Kleinwuchs – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankung und Verbesserung eines krankhaft beeinträchtigten Längenwachstums.
  • Bei nachgewiesenem Hormonmangel: bedarfsgerechte Substitution und Vermeidung weiterer Folgen des Hormonmangels.
  • Bei zugelassenen nicht hormonmangelbedingten Indikationen: Verbesserung des Wachstums beziehungsweise der erreichbaren Körperendgröße unter Berücksichtigung von Wirksamkeit, Risiken und individueller Behandlungsbelastung.

Therapieempfehlungen

Kleinwuchs ist ein Befund mit unterschiedlichen Ursachen. Eine geringe Körperhöhe allein begründet keine Arzneimitteltherapie. Die Indikationsstellung und Behandlung sollen durch eine pädiatrisch-endokrinologische Einrichtung (Einrichtung für Hormonstörungen bei Kindern und Jugendlichen) erfolgen; bei Skelettdysplasien (Störungen der Skelettentwicklung) ist ein entsprechend erfahrenes multidisziplinäres Zentrum einzubeziehen. Entscheidend sind Diagnose, Wachstumsgeschwindigkeit, familiäre Zielgröße, Knochenalter und verbleibendes Wachstumspotenzial [LL1, LL2, LL4].

  • Nachgewiesener Wachstumshormonmangel: Behandlung mit rekombinantem Wachstumshormon. Täglich angewendetes Somatropin und indikationsgerecht eingesetzte wöchentliche Präparate sind mögliche Optionen. Ein isoliert niedriger IGF-1-Wert reicht zur Diagnose eines Wachstumshormonmangels nicht aus [LL2, LL5].
  • Wachstumsstörungen ohne Wachstumshormonmangel: Somatropin kann bei Ullrich-Turner-Syndrom (Chromosomenstörung bei Mädchen und Frauen), Prader-Willi-Syndrom (genetisch bedingte Erkrankung mit unter anderem verändertem Wachstum und ausgeprägtem Hungergefühl), chronischer Niereninsuffizienz (dauerhafter Nierenschwäche), SHOX-Mangel (genetisch bedingte Störung eines für das Knochenwachstum wichtigen Gens), Noonan-Syndrom (genetisch bedingte Erkrankung mit unter anderem Wachstums- und Herzveränderungen) und persistierendem Kleinwuchs nach SGA-Geburt (Geburt mit für die Schwangerschaftsdauer zu geringer Körperlänge oder zu geringem Gewicht) angezeigt sein. Die Zulassungen unterscheiden sich zwischen den Präparaten; die Indikation eines Präparats darf nicht auf andere Wachstumshormonpräparate übertragen werden [LL1, FI1, FI2, FI3].
  • SGA ohne ausreichendes Aufholwachstum: Für die hier aufgeführten Somatropinpräparate gelten unter anderem Geburtsgewicht und/oder Geburtslänge unter −2 SD, aktuelle Körperhöhe unter −2,5 SDS, elternbezogene Zielgrößenabweichung unter −1 SDS und fehlendes Aufholwachstum bis zum Alter von vier Jahren oder später mit einer Wachstumsgeschwindigkeit unter 0 SDS im vorausgegangenen Jahr. Andere Ursachen der Wachstumsstörung müssen abgeklärt werden; bei genetischen Erkrankungen mit erhöhtem Tumorrisiko ist besondere Zurückhaltung erforderlich [LL3, FI1, FI3].
