Schluckauf (Singultus) – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Beendigung eines persistierenden oder intraktablen Singultus (Schluckaufs)
  • Verbesserung von Schlaf, Nahrungsaufnahme und Lebensqualität
  • Behandlung der auslösenden Erkrankung beziehungsweise Beseitigung medikamentöser Auslöser

Therapieempfehlungen

  • Indikationsstellung:
    • Ein vorübergehender Singultus erfordert im Regelfall keine Pharmakotherapie.
    • Ein länger als 48 Stunden anhaltender Singultus gilt als persistierend; bei einer Dauer von mehr als einem Monat wird von einem intraktablen Singultus gesprochen. Eine Ursachenabklärung ist erforderlich [LL1].
    • Eine symptomatische Pharmakotherapie kommt bei anhaltendem, belastendem Singultus insbesondere bei Beeinträchtigung von Schlaf oder Nahrungsaufnahme infrage.
  • Kausale Therapie:
    • Soweit eine auslösende Erkrankung festgestellt wird, steht deren Behandlung im Vordergrund. Dazu gehören insbesondere gastroösophageale, neurologische und metabolische Ursachen [1].
    • Die Medikamentenanamnese ist auf mögliche Auslöser zu prüfen. Eine Dosisreduktion oder Umstellung erfolgt unter Berücksichtigung der ursprünglichen Behandlungsindikation.
    • Bei dexamethasoninduziertem Singultus im Rahmen einer antiemetischen Therapie kann eine Umstellung auf eine äquipotente Dosis Methylprednisolon erwogen werden; die erforderliche antiemetische Wirksamkeit muss erhalten bleiben [LL1].
  • Symptomatische Pharmakotherapie:
    • Baclofen oder Gabapentin können als initiale medikamentöse Therapieversuche erwogen werden. Eine generelle Überlegenheit eines Wirkstoffs ist nicht nachgewiesen [1, 2].
    • Zunächst möglichst einen Wirkstoff einsetzen, niedrig dosiert beginnen und entsprechend Wirksamkeit und Verträglichkeit titrieren.
    • Eine routinemäßige Kombination von Baclofen und Gabapentin ist nicht ausreichend belegt. Sie kommt allenfalls bei unzureichendem Ansprechen nach fachärztlicher Bewertung infrage; additive Sedierung (Dämpfung von Wachheit und Aufmerksamkeit) und Atemdepression (Abschwächung der Atmung) sind zu berücksichtigen [FI1, FI2].
    • Metoclopramid kann als kurzfristige Alternative insbesondere bei vermutetem gastrointestinalem Auslöser erwogen werden. Die europäische Sicherheitsbegrenzung auf maximal 5 Tage ist zu beachten [4, FI3].
    • Haloperidol ist eine Reserveoption bei unzureichendem Ansprechen oder Unverträglichkeit anderer Therapieversuche, insbesondere im palliativmedizinischen Kontext [LL1].
    • Die Kombination von Haloperidol und Metoclopramid sollte wegen additiver extrapyramidaler Nebenwirkungen (Störungen der Bewegungssteuerung) vermieden werden [FI3].
    • Amitriptylin und Valproat werden wegen unzureichender Wirksamkeitsbelege und ihres Nebenwirkungsprofils nicht als regelhafte Therapie empfohlen [2].
  • Refluxassoziierter Singultus:
    • Bei gesicherter gastroösophagealer Refluxkrankheit (Erkrankung durch Rückfluss von Mageninhalt in die Speiseröhre) ist eine indikationsgerechte Behandlung mit einem Protonenpumpenhemmer sinnvoll; siehe „Gastroösophageale Refluxkrankheit/Pharmakotherapie“ [1].
    • Bei begründetem Refluxverdacht kann ein zeitlich begrenzter Therapieversuch erwogen werden. Eine unbefristete Säurehemmung allein wegen eines Singultus ist nicht gerechtfertigt.
  • Evidenz und Zulassung:
    • Die Evidenz beruht überwiegend auf kleinen Studien und Fallserien. Kleine randomisierte Studien liegen für Baclofen und Metoclopramid vor; belastbare Vergleichsstudien fehlen [1-5].
    • Die Empfehlungen der ESMO-Leitlinie beziehen sich insbesondere auf den onkologischen und palliativmedizinischen Kontext; ihre Übertragbarkeit auf andere Ursachen ist individuell zu beurteilen [LL1].
    • Die nachfolgend aufgeführten Anwendungen von Baclofen, Gabapentin, Metoclopramid und Haloperidol zur Behandlung des Singultus erfolgen außerhalb der zugelassenen Indikationen. Eine entsprechende Aufklärung und Dokumentation sind erforderlich [FI1-FI4].
    • Die Dosierungen beziehen sich auf Erwachsene. Bei älteren oder gebrechlichen Patienten sowie bei eingeschränkter Organfunktion ist eine individuelle Anpassung notwendig.

