Blutschwamm (Hämangiome)

Hämangiome sind benigne (gutartige) vaskuläre Tumoren (Gefäßtumoren). Das infantile Hämangiom (Säuglingshämangiom) ist von kongenitalen Hämangiomen (angeborenen Gefäßtumoren), vaskulären Malformationen (Gefäßfehlbildungen) und erworbenen Gefäßtumoren des Erwachsenenalters zu unterscheiden. Die Bezeichnung „Erwachsenenhämangiom“ beschreibt keine einheitliche Erkrankung. Dieser Artikel behandelt kutane Hämangiome (Hämangiome der Haut); Hämangiome innerer Organe erfordern eine organspezifische Beurteilung [1].

Säuglingshämangiom

Das infantile Hämangiom, auch Säuglingshämangiom oder Blutschwamm genannt, ist der häufigste benigne Tumor des Säuglingsalters. Es wird meist in den ersten Lebenswochen sichtbar; bei Geburt können diskrete Vorläuferläsionen bestehen. Ein bereits bei Geburt vollständig ausgebildeter Gefäßtumor spricht dagegen für ein kongenitales Hämangiom mit anderer Biologie und anderem Therapieansprechen [1, LL2].

Synonyme und ICD-10-GM: Infantiles Hämangiom; Säuglingshämangiom; D18.0-: Hämangiom. Der Kode unterscheidet die biologischen Untergruppen nicht ausreichend.

Formen der Erkrankung

  • Nach Verteilung: lokalisiert, segmental (eine zusammenhängende Körperregion betreffend) oder nicht eindeutig zuordenbar; bei mehreren Läsionen (Gewebeveränderungen) multifokales Auftreten (Auftreten an mehreren Stellen).
  • Nach Tiefe: superfiziell (oberflächlich), tief oder gemischt. Oberflächliche Anteile erscheinen meist rot, tiefe Anteile eher hautfarben bis bläulich.
  • Segmentale Hämangiome: flächige Beteiligung einer Entwicklungsregion; erhöhtes Risiko für Ulzerationen (offene Wunden), funktionelle Komplikationen und assoziierte Fehlbildungen [1, LL2].

Epidemiologie

Infantile Hämangiome betreffen ungefähr 4-5 % der Säuglinge. Mädchen, Frühgeborene und Kinder mit niedrigem Geburtsgewicht sind häufiger betroffen. Die berichtete Häufigkeit schwankt mit Population und Untersuchungsmethode [LL2].

Pathogenese und Ätiologie

Charakteristisch ist eine vorübergehende Proliferation (Zellvermehrung) vaskulärer Endothelzellen (Zellen der inneren Gefäßauskleidung) mit anschließender Involution (Rückbildung). Die Ursache ist nicht abschließend geklärt. Hypoxieabhängige angiogene Signalwege (durch Sauerstoffmangel beeinflusste Steuerung der Gefäßneubildung) und Vorläuferzellen werden als pathogenetische Faktoren diskutiert. Infantile Hämangiome sind typischerweise GLUT1-positiv; eine histologische Untersuchung ist bei eindeutigem klinischem Verlauf nicht erforderlich [1, LL2].

Verlauf und Prognose

Die stärkste Größenzunahme erfolgt überwiegend im Alter von 1-3 Monaten. Bei den meisten oberflächlichen Läsionen ist das wesentliche Wachstum mit etwa 5 Monaten abgeschlossen; tiefe und segmentale Formen können länger proliferieren. Anschließend erfolgt eine über Jahre verlaufende Rückbildung [LL2].

Involution bedeutet nicht zwingend eine normale Hautoberfläche. Möglich sind Teleangiektasien (sichtbar erweiterte kleine Blutgefäße), überschüssige Haut, fibrofettige Residuen (verbliebenes Binde- und Fettgewebe) und nach Ulzeration Narben. Die pauschale Angabe einer vollständigen, folgenlosen Rückbildung bei 80-90 % bis zum zehnten Lebensjahr ist daher ungeeignet. Prognostisch entscheidend sind Typ, Dicke, Lokalisation und Komplikationen [LL2].