  • Schwerer primärer IGF-1-Mangel: Mecasermin bei gesicherter Diagnose. Ein sekundärer IGF-1-Mangel infolge von Mangelernährung, Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) oder pharmakologischer Glucocorticoidtherapie ist keine entsprechende Indikation [FI7].
  • Achondroplasie (genetisch bedingte Knochenwachstumsstörung mit verkürzten Armen und Beinen): Vosoritid ist ab einem Alter von vier Monaten bei noch offenen Epiphysen (Wachstumsfugen der Knochen) zugelassen. Die Diagnose muss genetisch bestätigt sein. Somatropin ist in Deutschland keine zugelassene Standardtherapie der Achondroplasie [LL4, FI8].
  • Hypothyreose und andere sekundäre Ursachen: Behandlung der Grunderkrankung, beispielsweise Levothyroxin bei Hypothyreose, Optimierung einer Insulintherapie bei unzureichend kontrolliertem Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Behandlung chronischer Entzündungen oder Korrektur einer renalen metabolischen Azidose (nierenbedingten Übersäuerung des Körpers). Eine Zöliakie (durch Gluten ausgelöste Erkrankung des Dünndarms) erfordert eine glutenfreie Ernährung; Wachstumshormon ersetzt die ursächliche Behandlung nicht [LL1, LL2, FI9].
  • Familiärer Kleinwuchs und konstitutionelle Verzögerung von Wachstum und Pubertät (verzögerte normale körperliche und sexuelle Entwicklung): regelhaft keine wachstumsfördernde Arzneimitteltherapie. Bei ausgeprägter Pubertätsverzögerung und erheblichem Leidensdruck kann eine zeitlich begrenzte Pubertätsinduktion (medikamentöse Einleitung der Pubertät) nach gesonderter Indikationsstellung erwogen werden; sie ist keine allgemeine Therapie zur Steigerung der Körperendgröße [LL1, LL2].
  • Idiopathischer Kleinwuchs (Kleinwuchs ohne nachweisbare Ursache): keine pauschale Wachstumshormonverordnung. Die positive CHMP-Empfehlung vom 17. September 2026 zur Erweiterung der Somapacitan-Indikationen auf bestimmte Kinder mit SGA, Noonan-Syndrom und idiopathischem Kleinwuchs ist von einer endgültigen Zulassungsentscheidung der Europäischen Kommission zu unterscheiden. In der am 7. Oktober 2026 geprüften EMA-Produktinformation ist die pädiatrische Indikation weiterhin Wachstumshormonmangel ab drei Jahren; eine erweiterte Anwendung setzt eine entsprechend aktualisierte Zulassung voraus [FI6].

