2]. |
- Wirkweise: Zellwandsynthesehemmung mit Inaktivierung bestimmter Betalaktamasen; keine zuverlässige Überwindung PBP-vermittelter Resistenz.
- Indikation: Gezielte beziehungsweise lokal abgesicherte Alternative; kein allgemeines empirisches Erstmittel bei invasivem Hib.
- Kontraindikationen: Relevante Penicillinüberempfindlichkeit beziehungsweise schwere Betalaktamreaktion gemäß Fachinformation.
- Nebenwirkungen: Exanthem, Anaphylaxie, gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden), Kolitis sowie Leberwert- und Blutbildveränderungen.
Antipseudomonales Penicillin mit Betalaktamasehemmer
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Piperacillin/Tazobactam | Bei entsprechender Risikokonstellation anstelle des Standard-Betalaktams. Infusionsstrategie nach lokaler SOP; Nierendosisanpassung. Keine verlässliche MRSA-Abdeckung [FI3]. |
- Wirkweise: Zellwandsynthesehemmung mit Schutz vor bestimmten Betalaktamasen.
- Indikation: Begründetes Pseudomonas-Risiko bei ausgeprägter Immunsuppression, Neutropenie, Kolonisation oder nosokomialer Infektion.
- Kontraindikationen: Relevante schwere Penicillin- beziehungsweise Betalaktamüberempfindlichkeit.
- Nebenwirkungen: Allergien, Diarrhö, Kolitis, Zytopenien (Mangel an Blutzellen), Elektrolyt- und Nierenfunktionsstörungen; Natriumlast beachten.
Glykopeptidantibiotikum
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Vancomycin | Bei schwerer invasiver MRSA-Infektion AUC24/MIC-Ziel 400-600 bei angenommener MIC von 1 mg/l. Kontrollierte Infusion; kein starres Erhaltungsschema und keine Routineergänzung bei jeder Epiglottitis [LL5, FI4]. |
- Wirkweise: Hemmung der Zellwandsynthese grampositiver Bakterien.
- Indikation: Ergänzung bei begründetem MRSA-Verdacht oder -Nachweis; Bestandteil der genannten Allergiealternative.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; Niereninsuffizienz erfordert Anpassung und Überwachung, ist keine pauschale absolute Kontraindikation.
- Nebenwirkungen: Nephrotoxizität (Schädigung der Nieren), infusionsabhängige Reaktionen, Phlebitis (Venenentzündung), selten Ototoxizität (Schädigung des Gehörs) und Blutbildveränderungen.
Fluorchinolon bei schwerer Betalaktamallergie
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Ciprofloxacin | Alternative der norwegischen Erwachsenenleitlinie. Zulassungsstatus für Epiglottitis anhand des Präparats prüfen; gegebenenfalls Off-Label-Anwendung. Nierenfunktion und Interaktionen berücksichtigen [LL1, FI5]. |
- Wirkweise: Hemmung bakterieller Topoisomerasen.
- Indikation: Fachärztlich abgestimmte Kombination bei tatsächlicher schwerer Betalaktamallergie; keine routinemäßige Monotherapie.
- Kontraindikationen: Chinolonüberempfindlichkeit und gleichzeitiges Tizanidin; frühere schwere Chinolonnebenwirkungen beachten. In Schwangerschaft und bei Kindern keine Routineanwendung.
- Nebenwirkungen: Tendinitis (Sehnenentzündung), Sehnenruptur (Sehnenriss), Neuropathie (Schädigung von Nerven), neuropsychiatrische Reaktionen, Dysglykämie (entgleister Blutzucker) und mögliche QT-Verlängerung. Systemische Glukokortikoide erhöhen das Sehnenrisiko.
Wirkstoffe (ergänzende Behandlung)
Systemische Glukokortikoide
Randomisierte Wirksamkeitsbelege fehlen. In der Studie von Kimura und Mitarbeitern fand sich bei 3.757 Patienten mit Atemwegseingriff eine Assoziation systemischer Steroide mit geringerer 30-Tage-Krankenhaussterblichkeit. Eine weitere retrospektive Kohorte berichtete bei früher Steroidgabe ein geringeres Intubationsrisiko. Selektionsverzerrung und Confounding begrenzen kausale Schlussfolgerungen; daraus lassen sich weder ein Hochdosisregime noch eine Mindestdauer ableiten [2, 3].
