Makrozytose – Differentialdiagnosen
Differentialdiagnostisch ist bei einer Makrozytose (Vergrößerung der roten Blutkörperchen) zwischen megaloblastären (durch eine gestörte Zellreifung verursachten), nichtmegaloblastären (nicht durch eine gestörte Zellreifung verursachten) und artefiziellen (durch Mess- oder Probenfehler vorgetäuschten) Ursachen zu unterscheiden:
Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (D50-D90)
- Akuter Blutverlust mit Retikulozytose (Vermehrung junger roter Blutkörperchen) – vorübergehende Makrozytose in der Regenerationsphase durch den erhöhten Anteil größerer Retikulocyten (junger roter Blutkörperchen)
- Aplastische Anämie (Blutarmut durch Versagen der Blutbildung im Knochenmark) – seltene Ursache einer Makrozytose; insbesondere bei zusätzlicher Retikulozytopenie (Mangel an jungen roten Blutkörperchen), Leukopenie (Mangel an weißen Blutkörperchen) und/oder Thrombozytopenie (Mangel an Blutplättchen) zu berücksichtigen
- Hämolytische Anämie (Blutarmut durch vermehrten Abbau roter Blutkörperchen) – Makrozytose durch kompensatorische Retikulozytose; mögliche Ursachen sind autoimmune, hereditäre, mechanische oder toxische Hämolysen (Abbauvorgänge roter Blutkörperchen)
Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)
- Folsäuremangel – megaloblastäre Makrozytose bei unzureichender Zufuhr, erhöhtem Bedarf, Malabsorption (gestörter Nährstoffaufnahme), Alkoholabhängigkeit oder Arzneimitteleinfluss
- Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) – meist leichte nichtmegaloblastäre Makrozytose, gegebenenfalls mit Anämie
- Vitamin-B12-Mangel – megaloblastäre Makrozytose bei Autoimmungastritis (autoimmun bedingter Magenschleimhautentzündung), Malabsorption, gastrointestinalen Operationen, unzureichender Zufuhr oder Arzneimitteleinfluss; neurologische Manifestationen (Auswirkungen auf das Nervensystem) können auch ohne Makrozytose oder Anämie auftreten
Leber, Gallenblase und Gallenwege – Pankreas (Bauchspeicheldrüse) (K70-K77; K80-K87)
- Chronische Lebererkrankungen einschließlich Leberzirrhose (Leberschrumpfung) – nichtmegaloblastäre Makrozytose durch Veränderungen der Lipidzusammensetzung der Erythrocytenmembran (Hülle der roten Blutkörperchen); gegebenenfalls mit Targetzellen (zielscheibenförmigen roten Blutkörperchen) und Thrombozytopenie
Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)
- Autoimmungastritis – gestörte Vitamin-B12-Resorption (Vitamin-B12-Aufnahme) durch Mangel an Intrinsic Factor (Eiweißstoff zur Aufnahme von Vitamin B12) mit möglicher megaloblastärer Makrozytose
- Malabsorption nach Gastrektomie (operativer Entfernung des Magens) oder bariatrischem Eingriff (Operation zur Gewichtsabnahme) – Vitamin-B12- und gegebenenfalls Folsäuremangel infolge veränderter gastrointestinaler Resorptionsbedingungen
- Morbus Crohn (chronisch-entzündliche Darmerkrankung) mit ausgedehntem Befall des terminalen Ileums (Endabschnitts des Dünndarms) oder nach distaler Ileumresektion (operativer Entfernung eines entfernten Dünndarmabschnitts) – Risiko eines Vitamin-B12-Mangels mit nachfolgender megaloblastärer Makrozytose
- Zöliakie (glutenbedingte Dünndarmerkrankung) – Folsäure- und gegebenenfalls Vitamin-B12-Mangel durch intestinale Malabsorption
Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)
- Myelodysplastische Neoplasie (Erkrankung des Knochenmarks mit gestörter Blutbildung) (MDS) – wichtige Ursache einer persistierenden nichtmegaloblastären Makrozytose, insbesondere im höheren Lebensalter und bei zusätzlicher Anämie, Leukopenie, Thrombozytopenie oder dysplastischen Veränderungen (Fehlentwicklungen von Zellen) im peripheren Blutausstrich
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Alkoholabhängigkeit/schädlicher Alkoholkonsum – häufige Ursache einer nichtmegaloblastären Makrozytose durch direkte Beeinträchtigung der Erythropoese (Bildung roter Blutkörperchen); kann bereits ohne Anämie oder manifeste Lebererkrankung auftreten
Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (O00-O99)
- Physiologische Makrozytose in der Schwangerschaft – geringfügige Zunahme des mittleren Erythrozytenvolumens möglich; bei deutlicher Makrozytose sind insbesondere Vitamin-B12- und Folsäuremangel auszuschließen
Medikamente
- Antiepileptika – insbesondere Phenytoin und Valproinsäure; Makrozytose durch Beeinträchtigung des Folsäurestoffwechsels oder direkte Wirkung auf die Erythropoese
- Antiretrovirale Arzneimittel – insbesondere Zidovudin und Stavudin; häufig isolierte Makrozytose ohne klinisch relevante Anämie
- Antimetabolite und Zytostatika – insbesondere Azathioprin, Capecitabin, 5-Fluorouracil, Hydroxycarbamid, 6-Mercaptopurin und Methotrexat; Makrozytose durch Hemmung der DNA-Synthese oder myelosuppressive Wirkung
- Folsäureantagonisten und Arzneimittel mit beeinträchtigter Folsäureresorption – insbesondere Pyrimethamin, Sulfasalazin und Trimethoprim; mögliche megaloblastäre Makrozytose
- Metformin, Protonenpumpeninhibitoren und H2-Rezeptorantagonisten – bei langfristiger Anwendung mögliche Begünstigung eines Vitamin-B12-Mangels
Umweltbelastungen – Intoxikationen (Vergiftungen)
- Lachgasexposition – oxidative Inaktivierung von Vitamin B12 mit funktionellem Vitamin-B12-Mangel; neurologische Schäden können auch ohne ausgeprägte Makrozytose oder Anämie auftreten
- Nikotinkonsum – kann mit einer isolierten Makrozytose assoziiert sein; vorrangige hämatologische, endokrine, hepatische und medikamentöse Ursachen sind auszuschließen
Weiteres
- Pseudomakrozytose (scheinbare Vergrößerung der roten Blutkörperchen)/Messartefakt – artifiziell erhöhtes mittleres Erythrozytenvolumen bei verzögerter Probenverarbeitung, Kälteagglutininen, ausgeprägter Hyperglykämie (erhöhtem Blutzucker), extremer Leukocytose (Vermehrung weißer Blutkörperchen) oder paraproteinbedingter Rouleauxbildung (geldrollenartiger Anordnung roter Blutkörperchen durch krankhafte Eiweiße); durch zeitnahe Wiederholungsmessung und Beurteilung des peripheren Blutausstrichs abzugrenzen