Ursachen
Metabolisches Syndrom

Pathogenese  (Krankheitsentstehung)

Zentrales Merkmal des metabolischen Syndroms ist die Insulinresistenz (vermindertes Ansprechen der Zellen des menschlichen Körpers auf das Hormon Insulin; davon betroffen sind v. a. Skelettmuskulatur, Leber und Fettgewebe) bzw. Hyperinsulinämie (zu hohe Konzentration von Insulin im Blut). Wahrscheinlich sind im Wesentlichen genetische Faktoren für die Insulinresistenz verantwortlich.

Bei den pathophysiologischen Veränderungen steht die Insulinresistenz sowohl bei der Störung des Glucose- als auch des Lipidstoffwechsel (Kohlenhydrat- und Fettstoffwechsel) im Mittelpunkt. Auch kann über die Insulinresistenz die Entstehung einer Hypertonie (Bluthochdruck) über Regelkreise des sympathischen Nervensystems zumindest theoretisch erklärt werden. Experimentell konnte bewiesen werden, dass Insulin die Sympathikusaktivität steigert und dadurch die renale (nierenbedingte) Natriumrückresorption (erneutes Aufnehmen von Natrium) stimuliert und somit eine direkte proliferative Wirkung auf die glatten MuskelzelIen der Gefäßwand hat und möglicherweise zur Entwicklung der Hypertonie beitragen kann.

Der wichtigste Schrittmacher für die klinische Manifestation des Metabolischen Syndroms ist die Adipositas, und so werden die einzelnen Komponenten häufig in Phasen der Gewichtszunahme klinisch manifest. Auch eine fettreiche, hyperkalorische Ernährung kann eine Insulinresistenz auslösen oder verstärken und sämtliche Parameter des Glucose- und Lipidstoffwechsels verschlechtern.

Eine HDL-Senkung und eine veränderte Zusammensetzung des LDL-Cholesterins in kleine und dichte – somit besonders atherogen (arteriosklerosfördernd) wirkende – Partikel resultieren aus dem erhöhten Triglycerid- und Fettsäurenumsatz die bei einer hyperkalorischen und fettreichen Ernährung entstehen.

Hohe freie Fettsäurekonzentrationen inhibieren die hepatische Insulinaufnahme und -inaktivierung und führen somit zu einer peripheren Hyperinsulinämie. Das hohe Angebot an diesen Fettsäuren verursacht gleichzeitig in der Leber eine gesteigerte endogene ("im Inneren erzeugte") Synthese triglyceridreicher Lipoproteine und – indirekt – eine gesteigerte Gluconeogenese (Zuckerneubildung). Dieser Prozess wird zusätzlich über ein Überangebot von aus dem Fettgewebe stammendem Glycerin und Lactat gefördert. Die insulinabhängige Glucoseverwertung in der Muskulatur wird über hohe freie Fettsäurespiegel mittels verschiedener Mechanismen beeinträchtigt die mit einer Verschlechterung der Glukosetoleranz einhergehen.

Des Weiteren spielt die chronische Entzündung (subklinische Inflammation) eine wesentliche Rolle in der Pathophysiologie.

Die Kombination von Hypertonie (Bluthochdruck), Diabetes mellitus Typ 2 bzw. Glukosetoleranzstörung (gestörte Zuckerverwertung), Dyslipidämie (Fettstoffwechselstörung) und Adipositas (Übergewicht) führt zu einem sehr hohen Atheroskleroserisiko (Risiko einer Arterienverkalkung), da durch diese Faktoren/Erkrankungen insbesondere die Plaquebildung (Ablagerungen) in den Gefäßen gefördert werden.

Ätiologie (Ursachen)

Biographische Ursachen

  • Genetische Belastung durch Eltern, Großeltern
  • LebensalterPrävalenz (Krankheitshäufigkeit) steigt mit dem Alter; heute tritt das metabolische Syndrom vor allem durch Adipositas bei Kindern und Jugendlichen immer früher auf 

