Bipolare Störung (manisch-depressive Erkrankung) – Symptome – Beschwerden

Folgende Symptome und Beschwerden können auf eine bipolare Störung (manisch-depressive Erkrankung) hinweisen:

Die Diagnose einer bipolaren Störung beruht nicht auf einzelnen Symptomen, sondern auf dem longitudinalen Nachweis klar abgrenzbarer affektiver Episoden (Krankheitsphasen mit deutlich veränderter Stimmung und Aktivität). Entscheidend sind eine gegenüber dem individuellen Ausgangsniveau eindeutige Veränderung von Stimmung sowie Aktivität beziehungsweise Energie, die charakteristische Symptomkonstellation, die Dauer, der Schweregrad und die funktionellen Folgen. Einzelzeichen wie Reizbarkeit, Schlafstörungen, Rededrang, emotionale Labilität (starke Gefühlsschwankungen) oder gesteigerte Aktivität sind für sich allein nicht spezifisch. Symptomhäufigkeiten variieren erheblich nach Krankheitsphase, Schweregrad, Versorgungssetting, Komorbidität und zugrunde gelegtem Klassifikationssystem; eine diagnostische Gewichtung anhand allgemeiner Prozentangaben ist daher nicht belastbar [1, 2, 5-7, LL1-LL3].

Diagnostische Grundmerkmale

  • Episodischer Verlauf: Manische, hypomanische, depressive oder gemischte Zustände treten über einen abgrenzbaren Zeitraum auf. Zwischen den Episoden kann eine vollständige oder unvollständige Remission bestehen; residuale Symptome sind möglich.
  • Veränderung gegenüber dem Ausgangsniveau: Stimmung, Aktivität, Energie, Schlafbedürfnis, Denken und Verhalten müssen für die betroffene Person deutlich untypisch verändert sein. Eine stabile Persönlichkeitseigenschaft, ein dauerhaftes Temperamentsmerkmal oder eine chronische Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörung genügt nicht.
  • Polarität der Episode: Die diagnostische Zuordnung richtet sich nicht allein nach der Stimmung, sondern nach dem Gesamtmuster aus Affekt, Energie, Aktivität, Kognition, Psychomotorik, Schlaf und Verhalten.
  • Dauer und funktionelle Folgen: Erst die Verbindung aus Symptomkonstellation, zeitlicher Persistenz und klinisch relevanter Beeinträchtigung beziehungsweise Entgleisung erlaubt die Einordnung als affektive Episode.
  • Fremdanamnese: Angaben von Angehörigen oder anderen engen Bezugspersonen sind besonders bei Hypomanie (leichter ausgeprägter krankhafter Hochstimmung und Aktivierung) und Manie (ausgeprägter krankhafter Hochstimmung und Aktivierung) wichtig, da Krankheitseinsicht und rückblickende Selbsteinschätzung eingeschränkt sein können.
  • Ausschluss anderer Ursachen: Substanz- oder medikamenteninduzierte Zustände, somatische Erkrankungen (körperliche Erkrankungen) und neurologische Erkrankungen (Erkrankungen des Nervensystems) sowie andere psychische Störungen müssen differentialdiagnostisch geprüft werden.

Diagnostische Einordnung: Nach ICD-11 setzt eine Bipolar-I-Störung (bipolare Erkrankung mit mindestens einer manischen Phase) mindestens eine manische oder gemischte Episode voraus; eine depressive Episode ist hierfür nicht zwingend erforderlich. Eine Bipolar-II-Störung (bipolare Erkrankung mit hypomanischen und depressiven, aber ohne manische Phasen) erfordert mindestens eine hypomanische und mindestens eine depressive Episode, ohne anamnestische manische oder gemischte Episode. Die aktuelle depressive Symptomatik allein erlaubt keine sichere Unterscheidung zwischen bipolarer und unipolarer Depression (depressiver Erkrankung ohne manische oder hypomanische Phasen) [5-7, LL2, LL3].

Manische Episode

Leitsymptome
Diese Leitsymptome lenken den Verdacht auf eine manische Episode und müssen als deutliche Veränderung gegenüber dem individuellen Ausgangsniveau auftreten [1, 2, 5, 7, LL1, LL3]:

  • Abnorm gehobene, expansive (unangemessen überschwänglich-offene) oder gereizte Stimmung: Möglich sind Euphorie (übersteigerte Hochstimmung), übermäßiger Optimismus, auffällige Heiterkeit, Distanzlosigkeit oder eine vorwiegend dysphorisch-gereizte Ausprägung (missmutig-gereizte Ausprägung).
  • Deutlich gesteigerte Aktivität oder subjektiv erhöhtes Energieerleben: Typisch sind Überaktivität, zahlreiche gleichzeitig begonnene Vorhaben, Rastlosigkeit, psychomotorische Unruhe (starke innere und körperliche Unruhe) und ein ungewöhnlich hoher Betätigungsdrang.

