Abnorme Reflexe – Medizingerätediagnostik
Abnorme Reflexe sind neurologische Untersuchungsbefunde (Untersuchungsergebnisse des Nervensystems), die auf eine Störung zentraler motorischer Bahnen (Bewegungsbahnen in Gehirn und Rückenmark), spinaler Segmente (Rückenmarksabschnitte), Nervenwurzeln (Austrittsstellen der Nerven aus dem Rückenmark), Plexusstrukturen (Nervengeflechte), peripherer Nerven (Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark) oder neuromuskulärer Funktionssysteme (Zusammenspiel von Nerven und Muskeln) hinweisen können. Die Medizingerätediagnostik (Untersuchungen mit medizinischen Geräten) dient nicht der Bestätigung eines einzelnen Reflexzeichens (auffällige Reflexreaktion), sondern der topischen Zuordnung (Bestimmung des Orts der Störung), Ätiologieklärung (Klärung der Ursache) und Dringlichkeitseinschätzung. Entscheidend sind Reflexmuster, Seitenvergleich, Akuität (plötzliches bzw. aktuelles Auftreten), Begleitsymptome und der übrige neurologische Befund [1-5].
Beurteilbare Strukturen und Funktionssysteme
- Gehirn und Hirnstamm (Verbindungsbereich zwischen Gehirn und Rückenmark), insbesondere motorischer Kortex (Bewegungsrinde), Capsula interna (Nervenfaserbahn im Gehirn), Hirnstammbahnen und Pyramidenbahn (zentrale Bewegungsbahn)
- Rückenmark und Spinalkanal (Wirbelkanal), insbesondere zervikale und thorakale Myelopathien (Rückenmarkserkrankungen im Hals- bzw. Brustbereich), Myelitis (Rückenmarksentzündung), Kompression (Einengung), Tumoren, vaskuläre Läsionen (gefäßbedingte Gewebeschäden) und Syringomyelie (flüssigkeitsgefüllte Höhlenbildung im Rückenmark)
- Nervenwurzeln, Plexus und periphere Nerven bei Hyporeflexie (abgeschwächten Reflexen) oder Areflexie (fehlenden Reflexen)
- Neuromuskuläre Funktion bei Kombination aus Reflexauffälligkeiten, Paresen (Lähmungen), Atrophien (Gewebeschwund), Faszikulationen (sichtbaren Muskelzuckungen) oder belastungsabhängigen Symptomen
- Hirnversorgende und spinale Gefäße (Rückenmarksgefäße) bei akuten oder fluktuierenden fokal-neurologischen Defiziten (umschriebenen Ausfällen des Nervensystems)
Obligate Medizingerätediagnostik
Eine generelle obligate Medizingerätediagnostik allein aufgrund eines isolierten abnormen Reflexes besteht nicht. Obligat ist die apparative Diagnostik (gerätegestützte Untersuchung) des klinisch führenden neurologischen Syndroms (Beschwerdebilds des Nervensystems).
- Magnetresonanztomographie (MRT) des Neurokraniums und/oder der Wirbelsäule (Schnittbilduntersuchung mittels Magnetfeld des Schädels mit Gehirn und/oder der Wirbelsäule) – bei neu aufgetretenen, progredienten (fortschreitenden) oder eindeutig pathologischen Reflexbefunden (krankhaften Reflexbefunden) mit Pyramidenbahnzeichen (Zeichen einer Schädigung der zentralen Bewegungsbahn), Klonus (rhythmischer Reflexzuckung), Spastik (krankhaft erhöhter Muskelspannung), Paresen, fokal-neurologischem Defizit, Sensibilitätsniveau (Grenze einer Gefühlsstörung), Gangstörung, Blasen-/Mastdarmstörung oder klinischem Verdacht auf zerebrale (das Gehirn betreffende) bzw. spinale Läsion (das Rückenmark betreffende Schädigung). Die Untersuchungsregion richtet sich nach der topischen Zuordnung; bei Myelopathiezeichen (Zeichen einer Rückenmarkserkrankung) ist die MRT der betroffenen Wirbelsäulenabschnitte die zentrale strukturelle Diagnostik [1, 2, 4].
- Computertomographie (CT) des Schädels (Röntgen-Schnittbilduntersuchung des Schädels) – bei akut aufgetretenem abnormem Reflexstatus (auffälligem Reflexbefund) mit Verdacht auf Schlaganfall, intrakranielle Blutung (Blutung im Schädelinneren), Schädel-Hirn-Trauma (Kopfverletzung mit Beteiligung des Gehirns), Bewusstseinsstörung, Hirndruckzeichen (Zeichen eines erhöhten Drucks im Schädelinneren) oder Kontraindikation (Gegenanzeige) gegen eine primäre MRT. Bei vaskulärem Notfallverdacht (Verdacht auf einen gefäßbedingten Notfall) kann die CT durch CT-Angiographie (Gefäßdarstellung mittels CT) und CT-Perfusion (Durchblutungsmessung mittels CT) ergänzt werden [3].
