Spannungskopfschmerz – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Spannungskopfschmerz (Kopfschmerz vom Spannungstyp) mitbedingt sein können:

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Chronischer Spannungskopfschmerz (dauerhaft wiederkehrender Kopfschmerz vom Spannungstyp) – wichtigste krankheitsspezifische Chronifizierung (Übergang in einen dauerhaften Verlauf); definiert durch Kopfschmerz an ≥ 15 Tagen/Monat über > 3 Monate. Klinisch relevant durch deutlich reduzierte Lebensqualität, erhöhte Schmerzlast, eingeschränkte Alltagsfunktion und häufigeren Therapiebedarf [1, 3, LL1, LL2].
  • Kopfschmerz durch Medikamentenübergebrauch (Medication Overuse Headache, MOH; Kopfschmerz durch zu häufige Einnahme von Schmerz- oder Migränemitteln) – zentrale vermeidbare Komplikation bei häufiger Einnahme von Akutmedikation, insbesondere Analgetika, nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) oder Kombinationspräparaten; relevant bei Kopfschmerz an ≥ 15 Tagen/Monat und regelmäßiger Übergebrauchsmedikation über > 3 Monate [6, LL1-3].
  • Depressive Störung (Depression)/depressive Symptomatik (depressive Beschwerden) – klinisch relevante psychische Begleit- und mögliche Folgeproblematik vor allem bei frequentem oder chronischem Verlauf; die Beziehung ist bidirektional (wechselseitig), wobei Schmerzchronifizierung (dauerhafte Schmerzentwicklung), Funktionsverlust und reduzierte Lebensqualität depressive Symptome mitunterhalten und die Kopfschmerzlast erhöhen können [2-4].
  • Angststörung (krankhafte Angst)/Angstsymptomatik (Angstbeschwerden) – relevante Komorbidität (Begleiterkrankung) und mögliche Chronifizierungsfolge bei häufigem Spannungskopfschmerz; assoziiert (verbunden) mit höherer Kopfschmerzfrequenz, stärkerer subjektiver Belastung und ungünstigerem Verlauf [2, 4].
  • Insomnie (Schlaflosigkeit)/Schlafstörungen – häufige wechselseitige Begleit- und Folgeproblematik bei chronischen Kopfschmerzen; schlechter Schlaf ist mit ungünstiger Prognose, erhöhter Schmerzempfindlichkeit und höherer Krankheitslast verbunden [2, 5].

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Persistierende perikraniale (den Kopfbereich umgebende) und zervikale (den Halsbereich betreffende) Druckschmerzhaftigkeit/Druckschmerzhypersensitivität (übersteigerte Druckschmerzempfindlichkeit) – klinisch relevantes Chronifizierungsmerkmal, besonders beim chronischen Spannungskopfschmerz; Ausdruck peripherer (außerhalb des zentralen Nervensystems gelegener) und zentraler Sensibilisierung (gesteigerte Schmerzempfindlichkeit des Nervensystems) mit erhöhter Empfindlichkeit im trigeminalen (den Drillingsnerv betreffenden), zervikalen und bei chronischem Verlauf auch extrazephalen (außerhalb des Kopfes gelegenen) Bereich [1, 7, LL2].
  • Anhaltende funktionelle Beeinträchtigung durch Schmerz – relevante Verlaufsfolge bei frequentem oder chronischem Spannungskopfschmerz; klinisch bedeutsam durch eingeschränkte körperliche, berufliche, schulische und soziale Leistungsfähigkeit [1, 3, LL2].

Weiteres

  • Soziale Isolation (Rückzug aus sozialen Kontakten)/Teilhabeeinschränkung – keine eigenständige ICD-10-Komplikation des Spannungskopfschmerzes, aber relevante psychosoziale Folge häufiger oder chronischer Kopfschmerzen; besonders bedeutsam bei Schmerzchronifizierung, Schlafstörung, depressiver Symptomatik, Angstsymptomatik und reduzierter Belastbarkeit [2-5].

