Wechseljahre des Mannes (Andropause) – Medikamentöse Therapie
Therapieziel
Ausgleich eines klinisch und labormedizinisch gesicherten Androgendefizits (Mangels an männlichen Geschlechtshormonen) des alternden Mannes und Verbesserung der dadurch bedingten Beschwerden. Der altersbedingte Rückgang des Testosteronspiegels allein ist keine Behandlungsindikation. Der Begriff „Andropause“ bezeichnet keine obligate, der Menopause (Zeitpunkt der letzten Regelblutung) entsprechende Erkrankung [LL1, LL2].
Therapieempfehlungen
- Indikation sichern: Erforderlich sind passende Symptome bzw. Befunde und wiederholt erniedrigte Testosteronwerte. Verminderte Libido (sexuelles Verlangen), reduzierte morgendliche Erektionen und erektile Dysfunktion (Erektionsstörung) sind aussagekräftiger als isolierte Müdigkeit. Gesamt-Testosteron an zwei unterschiedlichen Tagen morgens zwischen 7 und 10 Uhr nüchtern bestimmen; nicht während einer akuten Erkrankung [LL1, LL2].
- Grenzwerte einordnen: Die EAU verwendet Gesamt-Testosteron < 12 nmol/l, entsprechend etwa 346 ng/dl, die AUA < 300 ng/dl, entsprechend etwa 10,4 nmol/l. Bei Werten < 8 nmol/l ist ein Nutzen bei passenden Symptomen wahrscheinlicher. Auch dann besteht keine allein laborwertabhängige automatische Therapiepflicht. Bei Grenzwerten bzw. verändertem SHBG freies Testosteron aus Gesamt-Testosteron, SHBG und Albumin berechnen oder mittels Gleichgewichtsdialyse bestimmen; direkte analoge Immunoassays für freies Testosteron vermeiden [LL1-LL3].
- Ursache klären: LH und FSH zur Unterscheidung eines primären und sekundären Hypogonadismus (Testosteronmangel durch eine Störung der Hoden oder der übergeordneten hormonellen Steuerung) bestimmen; bei sekundärem Hypogonadismus bzw. entsprechender Symptomatik Prolactin und ggf. weitere Hypophysenfunktionen untersuchen. Hinweise auf eine Hypophysenerkrankung (Erkrankung der Hirnanhangsdrüse) erfordern eine gezielte endokrinologische Abklärung [LL1, LL2].
- Reversible Ursachen behandeln: Bei funktionellem Hypogonadismus zunächst Adipositas (starkes Übergewicht), Begleiterkrankungen, Schlafstörungen und auslösende Medikamente berücksichtigen. Gewichtsreduktion und Bewegung können die körpereigene Testosteronproduktion verbessern. Bei persistierendem symptomatischem Mangel eine Substitution individuell abwägen [LL5].
- Fertilität (Fruchtbarkeit) vor Therapiebeginn besprechen: Exogenes Testosteron hemmt die Gonadotropinsekretion (Ausschüttung von Hormonen, die die Keimdrüsen steuern) und kann die Spermatogenese (Bildung von Samenzellen) bis zur Azoospermie (Fehlen von Samenzellen im Ejakulat) unterdrücken. Es ist keine Fertilitätstherapie. Bei aktuellem Kinderwunsch keine Testosteronsubstitution; bei sekundärem Hypogonadismus ggf. eine gonadotropinbasierte Behandlung im spezialisierten Zentrum, siehe Sterilität des Mannes/Pharmakotherapie [LL1, LL2].
- Gemeinsame Therapieentscheidung: Erwartbaren Nutzen, Risiken, Applikationsform und Kontrollen besprechen. Keine routinemäßige Verordnung allein wegen des Alters, zur Leistungssteigerung oder als Anti-Aging-Therapie [LL2, LL5].
- Behandlungsziel und Fortführung: Physiologische Testosteronkonzentrationen und klinische Besserung anstreben; supraphysiologische Werte (Werte oberhalb des physiologischen Normalbereichs) vermeiden. Bei einem symptomorientierten Therapieversuch nach 3-6 Monaten Bilanz ziehen. Bleiben die Beschwerden trotz normalisierter Werte unverändert, Absetzen und erneute Ursachensuche besprechen. Bei gesichertem organischem Hypogonadismus die längerfristige Substitutionsindikation gesondert beurteilen [LL2, LL3].
