Posttraumatische Belastungsstörung – Medikamentöse Therapie
Therapieziel
- Remission bzw. klinisch relevante Reduktion der Kernsymptomatik der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) (Folgestörung nach einem traumatischen Erlebnis)
- Reduktion spezifischer Zielsymptome, insbesondere von Schlafstörungen (Störungen des Schlafs) und Albträumen (beängstigenden Träumen), sowie Verbesserung der psychosozialen Funktionsfähigkeit und Lebensqualität
Therapieempfehlungen
Beachte: Nach der aktuellen S3-Leitlinie soll bei der Behandlung der PTBS primär eine traumafokussierte Psychotherapie (Psychotherapie mit gezielter Bearbeitung des traumatischen Erlebnisses) angeboten werden. Eine Pharmakotherapie (medikamentöse Behandlung) ist eine Behandlung der zweiten Wahl, beispielsweise bei Patientenpräferenz, unzureichendem Ansprechen oder fehlender Verfügbarkeit einer traumafokussierten Psychotherapie [LL1].
- Pharmakotherapie der PTBS: Wenn eine psychopharmakologische Behandlung erfolgt, sollen Sertralin, Paroxetin, Fluoxetin oder Venlafaxin eingesetzt werden [1, LL1].
- Sertralin und Paroxetin sind in Deutschland zur Behandlung der PTBS zugelassen.
- Fluoxetin und Venlafaxin werden bei PTBS im Off-Label-Use eingesetzt; die besonderen Anforderungen an Aufklärung und Dokumentation beim Off-Label-Use sind zu beachten [LL1].
- PTBS-assoziierte Albträume: Prazosin kann erwogen werden (Off-Label-Use; offene Empfehlung) [2, LL1].
- Dronabinol: Eine 2026 publizierte randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie zeigt eine signifikante Reduktion der PTBS-assoziierten Albtraumsymptomatik (Beschwerden durch Albträume) mit moderater standardisierter Effektstärke [4]. Da die Studie nach Fertigstellung der aktuellen S3-Leitlinie publiziert wurde, besteht derzeit noch keine Leitlinienempfehlung für Dronabinol.
- Begleitende Pharmakotherapie: Im Rahmen einer traumafokussierten Psychotherapie sollte eine Pharmakotherapie nur zur Behandlung von Schlafstörungen oder komorbiden Störungen (zusätzlich bestehenden Erkrankungen) angeboten werden [LL1].
- Benzodiazepine und Z-Substanzen: sollen zur Behandlung der PTBS nicht eingesetzt werden [LL1].
- Atypische Antipsychotika (Arzneimittel zur Behandlung bestimmter schwerer psychischer Erkrankungen): Eine Behandlung der PTBS mit atypischen Antipsychotika kann aufgrund der geringen Effektstärke und der möglichen unerwünschten Wirkungen nicht empfohlen werden [LL1].
- Für die in älteren Therapieschemata aufgeführten trizyklischen Antidepressiva, Monoaminooxidasehemmer, Mirtazapin, Carbamazepin und Lamotrigin besteht in der aktuellen S3-Leitlinie keine PTBS-spezifische Therapieempfehlung. Ein Einsatz kann sich bei entsprechender Komorbidität (zusätzlich bestehender Erkrankung) aus der jeweiligen eigenständigen Indikation ergeben.
Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI)
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Sertralin | In Deutschland für PTBS zugelassen; Mittel der ersten Wahl bei indizierter Pharmakotherapie |
| Paroxetin | In Deutschland für PTBS zugelassen; Mittel der ersten Wahl bei indizierter Pharmakotherapie |
| Fluoxetin | Off-Label-Use bei PTBS; lange Halbwertzeit und klinisch relevante CYP2D6-Hemmung |
- Wirkweise: Selektive Hemmung des Serotonintransporters und dadurch Verminderung der präsynaptischen Wiederaufnahme von Serotonin.
- Indikationen: Medikamentöse Behandlung der PTBS, wenn eine Pharmakotherapie indiziert ist [1, LL1]; Sertralin und Paroxetin zugelassen, Fluoxetin im Off-Label-Use.