Symptome und Komplikationen

  • Rote Plaques (flächig erhabene Hautveränderungen) oder Knoten beziehungsweise eine hautfarbene bis bläuliche subkutane (unter der Haut liegende) Schwellung mit charakteristischer Wachstumsdynamik.
  • Ulzeration: relevante, mit Schmerzen und Narbenrisiko verbundene Komplikation, insbesondere an Lippen, Halsfalten und im Anogenitalbereich (After- und Genitalbereich); gelegentlich sekundäre Infektion oder Blutung.
  • Periokuläre Läsionen (Veränderungen in Augennähe): Risiko für Astigmatismus (Hornhautverkrümmung), Verlegung der Sehachse und Amblyopie (Schwachsichtigkeit).
  • Atemwegsbeteiligung: insbesondere bei verdächtiger Verteilung im Bartbereich; Stridor (auffälliges Geräusch beim Atmen durch verengte Atemwege) und Atemnot sind dringliche Warnzeichen.
  • Ausgedehnter Leberbefall: mögliche kardiale Volumenbelastung (Belastung des Herzens durch erhöhten Blutfluss) bis zur Herzinsuffizienz (Herzschwäche) und konsumptive Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion durch verstärkten Abbau von Schilddrüsenhormonen).
  • Kasabach-Merritt-Phänomen (schwere Gerinnungsstörung bei bestimmten Gefäßtumoren): schwere Thrombozytopenie (Mangel an Blutplättchen) mit Verbrauchskoagulopathie (Gerinnungsstörung durch Verbrauch von Blutplättchen und Gerinnungsstoffen) ist für ein infantiles Hämangiom untypisch und erfordert insbesondere die Abklärung eines kaposiformen Hämangioendothelioms (seltenen Gefäßtumors) oder eines Tufted-Angioms (seltenen büschelförmig aufgebauten Gefäßtumors) [1, LL2].

Differentialdiagnosen

Abzugrenzen sind kongenitale Hämangiome, kapilläre Malformationen (Fehlbildungen kleinster Blutgefäße) einschließlich Naevus flammeus (Feuermal), venöse (die Venen betreffende), lymphatische (die Lymphgefäße betreffende) und arteriovenöse Malformationen (Fehlverbindungen zwischen Arterien und Venen), Granuloma pyogenicum (leicht blutende gutartige Gefäßwucherung), juveniles Xanthogranulom (gutartige Hautveränderung durch Ansammlung bestimmter Abwehrzellen) sowie andere benigne und maligne (bösartige) Tumoren. Multiple infantile Hämangiome mit Leberbeteiligung sind keine eigenständige Differentialdiagnose, sondern eine mögliche Manifestation derselben Erkrankung [1, LL2].

Diagnostik

  • Klinische Diagnose: Anamnese, vollständige Hautinspektion, Lokalisation, Ausdehnung, Tiefe, Wachstum und Fotodokumentation. Keine routinemäßige Bildgebung bei eindeutigem, unkompliziertem Befund.
  • Sonographie mit Doppler: bei unklarer Diagnose oder zur Beurteilung tiefer Anteile; MRT bei Verdacht auf komplexe Ausdehnung oder assoziierte strukturelle Anomalien.
  • Mindestens 5 kutane Hämangiome: Lebersonographie zum Screening auf hepatische Hämangiome (Hämangiome der Leber). Auch bei weniger Hautläsionen erfordern Hepatomegalie (Lebervergrößerung) oder Zeichen einer Herzinsuffizienz eine Abklärung. Bei relevantem Leberbefall zusätzlich Schilddrüsenfunktion und kardiale Belastung beurteilen. Eine routinemäßige Schädelsonographie allein wegen multipler Hautläsionen ist nicht vorgesehen.
  • Periokuläre Hämangiome: frühzeitige ophthalmologische Untersuchung.
  • Große segmentale Gesichts- oder Kopfhauthämangiome: Abklärung eines PHACE-Syndroms (Kombination eines Hämangioms mit möglichen Fehlbildungen unter anderem von Gehirn, Gefäßen, Herz und Augen) mit spezialisierter Gefäß-, Gehirn- und Herzdiagnostik vor systemischer Therapie (im ganzen Körper wirksamer Behandlung).
  • Segmentale lumbosakrale (im Lenden- und Kreuzbeinbereich liegende), perineale (im Dammbereich liegende) oder gluteale (im Gesäßbereich liegende) Hämangiome: Abklärung eines LUMBAR-Syndroms (Kombination eines Hämangioms der unteren Körperhälfte mit möglichen Fehlbildungen von Rückenmark, Knochen, Gefäßen und inneren Organen) einschließlich spinaler (das Rückenmark beziehungsweise die Wirbelsäule betreffender) und urogenitaler Anomalien (Fehlbildungen der Harn- und Geschlechtsorgane). Eine unauffällige Wirbelsäulensonographie schließt einen spinalen Dysraphismus (angeborene Verschlussfehlbildung im Bereich von Wirbelsäule und Rückenmark) bei hohem klinischem Verdacht nicht sicher aus; dann ist eine MRT erforderlich [LL2].

