Werkzeugstörungen – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Werkzeugstörungen (Störungen höherer geistiger Leistungen wie Sprache, Erkennen oder zielgerichtetes Handeln) mitbedingt sein können:

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Depressive Störungen (Depressionen) – insbesondere eine erworbene Aphasie (Sprachstörung) nach Schlaganfall ist mit einem erhöhten Risiko für depressive Störungen bzw. depressive Symptome assoziiert [1, 2]. Kommunikationsverlust, Einschränkungen der sozialen Interaktion und eine verminderte Autonomie können zur psychischen Belastung beitragen. Zugleich sind gemeinsame Effekte der zugrunde liegenden Hirnläsion (Hirnschädigung) und weitere Schlaganfallfolgen als Einflussfaktoren zu berücksichtigen.

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Einschränkung der Aktivitäten des täglichen Lebens und der funktionellen Selbstständigkeit – insbesondere eine Gliedmaßenapraxie (Störung erlernter zielgerichteter Bewegungen der Arme oder Beine) kann trotz weitgehend erhaltener elementarer Motorik die Planung und Ausführung erlernter zielgerichteter Handlungen sowie den sachgerechten Gebrauch von Gegenständen beeinträchtigen. Betroffen sein können unter anderem Ankleiden, Körperpflege, Nahrungszubereitung und weitere komplexe Alltagshandlungen [3, 4].
  • Persistierende Hilfsbedürftigkeit – eine ausgeprägte Gliedmaßenapraxie nach Schlaganfall ist mit ungünstigeren längerfristigen Ergebnissen hinsichtlich der Aktivitäten des täglichen Lebens assoziiert. Früh erhobene Praxieleistungen können zusätzliche prognostische Informationen zur späteren funktionellen Selbstständigkeit liefern [4].
  • Beeinträchtigung der psychosozialen Funktionsfähigkeit und Lebensqualität – eine persistierende Aphasie kann durch Einschränkungen der expressiven und rezeptiven Kommunikation die soziale Interaktion, Autonomie, gesellschaftliche Teilhabe und gesundheitsbezogene Lebensqualität erheblich beeinträchtigen [5].

Prognosefaktoren

  • Art der Werkzeugstörung
    • Das Ausmaß der funktionellen Einschränkungen hängt wesentlich davon ab, ob vorwiegend Sprache und Sprachverständnis, Lesen und Schreiben, Rechnen, Erkennen oder die Planung und Ausführung zielgerichteter Handlungen betroffen sind.
    • Kombinierte Werkzeugstörungen können mit stärkeren Einschränkungen der funktionellen Selbstständigkeit einhergehen.
  • Ausgangsschweregrad
    • Ein hoher initialer Schweregrad ist insbesondere bei Aphasie und Gliedmaßenapraxie mit einer ungünstigeren funktionellen Prognose assoziiert [4, 5].
  • Ätiologie, Größe und Lokalisation der zugrunde liegenden Hirnläsion
    • Ausmaß und Lokalisation der strukturellen Hirnschädigung beeinflussen Art, Schweregrad und Erholungspotenzial der Werkzeugstörung. Bei postischämischer (nach einem Hirninfarkt aufgetretener) bzw. posthämorrhagischer Aphasie (nach einer Hirnblutung aufgetretener Sprachstörung) gehören insbesondere Läsionsgröße und Läsionslokalisation zu den relevanten prognostischen Faktoren [5].
  • Neurologische und neuropsychologische Begleitdefizite
    • Paresen (Lähmungen), Sensibilitätsstörungen (Störungen des Empfindungsvermögens), Aufmerksamkeitsdefizite (Störungen der Aufmerksamkeit), Neglect, Gedächtnis- und Exekutivstörungen (Störungen der Planung, Steuerung und Kontrolle von Handlungen) können die funktionellen Auswirkungen einer Werkzeugstörung verstärken und die Rehabilitation erschweren. Diese Störungen sind überwiegend Begleitfolgen der zugrunde liegenden Hirnschädigung und nicht Folge der Werkzeugstörung selbst.
  • Spontanerholung (Erholung ohne gezielte Behandlung) und zeitlicher Verlauf
    • Nach Schlaganfall ist die funktionelle Erholung häufig in der frühen postakuten Phase am stärksten ausgeprägt; klinisch relevante Verbesserungen einer Aphasie können jedoch auch in der chronischen Phase auftreten [5].
  • Störungsspezifische Rehabilitation
    • Bei Aphasie können individualisierte Sprach- und Kommunikationstherapie sowie eine ausreichende Therapieintensität die funktionelle Erholung unterstützen [LL1, LL2].
    • Bei Gliedmaßenapraxie können Strategie- und Gestentraining die Ausführung alltagsrelevanter Handlungen verbessern; die Evidenzqualität ist allerdings weiterhin begrenzt [3].
  • Psychische Komorbidität (psychische Begleiterkrankung)
    • Depressive Störungen können Motivation, soziale Teilhabe und rehabilitative Fortschritte zusätzlich beeinträchtigen. Aufgrund des erhöhten Depressionsrisikos bei poststroke Aphasie ist die Erfassung psychischer Begleiterkrankungen klinisch relevant [1, 2].

Literatur

  1. Vogel-Eyny A, Jung YJ, Hyun J et al.: Prevalence of depression in post-stroke aphasia: systematic review and meta-analysis. BMC Neurol. 2026;26:43. doi: 10.1186/s12883-025-04570-1.
  2. Kao SK, Chan CT: Increased risk of depression and associated symptoms in poststroke aphasia. Sci Rep. 2024;14:21352. doi: 10.1038/s41598-024-72742-z.
  3. Purcell S, Galvin R, Coughlan A et al.: Interventions to improve the occupational performance of people with post stroke upper limb apraxia – A systematic review and meta-analysis. Br J Occup Ther. 2024;87(2):67-78. doi: 10.1177/03080226231201738.
  4. Rounis E, Ramanan S, Bickerton WL et al.: Apraxia as a Predictor of Poststroke Recovery: Insights From the Birmingham Cognitive Screening Program. Stroke. 2025;56(12):3522-3526. doi: 10.1161/STROKEAHA.125.051414.
  5. Tilton-Bolowsky VE, Hillis AE: A Review of Poststroke Aphasia Recovery and Treatment Options. Phys Med Rehabil Clin N Am. 2024;35(2):419-431. doi: 10.1016/j.pmr.2023.06.010.

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. National Clinical Guideline for Stroke for the UK and Ireland. 2023 edition. Intercollegiate Stroke Working Party; Royal College of Physicians, London. Kapitel „Communication and language“ sowie „Apraxia“. Leitlinie. [LL1]
  2. National Institute for Health and Care Excellence: Stroke rehabilitation in adults. NICE Guideline NG236. Oktober 2023. Leitlinie. [LL2]
  3. S2k-Leitlinie: Aphasie und Sprechapraxie (Störung der Planung von Sprechbewegungen): Diagnostik und Therapie. (AWMF-Registernummer 030-090) derzeit in Entwicklung; geplante Fertigstellung September 2026. [LL3]