Sehstörungen – Einleitung

Sehstörungen (ICD-10-GM H53.-: Sehstörungen; Visusstörungen) bezeichnen eine akute oder schleichend einsetzende Veränderung der Sehschärfe.

Man kann die folgenden Formen nach dem ICD-10-GM unterscheiden:

  • Amblyopia ex anopsia (Synonym: Stimulus-Deprivations-Amblyopien; ICD-10-GM H53.0) ‒ Schwachsichtigkeit, die durch einen echten Funktionsausfall des Auges bedingt ist; Ursache ist ein verminderter oder gänzlich fehlender foveolarer Reiz, der oft durch angeborene organische Störungen verursacht wird
  • Subjektive Sehstörungen (ICD-10-GM H53.1) wie:
    • Asthenopie ‒ Symptomenkomplex, der durch folgende Beschwerden beschrieben wird: Missempfindungen unter visueller Belastungen, die mit Verschwommensehen, Tränenträufeln etc. einhergehen; Ursache ist eine Überbeanspruchung der Augen – insbesondere bei jüngeren Menschen –, die durch akkommodative, motorische, sensorische oder optische Störungen des Sehens ausgelöst wird
    • Farbringe um Lichtquellen
    • Flimmerskotom (Flimmerempfindungen),  ein-/beidseitig; häufig auftretend vor/bei einer Migräne
    • Hemeralopie (Tagblindheit)
    • Metamorphopsie ‒ veränderte/verzerrte Wahrnehmung von Objekten
    • Photophobie (Lichtscheu)
    • Plötzlicher Sehverlust
  • Diplopie (Doppeltsehen; ICD-10-GM H53.2)
  • Sonstige Störungen des binokularen Sehens (ICD-10-GM H53.3) wie:
    • Anomale Netzhautkorrespondenz
    • Fusion mit herabgesetztem Stereosehen
    • Simultansehen ohne Fusion
    • Suppression (Unterdrückung) des binokularen Sehens (gemeinsames Sehen von rechtem und linkem Auge)
  • Gesichtsfelddefekte (ICD-10-GM H53.4)
    • Hemianopsie homonoym/heteronym
      • homonyme Hemianopsie (rechts oder links): auf beiden Augen ist die gleiche Seite von dem Ausfall betroffen
      • heteronyme (in der Regel bitemporale) Hemianopsie: auf beiden Augen ist jeweils die Gegenseite von dem Ausfall betroffen 
    • Konzentrische Einengung des Gesichtsfeldes
    • Quadrantenanopsie ‒ es fehlt ein oberer oder unterer Bereich (meistens ein Viertel = Quadrant) des Gesichtsfeldes auf einem oder beiden Augen
    • Skotom – umschriebener Gesichtsfeldausfall, d.h. ein Teilbereich des Gesichtsfeldes ist in seiner Sensibilität herabgesetzt
      • absolutes Skotom: vollständiger Sensibilitätsverlust (Erblindung) für einen Teilbereich
      • relatives Skotom: teilweiser Sensibilitätsverlust für einen Teilbereich
    • Vergrößerter blinder Fleck
  • Farbsinnstörungen (ICD-10-GM H53.5)
  • Nachtblindheit (ICD-10-GM H53.6)
  • Sonstige Sehstörung (ICD-10-GM H53.8)
  • Sehstörung, nicht näher bezeichnet (ICD-10-GM H53.9)

Eine visuelle Wahrnehmungsstörung kann orientierend an der Anatomie wie folgt untergliedert werden:

  • periphere Sehfunktionen sind Prozesse, die vor der Sehbahnkreuzung verortet sind
  • zentrale visuelle Wahrnehmung werden als postchiasmalen Prozesse bezeichnet und untergliedert in
    • Störungenelementarer Sehfunktionen (z. B. Gesichtsfeld, Kontrastsehen, Farb- und Raumsehen)
    • Störungen komplexer Sehfunktionen (z. B. visuelles Erkennen bzw. Wiedererkennen von Objekten, Gesichtern, Orten bzw. Wegen) 

Eine Sehstörung kann Symptom vieler Erkrankungen sein (s. u. "Differentialdiagnosen").