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Dexamethason | Allenfalls Adjuvans bei erheblichem Ödem. Täglich, insbesondere nach 24-48 Stunden, Bedarf und Beendigung prüfen; keine automatische Mindestdauer. Kein evidenzbasiert standardisiertes pädiatrisches Epiglottitisschema; Pseudokruppschemata nicht ungeprüft übertragen [2, 3, 4]. |
- Wirkweise: Antiinflammatorisch und potenziell ödemreduzierend.
- Indikation: Individuell erwogenes kurzfristiges Adjuvans bei ausgeprägter Schwellung.
- Kontraindikationen: Präparatespezifische Gegenanzeigen beachten; Diabetes (Zuckerkrankheit), psychiatrische Vorerkrankungen und zusätzliche Infektionen in die Abwägung einbeziehen.
- Nebenwirkungen: Hyperglykämie (erhöhter Blutzucker), Delir (plötzlich auftretende Verwirrtheit und Bewusstseinsstörung) beziehungsweise psychische Veränderungen, Hypertonie (Bluthochdruck) und Maskierung einer Infektionsprogression [FI8].
Inhalatives Sympathomimetikum
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Adrenalin, inhalativ | Keine gesicherte Evidenz und kein Therapiestandard. Allenfalls kurzfristige Überbrückung bei Erwachsenen durch erfahrenes Team unter Monitoring und unmittelbarer Atemwegsbereitschaft. Bei Kindern keine Routine [4]. |
- Wirkweise: Lokale Vasokonstriktion (Verengung der Blutgefäße) kann die Schleimhautschwellung vorübergehend vermindern; kurze Wirkung.
- Indikation: Höchstens individuell begründete Überbrückung; keine Verzögerung der Atemwegssicherung. Von intramuskulärem Adrenalin bei Anaphylaxie unterscheiden.
- Kontraindikationen: Relevante Tachyarrhythmien (schnelle Herzrhythmusstörungen) und Myokardischämie (Minderdurchblutung des Herzmuskels) besonders berücksichtigen; keine Anwendung, wenn Unruhe, Abwehr oder Laryngospasmus (krampfartige Verengung des Kehlkopfs) ausgelöst werden könnten.
- Nebenwirkungen: Tachykardie (beschleunigter Herzschlag), Tachyarrhythmie, Blutdruckanstieg, Tremor (Zittern) und Myokardischämie; erneute Verschlechterung nach Wirkungsende möglich [FI9].
Hib-Postexpositionsprophylaxe
Indikation nach STIKO 2026. Die Chemoprophylaxe betrifft definierte enge Kontakte einer invasiven Hib-Erkrankung, nicht jede Epiglottitis und nicht generell nicht-b- oder nichttypisierbare Stämme. Enger Face-to-face-Kontakt beziehungsweise Kontakt mit Rachensekret und die konkrete Expositionssituation werden mit dem Gesundheitsamt bewertet [LL3, LL4].
- Ungeimpfte oder unvollständig geimpfte Kinder unter 5 Jahren mit entsprechend engem Kontakt in Gemeinschaftseinrichtungen.
- Alle entsprechend exponierten Personen mit erhöhtem invasivem Risiko, unter anderem bei Asplenie (fehlende oder nicht funktionsfähige Milz), chronischer Leber- oder Nierenerkrankung, Mangelernährung, Drogenkonsum oder Wohnungslosigkeit.
- Alle Haushaltsmitglieder, wenn ein ungeimpftes beziehungsweise unvollständig geimpftes Kind unter 5 Jahren oder eine Risikoperson im Haushalt lebt; haushaltsähnliche Wohneinrichtungen einbeziehen.
- In Ausbruchssituationen zusätzlich alle Kinder und Betreuungspersonen derselben Gruppe einer Gemeinschaftseinrichtung für Kinder unter 5 Jahren, wenn dort mindestens 2 Fälle innerhalb ungefähr 2 Monaten aufgetreten sind und in der Einrichtung nicht oder unvollständig geimpfte Kinder betreut werden.
- In Ausbruchssituationen zusätzlich enge Kontaktpersonen unabhängig von Alter und Impfstatus, die selbst engen und regelmäßigen Kontakt zu vulnerablen Personen haben [LL3].
