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DocMedicus Schwangerschaftslexikon
Ein neues Leben

Nachfolgend werden unter "Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett" Krankheiten beschrieben, die gemäß ICD-10 dieser Kategorie zuzuordnen sind (O00-O99). Der ICD-10 dient der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten sowie verwandter Gesundheitsprobleme (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) und ist weltweit anerkannt.
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Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett

Schwangerschaft und Stillzeit sind besondere Phasen im Leben einer Frau. Ein neues Leben zu schenken ist ein schönes und besonderes Erlebnis, bei dem die Schwangere in einer besonderen Verantwortung steht.

Die Aufmerksamkeit gilt jetzt nicht nur dem eigenen Körper, sondern auch dem Körper des Ungeborenen. Werdende Mütter sollten deshalb die besten Voraussetzungen für einen angenehmen Schwangerschaftsverlauf und ein gesundes Heranwachsen des neuen Lebens schaffen. Vorsorge schützt das Leben der Schwangeren und das des ungeborenen Kindes.

Anatomie des Geburtskanals

Der Geburtskanal besteht aus dem knöchernen Becken und dem Weichteilrohr.

Knöchernes Becken

Das knöcherne Becken hat im geburtshilflich relevanten Beckeneingang eine querovale ringförmige Struktur, dessen Begrenzungen sind:

  • hinten das Kreuzbein (Os sacrum) oben + Steißbein (Os cocccygis) unten
  • seitlich und bogenförmig nach vorne die beiden Hüftbeine (Ossa coxae)

Die Knochen sind durch Knorpel und Bänder miteinander verbunden. Wichtig sind die Ileosakralgelenke (ISG; Articulationes sacroiliacae) und die Symphyse (knorpelige Verbindung der beiden Hüftbeine). Beide sind durch die Schwangerschaftshormone sehr beweglich und erleichtern den Eintritt des Kopfes in das Becken. Gleiches gilt für die knorpelige Verbindung von Kreuz- und Steißbein.

Im Gegensatz zum männlichen Becken ist für das weibliche Becken eine geringe knöcherne Höhe, eine beidseitige Ausladung und ein breiter Schambogen typisch.

Geburtsmechanisch teilt man das geburtshilflich relevante sogenannte kleine Becken in folgende Beckenräume ein:

  • Beckeneingangsraum
    • Form: queroval
    • Begrenzung: Promontorium → oberer Rand der Symphyse
    • Durchmesser:
      • gerader Durchmesser 11-12 cm
      • schräger Durchmesser 11,5-12,5 cm
      • Querdurchmesser 13 cm

Conjugata vera: der geringste und für den Eintritt des Kopfes wichtigste Abstand zwischen Hinterfläche der Symphyse und dem Promontorium. In einem normal konfigurierten Becken misst sie 11 cm.

(Zur Erkennung gröberer Formanomalien wird vor der Geburt routinemäßig das Becken ausgetestet. Die Erreichbarkeit des Promontoriums bedeutet eine Verengung des geraden Durchmessers. Die Conjugata diagonalis (Entfernung des Promontorium zum unteren Rand der Symphyse) wird mit dem Finger gemessen. Durch Abzug von 1,5-2 cm erhält man ein ungefähres Maß der Conjugata vera. Der Normalwert der Conjugata diagonalis beträgt 12,5-13 cm. Erreicht man die seitlichen Anteile der Linea terminalis, so ist dies ein Hinweis auf eine Verengung des Querdurchmessers. Außerdem wird bei der Exploration des knöchernen Beckens die Form der Kreuzbeinaushöhlung, die Steißbeinstellung und ein eventuelles Einspringen der Sitzbeinstachel (Spinae ischiadicae) in das Beckenlumen kontrolliert.)