Verhaltensbedingte Ursachen

  • Ernährung
    • Chronische Überernährung
      • hohe Kalorienzufuhr ↑↑ [wg. Adipositas, Hypertonie (Bluthochdruck), Diabetes mellitus Typ 2, Hypercholesterinämie (LDL-Erhöhung)]
      • hoher Anteil gesättigter Fettsäuren (↑) [wg. Adipositas, Hypertonie, Diabetes mellitus Typ 2, Hypercholesterinämie (LDL-Erhöhung)]
      • hoher Anteil einfach ungesättigter Fettsäuren (↑) [wg. Adipositas]
      • hoher Anteil mehrfach ungesättigter Fettsäuren ? [wg. Adipositas?]
      • hoher Zuckerkonsum, insb. Mono- und Disaccharide (Einfach- und Mehrfachzucker) [wg. Adipositas, Hypertonie, Diabetes mellitus Typ 2]
      • Hoher Kochsalzkonsum ? [wg. Adipositas?, Hypertonie]
      • Hohe Alkoholaufnahme (↑) [wg. Adipositas]
    • Zu geringer Anteil einfach ungesättigter Fettsäuren [Diabetes mellitus Typ 2, Hypercholesterinämie (LDL-Erhöhung)]
    • Zu geringer Anteil mehrfach ungesättigter Fettsäuren [Diabetes mellitus Typ 2, Hypercholesterinämie (LDL-Erhöhung)]
    • Geringer Anteil komplexer Kohlenhydrate [wg. Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2]
    • Ballaststoffarme Ernährung [wg. Adipositas, Hypertonie, Diabetes mellitus Typ 2, Hypercholesterinämie (LDL-Erhöhung)]
    • Hohe Aufnahme von Natrium und Kochsalz [wg. Hypertonus]
    • Mikronährstoffmangel (Vitalstoffe) – siehe Prävention mit Mikronährstoffe
  • Genussmittelkonsum
    • Alkohol (Frau: > 20 g/Tag; Mann: > 30 g/Tag)
    • Tabak (Rauchen)
  • Körperliche Aktivität
    • Körperliche Inaktivität bzw. Bewegungsmangel
  • Psycho-soziale Situation
    • Psychische Konflikte
    • Stress
  • Übergewicht (BMI ≥ 25; Adipositas)
  • Androide Körperfettverteilung, das heißt abdominales/viszerales, stammbetontes, zentrales Körperfett (Apfeltyp) – es liegt ein hoher Taillenumfang bzw. ein erhöhter Taille-Hüft-Quotient (THQ; englisch: waist-to-hip-ratio (WHR)) 
    Bei der Messung des Taillenumfangs gemäß der Richtlinie der International Diabetes Federation (IDF, 2005) gelten folgende Normwerte:
    • Männer < 94 cm
    • Frauen < 80 cm
    Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft veröffentlichte 2006 etwas moderatere Zahlen für den Taillenumfang: 102 cm bei Männern und < 88 cm bei Frauen.

Krankheitsbedingte Ursachen

  • Cholestase (Gallenstau) – vor allem durch Gallensteine verursacht
  • Dyslipidämie (Fettstoffwechselstörung)
  • Glukosetoleranzstörungen bis zum Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit)
  • Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion)
  • Lebererkrankungen
  • Nierenerkrankungen

Labordiagnosen – Laborparameter, die als unabhängige Risikofaktoren gelten

  • Altersbedingte Hyperleptinämie – Hormon, welches das Hungergefühl hemmen kann; kann sich bis zur Leptinresistenz entwickeln
  • Nüchterninsulin ↑
  • Nüchternglucose (Nüchternblutzucker) 
  • SHBG (Sexualhormon-bindende Globulin) ↓ – erniedrigt bei Frauen mit klinischen beziehungsweise biochemischen Androgenüberschuss, bei denen in Verbindung mit Oligoamenorrhoen beziehungsweise Anovulationen, mit oder ohne polyzystischen Ovarien, nach Definition der Androgen Excess Society ein "hyperandrogenes Syndrom", das heißt ein polyzystisches Ovarsyndrom (PCOS) vorliegt [1]

Medikamente (Nachfolgende Medikamente steigern den Appetit oder vermindern den Energieverbrauch – erhöhtes Körpergewicht ist die Folge.)

  • Antipsychotika (Neuroleptika)
    • Amisulprid, Aripiprazol, Clozapin, Haloperidol, Melperon, Olanzapin (stark), Quetiapin, Risperidon (mäßig), Ziprasidon (gering), Zuclopenthixol
    • Alimemazin, Chlorpromazin (stark), Perphenazin, Promethazin (mittel), Promazin (leicht), Thioridazin, Triflupromazin
  • Hormone
    • Insulin (stark)
    • Cortisol und deren Derivate (stark)
    • Androgene: Testosteron und Androstendion (mittel)
    • Kontrazeptiva: Ethinylöstradiol (gering)
    • Östrogene, außer Ethinylöstradiol (sehr gering)
    • Gestagene (sehr gering)
  • Phasenprophylaktika
    • Lithium, Valproat (stark), Carbamzepin (mäßig), Gabapentin, Lamotrigin, Topiramat (gering)
  • Tri- und heterozyklische Antidepressiva
    • Amitriptylin, Doxepin, Maprotilin, Mirtazapin, Trimipramin (stark), Clomipramin, Imipramin, Nortriptylin, Opipramol, Mianserin (mäßig)
    • Citalopram, Fluoxetin, Flavoxamin, Moclobemid, Sertralin, (gering)
  • Weitere Pharmaka mit adipogener Wirkung
    • Alpha-2-Agonisten (α2-Adrenozeptor-Agonisten) (sehr gering) wie beispielsweise Midodrin
    • Betablocker (gering): Nicht selektive Betablocker (z. B. Carvedilol, Propranolol, Soltalol) [Hemmung der Insulinausschüttung; stärker als die selektiven Betablocker]; Selektive Betablocker (z. B. Atenolol, Bisoprolol, Metoprolol)
    • Glinide (Nateglinid, Repaglinid)
    • Glitazone (Thiazolidindione: Pioglitazon, Rosiglitazon)
    • Sulfonylharnstoffe (mittel) (Glibenclamid, Gliclazid, Glimepirid, Gliquidon, Tolbutamid)
    • Thiazolidindione (gering) wie beispielsweise Rosiglitazon

Literatur

  1. Kajaia N, Binder H, Dittrich R: Low sex hormone-binding globulin as a predictive marker for insulin resistance in women with hyperandrogenic syndrome. Eur J Endocrinol 2007;157:499-507.
  2. S3-Leitlinie: Prävention und Therapie der Adipositas. (AWMF-Registernummer: 050-001), Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) 2014
     
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