Belegte Wirkungen und Grenzen der Evidenz
- Sexuelle Funktion: Bei gesichertem Hypogonadismus kann Testosteron insbesondere Libido und sexuelle Aktivität verbessern. Der Effekt auf die erektile Funktion ist begrenzt; eine zusätzliche ursachenspezifische Behandlung einer erektilen Dysfunktion kann erforderlich sein [19].
- Körperzusammensetzung und Befinden: Die fettfreie Masse kann zunehmen. Verbesserungen von Muskelkraft, körperlicher Leistungsfähigkeit, Vitalität und Stimmung sind nicht durchgehend nachgewiesen. Eine verlässliche Verbesserung der kognitiven Funktion bzw. Prävention altersbedingter Gebrechlichkeit ist nicht belegt. Eine Depression (anhaltende Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit) benötigt eine eigenständige leitliniengerechte Behandlung; Testosteron ist kein regulärer Ersatz für diese Therapie [11, 19, LL2].
- Knochen: Eine Zunahme der Knochendichte ist möglich [13]. Eine Frakturprävention (Vorbeugung von Knochenbrüchen) ist damit nicht belegt: In der TRAVERSE-Frakturstudie traten klinische Frakturen unter Testosteron häufiger auf als unter Placebo, 3,50 % gegenüber 2,46 %; Hazard Ratio 1,43, 95-%-Konfidenzintervall 1,04-1,97. Eine indizierte Osteoporosetherapie (Behandlung des Knochenschwunds mit erhöhtem Bruchrisiko) wird durch Testosteron nicht ersetzt [15].
- Anämie (Blutarmut): Bei hypogonadalen Männern kann eine Anämie häufiger korrigiert werden. Andere Anämieursachen müssen trotzdem abgeklärt werden. Dieselbe erythropoetische (die Bildung roter Blutkörperchen betreffende) Wirkung kann eine behandlungsbedürftige Erythrozytose (erhöhte Zahl roter Blutkörperchen) verursachen [17].
- Keine belegte Schutzindikation: Eine Prävention von Atherosklerose (Gefäßverkalkung), Myokardinfarkt (Herzinfarkt), Schlaganfall, Autoimmunerkrankungen (Erkrankungen, bei denen das Immunsystem körpereigenes Gewebe angreift) oder Prostatakarzinom (Prostatakrebs) ist keine etablierte Indikation. Auch eine allgemeine Verbesserung der Immunfunktion oder eine therapeutisch relevante Wachstumshormonstimulation begründet keine Substitution [8, 9, 14, 16].
Kontraindikationen und Situationen mit Abklärungsbedarf
- Keine Einleitung bei: aktivem bzw. nicht abgeklärtem Verdacht auf Prostatakarzinom oder männliches Mammakarzinom (Brustkrebs), aktuellem Kinderwunsch, Hämatokrit ≥ 54 %, unkontrollierter Herzinsuffizienz (Herzschwäche) oder Überempfindlichkeit gegen Präparatebestandteile. Die jeweiligen Fachinformationen beachten [LL1, LL2, FI1-FI3].
- Zunächst behandeln bzw. fachärztlich abklären: unbehandelte schwere obstruktive Schlafapnoe (Atemaussetzer im Schlaf durch verengte Atemwege), schwere Symptome der unteren Harnwege, z. B. IPSS > 19, unkontrollierte Hypertonie (Bluthochdruck), relevante Flüssigkeitsretention (Wassereinlagerung im Körper) sowie schwere Herz-, Leber- oder Nierenerkrankung. Die Endocrine Society empfiehlt keine Einleitung innerhalb von 6 Monaten nach Myokardinfarkt oder Schlaganfall und bei Thrombophilie (Neigung zu Blutgerinnseln) [LL2, FI1].
- Prostatabefund: Ein auffälliger Tastbefund oder erhöhter PSA-Wert erfordert urologische Abklärung vor der Behandlung. PSA > 4 ng/ml bzw. > 3 ng/ml bei erhöhtem Prostatakarzinomrisiko sind nach der Endocrine Society Abklärungsschwellen, keine nach unauffälliger Abklärung zwangsläufig dauerhaften Kontraindikationen. Die aktuelle deutsche S3-Leitlinie und individuelle Risikofaktoren berücksichtigen [LL2, LL4].