Wirkstoffe (Hauptindikation)

Zentral wirksame Muskelrelaxantien – GABA-B-Rezeptoragonisten

Wirkstoff Besonderheiten
Baclofen Off-Label-Use. Bei gebrechlichen Patienten niedriger beginnen. Vor Behandlung Nierenfunktion prüfen; bei Niereninsuffizienz (eingeschränkter Nierenfunktion) Kumulations- und Enzephalopathierisiko (Risiko einer Störung der Gehirnfunktion). Nach längerer Anwendung ausschleichend absetzen [3, LL1, FI1].
  • Wirkweise: Agonismus am GABA-B-Rezeptor mit zentraler Hemmung neuronaler Erregungsübertragung und des Singultusreflexes.
  • Indikationen: Belastender persistierender oder intraktabler Singultus; insbesondere bei vermutetem zentralem Auslöser als individueller Therapieversuch [1, 3].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; laut herangezogener Fachinformation Epilepsie (Erkrankung mit wiederkehrenden Krampfanfällen) und andere zerebrale Anfallsleiden (vom Gehirn ausgehende Anfallserkrankungen) sowie terminale Niereninsuffizienz (Nierenversagen im Endstadium). Bei sonstiger Niereninsuffizienz und respiratorischer Insuffizienz (unzureichender Atemfunktion) besondere Vorsicht [FI1].
  • Nebenwirkungen: Somnolenz (ausgeprägte Schläfrigkeit), Schwindel, Muskelschwäche, Ataxie (Störung der Bewegungskoordination), Verwirrtheit, Übelkeit und Hypotonie (niedriger Blutdruck); bei Kumulation schwere Enzephalopathie und Atemdepression. Abruptes Absetzen nach längerer Einnahme kann Entzugssymptome einschließlich Krampfanfällen auslösen [FI1].

Antikonvulsiva – Gabapentinoide

Wirkstoff Besonderheiten
Gabapentin Off-Label-Use. Bei älteren oder gebrechlichen Patienten gegebenenfalls mit 100 mg beginnen und langsamer titrieren. Dosisanpassung nach Kreatinin-Clearance. Beim Absetzen über mindestens eine Woche ausschleichen [LL1, FI2].
  • Wirkweise: Bindung an die α2δ-Untereinheit spannungsabhängiger Calciumkanäle mit Verminderung exzitatorischer Neurotransmitterfreisetzung; kein direkter GABA-Rezeptoragonismus [FI2].
  • Indikationen: Belastender persistierender oder intraktabler Singultus als Alternative zu Baclofen [1, LL1].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit. Niereninsuffizienz erfordert eine Dosisanpassung; bei respiratorischer Insuffizienz oder gleichzeitiger Einnahme zentral dämpfender Arzneimittel besondere Vorsicht [FI2].
  • Nebenwirkungen: Somnolenz, Schwindel, Ataxie, periphere Ödeme (Flüssigkeitseinlagerungen vor allem an Armen und Beinen) und Müdigkeit; selten schwere Überempfindlichkeitsreaktionen. Atemdepression insbesondere bei Risikopatienten und Kombination mit Opioiden oder anderen zentral dämpfenden Arzneimitteln; Abhängigkeit und Entzugssymptome möglich [FI2].