Wirkstoffe – rekombinantes Wachstumshormon zur täglichen Anwendung

Die folgenden Dosierungen sind indikations- und präparatbezogene Orientierungswerte für Kinder und Jugendliche. Dosisanpassungen erfolgen anhand des Wachstumsansprechens, des Körpergewichts, der IGF-1-Werte und der Verträglichkeit. Eine Therapie zur Förderung des Längenwachstums setzt offene Wachstumsfugen voraus [FI1, FI2, FI3].

Wirkstoff Besonderheiten
Somatropin bei Wachstumshormonmangel Substitution bei gesichertem Wachstumshormonmangel; individuelle Anpassung [FI1, FI2, FI3].
Somatropin bei Ullrich-Turner-Syndrom Chromosomal gesicherte Diagnose; Dosierung und zugelassenes Präparat beachten [FI1].
Somatropin bei chronischer Niereninsuffizienz Vorher Ernährung, Azidose und renalen Knochenstoffwechsel optimieren. Präparatspezifische Kriterien beachten; bei Nierentransplantation (Übertragung einer Spenderniere) Behandlung beenden [FI1, FI3].
Somatropin bei Prader-Willi-Syndrom Genetisch bestätigte Diagnose; Verbesserung von Wachstum und Körperzusammensetzung. Atemwegsobstruktion (Verengung der Atemwege) und Schlafapnoe (Atemaussetzer im Schlaf) vor Behandlungsbeginn abklären [FI1].
Somatropin bei SGA ohne Aufholwachstum Nur bei erfüllten Zulassungskriterien. Bei unzureichendem Ansprechen im ersten Jahr präparatspezifische Abbruchkriterien beachten [FI1, FI3].
Somatropin bei SHOX-Mangel Durch DNA-Analyse bestätigter SHOX-Mangel. Der Hersteller hat die Vertriebseinstellung von Humatrope in Deutschland für Dezember 2026 angekündigt; eine erforderliche Umstellung frühzeitig und unter erneuter Prüfung der präparatspezifischen Indikation planen [FI3].
Somatropin bei Noonan-Syndrom Diese Dosierung ist präparat- und indikationsspezifisch. Kardiale Befunde und gegebenenfalls eine genetisch bedingte Tumorprädisposition (Veranlagung zu Tumorerkrankungen) in die Nutzen-Risiko-Abwägung einbeziehen [FI2].
  • Wirkweise: Aktivierung des Wachstumshormonrezeptors mit direkten und über IGF-1 vermittelten wachstumsfördernden sowie metabolischen Wirkungen.
  • Indikationen: gesicherter Wachstumshormonmangel sowie die jeweils zugelassenen syndromalen, renalen und SGA-bedingten Wachstumsstörungen [FI1, FI2, FI3].
  • Kontraindikationen: aktive Tumorerkrankung, geschlossene Epiphysen bei geplanter Förderung des Längenwachstums, Überempfindlichkeit und bestimmte akute kritische Erkrankungen. Bei Prader-Willi-Syndrom sind insbesondere schwere Adipositas (Fettleibigkeit) beziehungsweise schwere respiratorische Beeinträchtigungen (Beeinträchtigungen der Atmung) gemäß Fachinformation zu berücksichtigen [FI1, FI2, FI3].
  • Nebenwirkungen: Reaktionen an der Injektionsstelle, Ödeme (Flüssigkeitseinlagerungen im Gewebe), Arthralgien (Gelenkschmerzen), Myalgien (Muskelschmerzen) und Beeinträchtigung der Glucosetoleranz (Fähigkeit des Körpers, Blutzucker zu regulieren); selten intrakranielle Hypertension (erhöhter Druck im Schädelinneren). Eine Hypothyreose oder ein zentraler Cortisolmangel (Cortisolmangel durch eine Störung der übergeordneten Hormonsteuerung) können unter Behandlung erkennbar werden. Bei raschem Wachstum sind Epiphysiolysis capitis femoris (Abrutschen des Hüftkopfes an der Wachstumsfuge) und eine Progression einer bestehenden Skoliose (seitlichen Verkrümmung der Wirbelsäule) zu beachten [FI1, FI2, FI3].

Wirkstoffe – lang wirksame Wachstumshormonpräparate

Wöchentliche Präparate können die Injektionsbelastung vermindern. Die pädiatrischen Zulassungen und die jeweiligen Dosierungen sind getrennt zu prüfen; die Milligrammdosen der verschiedenen Wirkstoffe sind nicht unmittelbar austauschbar. Randomisierte Studien unterstützen die Wirksamkeit bei pädiatrischem Wachstumshormonmangel [4, 5, FI4, FI5, FI6].

