Gliome – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Verlängerung des Gesamtüberlebens und des progressionsfreien Überlebens
- Erhalt neurologischer Funktionen, der Kognition, Selbstständigkeit und Lebensqualität
- Kontrolle tumorbedingter Symptome, insbesondere Hirnödem (Schwellung des Gehirns), epileptischer Anfälle (Krampfanfälle), Schmerzen und Übelkeit
- Vermeidung beziehungsweise Begrenzung therapiebedingter Toxizitäten
- Aufschub einer Radiochemotherapie bei hierfür geeigneten Patienten mit IDH-mutiertem Gliom (Hirntumor aus Gliazellen) des WHO-Grads 2
Therapieempfehlungen
- Die Therapie richtet sich nach der integrierten histomolekularen Diagnose gemäß WHO-Klassifikation, dem WHO-Grad, Alter und Funktionsstatus, dem Resektionsausmaß sowie den molekularen Markern IDH1/IDH2, 1p/19q, MGMT, H3, BRAF und gegebenenfalls NTRK. Die Therapieentscheidung soll in einem interdisziplinären neuroonkologischen Tumorboard erfolgen [10, LL4, LL6].
- Die Primärtherapie umfasst, soweit funktionell vertretbar, die maximal sichere Resektion oder Biopsie, gefolgt von einer entitätsspezifischen Radiotherapie und medikamentösen Therapie.
- Eine alleinige unspezifische Aufzählung von Zytostatika, Tyrosinkinaseinhibitoren oder Immuntherapeutika ist nicht sachgerecht. Viele früher untersuchte Wirkstoffe haben bei unselektierten Gliomen keinen klinisch relevanten Nutzen gezeigt und sollen außerhalb klinischer Studien nicht eingesetzt werden.
- Medulloblastome (bösartige embryonale Hirntumoren) und primäre ZNS-Lymphome (Lymphdrüsenkrebs im zentralen Nervensystem) sind keine Gliome und werden in den jeweiligen eigenständigen Therapieartikeln behandelt.
Supportive Pharmakotherapie
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Dexamethason | Mittel der Wahl beim symptomatischen vasogenen peritumoralen Hirnödem. Keine routinemäßige Gabe bei asymptomatischem bildgebendem Ödem. Niedrigste wirksame Dosis und kürzest mögliche Therapiedauer verwenden [10, LL7]. |
| Mannitol | Nur zur Akuttherapie einer intrakraniellen Druckkrise (akute gefährliche Hirndrucksteigerung) beziehungsweise bei drohender Herniation (Einklemmung von Hirngewebe); keine Dauertherapie des peritumoralen Ödems. Serumosmolalität, Elektrolyte, Nierenfunktion und Volumenstatus überwachen. |
| Hypertones Natriumchlorid | Alternative zur osmotischen Akuttherapie bei intrakranieller Druckkrise; Natrium, Osmolalität und Volumenstatus engmaschig kontrollieren. |
| Levetiracetam | Bevorzugte Option bei tumorassoziierter Epilepsie (Anfallsleiden durch einen Tumor) wegen geringer pharmakokinetischer Interaktionen. Keine Primärprophylaxe bei anfallsfreien Patienten; eine rein perioperative Prophylaxe soll, sofern begonnen, ohne Anfall in der Regel frühzeitig beendet werden [LL8]. |
| Trimethoprim/Sulfamethoxazol | Prophylaxe der Pneumocystis-jirovecii-Pneumonie (Lungenentzündung durch den Pilz Pneumocystis jirovecii) während der simultanen Radiotherapie mit täglichem Temozolomid sowie bei längerer höher dosierter Glucocorticoidtherapie oder ausgeprägter Lymphopenie; Alternativen bei Unverträglichkeit gemäß lokaler SOP. |
| Ondansetron | Antiemetische Prophylaxe; QT-Zeit, Obstipation, Begleitmedikation und Elektrolyte beachten. |
| Paracetamol | Option bei leichten bis mäßigen Schmerzen. Neue oder progrediente Kopfschmerzen erfordern zunächst die Abklärung eines erhöhten intrakraniellen Drucks. Indometacin ist keine Standardtherapie zur Senkung des tumorbedingten Hirndrucks. |
Schmerztherapie: Sie erfolgt ursachenorientiert und nach Schmerzintensität. Nichtopioidanalgetika sind bei leichten bis mäßigen Schmerzen geeignet; bei stärkeren Schmerzen können Opioide stufenweise ergänzt werden. Sedierung, Obstipation, Übelkeit, Atemdepression, Nieren- und Leberfunktion, Thrombozytopenie, Antikoagulation und Blutungsrisiko sind in die Wirkstoffwahl einzubeziehen. Neue oder progrediente Kopfschmerzen dürfen nicht ausschließlich analgetisch behandelt werden, sondern erfordern die Abklärung eines erhöhten intrakraniellen Drucks.
