Abnorme Reflexe – Differentialdiagnosen

Bestimmte Zustände, die ihren Ursprung in der Perinatalperiode haben (P00-P96)

  • Zerebralparese (frühkindliche Hirnschädigung mit Bewegungsstörung) – persistierende frühkindliche Reflexe (fortbestehende angeborene Reflexe), Hyperreflexie (gesteigerte Reflexe) und spastische Bewegungsstörung (Bewegungsstörung mit erhöhter Muskelspannung)

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) – distal-symmetrische Polyneuropathie (beidseitige Nervenschädigung körperfern, vor allem an Füßen und Händen) mit abgeschwächten oder fehlenden Achillessehnenreflexen
  • Elektrolytstörungen (Störungen der Blutsalze) – insbesondere Hypocalcämie (Calciummangel im Blut) oder Hypomagnesiämie (Magnesiummangel im Blut) mit neuromuskulärer Übererregbarkeit (Übererregbarkeit von Nerven und Muskeln) sowie Hypermagnesiämie (Magnesiumüberschuss im Blut) mit Hyporeflexie (abgeschwächte Reflexe) bis Areflexie (fehlende Reflexe)
  • Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) – generalisierte Hyperreflexie als Ausdruck neuromuskulärer Übererregbarkeit
  • Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) – Hyporeflexie, häufig mit verzögerter Reflexrelaxation (verzögerter Entspannung nach dem Reflex)
  • Vitamin-B12-Mangel (Mangel an Vitamin B12) – funikuläre Myelose (Rückenmarkschädigung durch Vitamin-B12-Mangel) mit Pyramidenbahnzeichen (Zeichen einer Schädigung der zentralen Bewegungsbahn), gesteigerten Eigenreflexen oder gemischtem Reflexmuster bei zusätzlicher Polyneuropathie

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Intrakranielle Blutung (Blutung im Schädel) – akute zentrale Schädigung (Schädigung von Gehirn oder Rückenmark) mit Hyperreflexie, Klonus (rhythmisches Muskelzucken) oder Babinski-Zeichen (krankhafter Fußsohlenreflex)
  • Ischämischer Schlaganfall (Hirninfarkt durch Gefäßverschluss) – fokale zentrale Motoneuronzeichen (örtlich begrenzte Zeichen einer Schädigung der zentralen Bewegungsnerven) mit gesteigerten Eigenreflexen (gesteigerte Muskeldehnungsreflexe) und pathologischen Reflexen (krankhafte Reflexe)

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Botulismus (Vergiftung durch Botulinumtoxin) – schlaffe Paresen (schlaffe Lähmungen) mit Hyporeflexie oder Areflexie
  • Infektiöse Myelitis (entzündliche Rückenmarkserkrankung durch Erreger) – Rückenmarksbeteiligung mit sensomotorischem Niveau (abgrenzbarer Störung von Gefühl und Bewegung), Pyramidenbahnzeichen und Reflexstörung (Störung der Reflexe)
  • Meningoenzephalitis (Entzündung von Hirnhäuten und Gehirn) – zentrale Schädigung mit pathologischen Reflexen, Bewusstseinsstörung (Störung der Wachheit oder Orientierung) oder fokalneurologischen Defiziten (örtlich begrenzten neurologischen Ausfällen)
  • Neuroborreliose (Borreliose des Nervensystems) – Radikulitis (Nervenwurzelentzündung) oder Neuropathie (Nervenschädigung) mit segmentaler Hyporeflexie
  • Poliomyelitis (Kinderlähmung) – akute Vorderhornzellschädigung (Schädigung bewegungssteuernder Nervenzellen im Rückenmark) mit schlaffer Parese und Areflexie
  • Tetanus (Wundstarrkrampf) – gesteigerte Reflexantworten, Muskelspasmen (Muskelkrämpfe) und autonome Dysregulation (Störung unwillkürlicher Körperfunktionen)

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Bandscheibenvorfall (Vorfall einer Bandscheibe) mit Radikulopathie (Nervenwurzelschädigung) – segmental abgeschwächte Eigenreflexe entsprechend der betroffenen Nervenwurzel
  • Degenerative zervikale Myelopathie (verschleißbedingte Rückenmarksschädigung der Halswirbelsäule) – Hyperreflexie, Gangstörung (Störung des Gehens), Klonus und Babinski-Zeichen
  • Spinalkanalstenose (Verengung des Wirbelkanals) – je nach Lokalisation radikuläre Hyporeflexie oder myelopathische Hyperreflexie

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Hirntumoren (Tumoren des Gehirns) – fokale zentrale Motoneuronzeichen mit Hyperreflexie oder pathologischen Reflexen
  • Spinale Tumoren (Tumoren im Bereich der Wirbelsäule oder des Rückenmarks) oder spinale Metastasen (Tochtergeschwülste im Bereich der Wirbelsäule oder des Rückenmarks) – Rückenmarkskompression (Druckschädigung des Rückenmarks) mit Pyramidenbahnzeichen unterhalb der Läsion (Schädigungsstelle) und Reflexabschwächung auf Läsionshöhe