Therapieziel

Vermeidung von Lebensgefahr, Funktionsverlust, Ulzeration und bleibender Entstellung; Linderung von Schmerzen und Förderung der Wundheilung. Kleine, komplikationslose Hämangiome können unter dokumentierter Verlaufskontrolle unbehandelt bleiben.

Therapieempfehlungen

Risikobefunde frühzeitig vorstellen, möglichst bereits bis zum Alter von 1 Monat. Bei drohender Seh-, Atemwegs- oder Ernährungsbeeinträchtigung, schmerzhafter Ulzeration oder erheblichem Entstellungsrisiko darf nicht zunächst auf das Ausbleiben einer spontanen Rückbildung gewartet werden. Tiefe Anteile allein begründen dagegen nicht automatisch eine systemische Behandlung [LL2].

  1. Unkompliziertes Hämangiom: aktive Beobachtung mit besonders engmaschigen Kontrollen während der frühen Wachstumsphase; Eltern über Warnzeichen informieren.
  2. Systemisch behandlungsbedürftiges, proliferierendes Hämangiom: orales Propranolol als Therapie der ersten Wahl. Für HEMANGIOL ist der Therapiebeginn im Alter von 5 Wochen bis 5 Monaten vorgesehen. Bei Frühgeborenen ist das korrigierte Alter maßgeblich. HEMANGIOL darf bei Säuglingen unter 5 Wochen nicht angewendet werden; bei Frühgeborenen ist ein korrigiertes Alter unter 5 Wochen ausdrücklich eine Gegenanzeige. Diese Altersgrenze darf nicht durch einen pauschalen Hinweis auf Off-Label-Use relativiert werden. Ein erstmaliger Behandlungsbeginn nach dem Alter von 5 Monaten liegt außerhalb des vorgesehenen Altersfensters und erfordert eine spezialisierte, individuell begründete Off-Label-Entscheidung. Bei gefährdenden Befunden vor Erreichen des zulässigen Behandlungsalters ist unverzüglich ein spezialisiertes Zentrum zur Festlegung des weiteren Vorgehens einzubeziehen [2, LL2, FI1].
  3. Kleines, dünnes, ausschließlich oberflächliches Hämangiom: topisches Timolol kann nach Nutzen-Risiko-Abwägung off label eingesetzt werden. Es ersetzt bei funktioneller Gefährdung oder relevanten tiefen Anteilen keine systemische Therapie [3, 5, LL2].
  4. Propranolol-Unverträglichkeit oder unzureichendes Ansprechen: Diagnose, Dosierung und Adhärenz prüfen; anschließend spezialisierte Entscheidung über Atenolol oder eine andere Zweitlinientherapie. Ein Wechsel auf einen anderen Betablocker umgeht keine klassenbezogene Kontraindikation [6, LL2].