Prokinetika – Dopamin-D2-Rezeptorantagonisten

Wirkstoff Besonderheiten
Metoclopramid Off-Label-Use bei Singultus. Bei Kreatinin-Clearance 15-60 ml/min Dosis um 50 %, bei ≤ 15 ml/min um 75 % reduzieren; bei schwerer Leberfunktionsstörung um 50 %. Keine routinemäßige Kombination mit Neuroleptika. Die längere Anwendung in der Pilotstudie begründet keine allgemeine Empfehlung zur Überschreitung der europäischen Sicherheitsbegrenzung [4, FI3].
  • Wirkweise: Zentraler Dopamin-D2-Rezeptorantagonismus und prokinetische Wirkung im oberen Gastrointestinaltrakt [FI3].
  • Indikationen: Kurzfristiger Therapieversuch bei belastendem persistierendem Singultus, insbesondere bei vermutetem gastrointestinalem Auslöser [1, 4].
  • Kontraindikationen: Gastrointestinale Blutung (Blutung im Magen-Darm-Trakt), mechanische Obstruktion (Verschluss des Verdauungstrakts durch ein Hindernis) oder Perforation (Durchbruch der Magen- oder Darmwand); Phäochromozytom (hormonproduzierender Tumor des Nebennierenmarks); Epilepsie; Morbus Parkinson (Erkrankung des Nervensystems mit Bewegungsverlangsamung, Muskelsteifigkeit und häufig Zittern); vorausgegangene metoclopramid- oder neuroleptikainduzierte Spätdyskinesie (verzögert auftretende, möglicherweise anhaltende unwillkürliche Bewegungsstörung); gleichzeitige Anwendung von Levodopa oder dopaminergen Agonisten; Überempfindlichkeit [FI3].
  • Nebenwirkungen: Somnolenz, Diarrhoe (Durchfall), Akathisie (quälende Bewegungsunruhe) und akute Dystonien (unwillkürliche Muskelverkrampfungen), auch nach einer Einzeldosis; Spätdyskinesien bei längerer Anwendung, Hyperprolaktinämie und selten malignes neuroleptisches Syndrom (lebensbedrohliche Arzneimittelreaktion mit Fieber, Muskelsteifigkeit und Bewusstseinsstörungen). Kardiale Nebenwirkungen sind insbesondere bei parenteraler Anwendung zu berücksichtigen [FI3].

Antipsychotika – Butyrophenone

Wirkstoff Besonderheiten
Haloperidol Off-Label-Use; Reserveoption. Niedrigste wirksame Dosis und möglichst kurze Anwendung. Geeignete Wirkstärke beziehungsweise orale Lösung zur genauen Dosierung wählen. Vor Beginn EKG sowie Kalium und Magnesium prüfen; Elektrolytstörungen (Störungen des Mineralstoffhaushalts) korrigieren. Keine routinemäßige Kombination mit Metoclopramid [LL1, FI3, FI4].
  • Wirkweise: Zentraler Dopamin-D2-Rezeptorantagonismus [FI4].
  • Indikationen: Belastender, anderweitig nicht ausreichend behandelbarer Singultus nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung [LL1].
  • Kontraindikationen: Morbus Parkinson, Lewy-Körper-Demenz (Demenzform mit besonderen Eiweißablagerungen im Gehirn), progressive supranukleäre Blickparese (fortschreitende Erkrankung des Gehirns mit Störungen der Augenbewegungen und des Gleichgewichts), Koma (tiefe Bewusstlosigkeit) oder ausgeprägte zentralnervöse Dämpfung; bekannte QT-Verlängerung (Verlängerung einer elektrischen Erholungsphase des Herzens), relevante ventrikuläre Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen aus den Herzkammern), kürzlich aufgetretener akuter Myokardinfarkt (Herzinfarkt), dekompensierte Herzinsuffizienz (entgleiste Herzschwäche), unkorrigierte Hypokaliämie und gleichzeitige Anwendung QT-verlängernder Arzneimittel; Überempfindlichkeit [FI4].
  • Nebenwirkungen: Akathisie, Dystonien, Parkinsonoid (parkinsonähnliche Bewegungsstörung) und Spätdyskinesien; Sedierung, Hyperprolaktinämie und Hypotonie; QT-Verlängerung, Torsade-de-pointes-Tachykardien (gefährliche schnelle Herzrhythmusstörungen aus den Herzkammern) und selten malignes neuroleptisches Syndrom [FI4].

