Leichte kognitive Beeinträchtigung – Körperliche Untersuchung
Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:
- Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruck, Puls, Körpergewicht, Körpergröße bzw. Body-Mass-Index; des Weiteren:
- Allgemeinzustand, Ernährungszustand und Hydratationszustand (Flüssigkeitszustand des Körpers)
- Kreislaufstatus
- Blutdruck und Herzfrequenz (Herzschlaghäufigkeit)
- Pulsrhythmus zum klinischen Hinweis auf Herzrhythmusstörungen, insbesondere Vorhofflimmern (unregelmäßige Herzrhythmusstörung der Vorhöfe)
- Orthostatische Blutdruckmessung (Blutdruckmessung beim Lagewechsel) bei Schwindel, Synkopen (kurzzeitigen Bewusstlosigkeiten), Stürzen bzw. Hinweisen auf eine autonome Dysfunktion (Störung des unwillkürlichen Nervensystems)
- Herz- und Gefäßstatus
- Auskultation (Abhören) des Herzens
- Peripherer Gefäß- und Pulsstatus bei Hinweisen auf eine vaskuläre Erkrankung (Gefäßerkrankung)
- Inspektion (Betrachtung) und Palpation (Abtasten) der Schilddrüse bei klinischen Hinweisen auf eine Thyreopathie (Schilddrüsenerkrankung)
- Beurteilung der Sinnesfunktionen
- Orientierende Prüfung des Hörvermögens; bei Verdacht auf Hörminderung audiologische Abklärung (Untersuchung des Hörvermögens)
- Orientierende Prüfung des Sehvermögens; relevante Sehbeeinträchtigungen bei der Interpretation kognitiver Tests berücksichtigen
- Neurologische Untersuchung
- Bewusstseinslage und Vigilanz (Wachheitsgrad); insbesondere Ausschluss einer Bewusstseinsstörung bzw. ausgeprägter Vigilanzschwankungen (Schwankungen des Wachheitsgrades)
- Hirnnervenstatus
- Pupillenreaktionen und Augenmotilität (Augenbeweglichkeit)
- Gesichtsfeld orientierend
- Fazialisfunktion (Funktion des Gesichtsnervs)
- Sprech- und Schluckfunktion bei klinischem Verdacht auf eine neurologische Begleiterkrankung
- Motorik (Bewegungsfunktion)
- Muskelkraft und Seitendifferenzen
- Muskeltonus (Muskelspannung)
- Prüfung auf Bradykinese (verlangsamte Bewegungen), Rigor (Muskelsteifigkeit) und Ruhe- bzw. Aktionstremor (Zittern in Ruhe bzw. bei Bewegung)
- Prüfung auf fokale Paresen (umschriebene Lähmungen) bzw. andere motorische Herdzeichen (Hinweise auf eine umschriebene Hirnschädigung)
- Muskeleigenreflexe und Pyramidenbahnzeichen (Hinweise auf eine Schädigung motorischer Nervenbahnen)
- Koordination
- Finger-Nase-Versuch
- Knie-Hacke-Versuch bei entsprechender Fragestellung
- Prüfung auf Dysmetrie (Fehlbemessung von Bewegungen) bzw. Ataxie (Störung der Bewegungskoordination)
- Sensibilität (Empfindungsvermögen)
- Oberflächen- und Tiefensensibilität orientierend
- Vibrationsempfinden bei Verdacht auf Polyneuropathie (Erkrankung mehrerer peripherer Nerven)
- Gang und Gleichgewicht
- Gangbild, Schrittlänge, Ganggeschwindigkeit und Wendebewegungen
- Romberg-Stehversuch (Gleichgewichtsprüfung im Stehen)
- Tandemgang (Gehen auf einer geraden Linie mit Ferse vor Fußspitze) bei ausreichender Standsicherheit
- Prüfung auf kleinschrittiges Gangbild, Starthemmung, Gangapraxie (Störung der zielgerichteten Gehbewegung) bzw. posturale Instabilität (Störung der Haltungsstabilität)
- Bei klinischer Fragestellung Beurteilung des Gangbildes unter Doppelaufgabe zur Erfassung kognitiv-motorischer Interferenzen (gegenseitiger Beeinflussung von Denken und Bewegung)
- Prüfung auf Aphasie (Sprachstörung), Apraxie (Störung zielgerichteter Handlungen), Agnosie (Störung des Erkennens), Neglect (Nichtbeachtung einer Raum- oder Körperhälfte) bzw. andere kortikale Funktionsstörungen (Störungen der Großhirnrindenfunktion) bei entsprechendem klinischen Verdacht
- Orientierende Untersuchung der kognitiven Funktionen
- Orientierung zu Zeit, Ort, Situation und Person
- Aufmerksamkeit und Konzentration
- Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit
- Lernen und episodisches Gedächtnis (Gedächtnis für persönliche Erlebnisse und Ereignisse) einschließlich verzögertem Abruf und Wiedererkennen
- Exekutive Funktionen (Fähigkeiten zur Planung und Steuerung von Handlungen), insbesondere Arbeitsgedächtnis, kognitive Flexibilität und Handlungsplanung
- Sprache, insbesondere Benennen, Sprachflüssigkeit und Sprachverständnis
- Visuokonstruktive (Fähigkeit zum räumlich korrekten Zeichnen und Zusammensetzen) und visuospatiale Leistungen (räumliches Sehen und Orientieren)
- [Leichte objektivierbare Leistungsminderung in mindestens einer kognitiven Domäne (geistigen Funktionsbereich) bei vollständig oder weitgehend erhaltener Alltagskompetenz und erhaltener selbstständiger Lebensführung]
- Zur orientierenden Objektivierung im nicht spezialisierten Setting vorzugsweise Montreal Cognitive Assessment (MoCA); dieses weist bei leichter kognitiver Beeinträchtigung eine höhere Sensitivität (Treffsicherheit für das Erkennen Erkrankter) als der Mini-Mental-Status-Test (MMST) auf; im deutschsprachigen Raum kann alternativ beispielsweise der DemTect eingesetzt werden.
