Low-GI-Ernährung
Die Low-GI-Ernährung (niedriger glykämischer Index/GI) ist eine Ernährungsform, bei der bevorzugt kohlenhydrathaltige Lebensmittel gewählt werden, die den Blutzucker nach dem Essen langsamer und weniger stark ansteigen lassen. Praktisch bedeutet das: Komplexe Kohlenhydrate aus Vollkorn, Hülsenfrüchten, Gemüse, ganzen Früchten und minimal verarbeiteten Lebensmitteln stehen im Vordergrund, während stark raffinierte Kohlenhydrate (z. B. aus Weißmehlprodukten, zuckerreichen Snacks/Softdrinks) seltener verzehrt werden.
Die Low-GI-Ernährung ist eine präventive Ernährungsform und zugleich ein potentiell therapeutisch nutzbares Prinzip innerhalb der evidenzbasierten Ernährungstherapie (z. B. bei Prädiabetes/Diabetes mellitus).
Entstehung und wissenschaftliche Grundlagen
Das Konzept des glykämischen Index (GI) wurde in den 1980er-Jahren entwickelt, um die Blutzuckerwirkung verschiedener kohlenhydrathaltiger Lebensmittel systematisch vergleichbar zu machen. Ausgangspunkt war die klinische Beobachtung, dass nicht allein die Menge an Kohlenhydraten, sondern auch deren Qualität, Struktur und Verarbeitung einen erheblichen Einfluss auf den postprandialen Blutzuckeranstieg hat. Der glykämische Index (GI) beschreibt dabei, wie schnell und wie stark der Blutzuckerspiegel nach dem Verzehr einer definierten Menge verfügbarer Kohlenhydrate (meist 50 g) aus einem Lebensmittel im Vergleich zu einer Referenz (reine Glucose oder Weißbrot) ansteigt. Lebensmittel mit niedrigem GI führen dabei zu einem langsameren, flacheren Anstieg, während hochglykämische Lebensmittel rasche Blutzuckerspitzen verursachen.
In der praktischen Anwendung zeigte sich jedoch früh eine Limitation des GI-Konzepts: Der GI berücksichtigt nicht die tatsächlich verzehrte Portionsgröße. Ein Lebensmittel mit hohem GI kann in kleiner Menge nur eine geringe Blutzuckerwirkung entfalten, während größere Portionen moderat glykämischer Lebensmittel klinisch relevante Effekte haben können. Um diesen Alltagsaspekt abzubilden, wurde die glykämische Last (GL) eingeführt. Sie kombiniert den glykämischen Index mit dem Kohlenhydratgehalt pro Portion und beschreibt damit realistischer, wie stark der Blutzucker nach einer tatsächlich verzehrten Mahlzeit ansteigt.
Wissenschaftlich basiert das Low-GI-Prinzip auf der Annahme, dass wiederholte ausgeprägte postprandiale Glucose- und Insulinspitzen (starke, schnelle Anstiege von Blutzucker und Insulin nach dem Essen) zur Entstehung und Progression metabolischer Störungen beitragen können. Dazu zählen eine Verschlechterung der glykämischen Kontrolle, eine Zunahme der Insulinresistenz, ungünstige Veränderungen des Lipidprofils sowie proinflammatorische (entzündungsfördernde) Effekte. Eine Ernährung mit niedriger glykämischer Last soll diese metabolische Belastung reduzieren, indem sie den Glucoseeinstrom ins Blut verlangsamt, die Insulinantwort abflacht und die glykämische Variabilität verringert. Begünstigt werden diese Effekte durch einen höheren Ballaststoffanteil, einen geringeren Verarbeitungsgrad der Lebensmittel und eine insgesamt höhere Ernährungsqualität.
Zielsetzung der Diät
Bei nicht-medizinischer Anwendung steht die Low-GI-Ernährung vor allem für ein besseres subjektives Energielevel, eine geringere Neigung zu Heißhungerattacken sowie eine erleichterte Gewichtskontrolle. Diese Effekte ergeben sich weniger aus einer spezifischen „Diätwirkung“, sondern aus stabileren Blutzuckerverläufen, einer höheren Sättigung und einer oft automatisch verbesserten Lebensmittelauswahl.
