Ernährungstherapie bei diabetischer Retinopathie
Die Ernährungstherapie bei diabetischer Retinopathie beschreibt ernährungsmedizinische Maßnahmen, die im Rahmen der Diabetesbehandlung eingesetzt werden, um das Fortschreiten mikroangiopathischer Netzhautveränderungen zu verlangsamen. Darunter versteht man Schädigungen der kleinen Blutgefäße der Netzhaut, die infolge langjährig erhöhter Blutzuckerwerte entstehen. Durch diese Gefäßveränderungen wird die Versorgung der Netzhaut mit Sauerstoff und Nährstoffen beeinträchtigt, was zu Sehverschlechterung, verschwommenem Sehen oder im fortgeschrittenen Stadium zu Sehverlust führen kann.
Die Ernährungstherapie stellt keine eigenständige Behandlung der Retinopathie dar, sondern ist Bestandteil der leitliniengerechten Therapie des Diabetes mellitus.
Wissenschaftliche Grundlagen
Die diabetische Retinopathie wird als Folge chronischer Hyperglykämie (Überzuckerung), endothelialer Dysfunktion (Störung der inneren Gefäßschicht, wodurch Blutgefäße schlechter funktionieren und leichter geschädigt werden), oxidativem Stress und inflammatorischen (entzündlichen) Prozessen verstanden. Die Ernährungstherapie leitet sich aus der Evidenz zur Blutzuckerkontrolle, Blutdruck- und Lipidregulation sowie Reduktion systemischer Entzündung bei Diabetes mellitus ab.
Zentrale Annahmen sind, dass dauerhaft möglichst wenig schwankende Blutzuckerwerte, Vermeidung starker postprandialer Glucosespitzen (starke Anstiege des Blutzuckers nach den Mahlzeiten), Gewichtsnormalisierung und Reduktion von Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen das Fortschreiten mikroangiopathischer Komplikationen günstig beeinflussen können. Diese Annahmen sind pathophysiologisch plausibel und werden durch Langzeitdaten zur Diabeteskontrolle gestützt.
Zielsetzung der Ernährungstherapie
Primäres Ziel ist die Stabilisierung der Stoffwechsellage und damit die indirekte Verlangsamung des Fortschreitens der Retinopathie. Die Ernährungstherapie richtet sich nicht auf eine Rückbildung retinaler Läsionen (Schädigungen oder Veränderungen der Netzhaut des Auges).
Primäre therapeutische Zielparameter sind HbA1c (Langzeitblutzuckerwert), Nüchternglucose, postprandiale Glucosewerte (Blutzuckerwerte nach den Mahlzeiten), Blutdruck, LDL-Cholesterin, Triglyceride und BMI (Body-Mass-Index/Körpermassen-Index).
Sekundäre Ziele sind Gewichtsnormalisierung, Reduktion systemischer Entzündungsmarker, Verbesserung der Insulinsensitivität, Unterstützung der kardiovaskulären Prävention, Stabilisierung des Mineralstoffhaushalts und langfristige Umsetzung der therapeutischen Maßnahmen im Alltag.
Grundprinzipien
Die Ernährungstherapie zielt darauf ab, den Blutzucker möglichst gleichmäßig und gut eingestellt zu halten. Denn dauerhaft erhöhte oder stark schwankende Blutzuckerwerte schädigen die feinen Blutgefäße der Netzhaut und fördern das Fortschreiten der diabetischen Retinopathie. Entscheidend ist daher eine Ernährungsweise, die chronische Hyperglykämie (Überzuckerung) und ausgeprägte Blutzuckerschwankungen vermeidet.