- Ein unauffälliger kognitiver Kurztest schließt bei klinisch begründetem Verdacht eine leichte kognitive Beeinträchtigung nicht aus; bei Diskrepanz (Abweichung) zwischen klinischem Eindruck bzw. Fremdanamnese (Krankengeschichte durch Angaben anderer Personen) und Kurztestergebnis ist eine vertiefte neuropsychologische Diagnostik (ausführliche Untersuchung der geistigen Leistungsfähigkeit) erforderlich.
- Psychiatrische bzw. psychopathologische Untersuchung
- Stimmung und Affekt (Gefühlsausdruck)
- Antrieb und Psychomotorik (Zusammenspiel von seelischen Vorgängen und Bewegung)
- Aufmerksamkeit und Vigilanzschwankungen
- Formales und inhaltliches Denken
- Wahrnehmungsstörungen, insbesondere Halluzinationen (Sinneswahrnehmungen ohne äußeren Reiz)
- Apathie (Teilnahmslosigkeit), Angst, Reizbarkeit bzw. Persönlichkeits- und Verhaltensänderungen
- Hinweise auf eine depressive Störung als Ursache, Begleiterkrankung bzw. Verstärker kognitiver Beschwerden
- Bei akutem bzw. fluktuierendem Verlauf gezielte Prüfung auf ein Delir (akute Verwirrtheitsstörung)
- Beurteilung von Alltagsfunktion und Selbstständigkeit
- Basale Aktivitäten des täglichen Lebens
- Komplexe bzw. instrumentelle Aktivitäten des täglichen Lebens, insbesondere
- Medikamenteneinnahme
- Finanzielle Angelegenheiten
- Terminplanung und Organisation
- Einkaufen und Zubereitung von Mahlzeiten
- Nutzung von Verkehrsmitteln bzw. Orientierung außerhalb der Wohnung
- Eine leichte Beeinträchtigung komplexer Alltagsaktivitäten ist mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung vereinbar; ein Verlust der selbstständigen Lebensführung spricht dagegen für eine weiter fortgeschrittene neurokognitive Störung (Erkrankung der geistigen Leistungsfähigkeit).
Red Flags (Warnzeichen) bei leichter kognitiver Beeinträchtigung
- Akuter bzw. subakuter Beginn mit fluktuierender Aufmerksamkeit oder Vigilanz → Verdacht auf Delir bzw. akute neurologische, infektiöse, metabolische (stoffwechselbedingte) oder toxische Ursache (durch schädliche Stoffe verursachte Ursache)
- Rasche kognitive Verschlechterung innerhalb von Wochen bis wenigen Monaten → Abklärung einer rasch progredienten (schnell fortschreitenden) neurokognitiven Erkrankung
- Neu aufgetretene fokal-neurologische Defizite (umschriebene Ausfälle des Nervensystems), epileptische Anfälle bzw. ausgeprägte Kopfschmerzen → dringlicher Ausschluss einer zerebrovaskulären (die Hirngefäße betreffenden) bzw. strukturellen Ursache
- Ausgeprägte Gangstörung bzw. Gangapraxie in Kombination mit kognitiver Verschlechterung und neu aufgetretener Harninkontinenz (unwillkürlichem Urinverlust) → Verdacht auf Normaldruckhydrozephalus (Erweiterung der Hirnkammern bei meist normalem Hirndruck)
- Ausgeprägter Parkinsonismus (parkinsonähnliche Bewegungsstörungen), deutliche kognitive Fluktuationen bzw. visuelle Halluzinationen → Hinweis auf ein Lewy-Körper-Syndrom (neurodegenerative Erkrankung mit Eiweißablagerungen in Nervenzellen) bzw. eine andere neurodegenerative Erkrankung (fortschreitende Erkrankung des Nervensystems)
- Ausgeprägte Aphasie, Apraxie, Agnosie, kortikale Sehstörung (durch eine Störung der Großhirnrinde verursachte Sehstörung) bzw. andere fokale kortikale Syndrome (umschriebene Störungsbilder der Großhirnrinde) → Hinweis auf eine atypische neurodegenerative bzw. strukturelle Erkrankung
- Deutlicher Verlust der Alltagskompetenz bzw. der selbstständigen Lebensführung → leichte kognitive Beeinträchtigung als alleinige syndromale Diagnose (Diagnose anhand eines typischen Beschwerde- und Befundmusters) nicht mehr ausreichend; Abklärung einer Demenz (fortschreitende Beeinträchtigung geistiger Fähigkeiten mit Einschränkung der Selbstständigkeit) bzw. schweren neurokognitiven Störung
In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.