Liquordiagnostik

Liquordiagnostik ist die laboranalytische Untersuchung des Liquor cerebrospinalis (Nervenwasser) zur Diagnostik zahlreicher Erkrankungen des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark). Sie hat einen hohen Stellenwert insbesondere bei infektiösen (durch Infektionen verursachten) und entzündlichen Erkrankungen des zentralen Nervensystems, bei demyelinisierenden Erkrankungen, bei Verdacht auf meningeale Neoplasien (Tumorerkrankungen der Hirn- und Rückenmarkshäute), bei ausgewählten neurodegenerativen Erkrankungen sowie in speziellen Konstellationen bei Verdacht auf Subarachnoidalblutung (Blutung im Raum zwischen den Hirnhäuten) [1-6].

Die Liquordiagnostik erfolgt leitliniengerecht stufenweise und immer in enger Korrelation mit Klinik, Bildgebung und zeitgleich abgenommener Serumprobe (Blutprobe). Die saubere Untergliederung in Basisuntersuchung und differentialdiagnostischen Algorithmus ist fachlich valide und sollte beibehalten werden. Aktualisierungsbedarf bestand vor allem bei den Referenzbereichen, der Präanalytik, der Einordnung von Kappa-freien Leichtketten und der gezielten Zuordnung zytologischer (zellkundlicher) Zusatzuntersuchungen bei Verdacht auf Subarachnoidalblutung [1-5].

Synonyme

  • Liquoranalytik
  • Liquoruntersuchung
  • Analyse des Liquors
  • Cerebrospinal-fluid(CSF)-Analyse

Das Verfahren

Benötigtes Material

  • Liquor cerebrospinalis, möglichst in ausreichender Menge; im Regelfall mindestens 10 ml zur Vermeidung unnötiger Nachpunktionen [1]
  • Zeitgleich abgenommene Serumprobe [1]
  • Zusätzliche Röhrchen je nach Fragestellung, z. B. für mikrobiologische (keimbezogene), immunologische (abwehrbezogene), zytologische, durchflusszytometrische oder molekularbiologische Untersuchungen [1]
  • Für neurodegenerative Biomarker standardisierte Polypropylen-Röhrchen, da ungeeignete Materialien insbesondere Amyloid-β adsorbieren können [1,5]

Vorbereitung des Patienten

  • Indikationsstellung, Aufklärung und Prüfung möglicher Kontraindikationen (Gegenanzeigen) vor Lumbalpunktion (Entnahme von Nervenwasser durch Punktion im Bereich der Lendenwirbelsäule) [1]
  • Ausschluss einer relevanten Blutungsneigung und klinische Beurteilung hinsichtlich erhöhten intrakraniellen Drucks (erhöhter Druck im Schädel) [1]
  • Präzise Mitteilung der klinischen Fragestellung an das Labor, um das initiale Untersuchungsspektrum leitliniengerecht festzulegen [1]

Störfaktoren

  • Verzögerter Transport oder verzögerte Verarbeitung, insbesondere bei Zellzahl, Differenzialzytologie, Kultur und molekularbiologischen Verfahren [1]
  • Artifizielle (künstlich verursachte) Blutbeimengung bei traumatischer Punktion [1]
  • Vorbehandlung mit Antiinfektiva (Medikamenten gegen Infektionen) bei infektiologischer Fragestellung [1]
  • Nicht zeitgleiche Serumabnahme oder verzögerte Analytik bei Bewertung des Liquor/Serum-Glukose-Quotienten [1,6]
  • Eingeschränkte Präzision automatisierter Zellzählverfahren im niedrigen Messbereich; kritische Befunde müssen mikroskopisch kontrolliert werden [1]
  • Präanalytische Einflüsse bei neurodegenerativen Biomarkern durch ungeeignete Probengefäße oder nicht standardisierte Verarbeitung [1,5]

Methode

  • Makroskopische (mit bloßem Auge erfolgende) Beurteilung
  • Zellzahl und mikroskopische Differenzialzytologie
  • Gesamtprotein
  • Albumin-Liquor/Serum-Quotient zur Beurteilung der Blut-Liquor-Schrankenfunktion
  • Liquor/Serum-Glukose-Quotient
  • Liquorlactat
  • Nachweis oligoklonaler Banden mittels isoelektrischer Fokussierung
  • Ggf. Kappa-freie Leichtketten als ergänzender Marker der intrathekalen (im Nervenwasserraum stattfindenden) Immunglobulinsynthese
  • Erregerspezifische Diagnostik mittels Grampräparat, Kultur, Antigennachweis, Polymerase-Kettenreaktion (PCR) und Antikörperindizes
  • Zytologie, ggf. Immunphänotypisierung (Bestimmung von Oberflächenmerkmalen von Zellen)/Durchflusszytometrie
  • Ggf. neurodegenerative Biomarker mit assay-spezifischer Interpretation [1-6]