Die Ernährung orientiert sich an einer ausgewogenen, vollwertigen und ballaststoffreichen Kost mit kontrollierter Kohlenhydratzufuhr und hoher Nährstoffdichte. Ballaststoffreiche Lebensmittel verlangsamen die Aufnahme von Glucose aus dem Darm, wodurch der Blutzucker nach den Mahlzeiten weniger stark ansteigt. Eine überwiegend pflanzenbetonte Ernährung mit Vollkornprodukten, Gemüse, Hülsenfrüchten, moderaten Obstmengen, hochwertigen pflanzlichen Fetten sowie eiweißreichen, fettarmen Proteinquellen unterstützt dieses Ziel.
Eine regelmäßige Mahlzeitenstruktur mit individuell angepasster Kohlenhydratverteilung hilft, postprandiale Glucosespitzen zu vermeiden und die Stoffwechsellage langfristig zu stabilisieren.
Angestrebte Wirkmechanismen
Durch eine stabile und gut eingestellte Blutzuckerlage sollen schädigende Effekte auf die feinen Blutgefäße der Netzhaut reduziert werden. Erwartet werden eine geringere Belastung der retinalen Kapillaren (feinste Blutgefäße in der Netzhaut des Auges) durch Zuckerüberschuss, eine verminderte Bildung sogenannter fortgeschrittener Glykationsendprodukte (schädliche Stoffe, die entstehen, wenn Zucker sich dauerhaft an Eiweiße oder Fette im Körper anlagert), eine Verbesserung der Gefäßfunktion sowie eine Abschwächung entzündlicher Prozesse im Körper.
Eine bedarfsdeckende Versorgung mit essentiellen Mikronährstoffen, insbesondere Magnesium, kann indirekt zur Stabilisierung der Insulinsensitivität und Gefäßfunktion beitragen. Ein Magnesiummangel ist mit erhöhter Insulinresistenz, proinflammatorischen (entzündungsfördernden) Prozessen und endothelialer Dysfunktion (Funktionsstörung der inneren Auskleidung der Blutgefäße, wodurch sich die Gefäße schlechter anpassen, das Blut weniger gut fließt und die Gefäße anfälliger für Schäden werden) assoziiert, wodurch mikroangiopathische Schäden begünstigt werden können [5].
Pathophysiologisch plausibel sind dabei geringere Schwankungen der Blutglucose, niedrigere Insulinspitzen und eine verbesserte Insulinsensitivität. Diese Effekte tragen indirekt zu einer Reduktion oxidativen Stresses bei, der an der Entstehung und dem Fortschreiten mikroangiopathischer Netzhautveränderungen beteiligt ist.
Die wissenschaftliche Grundlage der Ernährungstherapie beruht auf Langzeitdaten zur Diabeteskontrolle und entsprechenden Leitlinienempfehlungen [1-4].
Zielgruppen und Ausschlusskriterien
Geeignete Zielgruppen
- Erwachsene mit Diabetes mellitus Typ 1 oder Typ 2 mit oder ohne bestehende diabetische Retinopathie
- Personen mit Gestationsdiabetes (Schwangerschaftsdiabetes) im Rahmen einer engmaschigen Betreuung
Eingeschränkte Eignung
Eine individuelle Anpassung ist erforderlich bei:
- Personen mit hohem Energie- oder Proteinbedarf (ältere Menschen, Sportler)
- Fortgeschrittener Niereninsuffizienz (Nierenschwäche)
- Essstörungen (z. B. Bulimia nervosa/Ess-Brech-Sucht)
Die Ernährungstherapie ersetzt keine ophthalmologische (die Augen betreffende) oder medikamentöse Behandlung.
Durchführung und Ablauf der Ernährungstherapie
Die Ernährungstherapie beginnt idealerweise mit einer strukturierten Ernährungsanalyse, um bisherige Essgewohnheiten, Mahlzeitenrhythmus, Energiezufuhr und typische Blutzuckerreaktionen zu erfassen. Ziel ist es nicht, „radikal anders“ zu essen, sondern die bestehende Ernährung gezielt so anzupassen, dass der Blutzucker gleichmäßiger verläuft und der Energiebedarf bedarfsgerecht gedeckt wird.