  • Beckenmitte
    • Form: rund
    • Begrenzung: unterer Rand der Symphyse → Steißbein
    • Durchmesser: alle Durchmesser 13 cm
  • Beckenausgangsraum
    • Form: längsoval
    • Begrenzung: dachähnlich, Verbindungslinie: unterer Rand der Symphyse → Steißbein → Tubera ischiadica (Sitzbeinhöcker)
    • Durchmesser:
      • gerader Durchmesser 11,5 cm
      • Querdurchmesser 11 cm

Die Beckenräume haben eine unterschiedliche Form:

  • Beckeneingang → queroval
  • Beckenmitte → rund
  • Beckenausgang → längsoval

Das bedeutet, dass sich der vorangehende Teil des Kindes (Kopf/Steiß) während des Durchtrittes durch das Becken diesen vorgegebenen Gegebenheiten anpassen muss.

Weichteilrohr

Das Weichteilrohr besteht aus:

  • der Cervix uteri 
  • der Vagina
  • dem Beckenboden
  • der Vulva

Für die Geburtsmechanik sind relevant der Gebärmutterhals und die Muskulatur des Beckenbodens.

Der Gebärmutterhals muss durch die Wehen soweit gedehnt werden, dass er vollständig aufgebraucht wird, um den Kopf oder Steiß des Kindes im Geburtskanal tiefertreten zu lassen. Bei unzureichender Wehentätigkeit oder rigidem Muttermund kann dies den Geburtsverlauf entscheidend verzögern.

Der Beckenboden besteht aus mehreren Muskelschichten, die geburtsmechanisch relevant sind. Blickt man von unten auf die Schichten, so besteht die Muskulatur aus einer:

  • äußeren Schließmuskelschicht (Musculus transversus pernei superficialis, Musculus ischiocavernosus, Musculus bulbospongiosus, Musculus sphincter ani externus), darüber →
  • symphysenwärts
    • aus dem Diaphragma urogenitale; es ist im Schambeinwinkel ausgespannt und enthält den Musculus transversus perinei profundus und Teile des Harnröhrenverschlusses
  • steißbeinwärts
    • aus dem Diaphragma pelvis, der entscheidende muskulöse Anteil des Beckenbodens; Hauptbestandteil ist der Musculus levator ani. Er bildet eine breite Muskelplatte die v-förmig von der Steißbeinspitze bzw. den Ligamenta anococcygea nach vorn unten zieht und breitflächig an den seitlichen Beckenwänden ansetzt.

Geburtsmechanisch hat die Anordnung der Beckenbodenmuskulatur in Form einer zweifach schiefen Ebene eine wichtige Funktion, indem der Kopf in Richtung Symphyse geleitet wird bei gleichzeitiger Drehung in den geraden Durchmesser.

Anatomie des Kopfes: Der Kopf des Kindes als vorangehender Teil

Bei 90 % aller Geburten ist der Kopf des Kindes der führende Teil. Unter geburtsmechanischen Gesichtspunkten ist die Konfigurationsfähigkeit des kindlichen Kopfes an die Gegebenheiten des Beckens von entscheidender Bedeutung.

Der knöcherne Schädel besteht aus:

  • Schädelbasis
  • Gesichtsschädel
  • Gehirnschädel

Schädelbasis und Gesichtsschädel sind während des Durchtrittes des Kopfes durch den Geburtskanal nicht verformbar. Dagegen sind die das Gehirn umspannenden Knochenstrukturen (Gehirnschädel) stark verformbar, d. h. konfigurierbar.

Der Gehirnschädel besteht aus:

  • zwei Stirnbeinen (Ossa frontalia)
  • zwei Schalterbeinen (Ossa parietalia)
  • zwei Schläfenbeinen (Ossa temporalia)
  • ein Hinterhauptsbein (Os occipitale)

Suturae

Die Knochen sind durch bindegewebige Nähte (Suturae) miteinander verbunden:

  • Stirnnaht (Sutura frontalis: Naht zwischen den Ossa frontalia
  • Pfeilnaht (Sutura sagittalis): Naht zwischen den Ossa parietalia
  • Kranznaht (Sutura coronalis): Naht zwischen den Ossa temporalia und parietalia
  • Lamddanaht (Sutura lambdoidea): Naht zwischen den Ossa parietalia und dem Os occipitale