Wirkstoffe (Hauptindikationen)

Systemische Betablocker

Wirkstoff Besonderheiten
Propranolol Erste Wahl. Angaben beziehen sich auf Propranolol-Base; 3,75 mg/ml entsprechen 4,28 mg/ml Propranololhydrochlorid. Verwechslungen mit anders konzentrierten Lösungen vermeiden. Während oder unmittelbar nach einer Mahlzeit geben. Altersgrenzen und Gegenanzeigen beachten [FI1].
Atenolol Off label; mögliche Alternative insbesondere bei belastenden Schlafstörungen unter Propranolol. Eine randomisierte Studie mit 377 Kindern zeigte ein ähnliches Gesamtansprechen und weniger unerwünschte Ereignisse; daraus folgt keine generelle Überlegenheit [6].
Nadolol Off label; keine bevorzugte Routinealternative. Nichtunterlegenheit gegenüber Propranolol in einer kleinen randomisierten Studie; zusätzliche Sicherheitsbedenken nach berichtetem tödlichem Intoxikationsfall, insbesondere bei Obstipation (Verstopfung) und möglicher Akkumulation (Anreicherung im Körper) [7, 8].
  • Wirkweise: Propranolol und Nadolol blockieren nichtselektiv Betarezeptoren, Atenolol überwiegend Beta1-Rezeptoren. Vasokonstriktion (Verengung der Blutgefäße) und Beeinflussung angiogener Signalwege tragen zur Wirkung bei; der vollständige Mechanismus ist nicht abschließend geklärt.
  • Indikation: proliferierende infantile Hämangiome mit Lebens- oder Funktionsgefährdung, schmerzhafter beziehungsweise trotz einfacher Wundpflege persistierender Ulzeration oder Risiko bleibender Narben und Entstellung. Atenolol und Nadolol sind hierfür nicht zugelassen.
  • Kontraindikationen: bei Propranolol insbesondere Asthma oder anamnestischer Bronchospasmus (Verkrampfung der Atemwege), relevante Bradykardie (verlangsamter Herzschlag) oder Hypotonie (zu niedriger Blutdruck), AV-Block 2.-3. Grades (Störung der elektrischen Erregungsleitung im Herzen), Sinusknotenerkrankung (Störung des natürlichen Herzschrittmachers), kardiogener Schock (Kreislaufversagen durch unzureichende Herzleistung), unbehandelte Herzinsuffizienz, Hypoglykämieneigung (Neigung zu Unterzuckerungen) und Überempfindlichkeit. HEMANGIOL darf bei Säuglingen unter 5 Wochen nicht angewendet werden; bei Frühgeborenen ist ein korrigiertes Alter unter 5 Wochen ausdrücklich kontraindiziert. Weitere Gegenanzeigen und Interaktionen einschließlich mütterlicher Arzneimittel beim Stillen nach Fachinformation prüfen; Einschränkungen anderer Betablocker gesondert beachten.
  • Nebenwirkungen: Schlafstörungen, gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden) und kalte Extremitäten; klinisch besonders relevant sind Hypoglykämie (Unterzuckerung), Bradykardie, Hypotonie und Bronchospasmus. Auch Atenolol kann kardiale und metabolische Nebenwirkungen verursachen. Die Risikobeurteilung von Nadolol muss Ausscheidung, Nierenfunktion und Stuhlgang berücksichtigen [6-8, FI1].

Topische Betablocker

Wirkstoff Besonderheiten
Timolol Nur für ausgewählte dünne, oberflächliche Hämangiome. Keine zugelassene kutane Hämangiomzubereitung und keine allgemein validierte flächenunabhängige Säuglingsdosis. Nicht eigenständig auf große Flächen, Schleimhäute oder ulzerierte Haut auftragen [3, 5, LL2].
  • Wirkweise: lokale Betarezeptorblockade; eine systemische Resorption ist möglich.
  • Indikation: ausgewählte kleine, dünne, oberflächliche infantile Hämangiome ohne dringliche systemische Behandlungsindikation. Die Evidenz rechtfertigt keine Gleichstellung mit oralem Propranolol bei komplizierten Hämangiomen. Eine placebokontrollierte Studie zur sehr frühen Anwendung zeigte keinen eindeutigen Vorteil hinsichtlich vollständiger oder nahezu vollständiger Rückbildung [3, 5, 12].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit und relevante Betablocker-Kontraindikationen; besondere Zurückhaltung bei Frühgeborenen, niedrigem Körpergewicht, gestörter Hautbarriere und gleichzeitiger systemischer Betablockade.
  • Nebenwirkungen: lokale Irritation; bei systemischer Aufnahme Bradykardie, Hypotonie und Bronchospasmus. „Topisch“ bedeutet nicht nebenwirkungsfrei [LL2].