Häufige Fehler zu Beginn sind eine zu starke Reduktion von Kohlenhydraten, wodurch es zu Hypoglykämien (Unterzuckerungen) oder Heißhunger kommen kann, eine insgesamt zu geringe oder ungünstig verteilte Energiezufuhr sowie die Überschätzung einzelner als „gesund“ geltender Lebensmittel, die dennoch den Blutzucker deutlich ansteigen lassen können. In der praktischen Umsetzung bedeutet dies:
- Kohlenhydrate bewusst auswählen und gleichmäßig über den Tag verteilen:
- Bevorzugt werden langsam verdauliche Kohlenhydratquellen, insbesondere komplexe Kohlenhydrate (Polysaccharide) aus Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten und ballaststoffreichem Gemüse. Sie führen zu einem langsameren Anstieg des Blutzuckers nach dem Essen.
- Lebensmittel mit schnell resorbierbaren Mono- und Disacchariden (Einfach- und Zweifachzucker) sowie stark verarbeitete Produkte werden reduziert, um ausgeprägte Blutzuckerspitzen zu vermeiden.
- Regelmäßige Mahlzeiten mit festen Essenszeiten unterstützen zusätzlich eine gleichmäßigere Blutzuckerlage. In der Regel sind drei Hauptmahlzeiten pro Tag sinnvoll.
Je nach individueller Stoffwechsellage, antidiabetischer Therapie und persönlichem Alltag können ein bis zwei kleinere Zwischenmahlzeiten ergänzt werden, um Hypoglykämien (Unterzuckerungen) und starke Blutzuckerschwankungen zu vermeiden.
Entscheidend ist dabei weniger die exakte Anzahl der Mahlzeiten als deren gleichmäßige Verteilung, Portionsgröße und Zusammensetzung.
- Ballaststoffzufuhr gezielt erhöhen:
- Eine ballaststoffreiche Ernährung fördert nicht nur die Sättigung, sondern verlangsamt auch die Aufnahme von Glucose aus dem Darm. Dadurch werden Blutzuckerspitzen nach den Mahlzeiten abgeflacht und die Stoffwechselkontrolle verbessert.
- Ballaststoffe stammen vor allem aus Vollkornprodukten, Gemüse, Hülsenfrüchten, Nüssen und Samen.
- Proteine (Eiweiß) und Fett sinnvoll kombinieren:
- Eiweißreiche, fettarme Proteinquellen sowie hochwertige pflanzliche Fette werden gezielt in die Mahlzeiten integriert. Sie tragen zur Sättigung bei und können den Blutzuckeranstieg nach dem Essen abschwächen.
- Auswahl und Menge der Lebensmittel werden stets an das individuelle Insulin- oder Antidiabetikaregime angepasst, um Hypo- oder Hyperglykämien (Unter- oder Überzuckerungen) zu vermeiden.
- Energiezufuhr bedarfsgerecht gestalten:
- Die Gesamtenergiemenge sollte dem individuellen Energiebedarf angepasst sein, um Unterversorgung ebenso wie eine unerwünschte Gewichtszunahme zu vermeiden. Bei Übergewicht kann eine moderate, kontrollierte Energiereduktion sinnvoll sein, da bereits eine Gewichtsabnahme die Insulinsensitivität und Stoffwechsellage verbessern kann.
Die Ernährungstherapie ist langfristig angelegt und Bestandteil der dauerhaften Behandlung des Diabetes mellitus. Sie erfolgt in der Regel ambulant und sollte ärztlich koordiniert sowie ernährungsmedizinisch unterstützt werden, um eine sichere Umsetzung, eine stabile Stoffwechsellage und eine gute Alltagstauglichkeit zu gewährleisten.