- Kontraindikationen (Gegenanzeigen): Gleichzeitige Behandlung mit Monoaminooxidasehemmern; weitere substanzspezifische Kontraindikationen und Interaktionen gemäß Fachinformation beachten.
- Halbwertzeit: Sertralin ca. 26 Stunden; Paroxetin ca. 1 Tag; Fluoxetin ca. 4-6 Tage, aktiver Metabolit Norfluoxetin ca. 4-16 Tage.
- Dosierungshinweise: Dosis individuell nach Wirksamkeit und Verträglichkeit titrieren. Insbesondere Paroxetin nicht abrupt absetzen; nach längerer Behandlung schrittweise ausschleichen. Bei Leberfunktionsstörungen (Störungen der Leberfunktion) sowie bei älteren Patienten ist eine vorsichtige Dosierung angezeigt.
- Nebenwirkungen: Übelkeit, Diarrhoe, Kopfschmerzen, Schlafstörungen oder Somnolenz, initiale Unruhe bzw. Angstverstärkung, Tremor, vermehrtes Schwitzen, sexuelle Funktionsstörungen (Störungen der Sexualfunktion), Hyponatriämie/Syndrom der inadäquaten ADH-Sekretion (SIADH) (Störung des Wasser- und Salzhaushalts durch übermäßige Wirkung des antidiuretischen Hormons), erhöhte Blutungsneigung insbesondere bei gleichzeitiger Therapie mit nichtsteroidalen Antirheumatika oder Antikoagulanzien; selten Serotonin-Syndrom (gefährliche Überaktivität des Serotoninsystems). Absetzsymptome (Beschwerden nach Verringerung oder Beendigung der Einnahme) sind insbesondere unter Paroxetin relevant.
Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI)
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Venlafaxin retard | Off-Label-Use bei PTBS; Blutdruckkontrollen insbesondere bei höheren Dosierungen |
- Wirkweise: Hemmung der Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin; die noradrenerge Wirkung nimmt dosisabhängig zu.
- Indikationen: Medikamentöse Behandlung der PTBS bei indizierter Pharmakotherapie; Off-Label-Use [1, LL1].
- Kontraindikationen: Gleichzeitige Behandlung mit irreversiblen Monoaminooxidasehemmern; substanzspezifische Kontraindikationen gemäß Fachinformation beachten.
- Halbwertzeit: Venlafaxin ca. 5 Stunden; aktiver Metabolit O-Desmethylvenlafaxin ca. 11 Stunden.
- Dosierungshinweise: Blutdruck und Herzfrequenz insbesondere bei Dosiserhöhungen kontrollieren. Dosisanpassung bei relevanter Nieren- oder Leberfunktionsstörung (Störung der Nieren- oder Leberfunktion). Wegen ausgeprägter Absetzsymptome nach längerer Therapie schrittweise ausschleichen.
- Nebenwirkungen: Übelkeit, Mundtrockenheit, Obstipation, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, vermehrtes Schwitzen, sexuelle Funktionsstörungen, Blutdruckanstieg, Tachykardie (beschleunigter Herzschlag), Hyponatriämie sowie dosisabhängig Absetzsymptome.
Alpha-1-Adrenozeptor-Antagonisten
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Prazosin | Off-Label-Use bei PTBS-assoziierten Albträumen; in Deutschland nur über internationale Apotheken verfügbar; offene Leitlinienempfehlung |
- Wirkweise: Selektive Blockade postsynaptischer Alpha-1-Adrenozeptoren; dadurch Verminderung noradrenerg vermittelter sympathischer Aktivierung.
- Indikationen: PTBS-assoziierte Albträume; Prazosin kann bei entsprechender Zielsymptomatik erwogen werden [2, LL1]. Für die PTBS-Gesamtsymptomatik besteht keine entsprechende Empfehlung.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Prazosin bzw. verwandte Chinazoline; bei bestehender symptomatischer Hypotonie (zu niedrigem Blutdruck mit Beschwerden) ist besondere Zurückhaltung erforderlich.