Fontanellen

Dort, wo mehrere Knochen zusammentreffen, entstehen größere bindegewebige, knochenfreie Bereiche, die als Fontanellen (Fonticuli cranii) bezeichnet werden. Im vorderen Bereich des Kopfes befindet sich die große Fontanelle (Fonticulus anterior), im hinteren Schädelbereich die kleine Fontanelle (Fonticulus posterior). Die Nähte und die Fontanellen sind wichtige Orientierungsparameter bei der vaginalen Untersuchung zur Feststellung des Geburtsfortschrittes, des Tiefertretens und der Einstellung des kindlichen Kopfes im Geburtskanal.

Kopfform

Die typische Form des menschlichen Kopfes ist der Langschädel (Dolichocephalie). Der Kopf ist asymmetrisch, lang und schmal. In der Aufsicht beträgt der Querdurchmesser vorn durch die Scheitelbeine (Diameter bitemporalis) 8,5 cm, der Querdurchmesser hinten durch die Schläfenbeine (Diameter biparietalis) 9,5 cm.

Kopfdurchmesser (Diameter)

Es werden nur die geburtsmechanisch wichtigen Durchmesser aufgeführt, die in der Seitenansicht des Kopfes erkennbar sind:

  • Diameter suboccipitobregmatica (kleiner schräger Durchmesser: Nacken-große Fontanelle): 10,5 cm (wichtigster geburtshilflicher Diameter bei der in > 90 % vorkommenden Geburt aus vorderer Hinterhauptslage (occipitoanteriore Flexionshaltung des Kopfes)
  • Diameter frontooccipitalis (gerader Durchmesser: Glabella (unbehaarte Stelle zwischen den Augenbrauen)-Hinterhaupt): 12,0 cm
  • Diameter mentooccipitalis (großer schräger Durchmesser: Kinn-Hinterhaupt): 14,0 cm

Häufige Erkrankungen im Rahmen einer Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett

  • Abort (Fehlgeburt)
  • Cervixinsuffizienz (Gebärmutterhalsschwäche)
  • Drohende Frühgeburt
  • Extrauteringravidität (Eileiterschwangerschaft)
  • Gestationsdiabetes mellitus (Schwangerschaftsdiabetes)
  • Gestationshypertonie – in der Schwangerschaft neu aufgetretene Hypertonie (Bluthochdruck) ohne weitere Komplikationen
  • Hyperemesis gravidarum (Schwangerschaftserbrechen)
  • Hypotonie (niedriger Blutdruck)
  • Mastitis (Brustdrüsenentzündung)
  • Plazentainsuffizienz (Mutterkuchenschwäche)
  • Postnatale Depression (Wochenbettdepression)
  • Präeklampsie (EPH-Gestose oder proteinurische Hypertonie) – in der Schwangerschaft neu aufgetretene Hypertonie (Bluthochdruck) mit einer Proteinurie (Ausscheidung von Eiweiß mit dem Urin; > 300 mg/24 h) nach der 20. Schwangerschaftswoche
  • Pyrosis (Sodbrennen)
  • Verzögerte Geburt und Geburtsstillstand
  • Vorzeitiger Blasensprung

Die wichtigsten Risikofaktoren für Erkrankungen im Rahmen einer Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett

Verhaltensbedingte Ursachen

  • Ernährung
    • große, fettreiche Mahlzeiten
    • zuckerreiche Getränke wie Kakao bzw. zu viel Süßigkeiten (insbesondere Schokolade)
    • scharfe Gewürze
    • Mangelernährung
  • Genussmittelkonsum
    • Alkoholkonsum
    • Koffeinkonsum
    • Tabakkonsum
  • Psycho-soziale Situation
    • Stress
  • Hohe körperliche Belastung
  • Übergewicht
  • Untergewicht