Glukokortikoide als Reserve

Wirkstoff Besonderheiten
Prednisolon beziehungsweise Prednison Reserve bei Kontraindikation gegen Propranolol oder unzureichendem Ansprechen; keine gleichwertige Erstlinientherapie. Hämangiombehandlung in der Regel off label [LL2].
Triamcinolon beziehungsweise Betamethason intraläsional Seltene Option bei umschriebenen, voluminösen Läsionen. Besonders zurückhaltend im periokulären Bereich wegen des Risikos vaskulärer Komplikationen [LL2].
  • Wirkweise: antiproliferative und antiangiogene Effekte (Hemmung von Zellvermehrung und Gefäßneubildung).
  • Indikation: ausgewählte behandlungsbedürftige infantile Hämangiome, wenn die bevorzugte Betablockertherapie nicht geeignet oder unzureichend wirksam ist.
  • Kontraindikationen: präparatespezifisch prüfen; insbesondere unkontrollierte Infektionen und die Risiken einer Immunsuppression (Unterdrückung der körpereigenen Abwehr) berücksichtigen. Lebendimpfungen müssen mit einer immunsuppressiven Behandlung abgestimmt werden.
  • Nebenwirkungen: Wachstumsbeeinträchtigung, cushingoider Habitus (typische körperliche Veränderungen unter verstärkter Glukokortikoidwirkung), Hypertonie (Bluthochdruck), Infektionen und Nebennierenrindensuppression (Unterdrückung der körpereigenen Hormonproduktion der Nebennierenrinde); intraläsional zusätzlich Haut- und Fettgewebsatrophie (Schwund von Haut- und Fettgewebe) sowie selten vaskuläre Verschlüsse [LL2].

Durchführung und Überwachung der Propranololtherapie

  • Vor Beginn: kardiale, pulmonale und metabolische Anamnese, körperliche Untersuchung, Herzfrequenz und Blutdruck; EKG und kardiologische Zusatzdiagnostik bei entsprechendem Verdacht. Ein PHACE-Verdacht erfordert vorherige spezialisierte Abklärung und eine angepasste Behandlung.
  • Einleitung: durch erfahrene Ärzte in kontrolliertem klinischem Umfeld mit Möglichkeit zur Notfallversorgung. Nach der ersten Gabe mindestens 2 Stunden stündliche Herzfrequenzkontrolle; zusätzliche Überwachung bei Dosiserhöhungen und Risikokonstellationen. Stationäre Einleitung nach individuellem Risiko.
  • Verlauf: mindestens monatlich Gewicht, Dosis, Verträglichkeit und Läsionsentwicklung kontrollieren. Bei gesunden, ausreichend ernährten Kindern keine routinemäßige serielle Blutzuckerkontrolle; bei Symptomen oder Risikofaktoren gezielte Messung.
  • Ernährung und Pausen: nicht nüchtern geben. Bei unzureichender Nahrungsaufnahme oder Erbrechen Dosis auslassen; vor notwendiger Nüchternheit ärztlichen Pausenplan vereinbaren. Ausgespuckte oder unvollständig aufgenommene Dosis nicht nachgeben. Bei Atemnot oder pfeifender Atmung Behandlung unterbrechen und ärztlich beurteilen lassen.
  • Notfallzeichen: ungewöhnliche Schläfrigkeit, Trinkschwäche, Bewusstseinsstörung, Krampfanfälle, Atemnot oder Kreislaufzeichen erfordern sofortige Abklärung; bei Bewusstlosigkeit nichts oral verabreichen.
  • Dauer und Beendigung: Fachinformation: 6 Monate; klinisch kann bei fortbestehender Wachstumsaktivität eine längere, individuell begründete Behandlung erforderlich sein. Nach HEMANGIOL-Fachinformation ist ein Ausschleichen nicht erforderlich. Nach Absetzen auf erneutes Wachstum achten [LL2, FI1].

