Lungenkrebs (Bronchialkarzinom) – Körperliche Untersuchung

Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:

  • Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruck, Puls, Körpertemperatur, Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung mittels Pulsoxymetrie, Körpergewicht und Körpergröße; des Weiteren:
    • Beurteilung von Allgemein- und Ernährungszustand, Muskelmasse und Mobilität; Erfassung des funktionellen Status nach ECOG sowie Dokumentation eines Gewichtsverlusts im Verlauf.
    • Inspektion
      • Haut und Schleimhäute: Beurteilung von Hautkolorit, Zyanose (bläuliche Verfärbung der Haut und Schleimhäute), Blässe sowie auffälligen Haut- oder Unterhautknoten.
      • Hände und Nägel [Trommelschlegelfinger (verdickte, rundliche Fingerendglieder) und Uhrglasnägel (stark gewölbte Nägel) als mögliche paraneoplastische Befunde (durch die Krebserkrankung ausgelöste Begleiterscheinungen ohne unmittelbares Einwachsen des Tumors), insbesondere bei nicht-kleinzelligem Bronchialkarzinom].
      • Gesicht, Hals, oberer Thorax (Brustkorb) und Arme [Gesichts- und Halsschwellung, gestaute Halsvenen, erweiterte oberflächliche Thoraxvenen und gegebenenfalls Armschwellung bei tumorbedingter oberer Einflussstauung (Behinderung des Blutrückflusses aus Kopf, Hals und Armen zum Herzen)].
      • Augenlider und Pupillen im Seitenvergleich [ipsilaterale (auf derselben Körperseite auftretende) Ptosis (Herabhängen des Oberlids) und Miosis (Verengung der Pupille), gegebenenfalls verminderte Gesichtsschweißsekretion als Horner-Syndrom (Zeichen einer Schädigung bestimmter Nervenbahnen mit Veränderungen an Auge und Gesicht) bei einem Lungenspitzentumor (Tumor im obersten Lungenabschnitt)].
    • Inspektion und Palpation der Lymphknotenstationen – insbesondere supraklavikulär (oberhalb des Schlüsselbeins) und zervikal (am Hals), ergänzend axillär (in der Achselhöhle) und bei Auffälligkeiten inguinal (in der Leiste); Dokumentation von Größe, Konsistenz, Verschieblichkeit und Druckschmerz [derbe, schmerzlose, eingeschränkt verschiebliche Lymphknoten als Hinweis auf einen möglichen metastatischen Befall (Befall durch Tochtergeschwülste)].
    • Untersuchung des Herzens und des Kreislaufs – Auskultation des Herzens, Beurteilung von Herzrhythmus, Halsvenenfüllung und peripheren Ödemen (Flüssigkeitseinlagerungen im Gewebe der Arme oder Beine); bei Verdacht auf einen tumorassoziierten Perikarderguss (Flüssigkeitsansammlung im Herzbeutel) auf Tachykardie (beschleunigten Herzschlag), Hypotonie (niedrigen Blutdruck) und gestaute Halsvenen achten. Diese Befunde sind nicht tumorspezifisch.
    • Untersuchung der Lunge und des Thorax
      • Inspektion von Atemmuster, Atemarbeit und seitengleicher Thoraxexkursion (Bewegung des Brustkorbs beim Atmen); Beurteilung des Einsatzes der Atemhilfsmuskulatur. Auf Stridor (raues oder pfeifendes Atemgeräusch durch eine Verengung großer Atemwege) und eine auffällige Stimme achten [Heiserkeit bei möglicher tumorbedingter Rekurrensparese (Lähmung eines die Stimmlippen versorgenden Nervs)].
      • Palpation des Thorax und der Thoraxwand [umschriebene druckschmerzhafte oder tastbare Raumforderung (örtliche Gewebevermehrung) bei möglicher Thoraxwandinfiltration (Einwachsen des Tumors in die Brustwand)].
      • Auskultation der Lunge im Seitenvergleich [umschriebenes, einseitiges monophones Giemen (pfeifendes Atemgeräusch mit gleichbleibender Tonhöhe) bei tumorbedingter Bronchusstenose (Verengung eines größeren Atemwegs); regional abgeschwächtes oder aufgehobenes Atemgeräusch bei obstruktiver Atelektase (Zusammenfallen eines Lungenabschnitts durch einen verschlossenen Atemweg) oder tumorassoziiertem Pleuraerguss (Flüssigkeitsansammlung zwischen Lunge und Brustwand)]. Zusätzlich auf Rasselgeräusche und bronchiales Atemgeräusch als mögliche Hinweise auf eine poststenotische Pneumonie (Lungenentzündung hinter einer Atemwegsverengung) achten.
      • Perkussion der Lunge [umschriebene Dämpfung bei tumorassoziiertem Pleuraerguss oder ausgedehnter Atelektase]. Ein hypersonorer Klopfschall ist kein charakteristischer Tumorbefund.
      • Bronchophonie bei unklarem Auskultationsbefund: vergleichendes Abhören, während der Patient mit hoher Stimme „66“ spricht. Über verdichtetem Lungengewebe kann die Übertragung bei offenem zuführendem Bronchus verstärkt sein; über einem Pleuraerguss oder bei vollständigem Bronchusverschluss ist sie vermindert.
      • Stimmfremitus ergänzend bei Verdacht auf einen Pleuraerguss oder eine pulmonale Verdichtung: vergleichende Palpation der Thoraxvibrationen, während der Patient mit tiefer Stimme „99“ spricht. Bei einer Verdichtung mit offenem zuführendem Bronchus kann der Stimmfremitus verstärkt, bei Pleuraerguss oder obstruktiver Atelektase vermindert sein.
    • Untersuchung des Abdomens (Bauchraums) – insbesondere Palpation der Leber und Beurteilung auf Druckschmerz, Organvergrößerung und Aszites (Flüssigkeitsansammlung im Bauchraum) [vergrößerte, derbe oder knotig tastbare Leber bei möglicher hepatischer Metastasierung (Bildung von Tochtergeschwülsten in der Leber)].
    • Orientierende neurologische Untersuchung (Untersuchung des Nervensystems) – Bewusstseinslage, Hirnnerven, Kraft, Sensibilität (Empfindungsvermögen), Reflexe, Koordination und Gang; bei Auffälligkeiten gezielte Erweiterung [fokale Paresen (örtlich begrenzte Lähmungen), Sensibilitätsstörungen (Störungen des Empfindungsvermögens) oder Ataxie (Störung der Bewegungskoordination) bei möglicher zerebraler Metastasierung (Bildung von Tochtergeschwülsten im Gehirn); proximale Muskelschwäche (Muskelschwäche nahe am Körperstamm) mit abgeschwächten Reflexen als möglicher Hinweis auf ein paraneoplastisches Lambert-Eaton-Myasthenie-Syndrom (durch die Krebserkrankung ausgelöste Störung der Signalübertragung zwischen Nerven und Muskeln), insbesondere beim kleinzelligen Bronchialkarzinom].
    • Untersuchung des Bewegungsapparates – gezielte Palpation und Funktionsprüfung schmerzhafter Skelettabschnitte, insbesondere der Wirbelsäule [lokaler Knochen- oder Wirbelsäulenklopfschmerz bei möglicher ossärer Metastasierung (Bildung von Tochtergeschwülsten in den Knochen); schmerzhafte Schwellungen an langen Röhrenknochen und Gelenken bei möglicher hypertropher pulmonaler Osteoarthropathie (Knochen- und Gelenkveränderungen als Begleiterscheinung einer Lungenerkrankung)]. Bei Lungenspitzentumor zusätzlich Schulter, Arm und Hand auf Kraft- und Sensibilitätsdefizite (verminderte Kraft und vermindertes Empfindungsvermögen) untersuchen.
  • Klinische Verlaufskontrolle und Nachsorge – erneute Beurteilung von Allgemeinzustand, Gewicht, funktionellem Status sowie pulmonalen (die Lunge betreffenden) und neurologischen Befunden; gezielte Untersuchung neu aufgetretener Beschwerden und möglicher Therapiefolgen.