Hauptsymptome (primäre Symptome)
Diese Hauptsymptome prägen das klinische Bild einer manischen Episode:

  • Vermindertes Schlafbedürfnis: Deutlich verkürzte Schlafdauer ohne das übliche Müdigkeits- oder Erschöpfungsgefühl. Dies ist von einer als belastend erlebten Insomnie (Schlaflosigkeit) mit fortbestehendem Schlafwunsch abzugrenzen.
  • Gesteigerte Gesprächigkeit oder Rededrang: Lautes, beschleunigtes, schwer unterbrechbares Sprechen bis zur sprachlichen Überproduktion.
  • Ideenflucht (rascher Wechsel von Gedanken und Themen) oder Gedankenrasen: Rascher Themenwechsel, subjektiv beschleunigte Gedanken und gelockerte gedankliche Zielrichtung.
  • Überhöhte Selbsteinschätzung: Ungewöhnlich starkes Selbstvertrauen, Größenideen oder Größenwahn (unrealistisch übersteigerte Vorstellungen der eigenen Bedeutung oder Fähigkeiten).
  • Erhöhte Ablenkbarkeit: Aufmerksamkeit wird leicht durch irrelevante äußere Reize oder spontane Einfälle gebunden.
  • Gesteigerte zielgerichtete Aktivität oder psychomotorische Agitiertheit (starke innere und motorische Unruhe): Vermehrte berufliche, soziale, kreative, politische, religiöse oder sexuelle Aktivitäten; häufig werden unrealistische oder nicht durchführbare Projekte begonnen.
  • Enthemmung (Verlust üblicher Hemmungen) und riskantes Verhalten: Unkritische Geldausgaben, riskante Investitionen, gefährliches Fahren, sexuelle Enthemmung, Regelverletzungen oder andere Handlungen mit hohem Schadenspotenzial.

Begleitsymptome (sekundäre Symptome)
Diese Begleitsymptome können das klinische Bild ergänzen und den Schweregrad anzeigen:

  • Gesteigerte Geselligkeit und Distanzminderung: Unangemessene Vertraulichkeit, vermehrte Kontaktaufnahme oder soziale Grenzüberschreitungen.
  • Gesteigerte Libido (gesteigertes sexuelles Verlangen): Zunahme sexueller Gedanken, Initiativen oder riskanter sexueller Kontakte.
  • Reizbarkeit, Konfliktbereitschaft oder Aggressivität: Besonders bei dysphorischer Manie oder bei Begrenzung des gesteigerten Handlungsdrangs.
  • Vermindertes Urteilsvermögen und fehlende Krankheitseinsicht: Risiken und Konsequenzen werden unterschätzt; Hilfsangebote können zurückgewiesen werden.
  • Psychotische Symptome (Beschwerden mit Verlust des Realitätsbezugs): Möglich sind insbesondere Größen-, Beziehungs- oder Verfolgungswahn sowie Halluzinationen (Sinneswahrnehmungen ohne äußeren Reiz). Treten psychotische Symptome während einer sonst hypomanisch erscheinenden Aktivierung auf, ist die Episode als manisch einzuordnen.

Unspezifische Symptome
Diese Symptome können zusätzlich auftreten, sind aber weder für eine Manie spezifisch noch diagnostisch hinreichend:

  • Angst, Dysphorie (missmutig-gereizte Stimmung) oder affektive Labilität: Ein rascher Wechsel zwischen Euphorie, Reizbarkeit, Wut, Angst und Verzweiflung ist möglich.
  • Konzentrationsstörungen: Meist im Zusammenhang mit Ablenkbarkeit, Gedankenbeschleunigung und Reizüberflutung.
  • Appetit- und Gewichtsveränderungen: Unregelmäßige Nahrungsaufnahme oder Gewichtsverlust können durch anhaltende Aktivität und verminderte Selbstfürsorge entstehen.
  • Körperliche Erschöpfung: Trotz subjektiv gesteigerter Energie kann nach längerem Schlafmangel eine ausgeprägte somatische Erschöpfung (körperliche Erschöpfung) auftreten.

