Polyarthrose – Phytotherapeutika

Therapieziel

  • Linderung arthrosebedingter Schmerzen und funktioneller Beeinträchtigungen durch eine ergänzende symptomatische Therapie (Behandlung zur Linderung von Beschwerden); eine krankheitsmodifizierende Wirkung (den Krankheitsverlauf verändernde Wirkung) von Phytotherapeutika (pflanzlichen Arzneimitteln) ist nicht belegt.

Therapieempfehlungen

  • Phytotherapeutika können allenfalls ergänzend zur leitliniengerechten nichtmedikamentösen und medikamentösen Therapie eingesetzt werden. Für eine generelle orale phytotherapeutische Therapie der Polyarthrose (Arthrose mehrerer Gelenke) lässt sich aus der derzeitigen Evidenz keine belastbare Empfehlung ableiten [1-4, LL2].
  • Bei lokalisierten Beschwerden sind topische nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) (örtlich angewendete entzündungshemmende Schmerzmittel) wesentlich besser belegt als topische Phytotherapeutika. Bei Gonarthrose (Arthrose des Kniegelenks) werden topische NSAR ausdrücklich empfohlen; bei Arthrose (Gelenkverschleiß) anderer Gelenke können sie abhängig von der Gelenklokalisation erwogen werden [LL1, LL3, LL4].
  • Für Beinwellextrakt, Arnika-Gel und andere topische Phytotherapeutika kann wegen der unzureichenden Datenlage derzeit keine Empfehlung für oder gegen die Anwendung ausgesprochen werden [5, LL1].

Pflanzliche Antirheumatika

Zur unterstützenden symptomatischen Therapie werden verschiedene pflanzliche Präparate eingesetzt. Die Evidenz ist jedoch überwiegend begrenzt, präparatespezifisch und nicht ohne Weiteres auf eine Polyarthrose übertragbar.

  • Brennnesselkraut (Urtica dioica L.; Urtica urens L.) – von der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur Linderung leichter Gelenkschmerzen eingestuft. Diese Anwendung beruht auf langjähriger Verwendung; eine belastbare arthrosespezifische Wirksamkeit ist nicht belegt [R1].
  • Gamma-Linolensäure (GLA) – z. B. Borretschöl, Nachtkerzenöl; Gamma-Linolensäure ist eine Omega-6-Fettsäure, die über den Prostaglandin-Stoffwechsel (Stoffwechsel körpereigener Botenstoffe) antiinflammatorisch (entzündungshemmend) wirkt; Dosierung: > 1.400 mg/d.
  • Hagebuttenpulver – lipophile Wirkstoffe mit potentiell analgetischen Effekten (schmerzlindernden Wirkungen) wie Hemmung von COX, Elastase und Zytokinen (Botenstoffen des Immunsystems) sowie antioxidativer Wirkung. Dosierung: 10 g/d; wegen der Lipophilie ist bei Kombination mit anderen Medikamenten ein Einnahmeabstand von mindestens zwei Stunden einzuhalten.
  • Ingwer (Zingiber officinale) – die klinische Evidenz ist widersprüchlich. Eine ältere Metaanalyse zeigte kleine Effekte auf Schmerz und Funktion, während eine spätere systematische Übersichtsarbeit aufgrund heterogener und methodisch schwacher Studien keine ausreichende Evidenz für eine Empfehlung bei Gonarthrose fand [1, 2]. Eine routinemäßige Anwendung bei Polyarthrose kann daher nicht empfohlen werden.
  • Teufelskrallenwurzel (Harpagophytum procumbens/Harpagophytum zeyheri) – die EMA akzeptiert die traditionelle Anwendung zur Linderung leichter Gelenkschmerzen. Klinische Studien und systematische Reviews liefern lediglich begrenzte und präparatespezifische Hinweise auf eine analgetische Wirkung; eine belastbare Empfehlung für die Polyarthrose ist daraus nicht ableitbar [3, R2].
  • Weidenrinde (Salicis cortex) – salicylathaltiges Phytotherapeutikum. Die EMA akzeptiert die traditionelle Anwendung bei leichten Gelenkschmerzen. Eine Metaanalyse randomisierter Studien ergab Hinweise auf eine analgetische Wirkung, die Evidenzsicherheit wurde aufgrund methodischer Limitationen jedoch als unzureichend beurteilt [4, R3]. Eine generelle Empfehlung zur Behandlung der Polyarthrose besteht nicht.
    Cave! Nicht anwenden bei Überempfindlichkeit gegen Salicylate bzw. NSAR, salicylatinduziertem Asthma (durch Salicylate ausgelöstem Asthma), aktivem peptischem Ulkus (Geschwür im Magen oder Zwölffingerdarm), schwerer Leber- oder Nierenfunktionsstörung, Gerinnungsstörungen (Störungen der Blutgerinnung), Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel sowie im dritten Trimenon (letzten Drittel der Schwangerschaft); nicht für Kinder und Jugendliche [R3].