Wirkstoff Besonderheiten
Lonapegsomatropin Skytrofa: Wachstumshormonmangel bei Kindern und Jugendlichen ab drei Jahren bis 18 Jahre. IGF-1-Messung zur Beurteilung des mittleren Spiegels vier bis fünf Tage nach der Injektion [FI4].
Somatrogon Ngenla: Wachstumsstörung aufgrund unzureichender Wachstumshormonsekretion ab drei Jahren. IGF-1-Messung vier Tage nach der Injektion [FI5].
Somapacitan Sogroya: pädiatrischer Wachstumshormonmangel ab drei Jahren. IGF-1-Messung vier Tage nach der Injektion; den oben erläuterten Zulassungsstand möglicher Indikationserweiterungen beachten [FI6].
  • Wirkweise: verlängerte Wachstumshormonwirkung durch verzögerte Freisetzung von Somatropin bei Lonapegsomatropin, ein Fusionsprotein bei Somatrogon beziehungsweise reversible Albuminbindung bei Somapacitan [FI4, FI5, FI6].
  • Indikationen: pädiatrischer Wachstumshormonmangel innerhalb der jeweiligen Alterszulassung. Keine automatische Übertragung der Somatropin-Indikationen auf wöchentliche Präparate [FI4, FI5, FI6].
  • Kontraindikationen: insbesondere aktive Tumorerkrankung, geschlossene Epiphysen bei wachstumsfördernder Behandlung, Überempfindlichkeit und bestimmte akute kritische Erkrankungen [FI4, FI5, FI6].
  • Nebenwirkungen: insbesondere lokale Injektionsreaktionen und Kopfschmerzen; außerdem wachstumshormontypische Risiken wie Ödeme, Arthralgien, Hyperglykämie (erhöhter Blutzucker) und Veränderungen anderer hormoneller Achsen. IGF-1-Werte sind wegen der Schwankungen innerhalb des Injektionsintervalls nur unter Berücksichtigung des Abnahmezeitpunkts interpretierbar [FI4, FI5, FI6].

Wirkstoffe – rekombinanter insulinähnlicher Wachstumsfaktor

Ein schwerer primärer IGF-1-Mangel ist gemäß Fachinformation durch eine Körperhöhe ≤ −3 SDS, einen basalen IGF-1-Wert unter der 2,5. Perzentile für Alter und Geschlecht, ausreichende Wachstumshormonsekretion und den Ausschluss sekundärer Ursachen definiert. Hierzu können beispielsweise Wachstumshormonrezeptordefekte (Störungen der Andockstellen für Wachstumshormon) gehören [FI7].

Wirkstoff Besonderheiten
Mecasermin Increlex: schwerer primärer IGF-1-Mangel bei Kindern und Jugendlichen von zwei bis 18 Jahren. Anwendung kurz vor oder nach einer Mahlzeit beziehungsweise Zwischenmahlzeit; ohne Nahrungsaufnahme keine Gabe. Blutzuckerkontrollen besonders zu Beginn und bei Dosissteigerungen [FI7].
  • Wirkweise: Ersatz von IGF-1 mit Stimulation des Knochen- und Gewebewachstums.
  • Indikationen: langfristige Behandlung einer Wachstumsstörung bei schwerem primärem IGF-1-Mangel. Kein Ersatz für Somatropin bei Wachstumshormonmangel [FI7].
  • Kontraindikationen: aktive oder vermutete Neoplasie (Gewebeneubildung) sowie Erkrankungen oder Vorerkrankungen mit erhöhtem Risiko für benigne oder maligne Neoplasien (gutartige oder bösartige Gewebeneubildungen); Überempfindlichkeit. Keine Anwendung zur Wachstumsförderung nach Epiphysenschluss (Schluss der Wachstumsfugen) [FI7].
  • Nebenwirkungen: insbesondere Hypoglykämien (Unterzuckerungen) bis zu Krampfanfällen oder Bewusstlosigkeit; außerdem Kopfschmerzen, intrakranielle Hypertension, lokale Lipohypertrophie (Verdickung des Fettgewebes) sowie Tonsillen- und Adenoidhyperplasie (Vergrößerung der Gaumen- und Rachenmandeln) mit möglicher Schlafapnoe. Auftreten einer Neoplasie erfordert das Absetzen und fachärztliche Abklärung [FI7].

Wirkstoffe – C-Typ-natriuretisches-Peptid-Analogon bei Achondroplasie

Vosoritid verbessert bei Achondroplasie die Wachstumsgeschwindigkeit. In der randomisierten Phase-III-Studie betrug der zusätzliche jährliche Längenzuwachs gegenüber Placebo etwa 1,57 cm. Verlängerungsdaten zeigen anhaltende Wachstumseffekte; daraus lässt sich keine bestimmte individuelle Körperendgröße oder sichere Vermeidung neurologischer und orthopädischer Komplikationen ableiten [1, 2, 3].