Dauer und Schweregrad: Eine manische Episode besteht nach ICD-11 und den gebräuchlichen operationalisierten Kriterien im Regelfall mindestens etwa eine Woche und während des überwiegenden Teils des Tages an nahezu allen Tagen. Eine kürzere Dauer kann genügen, wenn die Episode durch Behandlung verkürzt wird oder eine stationäre Behandlung erforderlich ist. Die Symptomatik führt zu einer deutlichen Beeinträchtigung der beruflichen, sozialen oder alltäglichen Funktionsfähigkeit, kann eine intensive beziehungsweise stationäre Behandlung notwendig machen oder mit psychotischen Symptomen einhergehen [5, 7, LL1, LL3].

Hypomanische Episode

Leitsymptome
Diese Leitsymptome lenken den Verdacht auf eine hypomanische Episode. Die Veränderung ist für andere beobachtbar, erreicht jedoch nicht den Schweregrad einer Manie [1, 2, 5-7, LL1, LL3]:

  • Anhaltend gehobene, expansive oder gereizte Stimmung: Häufig bestehen auffälliges Wohlbefinden, Optimismus, Selbstsicherheit oder eine ungewohnte Reizbarkeit.
  • Gesteigerte Aktivität oder Energie: Vermehrte Unternehmungen, Produktivität, Geselligkeit oder psychomotorische Unruhe.

Hauptsymptome (primäre Symptome)
Diese Hauptsymptome prägen das klinische Bild einer hypomanischen Episode:

  • Vermindertes Schlafbedürfnis: Weniger Schlaf bei subjektiv erhaltener oder gesteigerter Leistungsfähigkeit.
  • Gesteigerte Gesprächigkeit oder Rededrang: Vermehrtes, beschleunigtes oder schwer zu unterbrechendes Sprechen.
  • Gedankenrasen oder Ideenflucht: Beschleunigter Gedankengang und rascher Themenwechsel.
  • Erhöhte Selbstsicherheit: Deutlich gesteigertes Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten, ohne wahnhafte Ausprägung.
  • Ablenkbarkeit: Verminderte Konzentrationsstabilität durch äußere Reize oder wechselnde Einfälle.
  • Gesteigerte zielgerichtete Aktivität: Zunahme beruflicher, sozialer, kreativer oder sexueller Aktivitäten.

Begleitsymptome (sekundäre Symptome)
Diese Begleitsymptome können die hypomanische Veränderung erkennbar machen:

  • Gesteigerte Geselligkeit oder Vertraulichkeit: Auffällige Kontaktfreude, Distanzminderung oder vermehrte Kommunikation.
  • Gesteigerte Libido: Vermehrtes sexuelles Interesse oder sexuelle Aktivität.
  • Leichtfertiges oder impulsives Verhalten: Ungewöhnliche Ausgaben, spontane Entscheidungen oder andere Risiken können auftreten, ohne das Ausmaß einer schweren funktionellen Entgleisung zu erreichen.
  • Subjektiv erhöhte Produktivität oder Kreativität: Die Episode kann zunächst als angenehm und leistungssteigernd erlebt werden, obwohl sie objektiv mit Fehlentscheidungen oder Konflikten verbunden sein kann.

Unspezifische Symptome
Diese Symptome sind häufig, aber diagnostisch wenig spezifisch:

  • Reizbarkeit oder Stimmungslabilität (starke Stimmungsschwankungen): Besonders bei dysphorischer Hypomanie.
  • Konzentrationsschwierigkeiten: Meist infolge von Ablenkbarkeit und Gedankenbeschleunigung.
  • Innere Unruhe oder Ängstlichkeit: Kann eine hypomanische Aktivierung überlagern und zu Fehldiagnosen beitragen.

Dauer und Abgrenzung zur Manie: Die ICD-10-Forschungskriterien und weitere gebräuchliche operationalisierte Systeme setzen eine Mindestdauer von vier aufeinanderfolgenden Tagen an; die ICD-11 verlangt eine Episode von mindestens mehreren Tagen. Es liegt eine eindeutige, beobachtbare Veränderung des Funktionsniveaus vor, jedoch keine ausgeprägte Beeinträchtigung, die für eine Manie charakteristisch ist. Eine behandlungsbedürftige schwere Entgleisung, die Notwendigkeit einer stationären Aufnahme oder psychotische Symptome sprechen für eine Manie und schließen eine Hypomanie aus [5-7, LL1, LL3].