Normbereiche (je nach Labor)

Parameter Referenzbereich/Zielbefund
Makroskopie klar, farblos
Zellzahl (Leukozyten) < 5/µl bei Erwachsenen [1]
Differenzialzellbild lymphomonozytär; Verhältnis Lymphozyten/Monozyten etwa 2 : 1 bis 3 : 1 [1]
Erythrozyten physiologisch nicht nachweisbar [1]
Liquor/Serum-Glukose-Quotient > 0,50 [1]
Liquorlactat 0,9-2,7 mmol/l, altersabhängig/laborabhängig [1]
Gesamtprotein < 500 mg/l, altersabhängig [1]
Albumin-Liquor/Serum-Quotient altersabhängig; laborabhängige Referenzbereiche [1]
Oligoklonale Banden kein liquorspezifisches Bandenmuster [1-4]
Neurodegenerative Biomarker assay-spezifische Grenzwerte [1,5]

Normbereiche sind methoden-, alters- und laborabhängig. Insbesondere Albuminquotient, Liquorlactat und neurodegenerative Biomarker müssen labor- und assaybezogen interpretiert werden [1,5].

Indikationen (Anwendungsgebiete)

  • Infektiöse Erkrankungen des zentralen Nervensystems, insbesondere Meningitis (Hirnhautentzündung), Enzephalitis (Gehirnentzündung) und Meningoenzephalitis (Hirnhaut- und Gehirnentzündung) [1]
  • Entzündliche und autoimmune (durch eine fehlgeleitete Immunreaktion verursachte) Erkrankungen des zentralen und peripheren Nervensystems [1]
  • Demyelinisierende Erkrankungen, insbesondere Multiple Sklerose [1-4]
  • Erkrankungen des peripheren Nervensystems, insbesondere Guillain-Barré-Syndrom [1]
  • Verdacht auf meningeale Neoplasie/Meningeosis neoplastica [1]
  • Verdacht auf Subarachnoidalblutung bei negativer oder nicht schlüssiger Bildgebung [1]
  • Biomarkerbasierte Diagnostik ausgewählter neurodegenerativer Erkrankungen in spezialisierten Settings [1,5]

Basisuntersuchung

Parameter Befund/Referenz Interpretation
Makroskopie klar, farblos Blutbeimengung, Xanthochromie oder Trübung sind pathologisch (krankhaft) und richtungsweisend [1]
Zellzahl < 5 Leukozyten/µl bei Erwachsenen Erhöhte Zellzahl spricht für entzündliche, infektiöse oder neoplastische Genese [1]
Zelldifferenzierung überwiegend Lymphozyten und Monozyten Granulozytäre Dominanz spricht eher für bakterielle Genese; lymphomonozytäres Bild eher für virale, chronisch-entzündliche oder autoimmune Genese [1]
Liquor/Serum-Glukose-Quotient > 0,50 Erniedrigung spricht insbesondere für bakterielle, tuberkulöse (durch Tuberkulose verursachte) oder mykotische (durch Pilze verursachte) Genese [1,6]
Liquorlactat 0,9-2,7 mmol/l Erhöhung spricht für bakterielle oder mykotische Infektion, ist jedoch nicht spezifisch und kann auch bei anderen ZNS-Prozessen auftreten [1,6]
Gesamtprotein < 500 mg/l, altersabhängig Erhöhung spricht für Blut-Liquor-Schrankenstörung; bei normaler Zellzahl Hinweis auf albuminozytologische Dissoziation [1]
Albumin-Liquor/Serum-Quotient altersabhängiger Referenzbereich Beurteilung der Blut-Liquor-Schrankenfunktion [1]
Oligoklonale Banden kein liquorspezifisches Bandenmuster Liquorspezifische oligoklonale Banden sprechen für intrathekale IgG-Synthese; diagnostisch relevant insbesondere bei Multipler Sklerose und anderen chronisch-entzündlichen Erkrankungen [1-4]
Kappa-freie Leichtketten laborabhängige Grenzwerte Ergänzender Marker der intrathekalen Immunglobulinsynthese; aktuell zunehmend relevant als Zusatz zu oligoklonalen Banden [1-4]