Empfohlene Lebensmittel
- Ballaststoffreiche Gemüsesorten:
- Verlangsamen die Glucoseaufnahme aus dem Darm, sorgen für einen gleichmäßigeren Blutzuckeranstieg und fördern die Sättigung bei niedriger Energiedichte.
- Vollkornprodukte:
- Liefern komplexe Kohlenhydrate und Ballaststoffe, die langsamer verdaut werden und ausgeprägte Blutzuckerspitzen nach den Mahlzeiten vermeiden helfen.
- Hülsenfrüchte:
- Kombinieren Ballaststoffe, pflanzliches Eiweiß und langsam verfügbare Kohlenhydrate, was zu einer stabileren Blutzuckerlage und besseren Sättigung beiträgt.
- Moderate Obstportionen:
- Enthalten wertvolle Vitamine und Ballaststoffe, liefern aber auch Fructose (Fruchtzucker). Bei langfristig größeren Mengen kann Fructose den Stoffwechsel belasten, die Blutzuckerkontrolle erschweren und zur Entwicklung einer nicht-alkoholischen Fettleber (NAFLD) beitragen.
- Maßvoll verzehrt unterstützen sie die Ernährung, ohne den Blutzucker unnötig zu belasten.
- Nüsse und Samen in angepassten Mengen:
- Z. B. Walnüsse, Mandeln, Haselnüsse, Leinsamen oder Chiasamen
- Sie lieferten Ballaststoffe, ungesättigte Fettsäuren und Eiweiß, fördern die Sättigung und können den Blutzuckeranstieg nach Mahlzeiten abflachen.
- Fettarme Milchprodukte oder geeignete Alternativen:
- Stellen Proteine und Mikronährstoffe (Vitalstoffe) bei vergleichsweise geringer Energiedichte bereit und wirken sich meist günstig auf den Blutzucker aus.
- Geeignete Alternativen sind z. B. ungesüßte Soja-, Hafer- oder Mandeldrinks sowie entsprechende Joghurterzeugnisse.
- Fisch:
- Liefert hochwertiges Eiweiß.
- Fettreicher Seefisch (z. B. Lachs, Makrele, Hering, Sardinen oder Thunfisch) enthält zusätzlich mehrfach ungesättigte Fettsäuren (MUFA), die antiinflammatorisch (entzündungshemmend) wirken und die kardiovaskuläre Prävention unterstützen können.
- Pflanzliche Öle mit günstigem Fettsäureprofil:
- Enthalten überwiegend ungesättigte Fettsäuren und tragen dazu bei, gesättigte Fette zu ersetzen und Blutfettwerte günstig zu beeinflussen.
- Dazu zählen vorrangig Oliven-, Raps- oder Walnussöl.
Nicht empfohlene bzw. einzuschränkende Lebensmittel
- Stark verarbeitete Lebensmittel:
- Enthalten häufig viele schnell verfügbare Kohlenhydrate, ungünstige Fette und Zusatzstoffe und führen zu raschen Blutzuckeranstiegen.
- Beispiele: Fertiggerichte, Fast Food, Chips, süße Backwaren, Wurstwaren
- Zucker und zuckerreiche Getränke:
- Verursachen schnelle und hohe Blutzuckerspitzen, ohne nachhaltig zu sättigen, und erschweren die Stoffwechselkontrolle deutlich.
- Beispiele: Limonaden, Fruchtsäfte, Energydrinks, gesüßter Tee, Süßigkeiten
- Raffinierte Kohlenhydrate:
- Werden rasch verdaut, lassen den Blutzucker schnell ansteigen und enthalten kaum Ballaststoffe.
- Beispiele: Weißbrot, helle Brötchen, weiße Pasta, weißer Reis, Gebäck
- Gesättigte Fettsäuren in hoher Menge:
- Können sich ungünstig auf Blutfettwerte und das kardiovaskuläre Risiko auswirken, das bei einer Diabetes-Erkrankung ohnehin erhöht ist.