Beachte: Eine Hypomanie wird von Betroffenen häufig nicht als krankhaft erkannt und kann als besonders produktive, kreative oder angenehme Phase erinnert werden. Hinweise ergeben sich deshalb oft erst aus der Fremdanamnese, aus Verhaltensänderungen, interpersonellen oder finanziellen Folgen sowie aus einer systematischen Lebenszeit- und Verlaufsanamnese [6, LL1-LL3].

Depressive Episode bei bipolarer Störung

Leitsymptome
Diese Leitsymptome lenken den Verdacht auf eine depressive Episode. In der ICD-10-Systematik werden depressive Stimmung, Interessen- und Freudeverlust sowie Antriebsminderung (verminderter innerer Antrieb) beziehungsweise erhöhte Ermüdbarkeit (rasches Ermüden) als typische Symptome hervorgehoben; nach ICD-11 muss mindestens depressive Stimmung oder ein deutlicher Interessen- beziehungsweise Freudeverlust vorliegen [1, 2, 5, 7, LL1, LL3]:

  • Depressive Stimmung: Anhaltende Niedergeschlagenheit, innere Leere, Hoffnungslosigkeit oder ausgeprägte Reizbarkeit.
  • Interessen- und Freudeverlust: Deutlich verminderte Fähigkeit, Interesse, Freude oder emotionale Resonanz zu erleben.
  • Antriebsminderung oder erhöhte Ermüdbarkeit: Erschwerte Initiierung und Durchführung alltäglicher Aktivitäten, ausgeprägte Energielosigkeit oder rasche Erschöpfbarkeit.

Hauptsymptome (primäre Symptome)
Diese Hauptsymptome prägen das klinische Bild einer depressiven Episode:

  • Konzentrations- und Entscheidungsstörungen: Verminderte Aufmerksamkeit, verlangsamtes Denken, Unentschlossenheit oder subjektive kognitive Leistungseinbußen (Beeinträchtigungen von Denken, Gedächtnis oder Aufmerksamkeit).
  • Vermindertes Selbstwertgefühl oder Wertlosigkeitsgefühle: Gefühl des Versagens, der Unzulänglichkeit oder ausgeprägte Selbstabwertung.
  • Unangemessene Schuldgefühle: Übertriebene, realitätsferne oder wahnhafte Selbstvorwürfe.
  • Hoffnungslosigkeit und negative Zukunftserwartung: Bis zur Überzeugung, dass keine Besserung möglich sei.
  • Suizidgedanken (Gedanken, sich das Leben zu nehmen) oder suizidales Verhalten: Passive Todeswünsche, wiederkehrende Gedanken an den Tod, konkrete Suizidgedanken, Planung oder Suizidversuch.
  • Schlafstörungen: Ein- und Durchschlafstörungen, Früherwachen oder vermehrtes Schlafen.
  • Appetit- oder Gewichtsveränderungen: Verminderter oder gesteigerter Appetit mit entsprechender Gewichtsveränderung.
  • Psychomotorische Hemmung (sichtbare Verlangsamung von Bewegung und Sprache) oder Agitiertheit: Objektivierbare Verlangsamung, Bewegungsarmut und reduzierte Sprache oder ausgeprägte innere und motorische Unruhe.

Begleitsymptome (sekundäre Symptome)
Diese Begleitsymptome können den Schweregrad und die klinische Ausprägung kennzeichnen:

  • Ängstlichkeit oder innere Anspannung: Generalisierte Sorgen, Paniksymptome (plötzlich auftretende starke Angstanzeichen) oder ausgeprägte agitierte Unruhe.
  • Reizbarkeit: Kann insbesondere bei jüngeren Betroffenen oder bei gemischter Symptomatik im Vordergrund stehen.
  • Verminderte Libido: Reduziertes sexuelles Interesse oder verminderte sexuelle Reaktionsfähigkeit.
  • Somatische und vegetative Symptome (körperliche und unwillkürlich gesteuerte Beschwerden): Morgentief (morgens stärker ausgeprägte Beschwerden), Tagesschwankungen, Obstipation (Verstopfung), Mundtrockenheit, vermehrtes Schwitzen oder andere körperliche Beschwerden.
  • Psychotische Symptome: Bei schweren Episoden können insbesondere Schuld-, Verarmungs-, nihilistische, Beziehungs- oder Verfolgungswahninhalte sowie Halluzinationen auftreten.

