Gehirnerschütterung (Commotio cerebri) – Körperliche Untersuchung
Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:
Bei einer Commotio cerebri können die körperlichen und neurologischen (das Nervensystem betreffenden) Untersuchungsbefunde unauffällig sein. Eine Bewusstlosigkeit ist für die Diagnose nicht erforderlich. Es gibt keinen einzelnen pathognomonischen (eindeutig für die Erkrankung sprechenden) körperlichen Befund; ein unauffälliger Befund schließt weder eine Commotio cerebri noch eine intrakranielle (im Schädelinneren liegende) Verletzung sicher aus [2, LL1, LL2].
- Beurteilung des Bewusstseins mithilfe der Glasgow Coma Scale (GCS) – Augenöffnen, verbale und beste motorische Reaktion getrennt dokumentieren; Untersuchung im Verlauf wiederholen. Einzelkomponenten und Gesamtwert angeben, z. B. E4, V5, M6 bei insgesamt 15 Punkten. Einflussfaktoren wie Intoxikation (Vergiftung), Sedierung, Sprachbarrieren oder vorbestehende neurologische Einschränkungen berücksichtigen. Eine Bewusstseinsstörung nach Kopfverletzung darf nicht vorschnell allein einer Intoxikation zugeschrieben werden [1, LL1, FI1].
- Allgemeine körperliche Untersuchung – zunächst Atemwege, Atmung und Kreislauf beurteilen; Blutdruck, Puls und Atemfrequenz erfassen. Sauerstoffsättigung und Körpertemperatur insbesondere bei beeinträchtigtem Allgemeinzustand, Bewusstseinsstörung oder erforderlicher Überwachung bestimmen. Körpergewicht und Körpergröße bei Bedarf erheben; sie dürfen die Akutbeurteilung nicht verzögern. Des Weiteren:
- Inspektion von Haut und Schleimhäuten – Hautkolorit (Hautfarbe), äußere Blutungen und Begleitverletzungen erfassen.
- Untersuchung von Kopf und Gesicht – Kopfhaut auf Wunden und Hämatome (Blutergüsse) untersuchen; Schädel vorsichtig auf Druckschmerz, Stufenbildung und tastbare Impressionen (Eindellungen) prüfen. Auf periorbitale (um die Augen liegende) und retroaurikuläre (hinter dem Ohr liegende) Hämatome, Hämatotympanon (Blut hinter dem Trommelfell) sowie klare Flüssigkeit aus Nase oder Ohr als mögliche Zeichen einer Schädelbasisfraktur (Bruch der Schädelbasis) achten. Fehlende äußere Verletzungszeichen schließen eine intrakranielle Verletzung nicht aus.
- Untersuchung der Halswirbelsäule – auf Schmerzen, Mittelliniendruckschmerz und neurologische Ausfälle achten. Bei möglicher instabiler Verletzung keine aktive oder passive Beweglichkeitsprüfung durchführen; Halswirbelsäule bis zur Abklärung schützen.
- Auskultation von Herz und Lunge – insbesondere bei Kreislauf- oder Atemauffälligkeiten und Verdacht auf Begleitverletzungen.
- Untersuchung des Abdomens (Bauchraum) – bei entsprechendem Unfallmechanismus oder Beschwerden Inspektion und vorsichtige Palpation auf Druckschmerz, Abwehrspannung (unwillkürliche Anspannung der Bauchmuskulatur) und Verletzungszeichen. Eine ausführliche abdominale Routineuntersuchung ohne klinischen Anlass ist bei isolierter Kopfverletzung nicht erforderlich.
- Neurologische Untersuchung – seitengleich und unter Berücksichtigung des Ausgangsbefundes:
- Orientierung und kognitive Funktionen (Denk- und Gedächtnisleistungen) – Orientierung zu Person, Ort, Zeit und Situation; Aufmerksamkeit, unmittelbare Merkfähigkeit und verzögerten Abruf prüfen. Retrograde (die Zeit vor dem Unfall betreffende) und anterograde (die Zeit nach dem Unfall betreffende) Amnesie (Gedächtnisverlust) sowie anhaltende posttraumatische (nach einer Verletzung auftretende) Gedächtnisstörungen erfassen.