- Beispiele: fettes Fleisch, Wurst, Butter, Sahne, fettreicher Käse, Palm- und Kokosfett
- Alkohol:
- Kann die Blutzuckerregulation unvorhersehbar beeinflussen, das Risiko für Unterzuckerungen erhöhen und liefert zusätzliche, schwer kontrollierbare Energie.
- Beispiele: Bier, Wein, Spirituosen
Genussmittelkonsum
Tabak (Rauchen)
- Rauchen ist mit einem erhöhten Risiko für Auftreten und Progression der diabetischen Retinopathie sowie anderer mikroangiopathischer Komplikationen assoziiert [6].
- Klare Empfehlung: vollständige Abstinenz.
Alkohol
- Hoher Alkoholkonsum kann die Blutzuckerkontrolle verschlechtern und mikroangiopathische Schäden begünstigen [7].
- Alkohol kann insbesondere bei einer Therapie mit Insulin oder Sulfonylharnstoffen das Risiko für Hypoglykämien (Unterzuckerungen) erhöhen [8].
- Empfehlung: Reduktion – bei instabiler Stoffwechsellage oder fortgeschrittener Retinopathie eher Verzicht.
Praktische Tipps zur Umsetzung im Alltag
- Einkaufsplanung:
Vor dem Einkauf Mahlzeiten grob planen und eine feste Einkaufsliste nutzen. Bevorzugt werden unverarbeitete Lebensmittel mit überschaubarer Zutatenliste, um versteckte Zucker und stark verarbeitete Bestandteile zu vermeiden. - Vorratshaltung:
Grundnahrungsmittel wie Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Tiefkühlgemüse, Nüsse und hochwertige Öle vorrätig halten, um auch bei Zeitmangel ausgewogene Mahlzeiten zubereiten zu können. - Einfache Mahlzeitenstrukturen:
Wiederkehrende, leicht kombinierbare Mahlzeiten (z. B. Gemüse + Eiweißquelle + komplexe Kohlenhydrate) erleichtern den Alltag und verbessern die langfristige Umsetzbarkeit. - Portionsgrößen bewusst gestalten:
Besonders bei kohlenhydratreichen Lebensmitteln Portionsgrößen einschätzen lernen, um Blutzuckerspitzen zu vermeiden und die Energiezufuhr zu kontrollieren. - Außer Haus essen:
Bei Restaurant- oder Kantinenbesuchen einfache Gerichte mit hohem Gemüseanteil, moderaten Kohlenhydratmengen und eiweißreicher Beilage bevorzugen; zuckerreiche Getränke möglichst meiden. - Berufs- und Schichtarbeit:
Mahlzeiten und Zwischenmahlzeiten vorab planen und mitnehmen, um lange Esspausen oder spontane, ungünstige Lebensmittelauswahl zu vermeiden. - Soziale Anlässe:
Flexible Lösungen finden, ohne das Gesamtkonzept aufzugeben. Einzelne Abweichungen sind unproblematisch, wenn die Ernährung im Alltag insgesamt ausgewogen bleibt. - Regelmäßige Rückkopplung:
Blutzuckerwerte, Körpergewicht und subjektives Befinden regelmäßig beobachten und die Ernährung bei Bedarf gemeinsam mit dem Behandlungsteam anpassen.
Ernährungsphysiologische Bewertung
Bei sachgerechter Umsetzung handelt es sich um eine vollwertige, ausgewogene und langfristig geeignete Ernährungsform, die den Bedarf an Energie und essentiellen Nährstoffen in der Regel decken kann. Voraussetzung ist eine individuelle Anpassung an Stoffwechsellage, Körperzusammensetzung und Komorbiditäten (Begleiterkrankungen).