Unspezifische Symptome
Diese Symptome treten bei zahlreichen psychischen und somatischen Erkrankungen auf und besitzen nur geringe diagnostische Spezifität:

  • Müdigkeit und Leistungsminderung: Häufig, aber differentialdiagnostisch breit.
  • Diffuse Schmerzen und körperliches Missempfinden: Beispielsweise Kopf-, Rücken-, Muskel- oder Bauchbeschwerden.
  • Gastrointestinale oder autonome Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden oder Beschwerden des unwillkürlichen Nervensystems): Appetitlosigkeit, Übelkeit, Druckgefühl, Palpitationen (Herzklopfen oder Herzstolpern) oder Schwindel.

Dauer und funktionelle Beeinträchtigung: Die Symptome bestehen im Regelfall mindestens zwei Wochen während des überwiegenden Teils des Tages an nahezu allen Tagen und verursachen klinisch relevantes Leiden oder eine Beeinträchtigung sozialer, beruflicher oder alltäglicher Funktionen. Eine bipolare Depression lässt sich anhand des aktuellen depressiven Querschnitts nicht zuverlässig von einer unipolaren Depression unterscheiden. Entscheidend ist der anamnestische Nachweis früherer hypomanischer, manischer oder gemischter Episoden [3, 5-7, LL1-LL3].

Gemischte Episode beziehungsweise gemischte Merkmale (gleichzeitige oder rasch wechselnde manische und depressive Beschwerden)

Bei gemischter Symptomatik treten klinisch bedeutsame depressive und manische beziehungsweise hypomanische Symptome gleichzeitig oder in raschem Wechsel auf. Die Klassifikationssysteme verwenden hierfür unterschiedliche Definitionen und unterscheiden teilweise zwischen einer vollständigen gemischten Episode und dem Zusatz „mit gemischten Merkmalen“ bei manischen, hypomanischen oder depressiven Episoden. Klinisch ist die Erfassung unabhängig von der formalen Zuordnung wesentlich [1, 2, 5, 7, LL1, LL3].

Leitsymptome

  • Gleichzeitige Symptome beider affektiver Pole (manischer und depressiver Stimmungsrichtungen): Beispielsweise depressive Stimmung, Hoffnungslosigkeit oder Schuldgefühle bei gleichzeitig gesteigerter Energie, Aktivität oder innerer Getriebenheit.
  • Rascher Wechsel gegensätzlicher Symptome: Manische und depressive Symptome können innerhalb kurzer Zeiträume alternieren und ein instabiles, schwer vorhersehbares Zustandsbild erzeugen.

Hauptsymptome (primäre Symptome)

  • Agitierte depressive Symptomatik (depressive Beschwerden mit ausgeprägter innerer und motorischer Unruhe) mit Aktivierungszeichen: Ausgeprägte Verzweiflung oder depressive Stimmung bei gleichzeitig gesteigerter Energie, Rededrang, Gedankenrasen oder psychomotorischer Unruhe.
  • Gedankenrasen mit negativem Inhalt: Beschleunigte, drängende Gedanken, die überwiegend von Schuld, Versagen, Angst oder Suizid handeln.
  • Vermindertes Schlafbedürfnis bei depressiver Stimmung: Deutlich verkürzte Schlafdauer ohne entsprechendes Müdigkeitsgefühl trotz gleichzeitig bestehender Dysphorie oder depressiver Kognitionen (negativer Gedanken und Bewertungen); eine erschöpfende Insomnie allein ist hierfür nicht spezifisch.
  • Reizbarkeit und Impulsivität (Handeln ohne ausreichendes Abwägen): Verminderte Handlungskontrolle, Konfliktbereitschaft oder riskantes Verhalten bei gleichzeitig negativer Stimmung.

Begleitsymptome (sekundäre Symptome)

  • Ausgeprägte Angst und innere Spannung: Häufig mit einem Gefühl des Getriebenseins.
  • Aggressivität oder Selbstverletzungsimpulse (Drang, sich selbst zu verletzen): Besonders bei hoher Impulsivität und fehlender Affektregulation (Steuerung von Gefühlen).
  • Psychotische Symptome: Möglich bei schwerer manischer, depressiver oder gemischter Episode.

Beachte: Das Zusammentreffen von Suizidgedanken mit gesteigerter Energie, Agitiertheit, Enthemmung oder Impulsivität ist klinisch besonders gefährlich und erfordert eine umgehende strukturierte Suizidalitäts- und Gefährdungsbeurteilung [4, 5, LL1-LL3].