Wirkstoff Besonderheiten
Vosoritid Voxzogo: genetisch bestätigte Achondroplasie ab vier Monaten bei offenen Epiphysen. Etwa 30 Minuten vor der Injektion eine kleine Mahlzeit und ausreichend Flüssigkeit zuführen. Gewicht und Wachstum alle drei bis sechs Monate prüfen. Bei fehlendem Wachstumspotenzial mit Wachstumsgeschwindigkeit unter 1,5 cm/Jahr und geschlossenen Epiphysen beenden [FI8].
  • Wirkweise: Aktivierung des natriuretischen Peptidrezeptors B und Abschwächung der durch aktiviertes FGFR3 vermittelten Hemmung der enchondralen Ossifikation (Knochenbildung aus Knorpel).
  • Indikationen: ausschließlich die zugelassene Behandlung der Achondroplasie. Keine Übertragung auf Hypochondroplasie (genetisch bedingte Knochenwachstumsstörung mit meist weniger ausgeprägter Verkürzung der Gliedmaßen), andere Skelettdysplasien oder unspezifischen Kleinwuchs [FI8].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder Bestandteile. Bei relevanten Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Blutdruckproblemen ist wegen begrenzter Daten und möglicher Blutdrucksenkung besondere Vorsicht erforderlich [FI8].
  • Nebenwirkungen: vor allem Injektionsstellenreaktionen, Erbrechen und vorübergehende Blutdrucksenkung mit möglichem Schwindel, Müdigkeit oder Übelkeit [FI8].

Die Behandlung ersetzt die Überwachung auf Foramen-magnum-Stenose (Verengung des großen Hinterhauptlochs), Rückenmarkskompression (Druck auf das Rückenmark), Schlafapnoe, Hörstörungen und orthopädische Folgeprobleme nicht. Eine erforderliche neurochirurgische oder andere interventionelle Behandlung darf durch die Arzneitherapie nicht verzögert werden [LL4].

Wirkstoffe – Schilddrüsenhormonsubstitution bei Hypothyreose

Wirkstoff Besonderheiten
Levothyroxin Dosierung nach Alter, Schweregrad und Laborbefunden. Bei schwerer oder lang bestehender erworbener Hypothyreose vorsichtig einschleichen; die dringliche Substitution bei angeborener Hypothyreose davon unterscheiden. Bei zentraler Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion durch eine Störung der übergeordneten Hormonsteuerung) Therapie anhand von fT4 steuern und einen Cortisolmangel vorher behandeln [FI9].
  • Wirkweise: Ersatz fehlenden Schilddrüsenhormons und Wiederherstellung einer physiologischen Stoffwechsel- und Wachstumssituation.
  • Indikationen: Hypothyreose als Ursache oder Begleiterkrankung einer Wachstumsstörung; keine wachstumsfördernde Anwendung bei normaler Schilddrüsenfunktion [FI9].
  • Kontraindikationen: insbesondere unbehandelte Nebennierenrindeninsuffizienz (Unterfunktion der Nebennierenrinde), unbehandelte Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) und Überempfindlichkeit; weitere Gegenanzeigen gemäß Fachinformation [FI9].
  • Nebenwirkungen: bei Überdosierung insbesondere Tachykardie (beschleunigter Herzschlag), Herzrhythmusstörungen, Tremor (Zittern), Unruhe, Schlaflosigkeit, Schwitzen und Gewichtsverlust; eine Übertherapie kann die Knochenreifung beschleunigen [FI9].