Rebound (erneutes Wachstum): In der retrospektiven Studie von Shah und Mitarbeitern trat bei 231 von 912 auswertbaren Kindern ein erneutes Wachstum auf (25,3 %). Die 17,1 Monate bezeichnen das mittlere Alter beim Rebound, nicht das Alter bei Therapiebeginn. Frühes Absetzen, tiefe Anteile und weibliches Geschlecht waren Risikomerkmale. Ein Rebound kann eine erneute Therapie erforderlich machen [4].

Sequenzielle beziehungsweise kombinierte Betablockertherapie: Mannschreck und Mitarbeiter berichteten retrospektiv über eine kürzere orale Propranololbehandlung bei zusätzlichem topischem Timolol. Daraus lässt sich weder eine verlässliche Verkürzung um 2,2 Monate für jedes Kind noch eine sichere Verhinderung des Rebounds ableiten. Eine routinemäßige Kombination ist nicht begründet; mögliche additive systemische Wirkungen berücksichtigen [9].

Weitere Therapie

  • Ulzeration: atraumatische Wundversorgung, geeignete nicht haftende Auflagen und altersgerechte Analgesie (Schmerzlinderung); Antibiotika nur bei klinischer Infektion. Bei entsprechender Indikation gleichzeitig systemische Hämangiomtherapie.
  • Laser: insbesondere gepulster Farbstofflaser bei verbleibenden oberflächlichen Gefäßzeichnungen; während der Proliferation nur ausgewählte Indikationen. Begrenzte Eindringtiefe sowie Risiken für Ulzeration, Pigmentveränderungen und Narben beachten.
  • Operation: ausgewählte funktionell relevante Läsionen sowie spätere Korrektur fibrofettiger Residuen oder überschüssiger Haut.
  • Kryotherapie, IPL und tief wirksame Laser: keine pauschale Erstlinientherapie; Einsatz abhängig von Befund und Expertise. Strahlentherapie ist keine zeitgemäße Behandlung des infantilen Hämangioms.
  • Sirolimus, Interferon oder Vincristin: keine reguläre Behandlung eines typischen infantilen Hämangioms; bei vermeintlich therapierefraktärem Verlauf (fehlendem Ansprechen auf die Behandlung) zunächst Diagnose und mögliche andere Gefäßanomalien überprüfen. Interventionelle Verfahren wie Embolisation bleiben besonderen viszeralen (die inneren Organe betreffenden) oder hämodynamischen Konstellationen (Besonderheiten der Blutströmung und Kreislaufbelastung) im Zentrum vorbehalten [1, LL2].

Erworbene Gefäßtumoren im Erwachsenenalter

Kirschangiome und Granulomata pyogenica müssen getrennt beurteilt werden. Ein plötzlich wachsender, leicht blutender oder gestielter Knoten ist nicht als typisches „Erwachsenenhämangiom“ zu verallgemeinern [1].

Kirschangiom

Definition und Verlauf: erworbene benigne kapilläre Gefäßneubildung mit meist kleinen, scharf begrenzten roten bis violetten Papeln (kleinen erhabenen Hautveränderungen), häufig am Stamm. Die Zahl nimmt typischerweise mit dem Lebensalter zu. Ein vorausgehendes Trauma oder eine Wundinfektion ist keine notwendige oder allgemein typische Ursache. Eine spontane Rückbildung wie beim infantilen Hämangiom ist nicht zu erwarten [1].

Diagnostik: meist klinisch, bei Bedarf dermatoskopisch. Atypische, rasch wachsende, spontan blutende oder unklar pigmentierte Läsionen benötigen eine histologische Abklärung vor einer rein destruktiven Behandlung.

