Weitsichtigkeit (Hyperopie) – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Hyperopie (Weitsichtigkeit) mitbedingt sein können:

Augen und Augenanhangsgebilde (H00-H59)

  • Akkommodative Esotropie (durch Scharfstellung bedingtes Einwärtsschielen) – durch den bei Hyperopie erhöhten Akkommodationsbedarf (erhöhten Bedarf zur Scharfstellung des Auges) kann über die akkommodative Konvergenz (Einwärtsbewegung der Augen bei Nahfokussierung) ein Einwärtsschielen entstehen. Das Risiko steigt deutlich mit dem Ausmaß der Hyperopie; insbesondere bei mittel- bis höhergradiger Hyperopie im frühen Kindesalter besteht ein deutlich erhöhtes Risiko für eine akkommodative Esotropie [1, LL2, LL4]. Für Esotropien insgesamt ist zusätzlich eine ausgeprägte Dosis-Wirkungs-Beziehung mit zunehmender Hyperopie belegt [2].
  • Amblyopie (Schwachsichtigkeit) – insbesondere bei höhergradiger, frühkindlicher bilateraler (beidseitiger) Hyperopie sowie bei zusätzlichem Strabismus (Schielen) oder relevanter Anisometropie (unterschiedlicher Fehlsichtigkeit beider Augen). Für eine Hyperopie von mindestens +3,5 dpt im Säuglingsalter zeigen longitudinale Studien eine deutliche Risikoerhöhung für die spätere Entwicklung einer Amblyopie [1, LL2, LL3].
  • Primäre Winkelblockerkrankung (Erkrankung durch Verengung oder Verschluss des Kammerwinkels) bis zum primären Winkelblockglaukom (Grüner Star durch Verschluss des Kammerwinkels) – hyperope Augen weisen häufiger eine kürzere Bulbusachse (Augenlänge), eine flachere Vorderkammer (Raum zwischen Hornhaut und Regenbogenhaut) und einen engeren Kammerwinkel (Abflusswinkel zwischen Hornhaut und Regenbogenhaut) auf. Ein stärker hyperopes sphärisches Äquivalent (zusammenfassender Brechkraftwert) und eine kürzere Achslänge sind mit der primären Winkelblockerkrankung bzw. dem primären Winkelblockglaukom assoziiert; bei entsprechender anatomischer Prädisposition (körperbaulich bedingter Veranlagung) kann auch ein akuter Winkelblock (plötzlicher Verschluss des Kammerwinkels) auftreten [3, LL5, LL6].

Prognosefaktoren

  • Ausmaß der Hyperopie
    • Das Risiko für eine akkommodative Esotropie steigt mit zunehmender Hyperopie [1, LL2, LL4]. Für Esotropien insgesamt zeigt eine Meta-Analyse eine ausgeprägte Dosis-Wirkungs-Beziehung: Bereits bei einem sphärischen Äquivalent von +2 bis <+3 dpt ist das Risiko deutlich erhöht und nimmt bei höhergradiger Hyperopie weiter zu [2].
    • Auch das Amblyopierisiko nimmt mit zunehmender frühkindlicher Hyperopie zu [1, LL3].
  • Frühes Lebensalter und Persistenz der Hyperopie
    • Eine höhergradige Hyperopie während der sensiblen Phase der visuellen Entwicklung (Sehentwicklung) im Säuglings- und Kleinkindalter ist prognostisch besonders relevant. Eine persistierende bzw. zunehmende Hyperopie erhöht das Risiko für Amblyopie und akkommodative Esotropie [1, LL2-LL4].
  • Bilaterale höhergradige Hyperopie und Anisometropie
    • Eine ausgeprägte bilaterale Hyperopie begünstigt insbesondere eine bilaterale refraktive Amblyopie (beidseitige Schwachsichtigkeit aufgrund einer Fehlsichtigkeit); eine zusätzliche relevante Anisometropie erhöht das Risiko einer einseitigen Amblyopie [LL2, LL3].
  • Strabismus
    • Das Auftreten einer Esotropie erhöht zusätzlich das Risiko einer Amblyopie und einer Beeinträchtigung der binokularen Sehentwicklung (gemeinsamen Sehentwicklung beider Augen) [LL3, LL4].
  • Optische Korrektur
    • Eine alters- und befundgerechte Korrektur einer klinisch relevanten Hyperopie ist für die visuelle Entwicklung wesentlich. Die Daten zur primären Prävention (Vorbeugung) von Amblyopie und akkommodativer Esotropie durch eine sehr frühe Brillenkorrektur sind jedoch heterogen; der präventive Effekt wird in der aktuellen systematischen Übersichtsarbeit insgesamt als moderat bewertet [1, LL1-LL4].
  • Anatomische Prädisposition für einen Winkelblock
    • Eine kurze Bulbusachse, flache Vorderkammer und ein enger Kammerwinkel erhöhen insbesondere mit zunehmendem Lebensalter das Risiko für die Entwicklung einer primären Winkelblockerkrankung. Die Hyperopie ist dabei ein wichtiger klinischer Marker (Hinweisbefund) dieser anatomischen Konstellation (körperbaulichen Merkmalskombination) [3, LL5, LL6].

Literatur

  1. Steltman JS, Loudon SE, Simonsz HJ: Evidence for hypermetropia, astigmatism, and anisometropia associated with, and early glasses preventing, the development of amblyopia and accommodative esotropia. Strabismus. 2026;34(1):87-102. doi: 10.1080/09273972.2025.2551059.
  2. Tang SM, Chan RYT, Lin SB et al.: Refractive Errors and Concomitant Strabismus: A Systematic Review and Meta-analysis. Sci Rep. 2016;6:35177. doi: 10.1038/srep35177.
  3. Wang Y, Dong XX, Hou XW et al.: Risk Factors for Primary Angle-closure Glaucoma: A Systematic Review and Meta-analysis of 45 Studies. Optom Vis Sci. 2023;100(9):606-613. doi: 10.1097/OPX.0000000000002050.

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. Jacobs DS, Afshari NA, Bishop RJ et al.: Refractive Errors Preferred Practice Pattern®. Ophthalmology. 2023;130(3):P1-P60. doi: 10.1016/j.ophtha.2022.10.031. [LL1]
  2. Hutchinson AK, Morse CL, Hercinovic A et al.: Pediatric Eye Evaluations Preferred Practice Pattern. Ophthalmology. 2023;130(3):P222-P270. doi: 10.1016/j.ophtha.2022.10.030. [LL2]
  3. Cruz OA, Repka MX, Hercinovic A et al.: Amblyopia Preferred Practice Pattern. Ophthalmology. 2023;130(3):P136-P178. doi: 10.1016/j.ophtha.2022.11.003. [LL3]
  4. Sprunger DT, Lambert SR, Hercinovic A et al.: Esotropia and Exotropia Preferred Practice Pattern®. Ophthalmology. 2023;130(3):P179-P221. doi: 10.1016/j.ophtha.2022.11.002. [LL4]
  5. Pazos M, Traverso CE, Viswanathan A et al.: European Glaucoma Society – Terminology and guidelines for glaucoma, 6th Edition. Br J Ophthalmol. 2025;109(Suppl 1):1-212. doi: 10.1136/bjophthalmol-2025-egsguidelines. [LL5]
  6. Gedde SJ, Chopra V, Vinod K et al.: Primary Angle-Closure Disease Preferred Practice Pattern®. Ophthalmology. 2026;133(4):P153-P201. doi: 10.1016/j.ophtha.2025.12.030. [LL6]