- Thromboembolisches Risiko: Persönliche und familiäre Anamnese venöser Thromboembolien (Blutgerinnseln in Venen, die Gefäße verschließen können) erfassen. Bei bekannter Thrombophilie oder vorausgegangener Thromboembolie spezialärztliche Nutzen-Risiko-Abwägung; eine Antikoagulation beseitigt das Risiko nicht zuverlässig [10, LL2, FI1].
Hämatokrit: einheitliches Vorgehen
| Situation | Konsequenz |
|---|---|
| Vor Therapiebeginn: Hämatokrit 48-50 % | Erhöhtes Risiko eines weiteren Anstiegs; Ursachen und individuelle Risiken sorgfältig prüfen, insbesondere Rauchen, Hypoxie (Sauerstoffmangel im Gewebe) und Schlafapnoe [LL1, LL2]. |
| Vor Therapiebeginn: Hämatokrit > 50 % | Therapiebeginn bis zur Klärung der Ursache zurückstellen; bei Hämatokrit ≥ 54 % keine Einleitung [LL1, LL3]. |
| Unter Therapie: Hämatokrit ≥ 54 % | Interventionsgrenze: Therapie pausieren bzw. Dosis reduzieren; Hypoxie und Schlafapnoe abklären. Bei Bedarf venesektive Behandlung. Nach Normalisierung ggf. mit geringerer Dosis und bevorzugt einer besser steuerbaren transdermalen Form fortsetzen. Die EAU formuliert die Interventionsschwelle als > 54 %, die AUA als ≥ 54 %; hier wird konservativ ≥ 54 % verwendet [LL1, LL3]. |
Wirkstoffe (Hauptindikationen)
Androgene: transdermales Testosteron
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Testosteron, Testogel Dosiergel 16,2 mg/g | Auf Schultern bzw. Arme auftragen. Serum-Testosteron morgens vor der nächsten Anwendung bestimmen. Präparatespezifische Transferprävention beachten [FI1]. |
| Testosteron, Testavan 20 mg/g | Mit Applikator auf Oberarm bzw. Schulter auftragen. Testosteronkontrolle etwa an Tag 14 und 35 bzw. nach Dosisänderung jeweils 2-4 Stunden nach Anwendung. Unterschiedliche Gele sind hinsichtlich Pumpenhüben, Resorption und Messzeitpunkt nicht austauschbar [FI2]. |
- Wirkweise: Systemische Zufuhr von Testosteron über die Haut und Aktivierung von Androgenrezeptoren; negative Rückkopplung auf die Hypothalamus-Hypophysen-Hoden-Achse [FI1, FI2].
- Indikation: Klinisch und labormedizinisch bestätigter männlicher Hypogonadismus. Die kurze Steuerbarkeit erleichtert Anpassung und Absetzen, insbesondere zu Beginn einer Behandlung [FI1, FI2].
- Kontraindikationen: Bekannter bzw. vermuteter Prostata- oder Brustkrebs sowie Überempfindlichkeit; zusätzlich die oben genannten klinischen Ausschlussgründe berücksichtigen [FI1, FI2].
- Nebenwirkungen: Hautreaktionen, Akne, Erythrozytose, Blutdruckanstieg, Ödeme, Gynäkomastie (Vergrößerung der männlichen Brustdrüse), Veränderungen von Stimmung bzw. Libido und Unterdrückung der Spermatogenese. Unbeabsichtigte Übertragung auf Kontaktpersonen kann insbesondere Frauen und Kinder schädigen [FI1, FI2].
Androgene: intramuskuläres Testosteron-Langzeitdepot
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Testosteronundecanoat, Nebido 1.000 mg/4 ml | Sehr langsam über etwa 2 Minuten injizieren; intravasale Injektion vermeiden. Während und unmittelbar nach der Injektion auf pulmonale Öl-Mikroembolie (Verschluss kleiner Lungengefäße durch Öltröpfchen) bzw. anaphylaktische Reaktion (schwere, plötzlich einsetzende allergische Reaktion) achten. Testosteron unmittelbar vor der Folgeinjektion bestimmen; Intervall individuell anpassen [FI3]. |
- Wirkweise: Depotfreisetzung des Testosteronesters und anschließende Spaltung zu wirksamem Testosteron [FI3].
- Indikation: Bestätigter männlicher Hypogonadismus bei geeigneter langfristiger Substitutionsindikation. Nach Injektion ist die Exposition über längere Zeit nicht kurzfristig beendbar [FI3].