- Elektroneurographie (ENG) und Elektromyographie (EMG) (Messung der Nervenleitfähigkeit und der elektrischen Muskelaktivität) – bei abgeschwächten oder fehlenden Muskeleigenreflexen (Eigenreflexen eines Muskels) mit peripher-neurologischem Muster (Muster einer Störung außerhalb von Gehirn und Rückenmark), insbesondere bei distal betonten Sensibilitätsstörungen (körperfern betonten Gefühlsstörungen), Paresen, Faszikulationen, Verdacht auf Polyneuropathie (Erkrankung vieler Nerven), Radikulopathie (Nervenwurzelerkrankung), Plexopathie (Erkrankung eines Nervengeflechts), Guillain-Barré-Syndrom (akute entzündliche Nervenerkrankung), chronisch inflammatorischer demyelinisierender Polyneuropathie (langsam verlaufender entzündlicher Nervenerkrankung mit Schädigung der Nervenisolierung) oder Motoneuronerkrankung (Erkrankung der bewegungssteuernden Nervenzellen) [5].
Fakultative Medizingerätediagnostik – in Abhängigkeit von den Ergebnissen der Anamnese (Krankengeschichte), der körperlichen Untersuchung, Labordiagnostik (Laboruntersuchungen) und der obligaten Medizingerätediagnostik – zur differentialdiagnostischen Abklärung
- CT der Wirbelsäule – bei Trauma (Verletzung), Verdacht auf Fraktur (Knochenbruch), ossärer Stenose (knöcherner Einengung), knöcherner Instabilität oder Kontraindikation gegen eine MRT; zur Beurteilung intramedullärer Läsionen (Schädigungen im Rückenmark) ist die MRT der CT überlegen [2, 4].
- MR-Neurographie bzw. MRT des Plexus oder peripherer Nerven (Nervendarstellung mittels MRT) – bei Verdacht auf Plexopathie, entzündliche oder tumoröse Nervenläsion (Nervenschädigung), traumatische Nervenverletzung oder unklaren fokalen peripheren Ausfallbefund (umschriebenen Ausfall außerhalb von Gehirn und Rückenmark).
- Nerven- und Muskelsonographie (Ultraschalluntersuchung von Nerven und Muskeln) – ergänzend bei fokalen Neuropathien (umschriebenen Nervenerkrankungen), Engpasssyndromen (Nerveneinklemmungen), entzündlichen Neuropathien, traumatischen Nervenläsionen oder zur strukturellen Darstellung peripherer Nervenveränderungen.
- Somatosensibel evozierte Potentiale (SEP) und motorisch evozierte Potentiale (MEP) (Messung sensibler bzw. motorischer Nervenbahnen nach Reiz) – bei Verdacht auf zentrale Leitungsstörung (Störung der Nervenleitung im zentralen Nervensystem), Myelopathie oder Demyelinisierung (Schädigung der Nervenisolierung), insbesondere wenn klinischer Befund und Bildgebung nicht kongruent sind.
- Duplexsonographie der hirnversorgenden Arterien und transkranielle Dopplersonographie (Ultraschalluntersuchung der zum Gehirn führenden Schlagadern und der Hirngefäße durch den Schädel) – bei Verdacht auf zerebrovaskuläre Ursache (gefäßbedingte Ursache im Gehirn), transitorische ischämische Attacke (TIA) (vorübergehende Durchblutungsstörung des Gehirns), Schlaganfall, Dissektion (Gefäßwandeinriss) oder relevante Stenose (Einengung) der hirnversorgenden Gefäße [3].
- Magnetresonanzangiographie (MRA) oder CT-Angiographie (Gefäßdarstellung mittels MRT oder CT) – bei Verdacht auf Gefäßverschluss, Dissektion, vaskuläre Malformation (Gefäßfehlbildung), Vaskulitis (Gefäßentzündung) oder spinale Gefäßpathologie (krankhafte Veränderung der Rückenmarksgefäße).