In der therapeutischen Anwendung – insbesondere bei Prädiabetes, Typ-2-Diabetes und metabolischem Syndrom (klinische Bezeichnung für die Symptomkombination Adipositas (Übergewicht), Hypertonie (Bluthochdruck), erhöhte Nüchternglucose (Nüchternblutzucker) und Nüchterninsulin-Serumspiegel (Insulinresistenz) und Fettstoffwechselstörung) – ist die Zielsetzung klar messbar definiert. Primäre Zielparameter sind die Verbesserung von HbA1c (Langzeitblutzuckerwert), Nüchternglucose und postprandialen Glucosewerten. Sekundär sollen günstige Effekte auf Körpergewicht und Taillenumfang, Blutdruck sowie Lipidparameter (LDL-, non-HDL-Cholesterin und Triglyceride) erreicht werden. Je nach Ausgangslage können auch Entzündungsmarker und Marker der Insulinresistenz relevant sein.
Ausgehend von der Indikation (z. B. Hyperglykämie/erhöhter Blutzuckerspiegel) wird das Low-GI-Prinzip als Bestandteil einer umfassenden Ernährungstherapie eingesetzt, ergänzt durch Monitoring relevanter Parameter wie Blutzuckerprofile, HbA1c, Körpergewicht, Blutfette und Blutdruck. Parallel erfolgt eine kontinuierliche Risikoabwägung, insbesondere im Hinblick auf Hypoglykämien (Unterzuckerungen) bei blutzuckersenkender Medikation, eine ausreichende Energie- und Nährstoffzufuhr sowie die langfristige Umsetzbarkeit.
Grundprinzipien
Die Low-GI-Ernährung basiert nicht auf dem Ausschluss von Kohlenhydraten, sondern auf deren gezielter Auswahl und Kombination. Zentrale Regeln sind die Bevorzugung niedrig-glykämischer Kohlenhydratquellen, eine ballaststoffreiche und proteinbetonte Mahlzeitenzusammensetzung sowie die konsequente Reduktion stark verarbeiteter, zucker- und weißmehlreicher Produkte. Entscheidend ist dabei weniger der isolierte GI-Wert eines Lebensmittels als dessen Einbettung in eine Mahlzeit.
Die Mahlzeitenstruktur umfasst in der Regel zwei bis drei Hauptmahlzeiten, optional ergänzt durch einen Snack. Jede Mahlzeit sollte eine sogenannte „Blutzucker-Bremse“ enthalten, also Ballaststoffe, Protein und/oder ungesättigte Fettsäuren, die die Magenentleerung verlangsamen und den Glucoseanstieg abflachen. Praktische Umsetzungsregeln sind unter anderem der Ersatz von Weißmehlprodukten durch Vollkornvarianten, der Verzehr ganzer Früchte statt Fruchtsäften, der regelmäßige Einsatz von Hülsenfrüchten sowie eine bewusste Zubereitung stärkehaltiger Lebensmittel.
Kartoffeln, Reis oder Nudeln werden bevorzugt in Kombination mit Gemüse und Protein verzehrt oder nach dem Abkühlen genutzt, da sich durch die Bildung resistenter Stärke die glykämische Wirkung reduziert. Süßwaren und gezuckerte Getränke spielen nur eine untergeordnete Rolle und werden portionsbewusst konsumiert.
Angestrebte Wirkmechanismen
Erwartet wird, dass der Blutzucker nach dem Essen langsamer und weniger stark ansteigt. Dieser Effekt ist insbesondere bei Diabetes von Bedeutung. Die zugrunde liegenden Mechanismen sind gut nachvollziehbar: Ballaststoffreiche und wenig verarbeitete Lebensmittel werden langsamer verdaut, sodass Zucker verzögert ins Blut gelangt. Dadurch fallen die Blutzuckerspitzen geringer aus, häufig auch die begleitenden Insulinspitzen. Gleichzeitig setzt die Sättigung früher und länger an, was die spontane Energieaufnahme senken kann.