- Pupillen (Öffnungen in der Regenbogenhaut) und Hirnnerven (direkt mit dem Gehirn verbundene Nerven) – Pupillenweite, Seitengleichheit und Lichtreaktion; Augenstellung und Augenbewegungen, Doppelbilder, Gesichtsmotorik sowie Sprache und Artikulation beurteilen. Eine neu aufgetretene Anisokorie (ungleiche Pupillenweite), fehlende Lichtreaktion oder andere fokale (örtlich begrenzte) Ausfälle sind Warnzeichen.
- Motorik (Bewegungsfähigkeit), Sensibilität (Empfindungsfähigkeit) und Reflexe (unwillkürliche Reaktionen auf Reize) – Kraft und Bewegungen aller Extremitäten (Arme und Beine), Armhalteversuch, Berührungsempfinden und Muskeleigenreflexe im Seitenvergleich prüfen. Paresen (Lähmungen), umschriebene Sensibilitätsstörungen (Empfindungsstörungen) oder deutliche Reflexasymmetrien (unterschiedliche Reflexantworten beider Körperseiten) sprechen gegen eine unkomplizierte Commotio cerebri.
- Koordination, Stand und Gang – bei ausreichender Wachheit und sicher ausgeschlossener relevanter Wirbelsäulen- oder Extremitätenverletzung Finger-Nase-Versuch, Standprüfung sowie Gang und Tandemgang durchführen. Dabei auf Unsicherheit und Ataxie (Störung der Bewegungskoordination) achten; Sturzsicherung gewährleisten.
- Vestibuläre (das Gleichgewichtssystem betreffende) und okulomotorische (die Augenbewegungen betreffende) Funktionen – bei Schwindel, Sehstörungen oder anhaltenden Beschwerden gezielte klinische Prüfung von Blickfolge, Sakkaden, Konvergenz und vestibulookulärem Reflex; Symptomprovokation dokumentieren. Kopfbewegungen erst nach Ausschluss einer relevanten Halswirbelsäulenverletzung. Auffälligkeiten können die Beschwerden erklären, beweisen für sich allein jedoch keine Commotio cerebri [2].
- Verlaufsuntersuchung – Bewusstsein, Pupillen und Extremitätenmotorik wiederholt beurteilen. Bei stationärer Beobachtung zusätzlich Atemfrequenz, Herzfrequenz, Blutdruck, Körpertemperatur und Sauerstoffsättigung dokumentieren; Intervalle nach klinischem Zustand und Überwachungsstandard festlegen. Verschlechterungen erfordern eine sofortige erneute ärztliche Untersuchung [LL1].
- Besonderheiten bei Kindern – Untersuchung dem Entwicklungsstand anpassen; bei kleinen oder nicht verbal kommunizierenden Kindern eine altersadaptierte GCS verwenden. Verhalten, Interaktion, spontane Motorik und Tröstbarkeit mit dem üblichen Zustand vergleichen. Bei Säuglingen zusätzlich Fontanelle (noch nicht knöchern geschlossene Stelle zwischen den Schädelknochen) und Kopfhaut beurteilen. Insbesondere Pupillenasymmetrie (unterschiedliche Pupillenweite), Hämatotympanon und auffällige Kopfhauthämatome können auf eine schwerwiegendere Verletzung hinweisen [LL1, LL2, FI2].
Red Flags (Warnzeichen) bei Commotio cerebri
- Zunehmende Bewusstseinstrübung oder Abfall des GCS-Wertes – Hinweis auf eine mögliche neurologische Verschlechterung.
- Neue fokale neurologische Ausfälle, Anisokorie oder fehlende Pupillenlichtreaktion – Verdacht auf eine intrakranielle Verletzung mit möglicher Hirnkompression (Druck auf das Gehirn).
- Posttraumatische Krampfanfälle – Hinweis auf eine mögliche strukturelle Hirnverletzung.
- Wiederholtes Erbrechen oder deutlich zunehmende Kopfschmerzen – mögliche Zeichen einer intrakraniellen Komplikation.
- Zeichen einer offenen oder eingedrückten Schädelfraktur (Schädelbruch) bzw. einer Schädelbasisfraktur – Verdacht auf eine relevante Schädelverletzung.
Diese Befunde erfordern unverzügliche weiterführende Notfalldiagnostik. Eine intrakranielle Blutung, Contusio cerebri (Gehirnprellung) oder Hirnkompression muss dann ausgeschlossen werden. Ein GCS-Wert von 15 Punkten schließt diese Verletzungen nicht aus [LL1, LL2].