PEP frühestmöglich, regulär spätestens 7 Tage nach Erkrankungsbeginn des Indexfalls. Bei Ausbrüchen kann sie für vulnerable Personen und deren enge, regelmäßige Kontaktpersonen bis Tag 28 sinnvoll sein. In der Schwangerschaft individuell nach Fachinformation abwägen; Rifampicin ist nicht pauschal absolut kontraindiziert. Ceftriaxon kann eine Alternative sein [LL3].
Antibiotika zur Eradikation bei Kontaktpersonen
| Wirkstoffgruppe und Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Rifamycin: Rifampicin | Mittel der ersten Wahl. Neonaten nur nach spezialisierter Absprache. Ausgeprägte Enzyminduktion und Interaktionen [LL3, FI6]. |
| Cephalosporin: Ceftriaxon | Aktuelles Hib-PEP-Schema; 250 mg als Einmalgabe entsprechen diesem Schema nicht [LL3]. |
| Fluorchinolon: Levofloxacin, Reserve | Reserve nach STIKO. Zulassungseinschränkungen beachten; insbesondere bei Kindern Anwendung außerhalb der Zulassung und entgegen der fachinformationellen Gegenanzeige im Wachstumsalter, daher nur spezialärztlich begründete Ausnahme nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung [LL3, FI7]. |
- Wirkweise: Rifampicin hemmt die RNA-Polymerase, Ceftriaxon die Zellwandsynthese und Levofloxacin bakterielle Topoisomerasen; Ziel ist die Hib-Eradikation.
- Indikation: Definierte enge Kontakte einer invasiven Hib-Erkrankung; kein Ersatz für die Impfung.
- Kontraindikationen: Präparatespezifische Gegenanzeigen prüfen; Rifampicin insbesondere bei schwerer Leberfunktionsstörung nicht einsetzen. Rifampicin interagiert besonders mit hormonellen Kontrazeptiva, Antikoagulanzien und Immunsuppressiva. Bei Levofloxacin unter anderem Schwangerschaft, Stillzeit, Wachstumsalter, Epilepsie (Anfallsleiden) und frühere Chinolon-Sehnenschädigung gemäß Fachinformation beachten; pädiatrische STIKO-Reserveanwendung gesondert begründen.
- Nebenwirkungen: Rifampicin: Hepatotoxizität (Schädigung der Leber), orange Sekrete und mögliche dauerhafte Kontaktlinsenverfärbung. Ceftriaxon: Allergien, gastrointestinale Reaktionen und biliäre Präzipitate. Levofloxacin: insbesondere Sehnen-, neurologische und neuropsychiatrische Schäden sowie QT-Verlängerung.
Ungeimpfte oder unvollständig geimpfte Kinder unter 5 Jahren nachimpfen. In Ausbruchssituationen ist bei exponierten Personen mit medizinisch begründetem erhöhtem Risiko zusätzlich eine einmalige Hib-Impfung empfohlen. Nach Behandlung des Indexfalls mit Ceftriaxon oder Cefotaxim ist üblicherweise keine zusätzliche Rifampicin-Eradikation erforderlich. Nach anderen Antibiotika Eradikationsbedarf vor Entlassung klären [LL3, LL4].
Red Flags (Warnzeichen bei Epiglottitis)
- Inspiratorischer Stridor (pfeifendes Atemgeräusch beim Einatmen), zunehmende Atemnot oder erhöhte Atemarbeit.
- Speichelfluss, Unfähigkeit zum Schlucken beziehungsweise zum Umgang mit Sekret, kloßige Stimme und ausgeprägte Odynophagie (Schmerzen beim Schlucken).
- Aufrechte Schonhaltung, Unfähigkeit flach zu liegen, Unruhe oder rasche Progression.
- Erschöpfung, Vigilanzminderung (verminderte Wachheit), Zyanose (bläuliche Verfärbung von Haut oder Lippen durch Sauerstoffmangel), Hypoxämie oder abnehmendes Atemgeräusch trotz Atemanstrengung.
- Sepsiszeichen, Kreislaufinstabilität oder Abszessverdacht: sofortige Eskalation, ohne Verzögerung des sicheren Atemwegs durch Diagnostik oder Arzneimittel [1, LL1, LL2].
Abkürzungsverzeichnis
- ASHP: American Society of Health-System Pharmacists.