Krankheitsbedingte Ursachen

  • Anämie (Blutarmut)
  • Autoimmunologische Erkrankungen wie Hashimoto-Thyreoiditis (chronischen Entzündung der Schilddrüse)
  • Endokrine Störungen wie Diabetes mellitus (Diabetes mellitus Typ 1, Diabetes mellitus Typ 2), Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion), Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion)
  • Essstörungen, verbunden mit Untergewicht
  • Hypertonie (Bluthochdruck)

Bitte beachten Sie, dass die Aufzählung nur einen Auszug der möglichen Risikofaktoren darstellt. Weitere Ursachen finden Sie unter der jeweiligen Krankheit.

Die wichtigsten diagnostischen Maßnahmen für Erkrankungen im Rahmen einer Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett

  • Ultraschalldiagnostik – wird in der Schwangerschaft routinemäßig durchgeführt
  • Vaginalsonographie (Ultraschalluntersuchung mittels einer Ultraschallsonde, die in die Scheide (Vagina) eingeführt wird) – in der Frühschwangerschaft
  • Abdominale fetale Sonographie/Ultraschalluntersuchung des Kindes, zur weiteren Diagnostik von:
    • Einling? Mehrlinge?
    • Zeitgerechtes Wachstum?
    • Zeitgerechte Entwicklung?
    • Fruchtwassermenge (Oligohydramnion, Fruchtwassermenge <  500 ml; Polyhydramnion, Fruchtwassermenge > 2.000 ml)
  • Wiederholte Blutdruckmessungen
  • Antikörpersuchtest (Rhesusunverträglichkeit?)
  • Infektionsserologische Untersuchungen (Röteln-HAH-Test (HAH = Hämagglutinationshemmung) mit der Frage eines ausreichenden Schutzes gegen Röteln; Nachweis von Chlamydia-trachomatis-DNA; Lues-Suchreaktion; HIV-Test; HBs-Antigen; ggf. auch Test auf Toxoplasmose)
  • Oraler Glukosetoleranztest (oGTT) – Screening auf das Vorliegen eines Gestationsdiabetes (Schwangerschaftsdiabetes)
  • Sonographische Untersuchung (Ultraschalluntersuchung) der fetalen Nackentransparenz (NT) in der 11.-14. Schwangerschaftswoche 
  • Differenzierte Organdiagnostik – in der 19.-22. Schwangerschaftswoche
  • Cardiotokographie (CTG; Herzton-Wehenschreibung)
  • Dopplersonographie (Ultraschalluntersuchung, die Flüssigkeitsströme (vor allem den Blutfluss) dynamisch darstellen kann; misst bei der Schwangeren das Blutflussmuster in den Uterusarterien (Gebärmutterarterien) sowie die fetalen Blutflüsse in Arterien und Venen) – zur Beurteilung der fetalen Versorgung/kindliche Versorgung (die Dopplersonographie kann eine drohende Plazentainsuffizienz/Mutterkuchenschwäche bereits in der 20. bis 24. Schwangerschaftswoche erkennen)
  • Vaginalsonographische Messung der Cervixlänge (Gebärmutterhalslänge)
  • Ggf. Streptokokken B-Test
  • Mammasonographie (Ultraschalluntersuchung der Brust; Brustultraschall) – bei Verdacht auf Mastitis puerperalis (Brustdrüsenentzündung im Wochenbett)

Welcher Arzt hilft Ihnen?

Bei Erkrankungen im Rahmen einer Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett sollte der/die Gynäkologe/in aufgesucht werden. Eine weitere geeignete Ansprechpartnerin ist in vielen Fällen die Hebamme.

Expertenrat

Wenn Sie Fragen haben, besuchen Sie bitte den DocMedicus Expertenrat.
Beachten Sie bitte, dass der Expertenrat nicht den Arztbesuch ersetzt. Gehen Sie in akuten Krankheitsfällen bitte immer sofort zu Ihrem Arzt.

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