In der praktischen Anwendung geht eine Low-GI-Ernährung zudem meist mit einer insgesamt höheren Ernährungsqualität einher. Sie enthält typischerweise mehr Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte und Gemüse und weniger stark verarbeitete Lebensmittel. Diese Kombination wirkt sich günstig auf Blutfette und andere kardiometabolische Risikofaktoren aus.
Randomisierte Studien zeigen bei Menschen mit Diabetes kleine, aber klinisch relevante Verbesserungen des HbA1c und weiterer Risikomarker im Vergleich zu stärker glykämischen Ernährungsmustern. Diese Effekte treten in der Regel zusätzlich zur Standardtherapie auf [1]. Metaanalysen ordnen Low-GI-/Low-GL-Ernährungsformen als wirksame Option unter mehreren evidenzbasierten Ernährungsansätzen zur Verbesserung der Blutzuckerkontrolle ein, ohne dass eine eindeutige Überlegenheit gegenüber allen anderen Strategien besteht [4, 5].
Beobachtungsstudien zeigen zudem, dass langfristig hohe glykämische Index- und Lastmuster mit einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes und kardiovaskuläre Erkrankungen verbunden sind. Diese Daten stützen die Plausibilität des Konzepts, erlauben jedoch keine eindeutigen Aussagen zur Ursache-Wirkungs-Beziehung, da andere Lebensstilfaktoren eine Rolle spielen können [3].
Zielgruppen und Ausschlusskriterien
Geeignete Zielgruppen
- Personen mit Prädiabetes, Typ-2-Diabetes (als Baustein der Ernährungstherapie), metabolischem Syndrom, Adipositas/Übergewicht (v. a. in Kombination mit Energiedefizit)
- Personen mit ausgeprägten Heißhungerepisoden auf hochverarbeitete Kohlenhydrate
Eingeschränkte Eignung
- Personen mit Essstörungen/hoher Restriktionsneigung
- Menschen mit sehr limitierter Lebensmittelauswahl oder ausgeprägter sozialer/beruflicher Essensabhängigkeit (z. B. Schichtarbeit ohne Planbarkeit)
- Leistungssportler je nach Trainingsphase (GI-Steuerung kann sinnvoll sein, muss aber leistungsphysiologisch passen)
Indikationsbezogene Eignung/Komorbiditäten (Begleiterkrankungen)
- Bei einer chronischen Nierenerkrankung (CKD) und Diabetes mellitus ist eine Individualisierung (v. a. Protein, Kalium/Phosphat je nach Stadium) wichtig – das Low-GI-Prinzip kann integriert werden, ersetzt aber nicht die nephrologische Ernährungstherapie [6]
Durchführung und Ablauf der Diät
Die Umsetzung der Low-GI-Ernährung ist grundsätzlich alltagstauglich und erfordert keine aufwendige Vorbereitung, profitiert jedoch von einer klaren Struktur zu Beginn.