- Wirkweise: Dexamethason vermindert die vasogene Ödembildung; Mannitol und hypertones Natriumchlorid senken akut den intrakraniellen Druck; Levetiracetam stabilisiert die neuronale Erregbarkeit; Trimethoprim/Sulfamethoxazol verhindert opportunistische Pneumocystis-Infektionen.
- Indikationen: Symptomatisches Hirnödem, intrakranielle Druckkrise, manifeste tumorassoziierte Epilepsie, relevante Pneumocystis-Risikokonstellation sowie therapieassoziierte Übelkeit und Schmerzen.
- Kontraindikationen: Wirkstoffspezifische Kontraindikationen und Organdysfunktionen beachten; osmotische Therapie nur unter geeigneter Überwachung, Trimethoprim/Sulfamethoxazol unter anderem nicht bei schwerer Sulfonamidreaktion.
- Nebenwirkungen: Dexamethason kann Hyperglykämie, Myopathie (Muskelerkrankung), Infektionen, psychiatrische Symptome, Osteoporose (Knochenschwund) und Lymphopenie verursachen; osmotische Therapien können Elektrolyt- und Volumenstörungen auslösen; Levetiracetam kann Müdigkeit, Reizbarkeit und Verhaltensänderungen verursachen.
Beachte: Dexamethason kann immunsuppressive Programme im Gliom-Mikromilieu fördern und möglicherweise die Wirksamkeit immunologischer Therapiekonzepte beeinträchtigen. Dies unterstützt zusätzlich die Forderung nach der niedrigsten wirksamen Dosis und einer raschen Dosisreduktion [10, 12].
Boswellia serrata: Eine kleine randomisierte Pilotstudie zeigte eine Reduktion radiotherapieassoziierter Ödeme [11]. Die Evidenz reicht jedoch nicht aus, Boswelliasäuren als Alternative zu Dexamethason oder als onkologische Standardtherapie zu empfehlen. Bei Anwendung sind Produktqualität, gastrointestinale Nebenwirkungen und potenzielle Wechselwirkungen zu berücksichtigen.
Thromboembolie (Gefäßverschluss durch ein Blutgerinnsel): Nach neurochirurgischen Eingriffen soll bei vertretbarem Blutungsrisiko eine pharmakologische Prophylaxe mit niedermolekularem Heparin nach gesicherter Hämostase erfolgen. Eine routinemäßige dauerhafte Primärprophylaxe bei ambulanten Gliompatienten ist nicht generell indiziert. Bei gesicherter venöser Thromboembolie erfolgt eine individuelle Antikoagulation mit niedermolekularem Heparin oder einem direkten oralen Antikoagulans unter Abwägung von Tumorlage, Blutungsanamnese, Thrombozytenzahl, Nierenfunktion, Begleitmedikation und intrakraniellem Blutungsrisiko [LL3, LL7].