Dauer und diagnostische Schwelle: Die erforderliche Dauer und die formale Zuordnung richten sich nach dem verwendeten Klassifikationssystem und dem zugrunde liegenden Episodentyp. Gemischte Merkmale können auch unterhalb der Schwelle einer vollständigen gemischten Episode klinisch relevant sein und müssen insbesondere bei Agitiertheit, Impulsivität und Suizidalität (Gedanken, Absichten oder Handlungen zur Selbsttötung) dokumentiert werden [5, 7, LL1, LL3].

Verlaufsbezogene Hinweise

  • Rezidivierender Verlauf (wiederkehrender Verlauf): Die Zahl, Dauer, Polarität und Abfolge der Episoden sind individuell sehr unterschiedlich. Depressive Episoden dominieren bei vielen Betroffenen den Langzeitverlauf.
  • Interepisodische Symptomatik (Beschwerden zwischen den Krankheitsphasen): Auch zwischen klaren Episoden können residuale affektive, kognitive oder funktionelle Beeinträchtigungen bestehen.
  • Rapid Cycling (rasch wechselnder Verlauf): Mindestens vier voneinander abgrenzbare manische, hypomanische oder depressive Episoden innerhalb von zwölf Monaten. Kurzfristige Stimmungsschwankungen innerhalb eines Tages erfüllen für sich allein nicht die Definition des Rapid Cycling.
  • Saisonales Muster: Wiederkehrende Episoden können in einem zeitlichen Zusammenhang mit bestimmten Jahreszeiten auftreten; dies ist ein Verlaufsmerkmal, kein eigenständiger Beweis für Bipolarität.
  • Peripartaler oder postpartaler Beginn (Beginn um die Geburt herum oder nach der Geburt): Manische, gemischte oder psychotische Symptome während der Schwangerschaft oder insbesondere im Wochenbett erfordern eine sofortige fachpsychiatrische Beurteilung.
  • Behandlungsassoziierte Aktivierung: Eine neu auftretende Hypomanie oder Manie unter Antidepressiva, Psychostimulanzien, Glucocorticoiden oder anderen aktivierenden Substanzen kann auf eine bipolare Vulnerabilität hinweisen; zugleich ist eine substanz- oder medikamenteninduzierte Störung abzugrenzen.

Hinweise auf eine mögliche bipolare Genese bei depressiver Präsentation

Die folgenden Befunde erhöhen die diagnostische Aufmerksamkeit, beweisen eine bipolare Störung jedoch nicht. Sie erfordern eine gezielte Lebenszeit-, Familien- und Fremdanamnese [3, 5, 6, LL1-LL3]:

  • Frühere Phasen von Überaktivität oder Enthemmung: Mehrtägige Episoden mit deutlich vermindertem Schlafbedürfnis, gesteigerter Aktivität, ungewöhnlicher Selbstsicherheit oder riskantem Verhalten.
  • Positive Familienanamnese: Bipolare Störung oder andere ausgeprägte affektive Erkrankungen bei Verwandten ersten Grades.
  • Früher Erkrankungsbeginn und wiederholte Episoden: Beginn im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter, zahlreiche depressive Episoden oder kurze Abstände zwischen den Episoden.
  • Subsyndromale manische Symptome (manische Beschwerden unterhalb der vollständigen diagnostischen Schwelle) während einer Depression: Gedankenrasen, Rededrang, erhöhte Aktivität, Reizbarkeit, Impulsivität oder vermindertes Schlafbedürfnis trotz depressiver Stimmung.
  • Psychotische, melancholische (besonders schwere depressive) oder atypische Merkmale (depressive Merkmale wie vermehrter Schlaf oder gesteigerter Appetit): Psychose (schwere Störung des Realitätsbezugs), ausgeprägte psychomotorische Veränderung, Hypersomnie (übermäßiges Schlafbedürfnis) oder Hyperphagie (übermäßige Nahrungsaufnahme) können den Verdacht erhöhen, sind jedoch nicht spezifisch.
  • Peripartale oder postpartale affektive Entgleisung: Insbesondere rasch einsetzende Aktivierung, schwere Schlaflosigkeit, affektive Labilität, Verwirrtheit oder Psychose im Wochenbett.
  • Aktivierung unter Antidepressiva oder Psychostimulanzien: Eine zeitlich assoziierte hypomanische oder manische Symptomatik ist diagnostisch relevant, muss aber gegenüber einer rein pharmakologisch induzierten Störung abgegrenzt werden.