Vorbereitung und Einstieg
- Pantry-Check (Überprüfung der vorhandenen Lebensmittel zu Hause) mit Fokus auf Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Naturjoghurt/Quark, Nüsse/Samen, Gemüse (frisch oder tiefgekühlt)
- Festlegen weniger, gut kombinierbarer „Standardmahlzeiten“ für Alltag und Beruf
- Realistische Portionsgrößen einplanen, da Low-GI nicht automatisch energiearm ist
Typische Fehler zu Beginn
- Übermäßige Fixierung auf GI-Tabellen statt auf Gesamtqualität der Mahlzeit
- Gleichsetzung von „Low-GI“ mit stark kohlenhydratreduzierter Ernährung
- Unbewusst hohe Energiezufuhr durch große Mengen fettreicher Low-GI-Lebensmittel (z. B. Nüsse, Käse)
Sinnvolle Übergangsphase (ca. 2-4 Wochen)
- Schritt 1: Austausch von gezuckerten Getränken, Süßwaren und Weißmehlprodukten
- Schritt 2: Regelmäßige Integration von Vollkornprodukten und Hülsenfrüchten
- Schritt 3: Feinsteuerung über Portionsgrößen und glykämische Last (GL) einzelner Mahlzeiten
Praktischer Schritt-für-Schritt-Ansatz im Alltag
- Pro Mahlzeit:
- eine niedrig-glykämische Kohlenhydratquelle
- eine Proteinquelle
- reichlich Gemüse oder Salat
- ungesättigte Fettsäuren (z. B. pflanzliche Öle, Nüsse in moderater Menge)
- Snacks nur bei Bedarf, bevorzugt protein- oder ballaststoffreich
Dauer und Monitoring
- Als langfristiges Ernährungsprinzip geeignet, nicht als zeitlich begrenzte Diät
- Im therapeutischen Kontext regelmäßige Kontrolle von HbA1c/Langzeitblutzuckerwert (nach etwa 3 Monaten), Körpergewicht, Blutdruck und Lipidprofilen sinnvoll
- Bei Diabetes unter blutzuckersenkender Medikation zu Beginn engmaschigere Selbstkontrollen empfohlen, um Hypoglykämien (Unterzuckerungen) frühzeitig zu erkennen und Therapieanpassungen zu ermöglichen [5]
Empfohlene Lebensmittel
Im Kern werden ballaststoffreiche, wenig verarbeitete Kohlenhydratquellen bevorzugt.
- Vollkorn (Hafer, Roggen, Vollkornbrot, Naturreis)
- Hülsenfrüchte (Linsen, Bohnen, Kichererbsen)
- Gemüse (bes. nicht stärkehaltig)
- ganze Früchte
- Nüsse/Samen
- Naturbelassene Milchprodukte
- Fisch
- Mageres Fleisch in moderaten Mengen
- Pflanzliche Öle (z. B. Raps-/Olivenöl)
- Besondere Vorgaben:
- Kombinationen nutzen (Kohlenhydrat + Protein + Ballaststoffe)
- Getränke vorzugsweise ungesüßt
Nicht empfohlene bzw. einzuschränkende Lebensmittel
Aus Sicht des Low-GI-Prinzips sind vor allem stark verarbeitete, schnell resorbierbare Kohlenhydrate und zuckerreiche Getränke problematisch, weil sie typischerweise hohe Glucosespitzen begünstigen.
- Softdrinks/Säfte
- Süßwaren
- Weißbrot/Toast
- Viele Frühstückscerealien mit Zucker
- Gebäck
- Stark raffinierte Snacks
- Große Portionen Kartoffelpüree
- Reis, Pasta ohne „Puffer“ (Protein/Gemüse)
- Eingeschränkt erlaubte Lebensmittel:
- „Hoch-GI“-Lebensmittel in kleinen Portionen oder kombiniert (z. B. Kartoffeln/Reis mit Hülsenfrüchten/Gemüse/Protein)
- Backwaren in moderaten Portionen und vorzugsweise Vollkorn
Entscheidend ist meist die Kombination aus Portionsgröße und Verarbeitungsgrad, nicht ein einzelner Wert.
Praktische Tipps zur Umsetzung im Alltag
Die Low-GI-Ernährung lässt sich gut in den Alltag integrieren, wenn Einkauf, Zubereitung und Esssituationen systematisch vereinfacht werden. Entscheidend ist nicht Perfektion, sondern Verlässlichkeit.