Entitätsspezifische Pharmakotherapie bei Erwachsenen
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Vorasidenib | EU-zugelassene Monotherapie bei überwiegend nicht kontrastmittelanreicherndem Astrozytom (Gliom aus Astrozyten) oder Oligodendrogliom (bestimmte Form eines Glioms) des WHO-Grads 2 mit IDH1-R132- oder IDH2-R172-Mutation bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 12 Jahren mit mindestens 40 kg KG, die ausschließlich operiert wurden und keine unmittelbare Radio- oder Chemotherapie benötigen [1, LL5]. Leberwerte vor Therapiebeginn, alle 2 Wochen in den ersten 2 Monaten und danach monatlich in den ersten 2 Jahren kontrollieren. |
| PCV-Schema: Procarbazin, Lomustin und Vincristin | Nach Radiotherapie Standardoption bei therapiebedürftigem Oligodendrogliom, IDH-mutiert und 1p/19q-kodeletiert, WHO-Grad 2 oder 3; auch beim therapiebedürftigen IDH-mutierten Astrozytom des WHO-Grads 2 mit Langzeitdaten belegt [4, LL4]. Temozolomid ist bei fehlender PCV-Eignung eine besser verträgliche, jedoch hinsichtlich Langzeitdaten nicht gleichwertig belegte Alternative. |
| Temozolomid beim Astrozytom, IDH-mutiert, WHO-Grad 3 | Radiotherapie gefolgt von 12 Zyklen adjuvantem Temozolomid ist der evidenzbasierte Standard. Die finale CATNON-Analyse zeigte keinen zusätzlichen Überlebensnutzen einer simultanen Temozolomidgabe während der Radiotherapie [5]. |
| Temozolomid beim Astrozytom, IDH-mutiert, WHO-Grad 4 | Therapie mangels eigener randomisierter Daten überwiegend aus Glioblastom- und Grad-3-Astrozytom-Daten extrapoliert; individuelle Festlegung im Tumorboard. |
| Temozolomid beim neu diagnostizierten Glioblastom (besonders aggressives Gliom), IDH-Wildtyp | Standard nach maximal sicherer Resektion oder Biopsie in Kombination mit Radiotherapie und anschließend 6 adjuvanten Zyklen [2, 3]. Eine routinemäßige Verlängerung über 6 Zyklen ist nicht belegt. Während der simultanen Phase sind Pneumocystis-Prophylaxe und engmaschige Blutbildkontrollen erforderlich. |
| Lomustin plus Temozolomid | Kann bei fitten Patienten mit neu diagnostiziertem Glioblastom und methyliertem MGMT-Promotor in erfahrenen Zentren anstelle des Standard-Temozolomids erwogen werden. Der Nutzen beruht auf einer kleinen randomisierten Phase-III-Studie; erhöhte hämatologische Toxizität beachten [6]. |
| Temozolomid bei älteren oder vulnerablen Patienten | Bei geeigneten älteren Patienten verlängert hypofraktionierte Radiotherapie plus Temozolomid das Überleben [7]. Wenn eine Kombination nicht vertretbar ist, kann bei methyliertem MGMT-Promotor Temozolomid allein, bei nicht methyliertem MGMT-Promotor eher Radiotherapie allein gewählt werden. |
- Wirkweise: Temozolomid, Lomustin und Procarbazin alkylieren beziehungsweise methylieren DNA; Vincristin hemmt die Mikrotubuli- und Spindelfunktion; Vorasidenib hemmt mutierte IDH1- und IDH2-Enzyme und reduziert die Bildung von 2-Hydroxyglutarat.
- Indikationen: Histomolekular definierte diffuse Gliome entsprechend WHO-Grad, IDH- und 1p/19q-Status, MGMT-Promotormethylierung, Alter, Funktionsstatus und Erfordernis einer unmittelbaren Radio- oder Chemotherapie.
- Kontraindikationen: Schwere Knochenmarkinsuffizienz (unzureichende Bildung von Blutzellen im Knochenmark), relevante Organdysfunktion, Schwangerschaft und weitere wirkstoffspezifische Kontraindikationen gemäß Fachinformation; Vorasidenib nicht außerhalb seiner zugelassenen molekularen und klinischen Population anwenden.
- Nebenwirkungen: Alkylanzien können Myelosuppression (Unterdrückung der Blutbildung), Infektionen, Übelkeit, Erbrechen, Fatigue, Fertilitätsstörungen und selten sekundäre Neoplasien verursachen; Vincristin verursacht vor allem Neurotoxizität und Obstipation; Vorasidenib kann insbesondere Transaminasenerhöhungen, Fatigue und Diarrhoe (Durchfall) auslösen.
Rezidivtherapie des Glioblastoms
Bei Progression ist keine universelle medikamentöse Standardtherapie definiert. Reoperation, Reirradiation, Systemtherapie und klinische Studien sind anhand von Funktionsstatus, Tumorlokalisation, Progressionsmuster, MGMT-Status, vorausgegangener Therapie und Patientenpräferenz im Tumorboard abzuwägen [10, LL4].