Beachte

  • Vor Therapiebeginn: Ursache sichern, Wachstumskurve und Wachstumsgeschwindigkeit dokumentieren sowie relevante Begleiterkrankungen erfassen. Bei Wachstumshormonmangel weitere hypophysäre Hormonausfälle (Ausfälle von Hormonen der Hirnanhangsdrüse) prüfen; ein Cortisolmangel muss vor einer entsprechenden Hormonsubstitution ausreichend behandelt sein [LL2, LL5, FI9].
  • Verlaufskontrollen: Körperhöhe, Gewicht, Wachstumsgeschwindigkeit, Pubertätsentwicklung, Adhärenz und Nebenwirkungen regelmäßig beurteilen. Unter Wachstumshormon zusätzlich IGF-1, Schilddrüsenfunktion und risikobezogen Glucosestoffwechsel kontrollieren. Bei unzureichendem Ansprechen Diagnose, Anwendung, Dosis und Begleiterkrankungen überprüfen [LL3, LL5].
  • Warnsymptome: starke oder wiederkehrende Kopfschmerzen, Sehstörungen, Erbrechen, neu auftretendes Hinken oder Hüft-/Knieschmerzen unter wachstumsfördernder Therapie zeitnah abklären. Bei Prader-Willi-Syndrom sind neues Schnarchen, Atempausen oder respiratorische Verschlechterungen besonders relevant [FI1, FI3, FI7].
  • Therapieende und Transition: Eine Behandlung zur Steigerung des Längenwachstums endet bei fehlendem Wachstumspotenzial beziehungsweise nach den jeweiligen Abbruchkriterien. Bei fortbestehendem Wachstumshormonmangel kann eine Substitution nach erneuter Beurteilung über das Wachstumsende hinaus erforderlich sein; sie dient dann metabolischen Zielen [FI2, FI3].
  • Experimentelle Ansätze: Aromatasehemmer sind keine Routinebehandlung des Kleinwuchses. Statine, Meclozin und FGFR-Inhibitoren dürfen nicht aus präklinischen Befunden als etablierte Wachstumsbehandlung abgeleitet werden. Neue Wirkstoffe und Zulassungen sind nach Rechtsraum zu unterscheiden; eine US-Zulassung begründet keine EU-Zulassung [LL1].

Abkürzungen

  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
  • CHMP: Ausschuss für Humanarzneimittel der Europäischen Arzneimittel-Agentur.
  • DNA: Desoxyribonukleinsäure; Trägerin der Erbinformation.
  • EMA: Europäische Arzneimittel-Agentur.
  • EU: Europäische Union.
  • FGFR: Fibroblasten-Wachstumsfaktor-Rezeptor.
  • FGFR3: Fibroblasten-Wachstumsfaktor-Rezeptor 3.
  • FI: Fachinformation.
  • fT4: freies Thyroxin.
  • IGF-1: insulinähnlicher Wachstumsfaktor 1.
  • LL: Leitlinie.
  • SD: Standardabweichung.
  • SDS: Standard Deviation Score; Maß für die Abweichung eines Wertes vom Mittelwert der Vergleichsgruppe.
  • SGA: Small for Gestational Age; für die Schwangerschaftsdauer zu geringes Geburtsgewicht und/oder zu geringe Geburtslänge.
  • SHOX: Short Stature Homeobox; Gen mit Bedeutung für das Knochenwachstum.
  • US: Vereinigte Staaten von Amerika.

Literatur

  1. Savarirayan R et al.: Once-daily, subcutaneous vosoritide therapy in children with achondroplasia: a randomised, double-blind, phase 3, placebo-controlled, multicentre trial. Lancet. 2020;396(10252):684 bis 692. doi: 10.1016/S0140-6736(20)31541-5.
  2. Savarirayan R et al.: Vosoritide therapy in children with achondroplasia aged 3 to 59 months: a multinational, randomised, double-blind, placebo-controlled, phase 2 trial. Lancet Child Adolesc Health. 2024;8(1):40 bis 50. doi: 10.1016/S2352-4642(23)00265-1.
  3. Savarirayan R et al.: Sustained growth-promoting effects of vosoritide in children with achondroplasia from an ongoing phase 3 extension study. Med. 2025;6(5):100566. doi: 10.1016/j.medj.2024.11.019.
  4. Thornton PS et al.: Weekly Lonapegsomatropin in Treatment-Naïve Children With Growth Hormone Deficiency: The Phase 3 heiGHt Trial. J Clin Endocrinol Metab. 2021;106(11):3184 bis 3195. doi: 10.1210/clinem/dgab529.
  5. Deal CL et al.: Efficacy and Safety of Weekly Somatrogon vs Daily Somatropin in Children With Growth Hormone Deficiency: A Phase 3 Study. J Clin Endocrinol Metab. 2022;107(7):e2717 bis e2728. doi: 10.1210/clinem/dgac220.