Therapie: asymptomatische, eindeutig diagnostizierte Kirschangiome benötigen keine Behandlung. Bei wiederholter traumatischer Blutung oder kosmetischem Wunsch kommen PDL, KTP-Laser oder Elektrodesikkation infrage. Eine kleine randomisierte Studie bestätigt die Wirksamkeit dieser Verfahren; Narben und Pigmentveränderungen bleiben möglich. Eine generell schädigungsfreie Laserbehandlung darf nicht zugesichert werden [10].

Medikamentöse Therapie: Für gewöhnliche Kirschangiome besteht keine etablierte Indikation für orale Betablocker, Glukokortikoide oder Sirolimus. Die Propranololtherapie infantiler Hämangiome ist nicht auf Kirschangiome übertragbar.

Granuloma pyogenicum

Definition und Verlauf: auch lobuläres kapilläres Hämangiom; erworbene benigne vaskuläre Proliferation von Haut oder Schleimhaut. Typisch sind rasches Wachstum, eine fragile Oberfläche und ausgeprägte Blutungsneigung. Auftreten unter anderem nach kleineren Verletzungen, in der Schwangerschaft oder im Zusammenhang mit Arzneimitteln; der Name bezeichnet keine regelhafte eitrige Infektion [1].

Diagnostik und Therapie: bei unklarem Befund histologische Sicherung, insbesondere zum Ausschluss eines amelanotischen Melanoms (bösartigen Hauttumors ohne typische dunkle Färbung). Übliche Verfahren sind Exzision oder oberflächliche Abtragung beziehungsweise Kürettage mit Blutstillung; Auswahl nach Lokalisation und Befund. Auslöser gegebenenfalls beseitigen. Antibiotika sind ohne zusätzliche Infektion nicht indiziert.

Medikamentöse Therapie: Topisches Timolol ist eine mögliche Off-Label-Option für ausgewählte, sicher diagnostizierte frühe Läsionen, beispielsweise wenn ein Eingriff vermieden werden soll. In einer placebokontrollierten Studie mit 40 Teilnehmenden verringerte es Größe und Blutungsneigung; eine vollständige Rückbildung nach 6 Wochen trat jedoch nur bei 10 % unter Timolol auf. Es ist daher keine allgemein gleichwertige Alternative zur definitiven Entfernung und darf eine erforderliche Histologie nicht verzögern [11].

Beachte

Die Behandlung richtet sich nach der gesicherten Gefäßanomalie und ihrem Risiko. Atemnot, Sehstörung, rasches Wachstum, schmerzhafte Ulzeration, nicht stillbare Blutung und Zeichen einer Herzinsuffizienz erfordern eine dringliche fachärztliche Beurteilung.

Abkürzungen

  • AV-Block: Atrioventrikularblock; Störung der elektrischen Erregungsleitung zwischen Herzvorhöfen und Herzkammern.
  • EKG: Elektrokardiogramm.
  • EPAR: European Public Assessment Report; öffentlicher europäischer Beurteilungsbericht zu einem Arzneimittel.
  • FI: Fachinformation.
  • GLUT1: Glukosetransporter 1.
  • ICD-10-GM: Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten, 10. Revision, German Modification.
  • IPL: Intense Pulsed Light.
  • KTP: Kaliumtitanylphosphat.
  • LL: Leitlinie.
  • LUMBAR: Syndrom mit Hämangiom der unteren Körperhälfte und möglichen begleitenden Fehlbildungen.
  • MRT: Magnetresonanztomographie.
  • PDL: Pulsed Dye Laser; gepulster Farbstofflaser.
  • PHACE: Syndrom mit Hämangiom und möglichen Fehlbildungen der hinteren Schädelgrube, Arterien, des Herzens und der Augen.