Glasgow Coma Scale (GCS) – Skala zur Beurteilung einer Bewusstseinsstörung [1, FI1]
| Komponente | Beste beobachtete Reaktion | Punkte |
|---|---|---|
| Augenöffnen (E) | Spontan | 4 |
| Auf Ansprache | 3 | |
| Auf Druckreiz | 2 | |
| Kein Augenöffnen | 1 | |
| Verbale Reaktion (V) | Orientiert | 5 |
| Verwirrt, aber zusammenhängende Kommunikation | 4 | |
| Einzelne verständliche Wörter, keine zusammenhängende Kommunikation | 3 | |
| Unverständliche Laute | 2 | |
| Keine verbale Reaktion | 1 | |
| Beste motorische Reaktion (M) | Befolgt Aufforderungen | 6 |
| Lokalisiert den Reiz mit gezielter Abwehr | 5 | |
| Normale Beugereaktion mit Zurückziehen auf Druckreiz | 4 | |
| Abnorme Beugereaktion auf Druckreiz | 3 | |
| Streckreaktion auf Druckreiz | 2 | |
| Keine motorische Reaktion | 1 |
Beurteilung und Anwendung
- Die beste beobachtete Reaktion jeder Komponente wird dokumentiert. Bei vollständig prüfbaren Komponenten beträgt der Gesamtwert 3-15 Punkte. Die GCS erfasst die Bewusstseinslage; sie ersetzt keine vollständige neurologische Untersuchung [FI1].
- Die übliche Einteilung des Schädel-Hirn-Traumas (Verletzung des Gehirns durch äußere Gewalteinwirkung) lautet: leicht bei 13-15 Punkten, mittelschwer bei 9-12 Punkten und schwer bei 3-8 Punkten. Ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma ist nicht automatisch eine unkomplizierte Commotio cerebri [LL1, LL2].
- Bei einem GCS-Wert von höchstens 8 Punkten ist eine sofortige fachkundige Atemwegsbeurteilung erforderlich; in der Regel ist eine endotracheale Intubation zur Atemwegssicherung indiziert. Auch bei höheren Werten können fehlende Schutzreflexe oder unzureichende Atmung eine Atemwegssicherung erfordern [LL1, LL2].
- Nicht prüfbare Komponenten, z. B. die verbale Reaktion bei Intubation, als NT dokumentieren und begründen. Dafür nicht automatisch 1 Punkt vergeben; bei unvollständiger Prüfbarkeit keinen regulären Summenwert bilden [FI1].
- Druckreize nur anwenden, wenn spontane Reaktionen und Ansprache keine ausreichende Beurteilung erlauben. Zeitpunkt, Einzelwerte, Seitendifferenzen und beeinflussende Faktoren festhalten [FI1].
In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.
Abkürzungen
- GCS – Glasgow Coma Scale
- E – Eye opening; Augenöffnen
- V – Verbal response; verbale Reaktion
- M – Motor response; motorische Reaktion
- NT – Not testable; nicht prüfbar
- LL – Leitlinie
- FI – Fachinformation
- NICE – National Institute for Health and Care Excellence
- NG – NICE Guideline; Leitlinie des NICE
- TBI – Traumatic Brain Injury; traumatische Hirnverletzung
Literatur
- Teasdale G, Jennett B: Assessment of coma and impaired consciousness. A practical scale. Lancet. 1974;2(7872):81-84. doi:10.1016/s0140-6736(74)91639-0
- Patricios JS, Schneider KJ, Dvorak J et al.: Consensus statement on concussion in sport: the 6th International Conference on Concussion in Sport-Amsterdam, October 2022. Br J Sports Med. 2023;57:695-711. doi:10.1136/bjsports-2023-106898
Leitlinien
- National Institute for Health and Care Excellence: Head injury: assessment and early management. NICE Guideline NG232. 2023. Empfehlungen [LL1]
- American College of Surgeons: Best Practices Guidelines: The Management of Traumatic Brain Injury. 2024. Langfassung [LL2]
Fachinformationen
- Glasgow Coma Scale: Glasgow Coma Scale Assessment Aid. Strukturierte Untersuchungshilfe [FI1]
- Centers for Disease Control and Prevention: Safety Guidelines for Pediatric Mild TBI. 29. Juli 2025. Klinische Checkliste [FI2]