- Halbwertzeit: ca. 2-3 Stunden.
- Dosierungshinweise: Wegen des First-dose-Effekts niedrige Initialdosis und erste Einnahme zur Nacht. Langsame Aufdosierung unter Kontrolle von Blutdruck und orthostatischen Beschwerden (Beschwerden beim Aufstehen durch Blutdruckabfall). Vorsicht bei gleichzeitiger Gabe weiterer Antihypertensiva oder Phosphodiesterase-5-Hemmer.
- Nebenwirkungen: Schwindel, orthostatische Hypotonie (Blutdruckabfall beim Aufstehen), Synkope (kurzzeitige Bewusstlosigkeit), Kopfschmerzen, Müdigkeit/Asthenie, Palpitationen (Herzklopfen) und Übelkeit.
Cannabinoide
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Dronabinol (Δ9-Tetrahydrocannabinol, THC) | Off-Label-Use; neue RCT-Evidenz primär für PTBS-assoziierte Albträume; bislang keine Leitlinienempfehlung und keine gesicherten Langzeitdaten [4] |
- Wirkweise: Dronabinol ist Δ9-Tetrahydrocannabinol und wirkt überwiegend als partieller Agonist an Cannabinoid-CB1- und CB2-Rezeptoren. Die genaue Vermittlung der Wirkung auf PTBS-assoziierte Albträume ist nicht abschließend geklärt; diskutiert wird eine Modulation von Schlaf-, Stress- und Furchtverarbeitungsprozessen über das Endocannabinoidsystem.
- Indikationen: Für PTBS-assoziierte Albträume liegt seit 2026 Evidenz aus einer randomisierten kontrollierten Studie vor [4]. Für Dronabinol als Behandlung der PTBS-Gesamtsymptomatik besteht dagegen keine ausreichende Evidenz [3].
- Kontraindikationen: Präparatespezifisch gemäß Fachinformation; keine Anwendung bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff bzw. Bestandteile des verwendeten Präparats. Bei psychotischen Erkrankungen (Erkrankungen mit gestörter Wahrnehmung der Realität), Manie (krankhaft gesteigerter Stimmung und Aktivität), relevantem Substanzkonsumrisiko, instabilen kardiovaskulären Erkrankungen (Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems) sowie in Schwangerschaft und Stillzeit ist eine besonders strenge Nutzen-Risiko-Abwägung erforderlich.
- Halbwertzeit: initiale Eliminationshalbwertzeit etwa 4 Stunden; terminale Halbwertzeit etwa 25-36 Stunden.
- Dosierungshinweise: Das untersuchte Dosierungsschema stellt ein Studienregime und noch keinen leitlinienbasierten Dosierungsstandard für PTBS-Albträume dar. Wegen psychoaktiver und psychomotorischer Wirkungen sind individuelle Titration, Interaktionsprüfung und Aufklärung über Einschränkungen der Fahrtüchtigkeit erforderlich.
- Nebenwirkungen: Schwindel, Kopfschmerzen, Somnolenz, Müdigkeit, Appetitsteigerung, Beeinträchtigung von Aufmerksamkeit und Reaktionsvermögen, Euphorie oder Dysphorie, Angst, Tachykardie und orthostatische Beschwerden; dosisabhängig sind psychotische Reaktionen (Störungen der Wahrnehmung und des Realitätsbezugs) möglich. Missbrauchs- und Abhängigkeitspotential beachten.
Weitere Hinweise
- Dronabinol bei PTBS-assoziierten Albträumen: In einer multizentrischen, randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie wurden 171 Erwachsene mit PTBS und rezidivierenden Albträumen (wiederholt auftretenden Albträumen) über 10 Wochen mit Dronabinol 2,5-15 mg einmal täglich vor dem Schlafengehen oder Placebo behandelt. Der primäre Endpunkt, Häufigkeit und Intensität der Albträume auf dem CAPS-IV-B2-Item, nahm unter Dronabinol signifikant stärker ab als unter Placebo; der adjustierte Gruppenunterschied betrug −1,50 Punkte (95-%-Konfidenzintervall −2,28 bis −0,71; Cohen's d = 0,65; p < 0,001) [4].