Literatur

  1. International Society for the Study of Vascular Anomalies: ISSVA Classification & Glossary for Vascular Anomalies. 2025; online fortgeschrieben. Klassifikation und Glossar.
  2. Léauté-Labrèze C, Hoeger P, Mazereeuw-Hautier J et al.: A randomized, controlled trial of oral propranolol in infantile hemangioma. N Engl J Med. 2015;372(8):735-746. doi: 10.1056/nejmoa1404710.
  3. Wu HW, Wang X, Zhang L et al.: Topical Timolol Vs. Oral Propranolol for the Treatment of Superficial Infantile Hemangiomas. Front Oncol. 2018;8:605. doi: 10.3389/fonc.2018.00605.
  4. Shah SD, Baselga E, McCuaig C et al.: Rebound Growth of Infantile Hemangiomas After Propranolol Therapy. Pediatrics. 2016;137(4):e20151754. doi: 10.1542/peds.2015-1754.
  5. Muñoz-Garza FZ, Ríos M, Roé-Crespo E et al.: Efficacy and Safety of Topical Timolol for the Treatment of Infantile Hemangioma in the Early Proliferative Stage: A Randomized Clinical Trial. JAMA Dermatol. 2021;157(5):583-587. doi: 10.1001/jamadermatol.2021.0596.
  6. Ji Y, Chen S, Yang K et al.: Efficacy and Safety of Propranolol vs Atenolol in Infants With Problematic Infantile Hemangiomas: A Randomized Clinical Trial. JAMA Otolaryngol Head Neck Surg. 2021;147(7):599-607. doi: 10.1001/jamaoto.2021.0454.
  7. Pope E, Lara-Corrales I, Sibbald C et al.: Noninferiority and Safety of Nadolol vs Propranolol in Infants With Infantile Hemangioma: A Randomized Clinical Trial. JAMA Pediatr. 2022;176(1):34-41. doi: 10.1001/jamapediatrics.2021.4565.
  8. McGillis E, Baumann T, LeRoy J: Death Associated With Nadolol for Infantile Hemangioma: A Case for Improving Safety. Pediatrics. 2020;145(1):e20191035. doi: 10.1542/peds.2019-1035.
  9. Mannschreck DB, Huang AH, Lie E et al.: Topical timolol as adjunct therapy to shorten oral propranolol therapy for infantile hemangiomas. Pediatr Dermatol. 2019;36(3):283-289. doi: 10.1111/pde.13816.
  10. Collyer J, Boone SL, White LE et al.: Comparison of treatment of cherry angiomata with pulsed-dye laser, potassium titanyl phosphate laser, and electrodesiccation: a randomized controlled trial. Arch Dermatol. 2010;146(1):33-37. doi: 10.1001/archdermatol.2009.318.
  11. Patra AC, Sil A, Ahmed SS et al.: Effectiveness and safety of 0.5% timolol solution in the treatment of pyogenic granuloma: A randomized, double-blind and placebo-controlled study. Indian J Dermatol Venereol Leprol. 2022;88(4):500-508. doi: 10.25259/ijdvl_565_20.
  12. Huang X, Si W, Zou Z et al.: Efficacy and safety of oral propranolol and topical timolol in the treatment of infantile hemangioma: a meta-analysis and systematic review. Front Pharmacol. 2024;15:1515901. doi: 10.3389/fphar.2024.1515901.

Leitlinien

  1. S2k-Leitlinie: Infantile Hämangiome im Säuglings- und Kleinkindesalter. (AWMF-Registernummer: 006 - 100), Oktober 2020, Version 6.0. Gültigkeit am 30. Oktober 2025 abgelaufen; als frühere deutsche Konsensusleitlinie eingeordnet. AWMF-Veröffentlichungs- und Gültigkeitsangaben [LL1]
  2. Krowchuk DP, Frieden IJ, Mancini AJ et al.: Clinical Practice Guideline for the Management of Infantile Hemangiomas. American Academy of Pediatrics. Pediatrics. 2019;143(1):e20183475. doi: 10.1542/peds.2018-3475. Publizierte US-Leitlinie von 2019; keine deutsche S-Leitlinie [LL2].

Fachinformationen

  1. European Medicines Agency: HEMANGIOL 3,75 mg/ml Lösung zum Einnehmen, Propranolol. Deutsche Produktinformation einschließlich Fachinformation; EPAR und Aktualisierungsangaben, Produktinformation aktualisiert am 23. Juni 2026 [FI1].