Einkauf und Vorratshaltung
- Grundausstattung mit niedrig-glykämischen Basislebensmitteln wie Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Gemüse (frisch oder tiefgekühlt)
- Naturbelassene Milchprodukte (z. B. Joghurt, Skyr, Quark) und andere Proteinquellen (Fisch, Eier, Tofu, Hülsenfrüchte)
- Nüsse und Samen in moderaten Mengen als Fett- und Proteinquelle
- Begrenzung stark verarbeiteter, zuckerreicher Produkte, damit „spontane Fehlentscheidungen“ seltener werden
Zubereitung und Mahlzeitenplanung
- Baukastenprinzip für Hauptmahlzeiten:
- viel Gemüse
- eine Proteinquelle
- eine niedrig-glykämische Kohlenhydratquelle
- kleine Mengen ungesättigter Fette
- Meal-Prep für 2-3 Tage, um Zeitdruck zu reduzieren
- Selbst zubereitete, zuckerarme Soßen und Dressings, da versteckter Zucker häufig die glykämische Last erhöht
Alltagstauglichkeit im Beruf und unterwegs
- Bewährte „Standardoptionen“ erleichtern die Umsetzung:
- Vollkornbrot mit proteinreichem Belag und Rohkost
- Salatbowls mit Hülsenfrüchten oder Quinoa
- Joghurt/Skyr mit Nüssen und ganzen Früchten
- Snacks nur bei Bedarf und bevorzugt protein- oder ballaststoffreich
Sozialer Kontext und Genuss
- Keine strikten Verbote, sondern Prioritäten setzen
- Reihenfolge beim Essen nutzen: zuerst Protein und Gemüse, dann Kohlenhydrate portioniert
- Süßspeisen eher als kleine Portion und bevorzugt im Anschluss an eine Hauptmahlzeit
Selbstbeobachtung bei Diabetes
- Blutzuckertagebuch oder kontinuierliche Glucosemessung können helfen, individuell ungünstige Lebensmittel oder Portionsgrößen zu erkennen.
- Ziel ist Anpassung, nicht unnötige Einschränkung der Lebensmittelauswahl [5]
Ernährungsphysiologische Bewertung
Ernährungsphysiologisch ist die Low-GI-Ernährung bei korrekter Umsetzung grundsätzlich ausgewogen. Makro- und Mikronährstoffdefizite sind nicht zu erwarten, sofern die Lebensmittelauswahl vielfältig bleibt.
Ein häufiger Fehler besteht darin, Low-GI als starres Regelwerk zu interpretieren. Wird die Lebensmittelauswahl dadurch zu eng, kann die Nährstoffvielfalt sinken, obwohl das Prinzip an sich dies nicht erfordert. Wichtig ist daher die Einbettung in eine insgesamt abwechslungsreiche, pflanzenbetonte Ernährung.
Die Energiezufuhr ist ein zentraler Punkt: Low-GI bedeutet nicht automatisch eine kalorienarme Ernährung. Gewichtsreduktion erfordert weiterhin ein Energiedefizit. Energiedichte, fettreiche Lebensmittel mit niedrigem GI (z. B. große Mengen Nüsse oder Käse) können bei unbewusster Portionswahl den Kalorienüberschuss sogar begünstigen.
Der Ballaststoffgehalt ist bei Low-GI-Ernährung typischerweise erhöht, was positive Effekte auf Sättigung, Darmfunktion und Fettstoffwechsel hat. Die Proteinzufuhr ist bei gesunden Personen flexibel gestaltbar. Bei chronischer Nierenerkrankung sollte sie jedoch individuell angepasst werden, da eine pauschale Erhöhung nicht für alle Patientengruppen sinnvoll ist [6].
Langfristig ist die Ernährung dann ausgewogen, wenn GI und GL als Qualitätsfilter genutzt werden und nicht als alleinige Entscheidungsgrundlage.
Medizinische Risiken und mögliche Komplikationen
Bei sachgerechter Umsetzung ist die Low-GI-Ernährung mit wenigen medizinischen Risiken verbunden, da keine Lebensmittelgruppen grundsätzlich ausgeschlossen werden. Probleme entstehen meist durch Fehlanwendung oder mangelnde Anpassung an bestehende Erkrankungen.
Bei Diabetes-Erkrankung unter Insulin- oder Sulfonylharnstofftherapie kann eine deutliche Reduktion der glykämischen Last zu Hypoglykämien (Unterzuckerungen) führen, wenn die Medikation nicht angepasst wird. Deshalb sind in der Anfangsphase engmaschigere Blutzuckerkontrollen erforderlich [5].
Gastrointestinale Beschwerden wie Blähungen oder Völlegefühl können auftreten, wenn der Ballaststoffanteil abrupt stark erhöht wird. Ein schrittweiser Aufbau und ausreichende Flüssigkeitszufuhr reduzieren dieses Risiko deutlich.