- Unerwünschte Ereignisse traten bei 89,7 % unter Dronabinol und bei 77,1 % unter Placebo auf.
- Therapieabbrüche aufgrund unerwünschter Ereignisse: 5,7 % versus 7,2 %.
- Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse wurden bei 7 Patienten unter Dronabinol (8,0 %) und bei keinem Patienten unter Placebo berichtet; aus diesen Angaben allein lässt sich keine Kausalität zum Prüfpräparat ableiten.
- Langzeitwirksamkeit und Langzeitsicherheit sind noch nicht geklärt [4].
- Einordnung der Cannabinoid-Evidenz: Eine 2026 publizierte systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse randomisierter kontrollierter Studien ergab noch keine hinreichende Evidenz für Cannabinoide zur Behandlung der PTBS als Gesamterkrankung [3]. Die neue Dronabinol-Studie wurde erst im August 2026 publiziert und konnte aufgrund des früheren Suchzeitraums nicht in diese Metaanalyse eingehen. Die neue Evidenz bezieht sich primär auf PTBS-assoziierte Albträume und darf derzeit nicht auf die gesamte PTBS-Kernsymptomatik extrapoliert werden [3, 4].
- MDMA-unterstützte Psychotherapie: Randomisierte Phase-III-Studien zeigen eine relevante Reduktion der PTBS-Symptomatik bei MDMA-unterstützter Psychotherapie. Die aktuelle S3-Leitlinie bewertet das Verfahren als vielversprechend; eine reguläre Behandlung mit MDMA ist in Deutschland derzeit jedoch nicht möglich [LL1].
- Bei unzureichendem Ansprechen auf eine Pharmakotherapie sollten Diagnose, Therapietreue, Dosierung, relevante Komorbiditäten, Substanzkonsum, Schlafstörungen sowie die Verfügbarkeit und Durchführung einer leitliniengerechten traumafokussierten Psychotherapie erneut überprüft werden.
Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)
Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für die Gesundheit von Nerven und Psyche sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:
- Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
- Mineralstoffe (Magnesium)
- Spurenelemente (Molybdän, Selen, Zink)
- Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
- Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Grüntee-Polyphenole, Epigallocatechingallate)
- Weitere Vitalstoffe (Coenzym Q10 (CoQ10), Phosphatidylserin)
Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
Literatur
- Williams T, Phillips NJ, Stein DJ et al.: Pharmacotherapy for post traumatic stress disorder (PTSD). Cochrane Database Syst Rev 2022;3:CD002795. doi: 10.1002/14651858.CD002795.pub3
- Mendes TP, Pereira BG, Coutinho ESF et al.: Factors impacting prazosin efficacy for nightmares and insomnia in PTSD patients - a systematic review and meta-regression analysis. Prog Neuropsychopharmacol Biol Psychiatry 2025;136:111253. doi: 10.1016/j.pnpbp.2025.111253
- Wilson J, Dobson O, Langcake A et al.: The efficacy and safety of cannabinoids for the treatment of mental disorders and substance use disorders: a systematic review and meta-analysis. Lancet Psychiatry 2026;13(4):304-315. doi: 10.1016/S2215-0366(26)00015-5
- Roepke S, Schoofs N, Priebe K et al.: Dronabinol for nightmares in post-traumatic stress disorder: a randomized controlled trial. Nat Med 2026. doi: 10.1038/s41591-026-04546-9
- Mitchell JM, Ot'alora G M, van der Kolk B et al.: MDMA-assisted therapy for moderate to severe PTSD: a randomized, placebo-controlled phase 3 trial. Nat Med 2023;29:2473-2480. doi: 10.1038/s41591-023-02565-4
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- S3-Leitlinie: Posttraumatische Belastungsstörung (ADAPT). (Registernummer 155-001) Februar 2026. Langfassung. [LL1]