Fußdeformitäten – Körperliche Untersuchung

Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:

  • Allgemeine körperliche Untersuchung inklusive Blutdruck, Puls, Körpergewicht, Körpergröße; des Weiteren:
    • Inspektion (Betrachtung)
      • Gangbild und Abrollverhalten [hinkendes Gangbild, pathologisches Abrollverhalten, Innen- oder Außenrotationsgang, Ausweichbewegungen, verkürzte Standphase]
      • Körper- und Gelenkhaltung sowie Beinachsen im Stand [Fehlhaltung, Schonhaltung, pathologische Knie-Fuß-Achse]
      • Beurteilung beider Füße im unbelasteten und insbesondere im belasteten Stand sowie stets im Seitenvergleich [Asymmetrie (Seitenungleichheit) der Fußform oder Fußstellung]
      • Fußlängs- und Fußquergewölbe [Abflachung des Längsgewölbes beim Senk-/Plattfuß; Überhöhung beim Hohlfuß; Verbreiterung des Vorfußes beim Spreizfuß]
      • Rückfußstellung [Valgusstellung (Auswärtsfehlstellung) beim Knickfuß/Pes planovalgus (Knick-Plattfuß); Varusstellung (Einwärtsfehlstellung) beim Cavovarusfuß (Hohlfuß mit nach innen gekippter Ferse)]
      • Vorfußstellung [Abduktion (Abspreizung) beim Pes planovalgus; Adduktion (Heranführung), Supination (Auswärtsdrehung) bzw. plantarflexierter erster Strahl (abgesenkter erster Mittelfußstrahl) beim Cavovarusfuß]
      • Zehenstellung [Hallux-valgus-/Hallux-varus-Deformität (Fehlstellung der Großzehe nach außen bzw. innen); Hammer-, Krallen-, Mallet- oder überkreuzende Zehen]
      • Fehlstellungen, Kontrakturen (dauerhafte Bewegungseinschränkungen) und Verkürzungen [fixierte bzw. rigide (steife) Deformität]
      • Muskelrelief und Muskelumfang im Seitenvergleich [Muskelatrophie (Muskelschwund) oder Muskelasymmetrie (ungleiche Muskelausprägung) bei neuromuskulär bedingter Fußdeformität]
      • Haut und Weichteile
        • Rötung, Schwellung und Überwärmung
        • trophische Hautveränderungen (durch gestörte Versorgung bedingte Hautveränderungen)
        • Hyperkeratosen (übermäßige Verhornungen) und Schwielen [druckbedingte Hyperkeratosen bzw. Schwielen über pathologisch belasteten Fußarealen]
        • Druckstellen, Hautdefekte und Ulzerationen (Geschwüre) [deformitätsbedingte Druckläsionen (Druckschäden)]
        • Schleimbeutel [Reizzustand bzw. Bursitis (Schleimbeutelentzündung) über knöchernen Prominenzen (Vorsprüngen), insbesondere über der Pseudoexostose (scheinbare knöcherne Vorwölbung) bei Hallux valgus]
      • Beurteilung von Schuhwerk, Einlagen und Orthesen (Stütz- und Korrekturhilfen) [asymmetrische Schuhsohlenabnutzung, deformitätsbedingte Druckstellen oder unzureichende Passform]
  • Orthopädische Untersuchung inklusive:
    • Beurteilung der spontanen Fußstellung im Sitzen, Liegen und im belasteten Stand [belastungsabhängige Verstärkung oder Manifestation (Sichtbarwerden) der Fußdeformität]
    • Beurteilung von Bein- und Fußlänge sowie Knie-Fuß-Achse [funktionell relevante Seiten- oder Achsabweichung]
    • Palpation (Abtasten) des gesamten Fußes und Sprunggelenks auf Druckschmerz, knöcherne Prominenzen, Schwellungen und lokale Überwärmung [Druckschmerz über deformitätsbedingt belasteten Arealen bzw. knöchernen Prominenzen]
    • Beurteilung des medialen (inneren) und lateralen (äußeren) Längsgewölbes, des Quergewölbes, des Rückfußes sowie der medialen und lateralen Fußsäule [Abflachung, Überhöhung oder pathologische Achsabweichung]
    • Beurteilung der Stellung von Rück-, Mittel- und Vorfuß zueinander [pathologische Kopplung von Rückfußvalgus/-varus mit Vorfußabduktion/-adduktion bzw. Supination/Pronation (Einwärtsdrehung)]
    • Aktive und passive Bewegungsprüfung nach der Neutral-Null-Methode (standardisierte Messung der Gelenkbeweglichkeit)