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Lomustin | Häufig verwendete Referenztherapie beim Rezidiv; verzögerte und kumulative Myelosuppression beachten. |
| Temozolomid-Rechallenge | Kann bei methyliertem MGMT-Promotor und längerem therapiefreiem Intervall erwogen werden; nicht als routinemäßige Fortsetzung bei früher Progression unter Temozolomid. |
| Bevacizumab | In Deutschland beim Glioblastom nicht zugelassen, somit Off‑Label‑Use. Kann in ausgewählten Situationen Ödem, Steroidbedarf und radiologisches progressionsfreies Überleben vermindern, verbessert aber das Gesamtüberleben nicht; die Kombination mit Lomustin verlängert das Gesamtüberleben gegenüber Lomustin allein nicht [8]. |
| Regorafenib | Beim Glioblastom in Deutschland Off‑Label‑Use. Kann in ausgewählten fitten Patienten nach molekularer und klinischer Bewertung erwogen werden; Evidenzgrundlage begrenzt, bevorzugt Studienbehandlung. |
- Wirkweise: Lomustin und Temozolomid alkylieren DNA; Bevacizumab neutralisiert VEGF; Regorafenib hemmt mehrere angiogenese- und proliferationsrelevante Kinasen.
- Indikationen: Individuell ausgewählte Patienten mit rezidiviertem Glioblastom, bei denen lokale Verfahren oder Studienteilnahme nicht ausreichen beziehungsweise nicht möglich sind.
- Kontraindikationen: Ausgeprägte Zytopenien, relevante Leber- oder Nierenfunktionsstörungen sowie wirkstoffspezifische Blutungs-, Wundheilungs-, Hypertonie- und Interaktionsrisiken beachten.
- Nebenwirkungen: Myelosuppression und Infektionen unter Alkylanzien; Hypertonie (Bluthochdruck), Proteinurie, Blutungen, Thrombosen und Wundheilungsstörungen unter Bevacizumab; Hand-Fuß-Hautreaktion (schmerzhafte Hautreaktion an Handflächen und Fußsohlen), Hypertonie, Diarrhoe, Fatigue und Hepatotoxizität unter Regorafenib.
Molekular zielgerichtete und pädiatrische Therapieoptionen
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Dabrafenib plus Trametinib | Bei Erwachsenen mit rezidiviertem BRAF-V600E-mutiertem Gliom kann die Kombination nach molekularem Tumorboard erwogen werden, in Deutschland regelmäßig Off‑Label‑Use. EU-zugelassen ist die pädiatrische Kombination ab 1 Jahr bei BRAF-V600E-mutiertem niedriggradigem Gliom mit Bedarf an Systemtherapie sowie bei hochgradigem Gliom nach mindestens einer vorausgegangenen Radio- oder Chemotherapie. |
| Tovorafenib | Seit April 2026 in der EU bedingt zugelassene Monotherapie ab einem Alter von 6 Monaten bei rezidiviertem oder refraktärem pädiatrischem niedriggradigem Gliom mit BRAF-Fusion, BRAF-Rearrangement oder BRAF-V600-Mutation nach mindestens einer vorausgegangenen Systemtherapie. |
| Larotrectinib oder Entrectinib | Bei nachgewiesener NTRK-Genfusion und Fehlen zufriedenstellender Therapiealternativen kann eine tumoragnostische TRK-Inhibition nach aktueller Fachinformation und molekularem Tumorboard erwogen werden. NTRK-Fusionen sind bei diffusen adulten Gliomen selten; die spezifische Evidenz für primäre ZNS-Tumoren ist begrenzt [LL6]. |
| Everolimus | Standardoption beim subependymalen Riesenzellastrozytom (meist langsam wachsender Hirntumor) im Rahmen einer tuberösen Sklerose (erblich bedingte Tumorerkrankung), wenn eine therapeutische Intervention erforderlich, eine Resektion aber nicht unmittelbar notwendig oder nicht geeignet ist. Keine Standardtherapie diffuser Gliome. |
| Dordaviprone | In den USA beschleunigt zugelassen für progrediente diffuse Mittelliniengliome (aggressive Tumoren in zentralen Strukturen des Gehirns oder Rückenmarks) mit H3-K27M-Mutation nach Vortherapie. Zum Redaktionsstand keine EU-Zulassung; in Deutschland daher keine Standardtherapie und vorzugsweise Einsatz in klinischen Studien. |
- Wirkweise: Dabrafenib und Tovorafenib hemmen RAF, Trametinib hemmt MEK, Larotrectinib und Entrectinib hemmen TRK-Fusionsproteine, Everolimus hemmt mTOR und Dordaviprone aktiviert die mitochondriale Protease ClpP.