- Kontraindikationen: Androgenabhängiges Prostata- bzw. Mammakarzinom, bestehende oder frühere Lebertumoren und Überempfindlichkeit; zusätzliche Ausschlussgründe wie oben [FI3].
- Nebenwirkungen: Akne, Injektionsreaktionen, Anstieg von Hämoglobin bzw. Hämatokrit, Ödeme, Blutdruckanstieg, Gynäkomastie und Fertilitätsbeeinträchtigung; selten pulmonale Öl-Mikroembolie, außerdem anaphylaktische Reaktionen [FI3].
Die Tabelle enthält ausgewählte, anhand deutscher Fachinformationen konkretisierte Präparate. Weitere Testosterongele und kürzer wirksame Testosteronester, z. B. Testosteronenantat, benötigen eigene präparatespezifische Dosierungs- und Anwendungsvorgaben. Testosteronenantat ist nicht grundsätzlich kontraindiziert; mögliche Spitzen- und Talspiegel müssen bei der Auswahl berücksichtigt werden. Internationale Darreichungsformen wie buccale Systeme oder Implantate sind nicht automatisch reguläre Therapieoptionen in Deutschland [LL1].
Anwendung und Wechselwirkungen
- Transferprävention bei Gelen: Auf trockene, intakte Haut der zugelassenen Körperregionen auftragen, vollständig trocknen lassen und mit sauberer Kleidung bedecken. Hände nach Kontakt mit dem Gel gründlich waschen. Schwangere und Kinder dürfen nicht mit dem Gel bzw. ungewaschenen behandelten Hautflächen in Kontakt kommen. Nach versehentlichem Kontakt die betroffene Haut sofort mit Wasser und Seife reinigen [FI1, FI2].
- Präparatespezifische Wartezeiten: Bei Testogel Dosiergel mindestens 1 Stunde bis zum Duschen bzw. Waschen; vor engem Hautkontakt die Anwendungsstelle nach dieser Mindestzeit waschen und erneut bedecken. Bei Testavan mindestens 2 Stunden bis zum Waschen, Duschen oder Baden. Eine pauschale „6-Stunden-Regel“ gilt nicht für alle Präparate [FI1, FI2].
- Blutentnahme: Messzeitpunkt nach Fachinformation wählen. Bei Geltherapie Kontamination der Blutentnahmestelle mit Testosterongel ausschließen, insbesondere bei unerwartet hohen Messwerten.
- Begleitmedikation: Bei Vitamin-K-Antagonisten INR engmaschiger kontrollieren, insbesondere bei Beginn bzw. Ende der Behandlung. Bei antidiabetischer Therapie auf veränderten Bedarf achten; Glucocorticoide können die Flüssigkeitsretention verstärken [FI1].
Regelmäßige Kontrolluntersuchungen
| Zeitpunkt bzw. Befund | Kontrollen und Konsequenzen |
|---|---|
| Vor Behandlungsbeginn | Symptome, Fertilitätswunsch, Ursachen und Risiken erfassen; Testosterondiagnostik, Hämoglobin, Hämatokrit, Blutdruck und Prostatabeurteilung mit PSA und digital-rektaler Untersuchung. Bei entsprechender Indikation Knochendichtemessung sowie Stoffwechsel- und Leberparameter [LL2, LL4, FI1]. |
| Nach 3, 6 und 12 Monaten, anschließend mindestens jährlich | Klinisches Ansprechen, Nebenwirkungen, Testosteron und Hämatokrit beurteilen. Blutdruck und PSA kontrollieren; Prostatauntersuchung risikoadaptiert. Fachinformationen sehen bei älteren Männern und Risikopatienten mindestens halbjährliche Prostatakontrollen vor [LL1, FI1-FI3]. |
| Erhöhtes Erythrozytoserisiko | Hämatokrit im ersten Jahr alle 3 Monate, danach mindestens halbjährlich; nach Dosisänderung bzw. auffälligem Verlauf früher kontrollieren [LL1]. |
| Auffällige PSA-Entwicklung bzw. Prostatabefund | Urologische Abklärung bei bestätigtem PSA-Anstieg > 1,4 ng/ml über den Ausgangswert im ersten Jahr, bestätigtem PSA > 4 ng/ml oder auffälligem Tastbefund; unabhängig davon aktuelle deutsche risikoadaptierte Diagnostik berücksichtigen. Ein PSA-Anstieg ist kein Beweis für ein Karzinom [LL2, LL4]. |
Eine routinemäßige Sonographie der Prostata bei jeder Verlaufskontrolle ist nicht erforderlich. Bei Osteoporose bzw. ausgeprägtem Hypogonadismus eine erneute Knochendichtemessung nach etwa 18-24 Monaten erwägen [LL1, LL4].