Prognosefaktoren

  • Ungünstige Prognosefaktoren
    • Hohe Kopfschmerzfrequenz, insbesondere > 10 Kopfschmerztage/Monat beziehungsweise chronischer Verlauf mit ≥ 15 Kopfschmerztagen/Monat [1, 2, LL1, LL2].
    • Häufige Einnahme von Akutmedikation, insbesondere bei Überschreiten von 10 Tagen/Monat für Kombinationspräparate, Triptane, Mutterkornalkaloide oder Opioide beziehungsweise 15 Tagen/Monat für einfache Analgetika wie Acetylsalicylsäure, Ibuprofen oder Paracetamol [6, LL1, LL3].
    • Depressive Symptomatik, Angstsymptomatik, hoher Stress, schlechte Schlafqualität und geringe Selbstwirksamkeit im Umgang mit Kopfschmerzen [2, 4, 5].
    • Perikraniale Druckschmerzhaftigkeit, zervikale Druckschmerzhypersensitivität und Hinweise auf zentrale Sensibilisierung, insbesondere beim chronischen Spannungskopfschmerz [1, 7, LL2].
    • Begleitende chronische Schmerzerkrankungen und fehlende konsequente nichtmedikamentöse Prävention (Vorbeugung) bei häufigem oder chronischem Verlauf [1, 2, LL2].
  • Günstige Prognosefaktoren
    • Niedrige Kopfschmerzfrequenz, klare episodische Verlaufsform und keine regelmäßige Akutmedikation [1, LL1, LL2].
    • Frühe Aufklärung über Akutmedikationsgrenzen und konsequente Vermeidung eines Medikamentenübergebrauchs [6, LL2, LL3].
    • Regelmäßige körperliche Aktivität, gezielte Mobilisation (Beweglichmachung), Dehnung und Kräftigung der Nackenmuskulatur sowie multimodale nichtmedikamentöse Prophylaxe (Vorbeugung mit mehreren Maßnahmen) bei häufigem oder chronischem Verlauf [1, LL2].
    • Erkennung und Behandlung von Schlafstörungen, depressiver Symptomatik, Angstsymptomatik und Stressbelastung [2, 4, 5, LL2].

Literatur

  1. Ashina S, Mitsikostas DD, Lee MJ et al.: Tension-type headache. Nature Reviews Disease Primers. 2021;7(1):24. https://doi.org/10.1038/s41572-021-00257-2
  2. Probyn K, Bowers H, Caldwell F et al.: Prognostic factors for chronic headache: A systematic review. Neurology. 2017;89(3):291-301. https://doi.org/10.1212/WNL.0000000000004112
  3. Abu Bakar N, Tanprawate S, Lambru G et al.: Quality of life in primary headache disorders: A review. Cephalalgia. 2016;36(1):67-91. https://doi.org/10.1177/0333102415580099
  4. Song TJ, Cho SJ, Kim WJ et al.: Anxiety and Depression in Tension-Type Headache: A Population-Based Study. PLoS One. 2016;11(10):e0165316. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0165316
  5. Fernández-de-las-Peñas C, Fernández-Muñoz JJ, Palacios-Ceña M et al.: Sleep disturbances in tension-type headache and migraine. Therapeutic Advances in Neurological Disorders. 2018;11:1756285617745444. https://doi.org/10.1177/1756285617745444
  6. Chiang CC, Schwedt TJ, Wang SJ et al.: Treatment of medication-overuse headache: A systematic review. Cephalalgia. 2016;36(4):371-386. https://doi.org/10.1177/0333102415593088
  7. Fernández-de-las-Peñas C, Plaza-Manzano G, Navarro-Santana MJ et al.: Evidence of localized and widespread pressure pain hypersensitivity in patients with tension-type headache: A systematic review and meta-analysis. Cephalalgia. 2021;41(2):256-273. https://doi.org/10.1177/0333102420958384

Leitlinien

  1. Headache Classification Committee of the International Headache Society (IHS): The International Classification of Headache Disorders, 3rd edition. Cephalalgia. 2018;38(1):1-211. https://doi.org/10.1177/0333102417738202
  2. S1-Leitlinie: Diagnostik und Therapie des Kopfschmerzes vom Spannungstyp (AWMF-Register-Nr. 030-077) Dezember 2023 Langfassung
  3. S1-Leitlinie: Kopfschmerz bei Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln (Medication Overuse Headache = MOH) (AWMF-Register-Nr. 030-131) April 2022 Langfassung