Die Gesamtenergiezufuhr sollte dem individuellen Bedarf angepasst sein. Eine zu geringe Energiezufuhr kann zu Gewichtsverlust, Müdigkeit und Unterzuckerungen führen, während eine dauerhaft zu hohe Energiezufuhr die Insulinresistenz und das Fortschreiten metabolischer Begleiterkrankungen begünstigt. Bei Übergewicht ist eine moderate, kontrollierte Energiereduktion sinnvoll.
Entscheidend ist weniger der vollständige Verzicht auf Kohlenhydrate als deren Qualität, Menge und zeitliche Verteilung. Eine gleichmäßige Zufuhr komplexer Kohlenhydrate über den Tag trägt zu stabileren Blutzuckerwerten bei und reduziert ausgeprägte postprandiale Glucosespitzen (starke Anstiege des Blutzuckers nach dem Essen).
Eine ausreichende Ballaststoffzufuhr ist zentral für die Blutzuckerkontrolle, da sie die Glucoseaufnahme aus dem Darm verlangsamt, die Sättigung fördert und sich günstig auf den Fettstoffwechsel auswirkt. Eine dauerhaft niedrige Ballaststoffzufuhr kann die glykämische Kontrolle verschlechtern.
Die Proteinzufuhr sollte bedarfsdeckend, aber nicht übermäßig sein. Bei Begleiterkrankungen wie chronischer Nierenerkrankung ist eine individuelle Anpassung erforderlich. Hochwertige Proteinquellen unterstützen den Muskelerhalt und tragen zur Sättigung bei.
Der Schwerpunkt sollte auf ungesättigten Fettsäuren liegen. Ein hoher Anteil gesättigter Fettsäuren kann Blutfettwerte ungünstig beeinflussen und das kardiovaskuläre Risiko erhöhen.
Bei abwechslungsreicher Lebensmittelauswahl ist die Mikronährstoffversorgung in der Regel ausreichend. Einseitige oder stark restriktive Ernährungsmuster erhöhen jedoch das Risiko für Defizite, insbesondere bei B-Vitaminen, Calcium, Magnesium, Eisen oder Spurenelementen.
Einseitige Restriktionen oder nicht evidenzbasierte Ernährungskonzepte sind daher nicht empfohlen, da sie langfristig das Risiko von Mangelzuständen erhöhen, ohne einen zusätzlichen Nutzen für die Retinopathie zu bieten.
Medizinische Risiken und mögliche Komplikationen
Medizinische Risiken entstehen weniger durch das Ernährungskonzept selbst als durch eine fehlerhafte Umsetzung oder fehlende Abstimmung mit der medikamentösen Therapie.
Eine zu starke Reduktion von Kohlenhydraten oder unregelmäßige Mahlzeiten bei gleichbleibender antidiabetischer Medikation können Hypoglykämien (Unterzuckerungen) begünstigen, insbesondere bei Insulin- oder Sulfonylharnstofftherapie.
Eine zu geringe Energiezufuhr kann zu Gewichtsverlust, Muskelschwund und reduzierter Leistungsfähigkeit führen, insbesondere bei älteren Menschen oder bei gleichzeitigem Krankheitsstress.
Bei stark eingeschränkter Lebensmittelauswahl oder langfristig einseitiger Ernährung können Mikronährstoffdefizite auftreten, die sich negativ auf Allgemeinzustand, Immunsystem und Stoffwechsel auswirken.
Änderungen der Ernährungsweise erfordern häufig eine Anpassung von Insulindosen oder oralen Antidiabetika (blutzuckersenkende Medikamente). Erfolgt dies nicht, steigt das Risiko für Hypo- oder Hyperglykämien (Unter- oder Überzuckerungen).
Relevante Wechselwirkungen bestehen insbesondere mit Insulin, Sulfonylharnstoffen und GLP-1-basierten Therapien, da Veränderungen der Energie- und Kohlenhydratzufuhr den Wirkbedarf beeinflussen können [1, 3].