Kardiovaskuläre Sicherheit und Thromboembolien
Frühere Beobachtungsstudien und einzelne kleinere randomisierte Studien ergaben widersprüchliche Sicherheitssignale. Retrospektive Assoziationen mit mehr bzw. weniger Ereignissen erlauben keine verlässliche Aussage über eine schädigende oder schützende Kausalwirkung. Auch Ergebnisse einer Mendelschen Randomisierung bilden eine verordnete Substitution nicht unmittelbar ab [1-3, 6-8, 12].
TRAVERSE untersuchte 5.246 Männer im Alter von 45-80 Jahren mit Symptomen, zwei Testosteronwerten < 300 ng/dl und bestehender bzw. erhöhter kardiovaskulärer Gefährdung. Unter titriertem Testosterongel war der primäre MACE-Endpunkt gegenüber Placebo nicht unterlegen, 7,0 % gegenüber 7,3 %; Hazard Ratio 0,96, 95-%-Konfidenzintervall 0,78-1,17. Dies belegt keine kardiovaskuläre Schutzwirkung. Vorhofflimmern, akute Nierenschädigungen (Schäden an den Nieren) und Lungenembolien (Verschlüsse von Blutgefäßen in der Lunge) wurden häufiger beobachtet. Die Ergebnisse sind nicht beliebig auf supraphysiologische Dosierungen, andere Patientengruppen oder jahrzehntelange Anwendung übertragbar [14].
Eine große retrospektive Kohortenstudie von 2026 fand bei Testosterontherapie ohne dokumentierten Hypogonadismus Assoziationen mit mehr MACE und höherer Gesamtmortalität, Hazard Ratios 1,51 bzw. 1,90. Aufgrund des Beobachtungsdesigns und möglicher Fehlklassifikation ist damit keine Kausalität bewiesen. Die Studie unterstützt eine sorgfältige Indikationsprüfung [18]. Ein venöses Thromboemboliesignal insbesondere in den ersten Behandlungsmonaten wurde bereits zuvor beschrieben [10].
Prostatasicherheit und Zustand nach Prostatakarzinom
Bei sorgfältig ausgewählten hypogonadalen Männern ergab die TRAVERSE-Prostatastudie keine signifikante Zunahme von Prostatakarzinomen oder relevanten urologischen Ereignissen. Männer mit erhöhtem Ausgangsrisiko waren ausgeschlossen; seltene Ereignisse und begrenzte Nachbeobachtung erlauben keinen Nachweis lebenslanger Sicherheit. Eine in Registerdaten beobachtete geringere Häufigkeit aggressiver Tumoren belegt keine Schutzwirkung [9, 16].
Nach kurativer Behandlung eines lokalisierten Prostatakarzinoms kommt eine Substitution allenfalls für sorgfältig ausgewählte Patienten mit niedrigem Rezidivrisiko (Wahrscheinlichkeit, dass die Erkrankung zurückkehrt) und ohne Hinweise auf aktive Erkrankung infrage. Nach radikaler Prostatektomie empfiehlt die EAU frühestens nach einem Jahr und bei PSA < 0,01 ng/ml eine Erwägung; über die unzureichende langfristige Evidenz aufklären. Entscheidung und Kontrollen gehören zur urologisch-onkologische Betreuung. Die Behandlung ist kein allgemeiner Standard; präparatespezifische Kontraindikationen beachten. Bei aktiver Überwachung, nach Strahlentherapie oder bei höherem Rezidivrisiko sind die Daten besonders begrenzt [LL1].
Andropause und Diabetes mellitus Typ 2
Ein gesicherter symptomatischer Hypogonadismus kann auch bei Diabetes mellitus Typ 2 eine Substitutionsindikation begründen. Testosteron soll jedoch nicht zur Behandlung oder Prävention des Diabetes bzw. zur alleinigen Verbesserung der Blutzuckerkontrolle verordnet werden. Günstige Ergebnisse älterer Registerstudien ersetzen keinen Wirksamkeitsnachweis: Die TRAVERSE-Diabetesstudie zeigte weder eine signifikante Verminderung des Übergangs von Prädiabetes (Vorstufe eines Diabetes) zu Diabetes noch eine relevante Verbesserung von HbA1c bzw. Nüchternglucose gegenüber Placebo [5, 20, LL2].