      • oberes Sprunggelenk: Dorsalextension (Anheben des Fußes) und Plantarflexion (Absenken des Fußes) [eingeschränkte Dorsalextension bzw. Spitzfußkomponente (Neigung zur Spitzfußstellung)]
      • unteres Sprunggelenk: Inversion (Einwärtskippen) und Eversion (Auswärtskippen) [eingeschränkte Beweglichkeit bei rigider Rückfußdeformität]
      • Chopart- und Lisfranc-Gelenklinie (Gelenkverbindungen des Mittel- und Vorfußes) [eingeschränkte Beweglichkeit bzw. fixierte Mittel-/Vorfußfehlstellung]
      • Großzehengrundgelenk sowie bei entsprechender Deformität die übrigen Zehengelenke [Bewegungseinschränkung, Bewegungsschmerz oder Krepitation (Reibegeräusch bzw. -gefühl)]
    • Beurteilung der passiven Redressierbarkeit (manuellen Korrigierbarkeit) der Deformität
      • Unterscheidung zwischen flexibler und rigider Fehlstellung [fehlende bzw. unvollständige Redressierbarkeit bei rigider Deformität]
      • Beurteilung von Rückfuß-, Vorfuß- und Zehendeformitäten unter manueller Korrektur [persistierende (fortbestehende) Fehlstellung trotz manueller Korrektur]
    • Prüfung einer Verkürzung der Wadenmuskulatur bzw. des Achillessehnenkomplexes
      • Silfverskiöld-Test zur Differenzierung (Unterscheidung) einer isolierten Verkürzung des M. gastrocnemius (großen Wadenmuskels) von einer Verkürzung des gesamten Achillessehnenkomplexes [Zunahme der Dorsalextension bei Kniebeugung bei isolierter Gastrocnemiusverkürzung; persistierend eingeschränkte Dorsalextension auch bei gebeugtem Knie bei Verkürzung des gesamten Achillessehnenkomplexes]
    • Funktionsprüfung im Stand und unter Belastung
      • Zehenspitzen- und Hackengang [eingeschränkte oder nicht mögliche Durchführung]
      • beidbeiniger und einbeiniger Zehenstand [verminderte Fersenhebung oder fehlende Durchführbarkeit]
      • Beobachtung der Rückfußbewegung beim Zehenstand: physiologisch (normalerweise) erfolgt eine Varisierung (Einwärtskippung) des Calcaneus (Fersenbeins) [fehlende Varisierung bzw. persistierender Rückfußvalgus]
      • Einbeiniger Fersenhebetest bei Verdacht auf Dysfunktion (Funktionsstörung) der Tibialis-posterior-Sehne (Sehne des hinteren Schienbeinmuskels) bzw. progressive kollabierende Fußdeformität (fortschreitende Abflachung und Fehlstellung des Fußes) [fehlende oder insuffiziente (unzureichende) Fersenhebung und/oder ausbleibende Varisierung des Rückfußes]
    • Bei Verdacht auf Knick-Senkfuß/Plattfuß
      • Beurteilung des medialen Längsgewölbes und der Rückfußstellung im belasteten Stand [Abflachung des medialen Längsgewölbes und Rückfußvalgus]
      • Beurteilung des Vorfußes von dorsal (von hinten) [„Too-many-toes“-Zeichen bei Vorfußabduktion]
      • Beurteilung beim Zehenstand [fehlende Wiederaufrichtung des medialen Längsgewölbes bzw. fehlende Varisierung des Rückfußes bei rigider oder fortgeschrittener Deformität]
      • Jack-Test (Hubscher-Manöver) durch passive Dorsalextension der Großzehe [fehlende Wiederaufrichtung des medialen Längsgewölbes bei eingeschränktem Windlass-Mechanismus (Aufrichtungsmechanismus des Fußgewölbes) bzw. rigider Deformität]
    • Bei Verdacht auf Hohlfuß/Cavovarus-Deformität
      • Beurteilung der Höhe des medialen Längsgewölbes, der Stellung des ersten Strahls und des Rückfußes [überhöhtes mediales Längsgewölbe, plantarflexierter erster Strahl, Rückfußvarus]
      • Coleman-Block-Test [Korrektur des Rückfußvarus bei Ausschaltung des plantarflexierten ersten Strahls als Hinweis auf eine flexible, vorfußgetriebene Deformität; persistierender Rückfußvarus als Hinweis auf eine rigide Rückfußdeformität]