Screeningverfahren: Instrumente wie Mood Disorder Questionnaire oder Hypomania Checklist können bei entsprechender Fragestellung die strukturierte Exploration unterstützen. Ein positiver Screeningbefund stellt keine Diagnose dar und muss durch ein klinisches Interview, eine Verlaufsanamnese und eine differentialdiagnostische Beurteilung überprüft werden [LL1-LL3].

Differentialdiagnostische Hinweise

  • Substanz- oder medikamenteninduzierte Symptomatik: Zu prüfen sind insbesondere Intoxikation (Vergiftung) oder Entzug, Amphetamine und andere Psychostimulanzien, Kokain, Antidepressiva, Glucocorticoide, dopaminerge Arzneimittel, Schilddrüsenhormone sowie weitere aktivierende Substanzen.
  • Somatische und neurologische Ursachen: Differentialdiagnostisch relevant sind unter anderem Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion), andere endokrine oder metabolische Störungen (hormonelle oder stoffwechselbedingte Störungen), Delir (akuter Verwirrtheitszustand), Epilepsie (Anfallserkrankung), Schädel-Hirn-Trauma (Verletzung von Schädel und Gehirn), entzündliche oder infektiöse Erkrankungen des Zentralnervensystems (Gehirn und Rückenmark), zerebrale Raumforderungen (raumfordernde Veränderungen im Gehirn) und neurodegenerative Erkrankungen (Erkrankungen mit fortschreitendem Verlust von Nervenzellen).
  • Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (Störung mit anhaltender Unaufmerksamkeit, Impulsivität und/oder Überaktivität): Eine seit Kindheit anhaltende, situationsübergreifende Symptomatik spricht eher für eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Für eine bipolare Episode sprechen dagegen klar abgrenzbare Veränderungen von Stimmung, Energie, Schlafbedürfnis, Selbstwahrnehmung und Risikoverhalten. Beide Störungen können komorbid vorliegen.
  • Emotional-instabile Persönlichkeitsstörung (Persönlichkeitsstörung mit ausgeprägter Gefühlsinstabilität und Impulsivität): Stark reaktive, häufig durch interpersonelle Ereignisse ausgelöste Stimmungsschwankungen über Minuten bis Stunden unterscheiden sich typischerweise von über Tage bis Wochen anhaltenden syndromalen affektiven Episoden; Überschneidungen und Komorbidität sind möglich.
  • Schizophrenie-Spektrum (Gruppe psychotischer Erkrankungen) und schizoaffektive Störung (Erkrankung mit psychotischen und ausgeprägten Stimmungssymptomen): Psychotische Symptome außerhalb klarer affektiver Episoden oder eine dauerhaft dominierende psychotische Symptomatik erfordern eine entsprechende differentialdiagnostische Prüfung.
  • Unipolare Depression: Der aktuelle depressive Querschnitt ist nicht hinreichend trennscharf. Entscheidend sind Lebenszeitverlauf, Fremdanamnese und das Vorliegen früherer hypomanischer, manischer oder gemischter Episoden.
  • Angst-, Trauma- und Substanzgebrauchsstörungen (Angsterkrankungen, Traumafolgestörungen und Störungen durch problematischen Substanzkonsum): Diese Erkrankungen können Aktivierung, Schlafstörungen, Reizbarkeit, Impulsivität oder depressive Symptome nachahmen oder komorbid bestehen.

Ein erstmaliges manisches Syndrom (Gesamtbild manischer Beschwerden) mit abruptem Beginn, höherem Erkrankungsalter, Bewusstseinsfluktuation (wechselnde Wachheit und Orientierung), Fieber, neurologischen Auffälligkeiten oder engem zeitlichem Bezug zu einer Substanz beziehungsweise Medikation ist bis zum Ausschluss einer organischen oder toxischen Ursache entsprechend abzuklären [5, LL1-LL3].

