Schielen (Strabismus) – Körperliche Untersuchung
Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:
- Allgemeine körperliche Untersuchung
- Inspektion von Kopf und Gesicht [Gesichtsasymmetrie, kraniofaziale Dysmorphie (Fehlbildung von Schädel und Gesicht), kompensatorische Kopfzwangshaltung (Ausgleichshaltung des Kopfes) (Kopfneigung, Kopfdrehung, Kinnhebung bzw. -senkung)]
- Orientierende neurologische Untersuchung (Untersuchung des Nervensystems) bei akut aufgetretenem, inkomitantem oder paretischem Strabismus (Schielen) bzw. bei begleitender Diplopie (Doppelbilder) [Hirnnervenparesen (Lähmungen von Hirnnerven), Ataxie (Störung der Bewegungskoordination), Paresen (Lähmungserscheinungen), Sensibilitätsstörungen (Störungen der Empfindungswahrnehmung)]
- Augenärztliche und orthoptische Untersuchung – insbesondere zur Charakterisierung des Strabismus sowie zum Nachweis einer Amblyopie (Schwachsichtigkeit) oder einer zugrunde liegenden Augenerkrankung
- Inspektion von Augen und Adnexen (Augenanhangsgebilden) [manifeste Fehlstellung der Augen, Ptosis (Herabhängen des Oberlids), Proptosis (Hervortreten des Augapfels), Lid- oder Orbitaasymmetrie (Asymmetrie der Augenhöhlen)]
- Beurteilung der spontanen Augenstellung und Fixation (gezieltes Ansehen eines Objekts) [Esotropie (Einwärtsschielen), Exotropie (Auswärtsschielen), Vertikaldeviation (vertikale Fehlstellung der Augen), alternierende oder einseitige Fixation]
- Prüfung der Pupillenreaktionen [Anisokorie (ungleiche Pupillenweite), relatives afferentes Pupillendefizit (Störung der Pupillenlichtreaktion eines Auges)]
- Prüfung des Rotreflexes (roter Lichtreflex der Pupille) [Seitendifferenz oder abgeschwächter/fehlender Rotreflex als Hinweis auf organische Augenpathologie (organische Augenerkrankung)]
- Alters- und kooperationsgerechte monokulare Visusprüfung (Sehschärfenprüfung eines einzelnen Auges) [Visusminderung (verminderte Sehschärfe), Seitendifferenz als Hinweis auf Amblyopie]
- bei präverbalen bzw. nicht ausreichend kooperativen Kindern ggf. Preferential-looking-Test
- Untersuchung der Augenmotilität (Beweglichkeit der Augen)
- Prüfung von Versionen (gleichsinnigen Augenbewegungen) und Duktionen (Bewegungen eines einzelnen Auges) in den diagnostischen Blickrichtungen [Bewegungseinschränkung, Über- oder Unterfunktion einzelner Augenmuskeln]
- Beurteilung der Komitanz (Gleichbleiben des Schielwinkels in verschiedenen Blickrichtungen) [komitanter bzw. inkomitanter Schielwinkel; A- oder V-Symptomatik (blickrichtungsabhängige Veränderung des horizontalen Schielwinkels)]
- Beurteilung auf Nystagmus (Augenzittern) [manifester oder latenter Nystagmus]
- Prüfung der Augenstellung für Ferne und Nähe, möglichst mit vorhandener optischer Korrektur
- Hirschberg-Test bzw. Krimsky-Test bei eingeschränkter Kooperation oder deutlich reduziertem Visus [orientierende Beurteilung bzw. prismatische Abschätzung des Schielwinkels]
- Cover-Uncover-Test (Ab- und Aufdecktest) [Nachweis eines manifesten Strabismus (Tropie (manifestes Schielen)) und Abgrenzung gegenüber einer latenten Abweichung]
- Alternierender Abdecktest [Nachweis der gesamten horizontalen bzw. vertikalen Abweichung einschließlich latenter Komponente]
- Prismen-Abdecktest [Quantifizierung des Schielwinkels in Prismendioptrien]
- Prüfung des Binokularsehens (beidäugigen Sehens) [Suppression (Unterdrückung eines Seheindrucks), eingeschränkte oder fehlende Fusion (Verschmelzung der Seheindrücke beider Augen) bzw. Stereopsis (räumliches Sehen)]
- Objektive Refraktionsbestimmung (Bestimmung der Brechkraft des Auges) in Zykloplegie (vorübergehende Ausschaltung der Scharfeinstellung des Auges) [Hyperopie (Weitsichtigkeit), Myopie (Kurzsichtigkeit), Astigmatismus (Stabsichtigkeit), Anisometropie (unterschiedliche Brechkraft beider Augen); insbesondere zur Erfassung einer akkommodativen Komponente (durch die Scharfeinstellung des Auges bedingte Komponente)]
- Untersuchung des vorderen und hinteren Augenabschnitts einschließlich Funduskopie (Augenhintergrunduntersuchung) [organische Ursache eines sensorischen Strabismus (durch verminderte Sehfähigkeit eines Auges verursachtes Schielen), Papillen- (Sehnervenkopf-) oder Netzhautpathologie (Erkrankung der Netzhaut)]
In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische körperliche Befunde hingewiesen.