- Indikationen: Ausschließlich molekular definierte Subgruppen und zugelassene Alters- beziehungsweise Behandlungskonstellationen; bei Off‑Label‑Use grundsätzlich molekulares Tumorboard, dokumentierte Nutzen-Risiko-Abwägung und Kostenklärung.
- Kontraindikationen: Wirkstoffspezifische Organfunktionsstörungen, relevante Interaktionen, Schwangerschaft und weitere Gegenanzeigen gemäß aktueller Fachinformation.
- Nebenwirkungen: Unter BRAF- und MEK-Inhibition insbesondere Fieber, Exanthem, kardiale und okuläre Toxizität; unter Tovorafenib unter anderem Exanthem, Fatigue, Blutungen und Laborwertveränderungen; unter TRK-Inhibitoren neurologische, hepatische und metabolische Toxizitäten; unter Everolimus Stomatitis (Entzündung der Mundschleimhaut), Infektionen, Zytopenien und nichtinfektiöse Pneumonitis (Entzündung des Lungengewebes).
Nicht als Standard empfohlene Systemtherapien
- Nivolumab verbesserte beim rezidivierten Glioblastom das Gesamtüberleben gegenüber Bevacizumab nicht [9]. Pembrolizumab, Ipilimumab und andere Checkpointinhibitoren sind beim unselektierten Gliom außerhalb klinischer Studien nicht Standard.
- Rindopepimut, dendritische Zellvakzinen, CAR-T-Zellen, adoptive T-Zelltherapien, Tumorvakzinen und onkolytische Viren sind experimentell und sollen nur im Rahmen klinischer Studien eingesetzt werden.
- Imatinib, Gefitinib, Erlotinib, Lapatinib, Topotecan, Irinotecan, Etoposid, Sirolimus, Temsirolimus und Interferon alfa sind keine routinemäßigen Standardtherapien diffuser Gliome.
- Bevacizumab dient, wenn eingesetzt, vor allem der Symptom- und Ödemkontrolle; ein Nutzen für das Gesamtüberleben ist nicht belegt.
Monitoring und supportive Begleitmaßnahmen
- Vor und während einer alkylierenden Therapie: Blutbild mit Differenzialblutbild und Thrombozyten, ALT, AST, GGT beziehungsweise γ-GT, AP, Bilirubin, Kreatinin, eGFR und klinische Infektkontrolle; Dosisanpassung nach Nadir und Fachinformation.
- Unter Vorasidenib: ALT, AST, GGT beziehungsweise γ-GT, AP und Bilirubin vor Therapiebeginn, alle 2 Wochen während der ersten 2 Monate, anschließend monatlich während der ersten 2 Jahre und danach klinisch bedarfsgerecht.
- Während simultaner Radiotherapie und Temozolomid: Pneumocystis-Prophylaxe, wöchentliche Blutbildkontrollen und Beachtung einer prolongierten Lymphopenie.
- Vor potenziell gonadotoxischer Therapie: Fertilitätsberatung und gegebenenfalls Kryokonservierung.
- Bei längerer Glucocorticoidtherapie: Blutdruck, Blutzucker, Infektionszeichen, Muskelkraft, psychische Veränderungen und Osteoporoserisiko kontrollieren; Magenschutz nicht automatisch, sondern risikoadaptiert.
Red Flags
- Bewusstseinsstörung (eingeschränktes oder verändertes Bewusstsein), progrediente fokal-neurologische Defizite (zunehmende örtlich begrenzte Ausfälle des Nervensystems), Anisokorie (unterschiedlich große Pupillen), rezidivierendes Erbrechen oder rasch zunehmender Kopfschmerz: sofortige neurochirurgische beziehungsweise neurointensivmedizinische Abklärung wegen möglicher intrakranieller Druckkrise.
- Erster epileptischer Anfall, Anfallsserie oder Status epilepticus (anhaltender epileptischer Anfall): notfallmäßige Diagnostik und Therapie.
- Fieber, schwere Neutropenie, Thrombozytopenie, Blutung oder ausgeprägte Lymphopenie unter Chemotherapie: Therapie unterbrechen und umgehend onkologisch beurteilen.
- Dyspnoe (Atemnot), Thoraxschmerz (Brustschmerz) oder einseitige Beinschwellung: dringende Abklärung einer venösen Thromboembolie.