Red Flags (Warnzeichen) bei bipolarer Störung

  • Akute Suizidalität: Konkrete Suizidgedanken, Absicht, Plan, Zugriff auf Mittel, kürzlich erfolgter Suizidversuch, schwere Hoffnungslosigkeit oder befehlende Stimmen.
  • Gemischte oder agitierte Symptomatik: Gleichzeitige Verzweiflung, innere Getriebenheit, Schlaflosigkeit, Impulsivität und suizidale Gedanken.
  • Psychose oder schwere Realitätsverkennung: Wahn, Halluzinationen, desorganisiertes Verhalten oder fehlende Fähigkeit, Gefahren angemessen einzuschätzen.
  • Akute Eigen- oder Fremdgefährdung: Aggressivität, unkontrollierbare Erregung, gefährliches Fahren, massive finanzielle oder sexuelle Enthemmung, konkrete Bedrohungen oder Zugang zu Waffen.
  • Fortschreitender Schlafentzug: Mehrere Nächte mit kaum oder keinem Schlaf bei zunehmender Aktivierung, Agitiertheit, Desorganisation oder psychotischer Entwicklung.
  • Schwere Selbstvernachlässigung: Unzureichende Nahrungs- oder Flüssigkeitsaufnahme, fehlende Körperpflege, körperliche Erschöpfung oder fehlende Fähigkeit zur sicheren Alltagsbewältigung.
  • Katatonie (schwere Störung von Bewegung und Reaktionsfähigkeit), Delirzeichen oder neurologische Symptome: Stupor (bewegungs- und reaktionsarmer Zustand), Mutismus (fehlendes Sprechen trotz erhaltener Sprechfähigkeit), ausgeprägte motorische Auffälligkeiten, Bewusstseinsfluktuation, Fieber, Krampfanfälle, fokal-neurologische Defizite (örtlich begrenzte Ausfälle des Nervensystems) oder akute Verwirrtheit.
  • Peripartale oder postpartale Manie beziehungsweise Psychose: Rascher Beginn von schwerer Schlaflosigkeit, Aktivierung, Verwirrtheit, Wahn oder Halluzinationen während der Schwangerschaft oder im Wochenbett; es besteht potenzielle Gefahr für Mutter und Kind.
  • Erstmanifestation im höheren Lebensalter oder nach Medikamenten-/Substanzexposition: Dringender Ausschluss einer organischen, neurologischen, endokrinen, toxischen oder medikamenteninduzierten Ursache.

Bei Red Flags ist unverzüglich eine strukturierte Einschätzung von Suizidalität sowie Eigen- und Fremdgefährdung und eine notfallpsychiatrische Beurteilung erforderlich. Bei akuter Gefährdung, schwerer Manie, Psychose, fehlender Steuerungsfähigkeit oder unzureichender häuslicher Sicherung ist eine geschützte stationäre Behandlung zu prüfen [4, 5, LL1-LL3].

Abkürzungsverzeichnis

  • AWMF – Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • CDDR – Clinical Descriptions and Diagnostic Requirements
  • ICD – International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems
  • LL – Leitlinie
  • S3 – evidenz- und konsensbasierte Leitlinie
  • VA/DoD – Department of Veterans Affairs/Department of Defense

Literatur

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  2. Vieta E et al.: Bipolar disorders. Nat Rev Dis Primers. 2018;4:18008. doi: 10.1038/nrdp.2018.8
  3. Perlis RH et al.: Clinical features of bipolar depression versus major depressive disorder in large multicenter trials. Am J Psychiatry. 2006;163(2):225-231. doi: 10.1176/appi.ajp.163.2.225
  4. Schaffer A et al.: International Society for Bipolar Disorders Task Force on Suicide: meta-analyses and meta-regression of correlates of suicide attempts and suicide deaths in bipolar disorder. Bipolar Disord. 2015;17(1):1-16. doi: 10.1111/bdi.12271
  5. Nierenberg AA et al.: Diagnosis and Treatment of Bipolar Disorder: A Review. JAMA. 2023;330(14):1370-1380. doi: 10.1001/jama.2023.18588
  6. Berk M et al.: Bipolar II disorder: a state-of-the-art review. World Psychiatry. 2025;24(2):175-189. doi: 10.1002/wps.21300
  7. World Health Organization: Clinical descriptions and diagnostic requirements for ICD-11 mental, behavioural and neurodevelopmental disorders (CDDR). Geneva: World Health Organization; 2024. Publikation

Leitlinien

  1. S3-Leitlinie: Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen. (AWMF-Registernummer: 038 - 019), Version 2.1, Februar 2019, letzte Anpassung Mai 2020; Aktualisierung als BipolarLiving angemeldet; Langfassung [LL1]
  2. National Institute for Health and Care Excellence: Bipolar disorder: assessment and management. Clinical guideline CG185, September 2014, zuletzt aktualisiert September 2025; Leitlinie [LL2]
  3. Department of Veterans Affairs; Department of Defense: VA/DoD Clinical Practice Guideline for Management of Bipolar Disorder. Version 2.0, Mai 2023; Leitlinie; Langfassung [LL3]