Leitlinien

  1. S1-Leitlinie: Kleinwuchs. (AWMF-Registernummer: 174-004). Version 3, März 2023. Langfassung [LL1].
  2. S2e-Leitlinie: Diagnostik des Wachstumshormonmangels im Kindes- und Jugendalter. (AWMF-Registernummer: 174-002). Zweite Revision, März 2022. Langfassung [LL2].
  3. Hokken-Koelega ACS et al.: International Consensus Guideline on Small for Gestational Age: Etiology and Management From Infancy to Early Adulthood. Endocr Rev. 2023;44(3):539 bis 565. Internationale Konsensusleitlinie. doi: 10.1210/endrev/bnad002 [LL3].
  4. Savarirayan R et al.: International Consensus Statement on the diagnosis, multidisciplinary management and lifelong care of individuals with achondroplasia. Nat Rev Endocrinol. 2022;18:173 bis 189. Internationales Konsensusstatement. doi: 10.1038/s41574-021-00595-x [LL4].
  5. Grimberg A et al.: Guidelines for Growth Hormone and Insulin-Like Growth Factor-I Treatment in Children and Adolescents: Growth Hormone Deficiency, Idiopathic Short Stature, and Primary Insulin-Like Growth Factor-I Deficiency. Horm Res Paediatr. 2016;86(6):361 bis 397. Leitlinie der Pediatric Endocrine Society; ergänzende Grundlage, aktuelle europäische Fachinformationen sind für die Zulassung maßgeblich. doi: 10.1159/000452150 [LL5].

Fachinformationen

  1. Omnitrope – Somatropin. EMA-Produktinformation einschließlich Fachinformation. Zulassungs- und Informationsstand geprüft am 7. Oktober 2026 [FI1].
  2. Norditropin FlexPro – Somatropin. Fachinformation. Geprüft am 7. Oktober 2026 [FI2].
  3. Humatrope für Pen – Somatropin. Fachinformation. Ergänzend: Herstellerinformation zur Vertriebseinstellung im Dezember 2026, April 2025. Geprüft am 7. Oktober 2026 [FI3].
  4. Skytrofa – Lonapegsomatropin. EMA-Produktinformation einschließlich Fachinformation. Zulassungs- und Informationsstand geprüft am 7. Oktober 2026 [FI4].
  5. Ngenla – Somatrogon. EMA-Produktinformation einschließlich Fachinformation. Zulassungs- und Informationsstand geprüft am 7. Oktober 2026 [FI5].
  6. Sogroya – Somapacitan. EMA-Produktinformation einschließlich Fachinformation. Ergänzend: CHMP-Empfehlung zur Indikationserweiterung vom 17. September 2026. Zulassungs- und Informationsstand geprüft am 7. Oktober 2026 [FI6].
  7. Increlex – Mecasermin. EMA-Produktinformation einschließlich Fachinformation. Produktinformation aktualisiert am 30. März 2026; geprüft am 7. Oktober 2026 [FI7].
  8. Voxzogo – Vosoritid. EMA-Produktinformation einschließlich Fachinformation. Produktinformation aktualisiert am 13. August 2026; geprüft am 7. Oktober 2026 [FI8].
  9. Euthyrox – Levothyroxin. Fachinformation. November 2025; geprüft am 7. Oktober 2026 [FI9].