Kurzfristig besteht die Gefahr, dass „Low-GI“ fälschlich mit „gesund unabhängig von der Menge“ gleichgesetzt wird. Ein übermäßiger Verzehr energiereicher Low-GI-Lebensmittel kann Gewichtsziele konterkarieren. Langfristig kann eine starke Fixierung auf Zahlen, Tabellen und Listen die Lebensqualität und Adhärenz beeinträchtigen, insbesondere bei vulnerablen Gruppen wie Personen mit Essstörungen oder geriatrischen Patientinnen und Patienten.
Bei chronischer Nierenerkrankung oder komplexen Stoffwechsellagen müssen typische Low-GI-Lebensmittel wie Vollkornprodukte oder Hülsenfrüchte im Gesamtkontext von Kalium-, Phosphat- und Proteinzufuhr beurteilt werden. Ein pauschales „mehr ist besser“ ist hier nicht angezeigt [6].
Kontraindikationen (Gegenanzeigen)
Bei folgenden Situationen ist ärztliche Rücksprache bzw. ernährungstherapeutische Anleitung sinnvoll, insbesondere wenn eine relevante Ernährungsumstellung geplant ist.
Absolute Kontraindikationen
- Keine
Relative Kontraindikationen (ggf. mit Monitoringbedarf)
- Insulin-/Sulfonylharnstofftherapie: Hypoglykämierisiko bei GL-Reduktion ohne Dosisanpassung [5]
- Essstörungen oder hohe Restriktionsneigung
- Fortgeschrittene chronische Nierenerkrankung: Anpassung von Protein/Kalium/Phosphat im Gesamtplan [6]
Vorteile
- Verbesserungen glykämischer Zielparameter und kardiometabolischer Risikomarker in Diabetespopulationen (im Mittel eher klein, aber klinisch relevant) [1]
- Kurzfristige Nutzen: stabilere postprandiale Glucose (Blutzuckerspiegel nach dem Essen), bessere Sättigung durch ballaststoffreiche Kost, einfacher Einstieg über „Swap-Strategien“ (Vollkorn/Hülsenfrüchte statt Weißmehl/Zucker)
Als Vorteil gilt auch, dass das Konzept im Gegensatz zu Crash-Diäten langfristig kompatibel ist.
Nachteile
- Einschränkungen:
- Tabellenlastigkeit kann den Alltag unnötig erschweren
- GI-Werte schwanken je nach Zubereitung, Reifegrad und Kombinationen
- Einseitigkeit:
- Möglich, wenn aus Angst vor „höherem GI“ zu wenige Lebensmittel gegessen werden
- Langfristige Umsetzbarkeit:
- Gut, wenn als Prinzip verstanden; schlechter, wenn als starres Regelwerk (dann sinkt Umsetzbarkeit im Alltag)
- In Adipositastherapie ist zudem wichtig: Low-GI allein ersetzt kein Energiedefizit, und die Gewichtswirkung ist nicht automatisch überlegen [2].
Wissenschaftliche Einordnung
Die wissenschaftliche Evidenz zur Low-GI-/Low-GL-Ernährung ist insgesamt solide, wenn sie als ernährungsmedizinisches Prinzip und nicht als isolierte Diät betrachtet wird. Bei Personen mit Typ-2-Diabetes zeigen systematische Reviews und Metaanalysen randomisierter kontrollierter Studien konsistente, wenn auch überwiegend moderate Verbesserungen der glykämischen Kontrolle. Dazu zählen insbesondere Senkungen des HbA1c sowie günstige Effekte auf postprandiale Blutzuckerwerte und einzelne kardiometabolische Risikofaktoren im Vergleich zu höher-glykämischen Ernährungsmustern, meist ergänzend zur Standardtherapie [1].
Bei Übergewicht und Adipositas sind die Effekte auf den Gewichtsverlust im Mittel begrenzt und stark von der Umsetzbarkeit sowie der gesamten Energiezufuhr abhängig.