Geschlechterverhältnis für Blindheit: Männer und Frauen sind gleich häufig betroffen.

Häufigkeitsgipfel für Blindheit: Die Erkrankung tritt vorwiegend jenseits des 60. Lebensjahres auf.

Die Inzidenz (Häufigkeit von Neuerkrankungen) der Blindheit beträgt ca. 12,3 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner pro Jahr.
Derzeit leben circa 145.000 blinde Menschen in Deutschland.
Weltweit gibt es circa 39 Millionen blinde Menschen.

Die Prävalenz (Krankheitshäufigkeit) der Blindheit liegt bei unter 20-Jährigen bei 47 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner. Bei 20-60-Jährigen bei 64 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner, bei 60-80-Jährigen schon bei 237 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner und bei über 80-Jährigen bei 1556 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner.

Verlauf und Prognose

Verlauf

  • Akuter Verlauf: Sehstörungen können plötzlich auftreten, oft als Symptom schwerwiegender Erkrankungen wie Apoplex (Schlaganfall), Migräne, oder Ablatio retinae (Netzhautablösung). Diese erfordern eine sofortige medizinische Abklärung und Behandlung.
  • Schleichender Verlauf: Andere Sehstörungen entwickeln sich allmählich, wie bei degenerativen Erkrankungen oder chronischen Leiden wie diabetischer Retinopathie oder Glaukom. Diese Formen erfordern regelmäßige Kontrollen und eine langfristige Therapie, um das Fortschreiten zu verlangsamen.

Prognose

  • Abhängig von der Ursache: Der Verlauf und die Prognose von Sehstörungen sind stark abhängig von der zugrunde liegenden Erkrankung. Einige Sehstörungen sind reversibel, während andere zu dauerhaften Einschränkungen führen können.
    • Reversible Sehstörungen: Sehstörungen durch Refraktionsfehler (z. B. Myopie/Kurzsichtigkeit, Hyperopie/Weitsichtigkeit) können durch Brillen oder Kontaktlinsen vollständig korrigiert werden. Auch Sehstörungen durch Katarakt können durch eine Operation erfolgreich behandelt werden.
    • Irreversible Sehstörungen: Erkrankungen wie die altersbedingte Makuladegeneration, fortgeschrittenes Glaukom (Grüner Star) oder diabetische Retinopathie können zu bleibenden Sehverlusten führen, selbst bei optimaler Behandlung.
    • Temporäre Sehstörungen: Bei Migräne oder Amaurosis fugax (vorübergehende Erblindung) kann die Sehfähigkeit nach der Episode vollständig zurückkehren.

Besondere Formen

  • Amblyopie: Diese Form der Schwachsichtigkeit entwickelt sich oft in der Kindheit und ist ohne frühzeitige Behandlung (z. B. Okklusionsbehandlung) meist irreversibel. (s. u. "Schwachsichtigkeit – Amblyopie-Früherkennung")
  • Diplopie: Doppeltsehen kann ein Hinweis auf ernsthafte neurologische oder muskuläre Erkrankungen sein und erfordert eine genaue Diagnose und spezifische Therapie.
  • Farbsinnstörungen: Diese sind meistens angeboren und nicht behandelbar, können jedoch durch spezielle Hilfsmittel teilweise kompensiert werden.
  • Gesichtsfelddefekte: Können durch neurologische Erkrankungen oder Netzhautschäden verursacht werden und erfordern eine spezifische Diagnose und Therapie.

Langzeitperspektive

Regelmäßige augenärztliche Untersuchungen sind entscheidend, insbesondere bei chronischen Erkrankungen oder Risikofaktoren für Sehstörungen. Die frühzeitige Erkennung und Behandlung können das Fortschreiten vieler Sehstörungen verlangsamen und die Lebensqualität der Betroffenen erheblich verbessern.

Insgesamt gilt, dass jede zunehmende Sehschwäche oder plötzliche Sehstörung umgehend augenärztlich abgeklärt werden sollte, um die Ursache zu identifizieren und geeignete therapeutische Maßnahmen einzuleiten.

Leitlinien

  1. S2k-Leitlinie: Visuelle Wahrnehmungsstörungen. (AWMF-Registernummer: 022 - 020), April 2017 Langfassung