Sehstörungen – Körperliche Untersuchung
Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:
- Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruck, Puls, Körpergewicht, Körpergröße; des Weiteren:
- Allgemeinzustand und Bewusstseinslage [Bewusstseinsstörung (Störung des Wachseins bzw. Bewusstseins) bei zentral-neurologischer Ursache]
- Haut und Schleimhäute, insbesondere Gesicht, Stirn, Lider und periorbitale Region (Bereich um die Augenhöhle) [vesikuläre Hautveränderungen (bläschenförmige Hautveränderungen) im Versorgungsgebiet des Nervus ophthalmicus (Augenast des fünften Hirnnervs) bei Herpes zoster ophthalmicus (Gürtelrose am Auge)]
- Inspektion der Augen und Orbitae (Augenhöhlen) im Seitenvergleich [Bulbusprotrusion (Hervortreten des Augapfels), Bulbusverlagerung (Verlagerung des Augapfels), Lidretraktion (Zurückweichen des Augenlids), Lidschwellung, Ptosis (Herabhängen des Oberlids), konjunktivale Injektion (Rötung der Bindehaut), Chemosis (Schwellung der Bindehaut)]
- Augenärztliche Untersuchung – vollständige Untersuchung beider Augen im Seitenvergleich:
- Bestimmung der monokularen (einäugigen) und binokularen (beidäugigen) Sehschärfe für Ferne und ggf. Nähe, jeweils mit vorhandener Korrektur; bei Visusminderung (Verminderung der Sehschärfe) zusätzlich Prüfung mit stenopäischer Lücke (Lochblende) [verminderte Sehschärfe; fehlende oder nur geringe Visusbesserung durch stenopäische Lücke bei nicht primär refraktiver Ursache (nicht hauptsächlich durch einen Brechungsfehler bedingter Ursache)]
- Refraktionsprüfung (Bestimmung der Brechkraft des Auges) bei Verdacht auf eine refraktive Ursache der Sehstörung
- Prüfung der Pupillengröße, Seitengleichheit sowie direkten und konsensuellen Lichtreaktion (Mitreaktion der Pupille des anderen Auges); Swinging-Flashlight-Test (Wechselbelichtungstest der Pupillen) [Anisokorie (unterschiedlich große Pupillen); relative afferente Pupillenstörung (RAPD) (verminderte Lichtreizleitung eines Auges) bei einseitiger bzw. asymmetrischer Erkrankung von Retina (Netzhaut) oder Nervus opticus (Sehnerv)]
- Prüfung des Farbensehens, insbesondere der Rotentsättigung im Seitenvergleich [Farbentsättigung bzw. Dyschromatopsie (Störung des Farbensehens) bei Optikusneuropathie (Erkrankung des Sehnervs)]
- Orientierende Gesichtsfeldprüfung durch Konfrontation für jedes Auge getrennt [zentrales oder peripheres Skotom (Gesichtsfeldausfall); Hemianopsie (Ausfall einer Gesichtsfeldhälfte); Quadrantenanopsie (Ausfall eines Gesichtsfeldviertels); konzentrische Gesichtsfeldeinengung (ringförmige Einengung des Gesichtsfeldes)]
- Prüfung von Augenstellung und Bulbusmotilität (Beweglichkeit der Augäpfel) in den diagnostischen Blickrichtungen einschließlich Beurteilung auf Doppelbilder; ggf. Abdeck- und Aufdecktest [Strabismus (Schielen); Augenmuskelparese (Lähmung eines Augenmuskels); Blickparese (Lähmung einer Blickrichtung); internukleäre Ophthalmoplegie (Störung der gekoppelten Augenbewegung); Nystagmus (Augenzittern)]
- Inspektion der Lider, Lidkanten, Bindehaut, Sklera (Lederhaut des Auges) und Hornhaut [Ptosis; Blepharospasmus (Lidkrampf); konjunktivale Injektion; Hornhauttrübung]
- Spaltlampenuntersuchung (mikroskopische Untersuchung des vorderen Augenabschnitts) des vorderen Augenabschnitts einschließlich Hornhaut, Vorderkammer, Iris (Regenbogenhaut) und Linse [Hornhautödem (Schwellung der Hornhaut); Vorderkammerzellen bzw. Tyndall-Phänomen (entzündliche Zellen bzw. Eiweißtrübung im Kammerwasser); flache Vorderkammer; Linsentrübung]
- Beurteilung der Vorderkammertiefe vor medikamentöser Mydriasis (Pupillenerweiterung) bei entsprechendem Risikoprofil [enge bzw. verschlossene Kammerwinkelkonfiguration (enger bzw. verschlossener Abflusswinkel des Auges)]
- Messung des Augeninnendrucks bei entsprechender klinischer Fragestellung [erhöhter Augeninnendruck, insbesondere bei akutem Winkelblock (plötzlichem Verschluss des Kammerwinkels)]; bei Verdacht auf eine offene Bulbusverletzung (offene Verletzung des Augapfels) keine Applanation (Abflachung zur Druckmessung) des Bulbus (Augapfels)
