Bipolare Störung (manisch-depressive Erkrankung) – Differentialdiagnosen
Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)
- Cushing-Syndrom (Erkrankung durch einen Cortisolüberschuss) – Hypercortisolismus (erhöhte Cortisolwirkung im Körper) kann affektive Symptome (Veränderungen von Stimmung und Gefühlslage) bis hin zu manischen oder psychotischen Zustandsbildern verursachen
- Thyreotoxikose (Schilddrüsenüberfunktion mit übermäßiger Wirkung von Schilddrüsenhormonen) – kann mit Agitiertheit (starker innerer und äußerer Unruhe), Schlafminderung, Antriebssteigerung und affektiver Enthemmung (verminderter Kontrolle von Stimmung und Verhalten) ein maniformes Zustandsbild (einer Manie ähnliches Krankheitsbild) imitieren
Herzkreislaufsystem (I00-I99)
- Zerebrovaskuläre Läsionen (Schädigungen der Blutgefäße bzw. der Blutversorgung des Gehirns), insbesondere rechtshemisphärischer Hirninfarkt (Schlaganfall in der rechten Gehirnhälfte) – bei erstmaliger Manie (krankhaft gehobener oder gereizter Stimmung mit gesteigertem Antrieb) im höheren Lebensalter als Ursache einer sekundären Manie (durch eine andere Erkrankung verursachte Manie) zu berücksichtigen
Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)
- Infektion mit dem Humanen Immundefizienz-Virus (HIV) mit zentralnervöser Beteiligung (Beteiligung von Gehirn oder Rückenmark) – neurokognitive (Denken und geistige Leistungsfähigkeit betreffende) und affektive Veränderungen können ein maniformes Zustandsbild verursachen
- Neurosyphilis (Befall des Nervensystems durch Syphilis) – insbesondere bei atypischer, erstmaliger oder spät beginnender affektiver Symptomatik (Beschwerden der Stimmung und Gefühlslage) mit neurologischen oder kognitiven Auffälligkeiten
Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)
- Hirntumoren (Tumoren des Gehirns), insbesondere frontale oder temporale Tumoren – Persönlichkeitsveränderung, Enthemmung und affektive Symptome können eine Manie imitieren
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS; Störung mit Unaufmerksamkeit, Impulsivität und häufig gesteigerter Aktivität) – insbesondere bei Erwachsenen Überlappung durch Impulsivität, Hyperaktivität und emotionale Instabilität; im Unterschied zur bipolaren Störung (Erkrankung mit wechselnden manischen und depressiven Phasen) typischerweise persistierendes, seit Kindheit bestehendes Symptommuster statt klar abgrenzbarer Episoden
- Autoimmune Enzephalitis (durch eine fehlgeleitete Immunreaktion verursachte Gehirnentzündung), insbesondere Anti-N-Methyl-D-Aspartat-Rezeptor-Enzephalitis – bei akut oder subakut einsetzender affektiver oder psychotischer Symptomatik (Beschwerden mit gestörtem Realitätsbezug) mit kognitiven Defiziten (Beeinträchtigungen des Denkens und der geistigen Leistungsfähigkeit), epileptischen Anfällen (Krampfanfällen), Bewegungsstörungen oder autonomen Auffälligkeiten (Störungen unwillkürlich gesteuerter Körperfunktionen)
- Delir (akuter Verwirrtheitszustand) – akuter Beginn, fluktuierender Verlauf sowie Störungen von Aufmerksamkeit und Bewusstsein sprechen gegen eine primäre bipolare Episode
- Emotional-instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ (Persönlichkeitsstörung mit ausgeprägter Gefühlsinstabilität) – meist rasche, situationsabhängige Affektwechsel und chronische emotionale Instabilität im Gegensatz zu zeitlich abgrenzbaren manischen oder depressiven Episoden
- Epilepsie (Anfallsleiden) – periiktale oder postiktale affektive und psychotische Zustände (während bzw. nach einem epileptischen Anfall auftretende Stimmungs- oder Wahrnehmungsstörungen) können maniform imponieren
- Frontotemporale Demenz (Demenz mit Schädigung des Stirn- und Schläfenlappens) – Enthemmung, gesteigerte Aktivität, Impulsivität und Persönlichkeitsveränderungen können insbesondere bei spätem Beginn eine Manie imitieren
- Schizoaffektive Störung (psychische Erkrankung mit affektiven und schizophrenen Symptomen) – differentialdiagnostisch entscheidend ist das Auftreten ausgeprägter psychotischer Symptome auch außerhalb affektiver Episoden
- Schizophrenie (psychische Erkrankung mit Störungen von Denken, Wahrnehmung und Realitätsbezug) – insbesondere bei psychotischer Manie abzugrenzen; für Schizophrenie sprechen von affektiven Episoden unabhängige anhaltende psychotische Symptome
- Unipolare Depression (depressive Erkrankung ohne manische oder hypomanische Phasen) – wichtigste Differentialdiagnose bei aktuell depressiver Episode ohne bislang erkannte Hypomanie (abgeschwächte Form der Manie) oder Manie; die Abgrenzung beruht primär auf der longitudinalen psychiatrischen Anamnese (Erfassung des psychischen Krankheitsverlaufs über die Zeit), nicht auf etablierten Labor- oder autonomen Biomarkern
- Zyklothymie (anhaltende Stimmungsschwankungen zwischen leichter Hochstimmung und leichter Depression) – chronische affektive Schwankungen mit subsyndromalen depressiven und hypomanen Symptomen (Beschwerden unterhalb der Schwelle einer voll ausgeprägten Erkrankung) ohne voll ausgeprägte affektive Episoden
Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)
- Schädel-Hirn-Trauma (SHT; Verletzung von Schädel und Gehirn) – insbesondere frontale oder rechtshemisphärische Läsionen (Schädigungen im Stirnlappen oder in der rechten Gehirnhälfte) können eine sekundäre Manie mit Enthemmung und Verhaltensänderungen verursachen
Medikamente
- Antidepressiva – therapieassoziierter (hypo)manischer Switch (durch die Behandlung ausgelöster Wechsel in eine hypomanische oder manische Phase); zeitlicher Zusammenhang mit Beginn oder Dosisänderung ist differentialdiagnostisch zu berücksichtigen
- Dopaminerge Arzneimittel, insbesondere Levodopa und Dopaminagonisten – können Hypomanie, Manie, Enthemmung und Impulskontrollstörungen (Störungen der Kontrolle von Handlungsimpulsen) auslösen
- Glukokortikoide – klinisch bedeutsame Ursache medikamenteninduzierter manischer, gemischter oder psychotischer Zustandsbilder, insbesondere bei höherer systemischer Dosierung
- Psychostimulanzien, insbesondere amphetaminhaltige Arzneimittel – können dosisabhängig manische oder psychotische Symptome hervorrufen
Umweltbelastungen – Intoxikationen (Vergiftungen)
- Amphetamin und Methamphetamin – Intoxikation (Vergiftung) kann mit Antriebssteigerung, Euphorie, vermindertem Schlafbedürfnis, Agitiertheit und psychotischen Symptomen einhergehen
- Kokain – Intoxikation kann ein maniformes oder psychotisches Zustandsbild verursachen
- 3,4-Methylendioxymethamphetamin (MDMA; Ecstasy) – stimulanzienbedingte affektive Enthemmung, Agitiertheit und psychotische Symptome können eine Manie imitieren