Wirkstoffe ohne etablierte Indikation
Eine Östrogentherapie zur Behandlung der „Andropause“ ist nicht empfohlen. Historische kardiovaskuläre Studien mit Östrogenen begründen keine Schutzindikation und zeigten relevante Risiken [4]. Auch Aromatasehemmer, selektive Östrogenrezeptormodulatoren und DHEA sind keine reguläre Substitutionstherapie des alternden Mannes. Spezielle fertilitätserhaltende Off-Label-Anwendungen bei ausgewählten Männern sind davon zu trennen [LL3, LL5].
Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)
Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für Anti-Aging, Schutz vor oxidativem Stress, Energiestoffwechsel und Zellregeneration sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:
- Vitamine (C, E, B2)
- Spurenelemente (Chrom, Kupfer, Mangan, Selen, Zink)
- Sekundäre Pflanzenstoffe (Anthocyanidine aus Heidelbeer-Extrakt, Curcumin, Grüntee-Extrakt (Epigallocatechingallat), Quercetin, Resveratrol)
- Weitere Vitalstoffe (Spermidin)
Bei Vorliegen einer Insomnie (Schlafstörung) infolge der Wechseljahre des Mannes (Andropause) s. u. Insomnie/Medikamentöse Therapie/Supplemente.
Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
Abkürzungen
- SHBG: Sexualhormon-bindendes Globulin, ein Transporteiweiß für Sexualhormone
- LH: luteinisierendes Hormon
- FSH: follikelstimulierendes Hormon
- EAU: European Association of Urology (Europäische Urologische Gesellschaft)
- AUA: American Urological Association (Amerikanische Urologische Gesellschaft)
- IPSS: International Prostate Symptom Score (Fragebogen zur Erfassung von Beschwerden beim Wasserlassen)
- PSA: prostataspezifisches Antigen
- INR: International Normalized Ratio (Messwert der Blutgerinnung)
- MACE: Major Adverse Cardiovascular Events (schwerwiegende Herz-Kreislauf-Ereignisse)
- HbA1c: glykiertes Hämoglobin (Langzeitwert des Blutzuckers)
- DHEA: Dehydroepiandrosteron
Literatur
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Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- European Association of Urology: EAU Guidelines on Sexual and Reproductive Health, Kapitel Male Hypogonadism. Ausgabe 2026. Langfassung [LL1]
- Bhasin S et al.: Testosterone therapy in men with hypogonadism: an Endocrine Society clinical practice guideline. J Clin Endocrinol Metab. 2018;103:1715-1744. doi: 10.1210/jc.2018-00229. Leitlinienempfehlungen [LL2]
- American Urological Association: Evaluation and Management of Testosterone Deficiency. 2018, Gültigkeit bestätigt 2024. Leitlinie. Publizierte Leitlinienfassung [LL3]
- S3-Leitlinie: Prostatakarzinom. (AWMF-Registernummer: 043-022OL), August 2025, Version 8.1. Langfassung [LL4]
- Corona G et al.: European Academy of Andrology guidelines on investigation, treatment and monitoring of functional hypogonadism in males: endorsing organization: European Society of Endocrinology. Andrology. 2020;8:970-987. doi: 10.1111/andr.12770 [LL5]
Behördeninformationen
- European Medicines Agency: PRAC review does not confirm increase in heart problems with testosterone medicines. 10. Oktober 2014. Behördenmitteilung. Historische regulatorische Bewertung; kein Nachweis einer kardiovaskulären Schutzwirkung.
Produktinformationen
- Besins Healthcare Germany GmbH: Testogel Dosiergel 16,2 mg/g Gel. Fachinformation, Stand November 2024. Fachinformation [FI1]
- The Simple Pharma Company Limited: Testavan 20 mg/g transdermales Gel. Fachinformation, Stand August 2023. Fachinformation [FI2]
- Grünenthal Pharmaceuticals GmbH & Co. KG: Nebido 1.000 mg Injektionslösung. Fachinformation, Stand März 2026. Fachinformation [FI3]