- Deutliche Transaminasenerhöhung, Ikterus (Gelbsucht) oder andere Zeichen einer Hepatotoxizität unter Vorasidenib, Regorafenib oder zielgerichteter Therapie: sofortige Laborkontrolle und Dosisunterbrechung gemäß Fachinformation.
Weitere Hinweise
- Der MGMT-Promotormethylierungsstatus ist beim Glioblastom prädiktiv für den Nutzen einer alkylierenden Therapie und besonders bei älteren oder vulnerablen Patienten therapiesteuernd [3, 7].
- Bei IDH-mutiertem Astrozytom des WHO-Grads 3 belegt die finale CATNON-Analyse den Überlebensnutzen der adjuvanten, nicht jedoch der simultanen Temozolomidtherapie [5].
- Bei überwiegend nicht kontrastmittelanreicherndem IDH-mutiertem Gliom des WHO-Grads 2 kann Vorasidenib die Progression und die Notwendigkeit der nächsten Intervention verzögern; ein Vorteil im Gesamtüberleben ist bislang nicht nachgewiesen [1, LL5].
- Bei Rezidiv oder ungewöhnlichem Verlauf sollte eine erneute molekulare Charakterisierung erwogen werden, insbesondere wenn sich daraus eine Studienoption oder eine evidenzgestützte zielgerichtete Therapie ergibt [LL6].
- Tumortherapiefelder sind eine nicht medikamentöse Zusatzoption beim neu diagnostizierten Glioblastom und werden im Artikel „Gliome/Weitere Therapie“ dargestellt.
Abkürzungen
- ALT = Alanin-Aminotransferase
- AP = alkalische Phosphatase
- ASCO = American Society of Clinical Oncology
- AST = Aspartat-Aminotransferase
- BRAF = B-Raf Proto-Onkogen
- CAR = chimärer Antigenrezeptor
- CATNON = Concurrent and Adjuvant Temozolomide for 1p/19q Non-Co-Deleted Anaplastic Glioma
- CCNU = Lomustin
- ClpP = Caseinolytic Peptidase P
- DNA = Desoxyribonukleinsäure
- EANO = European Association of Neuro-Oncology
- eGFR = geschätzte glomeruläre Filtrationsrate
- EMA = European Medicines Agency
- EORTC = European Organisation for Research and Treatment of Cancer
- ESMO = European Society for Medical Oncology
- EU = Europäische Union
- GGT beziehungsweise γ-GT = Gamma-Glutamyltransferase
- H3 = Histon H3
- IDH = Isocitrat-Dehydrogenase
- i.v. = intravenös
- KG = Körpergewicht
- KOF = Körperoberfläche
- LL = Leitlinie
- MEK = mitogenaktivierte Proteinkinase-Kinase
- MGMT = O6-Methylguanin-DNA-Methyltransferase
- mTOR = mechanistic Target of Rapamycin
- NaCl = Natriumchlorid
- NTRK = neurotrophe Tyrosinrezeptorkinase
- PCV = Procarbazin, Lomustin und Vincristin
- p.o. = peroral
- QT = Abschnitt des Elektrokardiogramms vom Beginn der Kammererregung bis zum Ende der Erregungsrückbildung
- RAF = Rapidly Accelerated Fibrosarcoma Kinase
- S2k = konsensbasierte Leitlinie der Entwicklungsstufe S2k
- S3 = evidenz- und konsensbasierte Leitlinie der Entwicklungsstufe S3
- SNO = Society for Neuro-Oncology
- SOP = Standard Operating Procedure
- TRK = Tropomyosin-Rezeptor-Kinase
- USA = Vereinigte Staaten von Amerika
- VEGF = vaskulärer endothelialer Wachstumsfaktor
- WHO = Weltgesundheitsorganisation
- ZNS = zentrales Nervensystem
Literatur
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- Stupp R et al.: Radiotherapy plus Concomitant and Adjuvant Temozolomide for Glioblastoma. N Engl J Med. 2005;352:987-996. doi: 10.1056/NEJMoa043330
- Hegi ME et al.: MGMT Gene Silencing and Benefit from Temozolomide in Glioblastoma. N Engl J Med. 2005;352:997-1003. doi: 10.1056/NEJMoa043331
- Buckner JC et al.: Radiation plus Procarbazine, CCNU, and Vincristine in Low-Grade Glioma. N Engl J Med. 2016;374:1344-1355. doi: 10.1056/NEJMoa1500925