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) (schwere Nervenerkrankung mit fortschreitender Muskellähmung) – Kombination aus Zeichen des ersten und zweiten Motoneurons (Bewegungsnervenzellen), typisch Hyperreflexie trotz Muskelatrophie (Muskelschwund)
  • Cauda-equina-Syndrom (Schädigung der Nervenwurzeln am unteren Rückenmarkende) – lumbosakrale Wurzelkompression (Druck auf Nervenwurzeln im Lenden-Kreuzbein-Bereich) mit Hyporeflexie oder Areflexie, Reithosenhypästhesie (Gefühlsminderung im Sitzflächenbereich) und Blasen-Mastdarm-Störung (Störung von Wasserlassen und Stuhlgang)
  • Chronisch inflammatorische demyelinisierende Polyradikuloneuropathie (CIDP) (chronische entzündliche Nervenerkrankung mit Schädigung der Nervenhüllen) – chronisch progrediente (langsam fortschreitende) oder schubförmige Schwäche mit Hyporeflexie oder Areflexie
  • Guillain-Barré-Syndrom (GBS) (akute entzündliche Nervenerkrankung) – akute immunvermittelte Polyradikuloneuropathie (durch das Immunsystem ausgelöste Entzündung mehrerer Nervenwurzeln und Nerven) mit Hyporeflexie oder Areflexie
  • Hereditäre spastische Paraplegie (HSP) (erbliche spastische Lähmung beider Beine) – chronisch progrediente spastische Paraparese (fortschreitende spastische Teillähmung beider Beine) mit gesteigerten Reflexen
  • Multiple Sklerose (MS) (entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems) – entzündlich-demyelinisierende zentrale Läsionen (entzündliche Schädigungen der Nervenhüllen in Gehirn oder Rückenmark) mit Hyperreflexie, Klonus oder Babinski-Zeichen
  • Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankung (NMOSD) (entzündliche Erkrankung von Sehnerv und Rückenmark) – schwere Myelitis (Rückenmarksentzündung) mit Pyramidenbahnzeichen und ausgeprägter Reflexstörung
  • Periphere Polyneuropathie – distal betonte Hyporeflexie oder Areflexie, besonders an den Achillessehnenreflexen
  • Syringomyelie (Hohlraumbildung im Rückenmark) – dissoziierte Sensibilitätsstörung (unterschiedliche Störung einzelner Gefühlsqualitäten) mit segmentalen Reflexausfällen und späterer Pyramidenbahnbeteiligung

Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (O00-O99)

  • Eklampsie (Krampfanfall bei Schwangerschaftsvergiftung) – gesteigerte Reflexe, Klonus und Krampfanfälle im Kontext einer hypertensiven Schwangerschaftserkrankung (schwangerschaftsbedingten Erkrankung mit hohem Blutdruck)
  • Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung) – Hyperreflexie oder Klonus als neurologisches Warnzeichen schwerer Krankheitsausprägung

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Chronische Niereninsuffizienz (dauerhafte Nierenschwäche) – urämische Polyneuropathie (Nervenschädigung durch harnpflichtige Giftstoffe) mit distal betonter Hyporeflexie

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Akute Rückenmarkverletzung (akute Verletzung des Rückenmarks) – initial spinaler Schock (anfänglicher Ausfall von Rückenmarksfunktionen) mit Areflexie, später häufig Hyperreflexie und Spastik (erhöhte Muskelspannung)
  • Schädel-Hirn-Trauma (SHT) (Verletzung von Schädel und Gehirn) – zentrale Schädigung mit Hyperreflexie, Klonus oder pathologischen Reflexen

Medikamente

  • Antineoplastische Neurotoxizität (Nervenschädigung durch Krebsmedikamente) – insbesondere Platinverbindungen, Taxane, Vinca-Alkaloide oder Bortezomib mit sensomotorischer Polyneuropathie (Nervenschädigung mit Gefühls- und Bewegungsstörung) und Hyporeflexie
  • Lithiumintoxikation (Lithiumvergiftung) – Tremor (Zittern), Myoklonien (unwillkürliche Muskelzuckungen), Hyperreflexie und Enzephalopathie (Funktionsstörung des Gehirns) möglich
  • Magnesiumsulfat-Überdosierung (Überdosierung von Magnesiumsulfat) – abgeschwächte oder fehlende Patellarsehnenreflexe (Kniesehnenreflexe) als frühes Toxizitätszeichen (Vergiftungszeichen)
  • Serotoninsyndrom (Serotoninvergiftung) – Hyperreflexie und Klonus, besonders an den unteren Extremitäten (Beinen)

Umweltbelastungen – Intoxikationen (Vergiftungen)

  • Alkoholtoxische Polyneuropathie (Nervenschädigung durch Alkohol) – distal-symmetrische Hyporeflexie, häufig an den unteren Extremitäten betont
  • Arsen- oder Bleiexposition (Kontakt mit Arsen oder Blei) – toxische Polyneuropathie (Nervenschädigung durch Giftstoffe) mit Hyporeflexie oder Areflexie
  • Organophosphat-Neuropathie (Nervenschädigung durch Organophosphate) – verzögerte toxische Polyneuropathie mit Hyporeflexie und Paresen

Weiteres

  • Physiologische frühkindliche Reflexe (normale Reflexe im frühen Kindesalter) – bei Neugeborenen und jungen Säuglingen altersentsprechend; Persistenz (Fortbestehen) oder Wiederauftreten außerhalb des erwarteten Zeitfensters pathologisch (krankhaft)
  • Symmetrisch lebhafte Eigenreflexe ohne weitere Pyramidenbahnzeichen – Normvariante (normale Ausprägung), sofern kein Klonus, kein Babinski-Zeichen und kein fokalneurologisches Defizit vorliegt