- Elektroenzephalographie (EEG) (Messung der elektrischen Hirnaktivität) – nur bei paroxysmalen motorischen Phänomenen (anfallsartigen Bewegungserscheinungen), Bewusstseinsstörung, epileptischem Differentialverdacht (Abgrenzung gegenüber einer Epilepsie) oder fraglicher Abgrenzung zwischen Reflexphänomen und epileptischem Ereignis (Krampfanfall); nicht als Routinediagnostik isolierter Reflexauffälligkeiten.
- Röntgen-Funktionsaufnahmen der Wirbelsäule (Röntgenaufnahmen in unterschiedlichen Haltungen) – nur bei gezieltem Verdacht auf segmentale Instabilität (Instabilität einzelner Wirbelsäulenabschnitte) nach primärer Schnittbildgebung (bildgebender Schichtuntersuchung); nicht zur primären Abklärung einer Myelopathie oder Rückenmarkskompression.
Mögliche Befunde
- Zentrale Läsionen bei Hyperreflexie, Klonus oder pathologischen Pyramidenbahnzeichen (Schädigungen im zentralen Nervensystem bei gesteigerten Reflexen, rhythmischer Reflexzuckung oder Zeichen einer Schädigung der zentralen Bewegungsbahn) – ischämischer Infarkt (Gewebeschaden durch Durchblutungsstörung), intrazerebrale Blutung (Blutung im Gehirn), Tumor, Demyelinisierung, Myelitis, zervikale oder thorakale Myelopathie, Rückenmarkskompression, Syringomyelie oder strukturelle Hirnstamm-/Rückenmarksläsion.
- Spinale Kompression bei Reflexsteigerung mit sensibler Ebene oder Blasen-/Mastdarmstörung (Einengung im Bereich des Rückenmarks bei gesteigerten Reflexen mit Grenze einer Gefühlsstörung oder Störung von Blase bzw. Enddarm) – Bandscheibenvorfall, Spinalkanalstenose, epidurale Raumforderung (Raumforderung außerhalb der harten Rückenmarkshaut), Metastase (Tochtergeschwulst), Abszess (Eiteransammlung), Hämatom (Bluterguss) oder degenerative Myelopathie (verschleißbedingte Rückenmarkserkrankung).
- Periphere Läsionen bei Hyporeflexie oder Areflexie (Schädigungen außerhalb von Gehirn und Rückenmark bei abgeschwächten oder fehlenden Reflexen) – axonale oder demyelinisierende Polyneuropathie (Erkrankung vieler Nerven mit Schädigung der Nervenfortsätze bzw. Nervenisolierung), Radikulopathie, Plexopathie, fokale Mononeuropathie (umschriebene Erkrankung eines einzelnen Nervs), Guillain-Barré-Syndrom, chronisch inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie oder Vorderhornzellbeteiligung (Beteiligung bewegungssteuernder Nervenzellen im Rückenmark).
- Neurophysiologische Leitungsstörungen (Störungen der elektrischen Nerven- und Muskelfunktion) – verlangsamte Nervenleitgeschwindigkeit, verlängerte F-Wellen-Latenzen (verzögerte Spätantworten der Nerven), Leitungsblock (Unterbrechung der Nervenleitung), temporale Dispersion (zeitliche Verbreiterung der Nervenantwort), reduzierte Summenaktionspotentiale (verminderte elektrische Gesamtantworten) oder Denervierungszeichen (Zeichen einer fehlenden Nervenversorgung) in der EMG.
- Vaskuläre Befunde (gefäßbezogene Befunde) – Stenose, Okklusion (Verschluss), Dissektion, Perfusionsdefizit (Durchblutungsmangel) oder hämodynamisch relevante Flussveränderung (bedeutsame Veränderung des Blutflusses) bei zerebrovaskulärer Ursache.
Leitlinien
- National Institute for Health and Care Excellence (NICE): Suspected neurological conditions: recognition and referral. NICE Guideline NG127, published 01 May 2019, last reviewed 02 October 2023.
- S3-Leitlinie: Diagnostik und Therapie der akuten Querschnittlähmung (AWMF-Register-Nr. 030/070), Version 6.1, Stand 25.09.2024, gültig bis 24.09.2029. Langfassung.
- National Institute for Health and Care Excellence (NICE): Stroke and transient ischaemic attack in over 16s: diagnosis and initial management. NICE Guideline NG128, published 01 May 2019, last reviewed 27 March 2026.
- National Institute for Health and Care Excellence (NICE): Spinal metastases and metastatic spinal cord compression. NICE Guideline NG234, published 06 September 2023, last reviewed 19 March 2026.
- S1-Leitlinie: Diagnostik bei Polyneuropathien (AWMF-Register-Nr. 030/067), Version 6.1, Stand 01.04.2024, gültig bis 31.03.2029. Langfassung.