    • Bei Hallux-valgus-Deformität
      • Beurteilung des Ausmaßes der Valgusabweichung (Abweichung nach außen) und Pronation der Großzehe [Valgusdeviation (Abweichung nach außen) und Pronation der Großzehe mit medialer Prominenz des ersten Metatarsalköpfchens (Köpfchens des ersten Mittelfußknochens)]
      • Prüfung auf passive Reponierbarkeit (Zurückführbarkeit in die normale Stellung) [nicht oder nur unvollständig reponierbare Fehlstellung bei rigider Deformität]
      • aktive und passive Beweglichkeit des Großzehengrundgelenks [Bewegungseinschränkung, Bewegungsschmerz oder Krepitation]
      • Beurteilung benachbarter Zehen [Digitus II superductus bzw. infraductus (zweite Zehe über bzw. unter einer Nachbarzehe), Hammer- oder Krallenzehendeformität]
      • Beurteilung des ersten Tarsometatarsalgelenks (Gelenk zwischen Fußwurzel und erstem Mittelfußknochen) [klinischer Hinweis auf Hypermobilität (übermäßige Beweglichkeit) bzw. Instabilität (mangelnde Stabilität)]
    • Bei Kleinzehendeformitäten
      • Beurteilung der Stellung in den Metatarsophalangeal- und Interphalangealgelenken (Zehengrund- und Zehenzwischengelenken) [Hammer-, Krallen-, Mallet- oder überkreuzende Zehenstellung]
      • Prüfung der passiven Redressierbarkeit [fehlende Redressierbarkeit bei rigider Kleinzehendeformität]
      • Beurteilung von plantaren (sohlenseitigen) und dorsalen (fußrückenseitigen) Druckstellen [deformitätsbedingte Hyperkeratosen bzw. Druckläsionen]
  • Gefäßstatus Beurteilung der peripheren (körperfernen) Durchblutung:
    • Palpation der A. dorsalis pedis (Fußrückenarterie) und A. tibialis posterior (hintere Schienbeinarterie)
    • kapilläre Wiederauffüllungszeit (Zeit bis zur Wiederkehr der Hautfarbe nach Druck), Hautfarbe und Hauttemperatur
    • Beurteilung auf trophische Störungen und Ödeme (Flüssigkeitseinlagerungen)
  • Neurologische Untersuchung insbesondere bei Hohlfuß, Krallenzehen, asymmetrischen oder progredienten (fortschreitenden) Deformitäten sowie Verdacht auf eine neuromuskuläre Genese (durch Nerven oder Muskeln bedingte Ursache):
    • Orientierende Prüfung der Sensibilität (Empfindungsfähigkeit) beider Füße im Seitenvergleich [Sensibilitätsdefizite (verminderte Empfindungsfähigkeit) bei neurologisch bedingter Fußdeformität]
    • Prüfung der Muskelkraft, insbesondere von M. tibialis anterior (vorderer Schienbeinmuskel), M. tibialis posterior, Mm. peronei (Wadenbeinmuskeln), Wadenmuskulatur sowie Zehenextensoren (Zehenstreckern) und -flexoren (Zehenbeugern) [Paresen (Lähmungserscheinungen) bzw. charakteristische muskuläre Dysbalancen (Ungleichgewichte der Muskelkräfte) bei neuromuskulär bedingter Deformität]
    • Prüfung des Patellar- (Kniescheibensehnenreflexes) und Achillessehnenreflexes (Reflexes der Achillessehne) [Reflexabschwächung oder -ausfall bei peripher-neurologischer Genese]
    • bei Verdacht auf Polyneuropathie (Erkrankung mehrerer peripherer Nerven) zusätzliche Prüfung der Schutzsensibilität (schützende Berührungswahrnehmung), z. B. mittels 10-g-Monofilament
    • bei Verdacht auf eine zentrale oder periphere neurologische Ursache orientierende Untersuchung der gesamten unteren Extremitäten (Beine) und ggf. der Wirbelsäule
  • Orientierende Untersuchung angrenzender Regionen Beurteilung von Knie- und Hüftgelenken sowie der Beinachsen und, bei klinischem Verdacht, der Wirbelsäule zur Erfassung proximaler (körpernäherer) Ursachen oder funktioneller Auswirkungen der Fußdeformität [begleitende Achs- oder Fehlstellungen mit funktionellem Einfluss auf die Fußdeformität].

In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische körperliche Befunde hingewiesen.