Salben zur externen Anwendung

  • Topische NSAR – z. B. Diclofenac. Sie sind keine Phytotherapeutika, besitzen jedoch für oberflächlich gelegene symptomatische Arthrosegelenke die deutlich bessere Evidenz. Bei Gonarthrose besteht eine starke Empfehlung; bei anderen Gelenken kann eine Anwendung erwogen werden. Bei tief gelegenen Gelenken, insbesondere dem Hüftgelenk, ist ein relevanter Effekt topischer Arzneimittel aufgrund der Gewebetiefe nicht zu erwarten [LL1, LL3, LL4].
  • Topische Phytotherapeutika – zu Arnika-Gel, Beinwellextrakt und weiteren pflanzlichen Externa liegen überwiegend kleine Einzelstudien mit niedriger Evidenzsicherheit vor. Die aktuelle deutsche S3-Leitlinie spricht deshalb ausdrücklich weder eine Empfehlung für noch gegen deren Anwendung aus [5, LL1]. Beinwellpräparate sollten wegen möglicher Pyrrolizidinalkaloide nur äußerlich und auf intakter Haut angewendet werden [LL1].
  • Capsaicin – die Empfehlungen sind gelenk- und leitlinienabhängig. Die OARSI-Leitlinie empfiehlt Capsaicin bei polyartikulärer Arthrose (Arthrose mehrerer Gelenke) wegen einer ungünstigen Nutzen-Risiko-Bewertung bei sehr niedriger Evidenzqualität nicht. Die ACR/Arthritis-Foundation-Leitlinie empfiehlt Capsaicin lediglich bedingt bei Gonarthrose und bedingt gegen die Anwendung bei Handarthrose (Arthrose der Handgelenke bzw. Fingergelenke). NICE bewertet die Evidenz als sehr begrenzt und bevorzugt topische NSAR [LL2-LL4]. Capsaicin ist daher keine generelle Therapieoption der Polyarthrose.
  • Durchblutungsfördernde beziehungsweise hyperämisierende Externa (äußerlich angewendete Mittel zur Steigerung der Hautdurchblutung) – hierzu zählen unter anderem Nicotinsäureester und ätherische Öle, z. B. aus Rosmarin, Kampfer oder Latschenkiefer. Für eine klinisch relevante analgetische Wirkung bei Arthrose besteht keine belastbare Evidenz. Für salicylathaltige Rubefazienzien (hautreizende, durchblutungsfördernde Mittel) zeigte ein Cochrane-Review keinen überzeugenden Nutzen bei chronischen muskuloskelettalen Schmerzen (lang anhaltenden Schmerzen des Bewegungsapparates) [6].

Beachte

  • Phytotherapeutika sind nicht grundsätzlich nebenwirkungs- oder interaktionsfrei. Bei gleichzeitiger Antikoagulation (Behandlung zur Hemmung der Blutgerinnung), gastrointestinalen (den Magen-Darm-Trakt betreffenden), renalen (die Nieren betreffenden) oder hepatischen Erkrankungen (die Leber betreffenden Erkrankungen) sowie Polypharmazie (gleichzeitiger Einnahme vieler Arzneimittel) ist die Präparateauswahl besonders kritisch zu prüfen.
  • Die Wirksamkeit pflanzlicher Arzneimittel ist häufig extrakt- und herstellerspezifisch. Ergebnisse zu einem standardisierten Extrakt dürfen nicht auf beliebige Pulver, Tees oder Nahrungsergänzungsmittel übertragen werden.
  • Phytotherapeutika ersetzen weder Bewegungstherapie und Gewichtsmanagement noch eine leitliniengerechte analgetische bzw. antiphlogistische Pharmakotherapie (medikamentöse Behandlung mit schmerz- bzw. entzündungshemmenden Arzneimitteln).