Beachte

  • Therapiekontrolle: Wirksamkeit und Verträglichkeit frühzeitig überprüfen. Bei fehlendem Ansprechen die Ursache erneut bewerten und den Therapieversuch beenden beziehungsweise auf einen anderen Wirkstoff umstellen; eine fortgesetzte ungezielte Kombination mehrerer zentral wirksamer Arzneimittel vermeiden.
  • Nierenfunktion: Insbesondere vor Baclofen und Gabapentin prüfen. Die angegebenen Standarddosierungen dürfen bei relevanter Niereninsuffizienz nicht unverändert übernommen werden [FI1, FI2].
  • Behandlungsdauer: Eine standardisierte Therapiedauer für Baclofen, Gabapentin oder Haloperidol beim Singultus ist nicht etabliert. Nach anhaltender Symptomfreiheit Reduktion beziehungsweise Absetzen unter Beachtung der erforderlichen Ausschleichintervalle erwägen. Metoclopramid auf maximal 5 Tage begrenzen [FI1-FI4].
  • Red Flags (Warnzeichen) bei Singultus: Neu aufgetretene fokalneurologische Ausfälle (umschriebene Störungen der Nervenfunktion, beispielsweise Lähmungen oder Sprachstörungen), Bewusstseinsstörung, starke Kopfschmerzen, Thoraxschmerz (Brustkorbschmerz), Dyspnoe (Atemnot), ausgeprägte Schluckstörung oder erhebliche Einschränkung der Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme erfordern eine dringliche Abklärung.

Abkürzungsverzeichnis

  • D2: Dopaminrezeptor vom Typ 2.
  • EKG: Elektrokardiogramm – Aufzeichnung der elektrischen Aktivität des Herzens.
  • ESMO: European Society for Medical Oncology – Europäische Gesellschaft für medizinische Onkologie.
  • FI: Fachinformation.
  • GABA: Gamma-Aminobuttersäure – hemmender Botenstoff im Nervensystem.
  • LL: Leitlinie.
  • mg: Milligramm.
  • ml/min: Milliliter pro Minute.
  • PDF: Portable Document Format – Dateiformat für Dokumente.
  • QT: Zeitabschnitt zwischen dem Beginn der Q-Zacke und dem Ende der T-Welle im Elektrokardiogramm.

Literatur

  1. Steger M, Schneemann M, Fox M: Systemic review: the pathogenesis and pharmacological treatment of hiccups. Aliment Pharmacol Ther. 2015;42(9):1037-1050. doi: 10.1111/apt.13374.
  2. Polito NB, Fellows SE: Pharmacologic interventions for intractable and persistent hiccups: a systematic review. J Emerg Med. 2017;53(4):540-549. doi: 10.1016/j.jemermed.2017.05.033.
  3. Zhang C, Zhang R, Zhang S, Xu M, Zhang S: Baclofen for stroke patients with persistent hiccups: a randomized, double-blind, placebo-controlled trial. Trials. 2014;15:295. doi: 10.1186/1745-6215-15-295.
  4. Wang T, Wang D: Metoclopramide for patients with intractable hiccups: a multicentre, randomised, controlled pilot study. Intern Med J. 2014;44(12):1205-1209. doi: 10.1111/imj.12542.
  5. Kishi Y, Nakawaga M, Inumaru A, Nambu M, Sakaguchi M, Murabata M et al.: Interventions for hiccups in adults: a scoping review of Western and Eastern approaches. Palliat Med Rep. 2025;6(1):171-178. doi: 10.1089/pmr.2024.0109.

Leitlinien

  1. Santini D, Armento G, Giusti R, Ferrara M, Moro C, Fulfaro F et al.: Management of orphan symptoms: ESMO Clinical Practice Guidelines for diagnosis and treatment. ESMO Open. 2020;5(6):e000933. doi: 10.1136/esmoopen-2020-000933. [LL1]

Fachinformation

  1. ratiopharm GmbH: Fachinformation Baclofen-ratiopharm 10 mg/25 mg Tabletten. Stand Februar 2026. Fachinformation. [FI1]
  2. ratiopharm GmbH: Fachinformation Gabapentin-ratiopharm 100 mg/300 mg/400 mg Hartkapseln. Stand August 2024; Datierung der eingesehenen PDF-Fassung. Fachinformation. [FI2]
  3. ratiopharm GmbH: Fachinformation MCP-ratiopharm 10 mg Tabletten. Stand Juli 2026. Fachinformation. [FI3]
  4. ratiopharm GmbH: Fachinformation Haloperidol-ratiopharm 5 mg/10 mg Tabletten. Stand Juli 2025. Fachinformation. [FI4]