- Funduskopie (Augenhintergrunduntersuchung), bei ausreichender Sicherheit ggf. in Mydriasis, mit Beurteilung von Papille (Sehnervenkopf), Makula (Stelle des schärfsten Sehens), retinalen Gefäßen (Netzhautgefäßen), zentraler und peripherer Netzhaut sowie Glaskörper [Papillenödem (Schwellung des Sehnervenkopfes); Papillenblässe; Papillenexkavation (Aushöhlung des Sehnervenkopfes); retinale Blutungen (Netzhautblutungen); Cotton-Wool-Herde (wattebauschartige Netzhautherde); Gefäßverschlusszeichen; Makulaödem (Schwellung der Stelle des schärfsten Sehens) bzw. Makulaveränderungen; Netzhautforamen (Netzhautloch); Netzhautablösung; Glaskörperblutung]
- Stereoskopische Beurteilung der Papille und peripapillären retinalen Nervenfaserschicht (Nervenfaserschicht um den Sehnervenkopf) bei Verdacht auf eine Optikus- oder Glaukomerkrankung (Sehnerv- bzw. Grünen-Star-Erkrankung) [Papillenschwellung; Papillenatrophie (Schwund des Sehnervenkopfes); glaukomatöse Papillenexkavation (durch Grünen Star bedingte Aushöhlung des Sehnervenkopfes)]
- Amsler-Gitter-Test (Gittertest zur Prüfung des zentralen Sehens) bei zentralen Sehstörungen bzw. Verdacht auf eine Makulaerkrankung [Metamorphopsien (verzerrtes Sehen); Zentralskotom (zentraler Gesichtsfeldausfall)]
- Neurologische Untersuchung – insbesondere bei akut aufgetretener Sehstörung, Doppelbildern, Gesichtsfeldausfällen, Kopfschmerzen oder weiteren neurologischen Symptomen:
- Bewusstseinslage und Orientierung [Bewusstseinsstörung]
- Hirnnervenstatus (Untersuchung der Hirnnerven) einschließlich Pupillomotorik (Steuerung der Pupillenbewegung), Augenmotilität (Augenbeweglichkeit) und Gesichtsmotorik (Beweglichkeit der Gesichtsmuskulatur) [Hirnnervenparese (Lähmung eines Hirnnervs); Blickparese; Fazialisparese (Lähmung des Gesichtsnervs)]
- Motorik, Sensibilität (Empfindungsfähigkeit), Muskeleigenreflexe und Koordination im Seitenvergleich [Hemiparese (Halbseitenlähmung); Sensibilitätsstörung; pathologische Reflexseitendifferenz (krankhafte Seitenabweichung der Reflexe); Ataxie (Störung der Bewegungskoordination)]
- Sprach- und Sprechfunktion [Aphasie (Sprachstörung); Dysarthrie (Sprechstörung)]
- Prüfung auf Neglect (Vernachlässigung einer Raum- oder Körperhälfte) bei Verdacht auf eine zerebrale Läsion (Schädigung des Gehirns) [visueller Neglect (Vernachlässigung einer Gesichtsfeldseite)]
- Gefäßstatus – insbesondere bei akutem monokularem Visusverlust (Sehverlust eines Auges) oder Verdacht auf eine vaskuläre Genese (gefäßbedingte Ursache):
- Blutdruckmessung an beiden Armen bei klinischem Verdacht auf relevante Seitendifferenz [deutliche Blutdruckseitendifferenz]
- Palpation (Abtasten) der peripheren Pulse und orientierende Beurteilung des kardiovaskulären Status (Herz-Kreislauf-Zustand) [Pulsdefizit (fehlende tastbare Pulsschläge); absolute Arrhythmie (vollständig unregelmäßiger Herzschlag)]
- Bei Patienten ab etwa 50 Jahren und klinischem Verdacht auf Riesenzellarteriitis (Entzündung großer und mittelgroßer Arterien) Inspektion und Palpation der Arteriae temporales (Schläfenarterien) [Druckschmerz, Verhärtung, knotige Verdickung oder abgeschwächte bzw. fehlende Pulsation der Temporalarterie (Schläfenarterie)]
- Hals-Nasen-Ohren- und orbitale Untersuchung – bei klinischem Verdacht auf entzündliche, infektiöse oder orbitale Ursache (Ursache in der Augenhöhle):
- Inspektion und vorsichtige Palpation der periorbitalen Region [periorbitale Schwellung, Rötung, Druckschmerz]
- Beurteilung der Bulbusstellung (Stellung des Augapfels) und Augenbeweglichkeit [Proptosis (Hervortreten des Augapfels); schmerzhafte oder eingeschränkte Bulbusmotilität]
Bei plötzlich aufgetretener ausgeprägter Sehverschlechterung bzw. Erblindung, neuem Gesichtsfeldausfall, einer relativen afferenten Pupillenstörung, Papillenschwellung, Netzhautablösung, retinalem Gefäßverschluss (Verschluss eines Netzhautgefäßes), akutem schmerzhaftem roten Auge mit Visusminderung oder begleitenden fokal-neurologischen Defiziten (umschriebenen Ausfällen des Nervensystems) ist eine unverzügliche ophthalmologische bzw. neurologische Notfalldiagnostik (sofortige augenärztliche bzw. neurologische Abklärung) erforderlich.
In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.