Binge Eating Disorder (BED; psychogene Essstörung) – Differentialdiagnosen
Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)
- Adipositas (Fettsucht) mit episodischem Überessen ohne Kontrollverlust – häufige Komorbidität (Begleiterkrankung), aber keine Binge-Eating-Störung (Essanfallstörung), wenn Heißhunger-/Überess-Episoden ohne subjektiven Kontrollverlust und ohne deutlichen Leidensdruck auftreten
- Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) mit Hypoglykämien (Unterzuckerungen) – Essattacken beziehungsweise Heißhunger im Rahmen von Unterzuckerungen, insbesondere unter Insulin oder Sulfonylharnstoffen
- Hypothalamische Adipositas – Hyperphagie (krankhaft gesteigerter Appetit) und rasche Gewichtszunahme bei hypothalamischer Schädigung (Schädigung im Bereich des Zwischenhirns), zum Beispiel nach Tumor (Geschwulst), Operation, Bestrahlung oder Trauma (Verletzung)
- Prader-Willi-Syndrom (angeborene Störung mit fehlendem Sättigungsgefühl) – genetisch bedingtes Syndrom mit Hyperphagie, fehlender Sättigung, früh beginnender Adipositas und Verhaltensauffälligkeiten; differentialdiagnostisch relevant bei frühem Beginn, Entwicklungsauffälligkeiten und syndromalem Phänotyp (typischem Erscheinungsbild)
Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)
- Hypothalamische Tumoren – organische Ursache von Hyperphagie, Sättigungsstörung und rascher Gewichtszunahme; Verdacht insbesondere bei neurologischen Symptomen (Beschwerden des Nervensystems), endokrinen Ausfällen (hormonellen Ausfällen) oder rascher klinischer Progredienz (Fortschreiten)
- Kraniopharyngeom (gutartiger Hirntumor im Bereich der Hirnanhangsdrüse) – supraselläre Raumforderung (Gewebevermehrung oberhalb der Hirnanhangsdrüse) mit möglicher hypothalamischer Beteiligung, Hyperphagie, rascher Gewichtszunahme, endokrinen Ausfällen und Sehstörungen
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Anorexia nervosa (Magersucht), Binge-Purge-Typ (Ess-Brech-Typ) – Essanfälle bei gleichzeitig deutlich erniedrigtem Körpergewicht, ausgeprägter Gewichtszunahmeangst und gewichtsregulierendem Verhalten
- Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) – impulsives Essen, geringe Handlungshemmung und gestörte Selbstregulation können Essanfälle imitieren oder mitbedingen
- Bipolare Störung (manisch-depressive Erkrankung), manische oder hypomanische Episode (abgeschwächte manische Phase) – enthemmtes, impulsives oder exzessives Essen im Rahmen gehobener Stimmung, Antriebssteigerung, vermindertem Schlafbedürfnis und Risikoverhalten
- Bulimia nervosa (Essbrechsucht) – wiederholte Essanfälle mit Kontrollverlust, jedoch zusätzlich regelmäßige unangemessene kompensatorische Maßnahmen wie selbstinduziertes Erbrechen, Laxantienmissbrauch (Missbrauch von Abführmitteln), Fasten oder exzessive körperliche Aktivität
- Depressive Episode (depressive Phase) – emotionales Essen, Appetitsteigerung oder atypische depressive Symptomatik (untypische depressive Beschwerden) ohne klar abgrenzbare wiederholte Essanfälle mit Kontrollverlust
- Dissoziative Störungen (Störungen mit Abspaltung von Wahrnehmung oder Erinnerung) – amnestische oder tranceartige Esshandlungen können Essanfälle imitieren
- Emotionales Essen – Essen als Reaktion auf negative Affekte (Gefühlszustände) ohne die für die Binge-Eating-Störung typische Kombination aus wiederholten objektiven Essanfällen, Kontrollverlust, Leidensdruck und definierter Häufigkeit
- Kleine-Levin-Syndrom (Dornröschensyndrom) – rezidivierende Episoden mit Hypersomnie (krankhaft gesteigertem Schlafbedürfnis), Hyperphagie, kognitiven Veränderungen (Veränderungen des Denkens) und Verhaltensauffälligkeiten
- Nicht näher bezeichnete Fütter- oder Essstörung – klinisch relevante Essstörung, die die vollständigen Kriterien einer Binge-Eating-Störung nicht erfüllt
- Night-Eating-Syndrom (nächtliches Esssyndrom) – nächtliches Essen beziehungsweise abendliche Hyperphagie mit Schlaf-/zirkadianer Störung (Störung des Tag-Nacht-Rhythmus), ohne zwingend objektive Essanfälle mit Kontrollverlust am Tag
- Persönlichkeitsstörungen – affektive Instabilität (Gefühlsinstabilität), Impulsivität (Impulshaftigkeit) und gestörte Emotionsregulation können Essanfälle imitieren oder komorbid (begleitend) auftreten; eigenständige Diagnose nur bei stabilem überdauerndem Persönlichkeitsmuster
- Posttraumatische Belastungsstörung (seelische Folgestörung nach Trauma) – Essanfälle oder Kontrollverlustessen im Kontext von Intrusionen (sich aufdrängenden Erinnerungen), Hyperarousal (Übererregung), Affektregulation oder Dissoziation (Abspaltung von Wahrnehmung oder Erinnerung)
- Psychotische Störungen – enthemmtes, bizarres oder wahnhaft geprägtes Essverhalten, gegebenenfalls auch medikamentös mitbedingt
- Schlafbezogene Essstörung – Essen aus dem Schlaf heraus mit teilweiser oder vollständiger Amnesie (Gedächtnislücke); abzugrenzen vom bewussten nächtlichen Essen
- Substanzgebrauchsstörungen – Kontrollverlustessen im Zusammenhang mit Intoxikation (Vergiftung), Entzug, Craving (Suchtdruck) oder enthemmtem Verhalten
- Zwangsstörung – zwanghaft-ritualisiertes Essen oder intrusive Befürchtungen (aufdringliche Befürchtungen) im Vordergrund; abzugrenzen von impulsiven Essanfällen mit Kontrollverlust
Medikamente
- Antidepressiva mit appetitsteigernder Wirkung – insbesondere Mirtazapin und trizyklische Antidepressiva; können Hyperphagie und Gewichtszunahme begünstigen
- Antihistaminika mit sedierender/appetitsteigernder Wirkung – können Appetitsteigerung und Gewichtszunahme fördern
- Antipsychotika, insbesondere Olanzapin und Clozapin – können Appetitsteigerung, Hyperphagie und deutliche Gewichtszunahme verursachen
- Glucocorticoide – können Appetitsteigerung, Gewichtszunahme und metabolische Veränderungen verursachen
- Insulin und Sulfonylharnstoffe – Essdrang beziehungsweise Heißhunger im Zusammenhang mit Hypoglykämien
- Lithium – kann Appetitsteigerung und Gewichtszunahme begünstigen
- Valproat – kann Appetitsteigerung und Gewichtszunahme begünstigen
Umweltbelastungen – Intoxikationen (Vergiftungen)
- Alkoholkonsum – kann Enthemmung, Impulsivität und Kontrollverlustessen fördern; differentialdiagnostisch insbesondere bei zeitlichem Zusammenhang der Essanfälle mit Alkoholintoxikation
- Cannabiskonsum – kann akute Appetitsteigerung und Heißhunger auslösen; differentialdiagnostisch relevant bei substanzgebundenen Essanfällen