- van den Bent MJ et al.: Concurrent and adjuvant temozolomide for 1p/19q non-co-deleted anaplastic glioma (CATNON; EORTC study 26053-22054): final and exploratory analyses of a randomised, open-label, phase 3 trial. Lancet Oncol. 2026;27:45-56. doi: 10.1016/S1470-2045(25)00614-X
- Herrlinger U et al.: Lomustine-temozolomide combination therapy versus standard temozolomide therapy in patients with newly diagnosed glioblastoma with methylated MGMT promoter (CeTeG/NOA-09): a randomised, open-label, phase 3 trial. Lancet. 2019;393:678-688. doi: 10.1016/S0140-6736(18)31791-4
- Perry JR et al.: Short-Course Radiation plus Temozolomide in Elderly Patients with Glioblastoma. N Engl J Med. 2017;376:1027-1037. doi: 10.1056/NEJMoa1611977
- Wick W et al.: Lomustine and Bevacizumab in Progressive Glioblastoma. N Engl J Med. 2017;377:1954-1963. doi: 10.1056/NEJMoa1707358
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- Kirste S et al.: Boswellia serrata acts on cerebral edema in patients irradiated for brain tumors: a prospective, randomized, placebo-controlled, double-blind pilot trial. Cancer. 2011;117:3788-3795. doi: 10.1002/cncr.25945
- Miller TE et al.: Programs, origins and immunomodulatory functions of myeloid cells in glioma. Nature. 2025. doi: 10.1038/s41586-025-08633-8
Leitlinien
- S2k-Leitlinie: Gliome. (AWMF-Registernummer: 030-099), Version 1, Februar 2021; Gültigkeit abgelaufen, Aktualisierung ausstehend. Langfassung [LL1]
- S3-Leitlinie: Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen. (AWMF-Registernummer: 032-054OL), Version 2.1, April 2026. Langfassung [LL2]
- S3-Leitlinie: Prophylaxe der venösen Thromboembolie (VTE). (AWMF-Registernummer: 003-001), Version 4.1, Januar 2026. Langfassung [LL3]
- Weller M et al.: EANO guidelines on the diagnosis and treatment of diffuse gliomas of adulthood. Nat Rev Clin Oncol. 2021;18:170-186. doi: 10.1038/s41571-020-00447-z [LL4]
- Blakeley J et al.: Therapy for Diffuse Astrocytic and Oligodendroglial Tumors in Adults: ASCO-SNO Guideline Rapid Recommendation Update. J Clin Oncol. 2025;43:2129-2133. doi: 10.1200/JCO-25-00250 [LL5]
- van den Bent MJ et al.: Updated EANO guideline on rational molecular testing of gliomas, glioneuronal, and neuronal tumors in adults for targeted therapy selection—Update 1. Neuro Oncol. 2025;27:331-337. doi: 10.1093/neuonc/noae213 [LL6]
- Roth P et al.: Neurological and vascular complications of primary and secondary brain tumours: EANO-ESMO Clinical Practice Guidelines for prophylaxis, diagnosis, treatment and follow-up. Ann Oncol. 2021;32:171-182. doi: 10.1016/j.annonc.2020.11.003 [LL7]
- Walbert T et al.: SNO and EANO practice guideline update: Anticonvulsant prophylaxis in patients with newly diagnosed brain tumors. Neuro Oncol. 2021;23:1835-1844. doi: 10.1093/neuonc/noab152 [LL8]
Fachinformationen
- European Medicines Agency: Voranigo (Vorasidenib), Produktinformation.
- European Medicines Agency: Temodal (Temozolomid), Produktinformation.
- European Medicines Agency: Finlee (Dabrafenib), Produktinformation.
- European Medicines Agency: Spexotras (Trametinib), Produktinformation.
- European Medicines Agency: Ojemda (Tovorafenib), Produktinformation.
- European Medicines Agency: Vitrakvi (Larotrectinib), Produktinformation.
- European Medicines Agency: Rozlytrek (Entrectinib), Produktinformation.
- European Medicines Agency: Afinitor (Everolimus), Produktinformation.
- European Medicines Agency: Avastin (Bevacizumab), Produktinformation.
- European Medicines Agency: Stivarga (Regorafenib), Produktinformation.