Abkürzungen

  • ACR – American College of Rheumatology
  • COX – Cyclooxygenase
  • EMA – Europäische Arzneimittel-Agentur
  • GLA – Gamma-Linolensäure
  • NICE – National Institute for Health and Care Excellence
  • NSAR – nichtsteroidale Antirheumatika
  • OARSI – Osteoarthritis Research Society International

Literatur

  1. Bartels EM, Folmer VN, Bliddal H et al.: Efficacy and safety of ginger in osteoarthritis patients: a meta-analysis of randomized placebo-controlled trials. Osteoarthritis Cartilage. 2015;23(1):13-21. doi: 10.1016/j.joca.2014.09.024 [1]
  2. Araya-Quintanilla F, Gutierrez-Espinoza H, Munoz-Yanez MJ et al.: Effectiveness of Ginger on Pain and Function in Knee Osteoarthritis: A PRISMA Systematic Review and Meta-Analysis. Pain Physician. 2020;23(2):E151-E161. doi: 10.36076/ppj.2020/23/E151 [2]
  3. Gagnier JJ, Chrubasik S, Manheimer E: Harpgophytum procumbens for osteoarthritis and low back pain: a systematic review. BMC Complement Altern Med. 2004;4:13. doi: 10.1186/1472-6882-4-13 [3]
  4. Lin C-R, Tsai SHL, Wang C et al.: Willow Bark (Salix spp.) Used for Pain Relief in Arthritis: A Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. Life (Basel). 2023;13(10):2058. doi: 10.3390/life13102058 [4]
  5. Cameron M, Chrubasik S: Topical herbal therapies for treating osteoarthritis. Cochrane Database Syst Rev. 2013;2013(5):CD010538. doi: 10.1002/14651858.CD010538 [5]
  6. Derry S, Matthews PRL, Wiffen PJ et al.: Salicylate-containing rubefacients for acute and chronic musculoskeletal pain in adults. Cochrane Database Syst Rev. 2014;2014(11):CD007403. doi: 10.1002/14651858.CD007403.pub3 [6]

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. S3-Leitlinie: Prävention und Therapie der Gonarthrose. (AWMF-Registernummer 187-050) Juli 2024 Langfassung [LL1]
  2. Bannuru RR, Osani MC, Vaysbrot EE et al.: OARSI guidelines for the non-surgical management of knee, hip, and polyarticular osteoarthritis. Osteoarthritis Cartilage. 2019;27(11):1578-1589. doi: 10.1016/j.joca.2019.06.011 [LL2]
  3. National Institute for Health and Care Excellence (NICE): Osteoarthritis in over 16s: diagnosis and management. NICE Guideline NG226. Oktober 2022 [LL3]
  4. Kolasinski SL, Neogi T, Hochberg MC et al.: 2019 American College of Rheumatology/Arthritis Foundation Guideline for the Management of Osteoarthritis of the Hand, Hip, and Knee. Arthritis Care Res (Hoboken). 2020;72(2):149-162. doi: 10.1002/acr.24131 [LL4]

Regulatorische Quellen

  1. European Medicines Agency (EMA): European Union herbal monograph on Urtica dioica L.; Urtica urens L., herba – Revision 1. EMA/HMPC/261302/2022. EMA [R1]
  2. European Medicines Agency (EMA): European Union herbal monograph on Harpagophytum procumbens DC. and/or Harpagophytum zeyheri Decne., radix. EMA/HMPC/627057/2015. EMA [R2]
  3. European Medicines Agency (EMA): European Union herbal monograph on Salix species, cortex. EMA/HMPC/80630/2016. EMA [R3]