- AUC24: Fläche unter der Konzentrations-Zeit-Kurve eines Arzneimittels über 24 Stunden.
- AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
- BLNAR: Betalaktamase-negative, Ampicillin-resistente Bakterienstämme.
- CPAP: Continuous Positive Airway Pressure; kontinuierlicher positiver Atemwegsdruck.
- CT: Computertomographie.
- DHA: Docosahexaensäure.
- EPA: Eicosapentaensäure.
- FI: Fachinformation.
- Hib: Haemophilus influenzae Typ b.
- HNO: Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde.
- IDSA: Infectious Diseases Society of America.
- LL: Leitlinie beziehungsweise Empfehlung.
- MIC: Minimum Inhibitory Concentration; minimale Hemmkonzentration.
- MRSA: Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus.
- NIV: nichtinvasive Beatmung.
- PBP/PBP3: Penicillin-bindende Proteine beziehungsweise Penicillin-bindendes Protein 3.
- PEP: Postexpositionsprophylaxe.
- PIDS: Pediatric Infectious Diseases Society.
- QT: Zeitabschnitt zwischen dem Beginn des QRS-Komplexes und dem Ende der T-Welle im Elektrokardiogramm.
- RKI: Robert Koch-Institut.
- RNA: Ribonukleinsäure.
- S2k: Leitlinie mit strukturierter Konsensfindung.
- SCAR: Severe Cutaneous Adverse Reactions; schwere Hautreaktionen auf Arzneimittel.
- SIDP: Society of Infectious Diseases Pharmacists.
- SOP: Standard Operating Procedure; standardisierte Handlungsanweisung.
- SpO2: pulsoxymetrisch gemessene Sauerstoffsättigung.
- STIKO: Ständige Impfkommission.
Literatur
- Booth AWG, Pungsornruk K, Llewellyn S et al.: Airway management of adult epiglottitis: a systematic review and meta-analysis. BJA Open 2024;9:100250. doi:10.1016/j.bjao.2023.100250
- Kimura Y, Jo T, Inoue N et al.: Association Between Systemic Corticosteroid Use and Mortality in Patients with Epiglottitis. Laryngoscope 2023;133:344-349. doi:10.1002/lary.30110
- O'Brien J, Muccio DR, Schrock JW: Association of Early Steroid and Antibiotic Therapy With Airway Outcomes in Adult Epiglottitis: A 10-Year Multicenter Retrospective Cohort Study. Acad Emerg Med 2026;33:e70285. doi:10.1111/acem.70285
- Dowdy RAE, Cornelius BW: Medical Management of Epiglottitis. Anesth Prog 2020;67:90-97. doi:10.2344/anpr-66-04-08
Leitlinien und Empfehlungen
- Helsedirektoratet: Antibiotika i sykehus - Epiglotitt. Aktualisiert am 18.02.2026. Leitlinie [LL1]
- Norsk barnelegeforening: Akuttveileder i pediatri, Kapitel 7.8 Epiglotitt. Leitlinie [LL2]
- Ständige Impfkommission: Empfehlungen der STIKO 2026, Tabelle 7. Epidemiologisches Bulletin 2026;4. Empfehlungen [LL3]
- Robert Koch-Institut: RKI-Ratgeber - Haemophilus influenzae, invasive Infektion. Empfehlungen [LL4]
- ASHP, IDSA, PIDS, SIDP: Therapeutic monitoring of vancomycin for serious methicillin-resistant Staphylococcus aureus infections. 2020. Leitlinie [LL5]
- S2k-Leitlinie: Antibiotikatherapie bei HNO-Infektionen. (AWMF-Registernummer: 017-066), Stand 2025. Langfassung [LL6]
Fachinformationen
- Ceftriaxon-saar, April 2024. Fachinformation [FI1]
- Unacid, Juli 2025. Fachinformation [FI2]
- Piperacillin/Tazobactam. Fachinformation [FI3]
- Vancomycin, Dezember 2024. Fachinformation [FI4]
- Ciprobay 400 mg Infusionslösung, Januar 2026. Fachinformation [FI5]
- EREMFAT 450 mg. Fachinformation [FI6]
- Levofloxacin-ratiopharm 250 mg/500 mg Filmtabletten. Fachinformation [FI7]
- Dexamethason acis Injektionslösung. Fachinformation [FI8]
- InfectoKrupp Inhal. Fachinformation [FI9]