Aus diesen Gründen sollte die Ernährungstherapie stets ärztlich koordiniert und regelmäßig überprüft werden, um Risiken frühzeitig zu erkennen und die Therapie sicher und effektiv zu gestalten.
Kontraindikationen (Gegenanzeigen)
Relative Kontraindikationen (Monitoring erforderlich)
- Fortgeschrittene Niereninsuffizienz (Nierenschwäche) → Proteinmenge muss individuell angepasst werden
- Schwere Essstörungen (z. B. Bulimia nervosa/Ess-Brech-Sucht)
- Instabile Stoffwechsellage
Vorteile
- Verbesserung der Blutzuckereinstellung
- Unterstützung der Herz- und Gefäßgesundheit – günstige Effekte auf Blutfettwerte, Blutdruck und Körpergewicht
- Indirekter Schutz der Netzhaut – Fortschreiten mikroangiopathischer Komplikationen, einschließlich der diabetischen Retinopathie, kann verlangsamt werden
- Langfristige Alltagstauglichkeit
Nachteile/Grenzen
- Erhöhter Schulungs- und Umsetzungsaufwand – erfordert Wissen über Lebensmittel, Portionsgrößen und Blutzuckerreaktionen sowie eine aktive Mitarbeit
- Keine direkte Wirkung auf die Netzhaut – Der Nutzen ergibt sich indirekt über die Stoffwechselkontrolle; eine unmittelbare Verbesserung der Sehleistung ist nicht zu erwarten
Wissenschaftliche Einordnung
Die wissenschaftliche Evidenz zur Ernährungstherapie bei diabetischer Retinopathie leitet sich indirekt aus umfangreichen Daten zur Diabetesbehandlung ab. Langzeitstudien und Metaanalysen zeigen konsistent, dass eine gute glykämische Kontrolle, stabile Blutzuckerwerte, Gewichtsnormalisierung sowie eine günstige Beeinflussung kardiovaskulärer Risikofaktoren mit einer geringeren Rate mikroangiopathischer Komplikationen assoziiert sind. Dazu zählen neben der Retinopathie übrigens auch die diabetische Nephropathie und Neuropathie.
Leitlinien nationaler und internationaler Fachgesellschaften betonen deshalb die zentrale Rolle einer strukturierten, individualisierten Ernährungstherapie als festen Bestandteil der Diabetesbehandlung. Diese Empfehlungen zielen auf eine nachhaltige Verbesserung der Stoffwechsellage und Risikofaktoren ab.
Die Plausibilität der Ernährungstherapie ergibt sich aus pathophysiologischen Zusammenhängen: Chronische Hyperglykämie (anhaltende Überzuckerung), starke Blutzuckerschwankungen, oxidativer Stress und entzündliche Prozesse gelten als zentrale Treiber mikroangiopathischer Schäden. Eine Ernährung, die zu stabilen Blutzuckerwerten beiträgt, kann diese Mechanismen günstig beeinflussen, ohne jedoch als direkte Therapie der retinalen Veränderungen zu wirken.
Fazit
Die Ernährungstherapie bei diabetischer Retinopathie ist sinnvoll und notwendig, jedoch ausschließlich als Bestandteil der leitliniengerechten Behandlung des Diabetes mellitus. Sie ersetzt weder augenärztliche Kontrollen noch medikamentöse oder interventionelle Therapien.
Kurz- und langfristig kann eine konsequent umgesetzte, evidenzbasierte Diabetesernährung durch eine verbesserte Stoffwechselkontrolle dazu beitragen, das Fortschreiten mikroangiopathischer Netzhautveränderungen zu verlangsamen. Der Effekt ist dabei indirekt und beruht auf stabileren Blutzuckerwerten, reduzierten Schwankungen und einer günstigeren Beeinflussung kardiovaskulärer Risikofaktoren. Der tatsächliche Nutzen liegt in der langfristigen, realistischen und individuell angepassten Umsetzung einer ausgewogenen Diabetesernährung.
Literatur
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