Fachgesellschaftliche Stellungnahmen und Leitlinien betonen weiterhin, dass es keine universell optimale Diätform gibt. Stattdessen wird eine individualisierte Ernährungstherapie empfohlen, die sich an Stoffwechsellage, Komorbiditäten und Umsetzbarkeit orientiert. Innerhalb dieses Rahmens wird das Low-GI-/Low-GL-Prinzip als evidenzbasierter, gut vermittelbarer Bestandteil anerkannt, insbesondere zur Verbesserung der glykämischen Kontrolle [5].
Fazit
Die Low-GI-Ernährung ist ein praktikables Qualitätsprinzip zur Auswahl und Kombination kohlenhydrathaltiger Lebensmittel. Kurzfristig kann sie postprandiale Blutzuckerspitzen reduzieren und so zur metabolischen Entlastung beitragen. Langfristig ist ihr Nutzen vor allem dann gegeben, wenn sie flexibel umgesetzt und in eine insgesamt ballaststoffreiche, wenig verarbeitete und ausgewogene Ernährung integriert wird.
In der Therapie von Prädiabetes und Typ-2-Diabetes ist das Low-GI-/Low-GL-Prinzip evidenzbasiert und kann die glykämische Kontrolle sowie einzelne kardiometabolische Risikoparameter moderat verbessern. Es ersetzt jedoch weder eine individuelle Anpassung noch ein regelmäßiges Monitoring, insbesondere bei bestehender medikamentöser Blutzuckersenkung.
Im Vergleich zu stark restriktiven oder einseitigen Diäten ist die Low-GI-Ernährung deutlich alltagstauglicher und mit geringeren Risiken verbunden.
Literatur
- Chiavaroli L, Lee D, Ahmed A, Cheung A, Khan TA, Blanco Mejia S et al.: Effect of low glycaemic index or load dietary patterns on glycaemic control and cardiometabolic risk factors in diabetes: systematic review and meta-analysis of randomised controlled trials. BMJ. 2021 Aug 4:374:n1651. doi: 10.1136/bmj.n1651.
- Chekima K, Yan SW, Lee SWen Huey, Wong TZe, Noor MI, Ooi YBH, Metzendorf M-I, Lai NM: Low glycaemic index or low glycaemic load diets for people with overweight or obesity. Cochrane Database Syst Rev. 2023 Jun 22;6(6):CD005105. doi: 10.1002/14651858.CD005105.pub3.
- Jenkins DJA, Willett WC, Yusuf S et al.: Association of glycaemic index and glycaemic load with type 2 diabetes, cardiovascular disease, cancer, and all-cause mortality: a meta-analysis of mega cohorts of more than 100000 participants. Lancet Diabetes Endocrinol. 2024 Feb;12(2):107-118. doi: 10.1016/S2213-8587(23)00344-3.
- Jing T, Zhang S, Bai M, Chen Z, Gao S, Li S, Zhang J: Effect of Dietary Approaches on Glycemic Control in Patients with Type 2 Diabetes: A Systematic Review with Network Meta-Analysis of Randomized Trials. Nutrients. 2023 Jul 15;15(14):3156. doi: 10.3390/nu15143156.
- American Diabetes Association: 5. Facilitating Positive Health Behaviors and Well-being to Improve Health Outcomes: Standards of Care in Diabetes – 2024. Diabetes Care. 2024;47(Suppl 1):S77-S110. doi: 10.2337/dc24-S005.
- de Boer IH, Khunti K, Sadusky T et al.: Diabetes Management in Chronic Kidney Disease: A Consensus Report by the American Diabetes Association (ADA) and Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO). Diabetes Care. 2022 Dec 1;45(12):3075-3090. doi: 10.2337/dci22-0027.
- Kalaitzopoulou I, Theodoridis X, Kotzakioulafi E, Evripidou K, Chourdakis M: The Effectiveness of a Low Glycemic Index/Load Diet on Cardiometabolic, Glucometabolic, and Anthropometric Indices in Children with Overweight or Obesity: A Systematic Review and Meta-Analysis. Children (Basel). 2023 Aug 30;10(9):1481. doi: 10.3390/children10091481.