Klinische Einordnung: Besonders im Frühstadium kann die körperliche Untersuchung unauffällig sein. Keiner der genannten Befunde beweist ein Bronchialkarzinom; auch verdächtige Auskultations- oder Perkussionsbefunde erlauben keine sichere Unterscheidung zwischen Tumor, Infektion und anderen Ursachen. Die Untersuchung ersetzt weder die bildgebende Abklärung noch die Gewebediagnostik.

Dringliche Befundkonstellationen: Stridor, schwere Atemnot, relevante Hämoptyse (Abhusten von Blut) mit respiratorischer (die Atmung betreffender) oder hämodynamischer (den Blutkreislauf betreffender) Beeinträchtigung, obere Einflussstauung mit Atemwegs- oder Bewusstseinsstörung, akute fokale neurologische Ausfälle (plötzlich auftretende, örtlich begrenzte Störungen der Nervenfunktion) sowie neue Paresen oder Blasen- und Mastdarmstörungen bei Wirbelsäulenschmerz erfordern eine sofortige notfallmäßige Abklärung.

In eckigen Klammern stehen krankheitsbezogene mögliche pathologische Befunde. Sie sind nicht ausschließlich beim Bronchialkarzinom nachweisbar.

Abkürzungsverzeichnis

  • ECOG: Eastern Cooperative Oncology Group; die ECOG-Skala dient der Einschätzung der körperlichen Leistungsfähigkeit und Selbstständigkeit bei Krebserkrankungen.