Differentialdiagnostischer Algorithmus

Schritt Parameter Befund Interpretation
1 Zellzahl normal Spricht gegen eine ausgeprägte akute bakterielle Meningitis; vereinbar u. a. mit neurodegenerativer Erkrankung, Multipler Sklerose, Guillain-Barré-Syndrom oder früher/partiell behandelter Infektion [1,5]
1 Zellzahl erhöht Entzündliche, infektiöse oder neoplastische Genese wahrscheinlicher [1]
2 Zelldifferenzierung granulozytäre Dominanz Bakterielle Meningitis wahrscheinlich, differenzialdiagnostisch auch frühe tuberkulöse oder andere entzündliche Konstellationen [1]
2 Zelldifferenzierung lymphomonozytäre Dominanz Virale, chronisch-entzündliche, autoimmune, tuberkulöse oder neoplastische Genese möglich [1]
3 Liquorlactat erhöht Bakterielle oder mykotische Infektion wahrscheinlicher; auch Hypoxie (Sauerstoffmangel), Tumor, Blutung, Status epilepticus (anhaltender Krampfanfall) oder zerebraler Infarkt (Schlaganfall) möglich [1,6]
3 Liquorlactat normal Virale Genese wahrscheinlicher, bakterielle/mykotische Genese weniger wahrscheinlich [1]
4 Liquor/Serum-Glukose-Quotient erniedrigt Bakterielle, tuberkulöse oder mykotische Infektion wahrscheinlich [1,6]
4 Liquor/Serum-Glukose-Quotient normal Virale, autoimmune oder andere chronisch-entzündliche Genese eher wahrscheinlich [1]
5 Gesamtprotein/Albuminquotient erhöht Blut-Liquor-Schrankenstörung [1]
5 Gesamtprotein/Albuminquotient erhöht bei normaler oder geringer Zellzahl Albuminozytologische Dissoziation, z. B. bei Guillain-Barré-Syndrom [1]
6 Intrathekale Immunglobulinsynthese liquorspezifische oligoklonale Banden und/oder positiver Kappa-freie-Leichtketten-Befund Intrathekale humorale (die Antikörper betreffende) Immunantwort; bei passender Klinik diagnostisch relevant insbesondere für Multiple Sklerose [1-4]
7 Erregerdiagnostik PCR, Kultur, Antigen-/Antikörperdiagnostik Durchführung abhängig von Zeitfenster, Vortherapie und klinischer Dringlichkeit [1]
8 Zytologie/Immunphänotypisierung Tumorzellen oder klonale Population Meningeale Neoplasie/Meningeosis neoplastica [1]
9 Spezielle Zusatzdiagnostik bei Verdacht auf Subarachnoidalblutung Xanthochromie, Erythrophagozytose/Siderophagen, ggf. Ferritin Unterstützt die Diagnose einer Subarachnoidalblutung; Liquorzytologie ist hierbei obligat, Ferritin insbesondere in Zweifelsfällen hilfreich [1]
10 Neurodegenerative Biomarker Aβ42, Aβ42/Aβ40, Gesamt-Tau, pTau181, ggf. Ratio-Parameter Nur bei passender klinischer Fragestellung, standardisierter Präanalytik und assay-spezifischer Interpretation [1,5]

Zusammenfassende Entscheidungslogik

  • Granulozyten + hohes Liquorlactat + erniedrigter Liquor/Serum-Glukose-Quotient → bakterielle Meningitis wahrscheinlich [1,6]
  • Lymphomonozytäre Pleozytose (Vermehrung bestimmter Zellen im Nervenwasser) + normales Liquorlactat + normaler Liquor/Serum-Glukose-Quotient → virale Genese wahrscheinlich [1]
  • Lymphomonozytäre Pleozytose + hohes Liquorlactat + erniedrigter Liquor/Serum-Glukose-Quotient → tuberkulöse oder mykotische Meningitis erwägen [1]
  • Normale oder geringe Zellzahl + erhöhtes Gesamtprotein/Albuminquotient → Guillain-Barré-Syndrom bzw. albuminozytologische Dissoziation erwägen [1]
  • Liquorspezifische oligoklonale Banden und/oder positiver Kappa-freie-Leichtketten-Befund → intrathekale Immunantwort; bei passender Klinik Multiple Sklerose oder andere chronisch-entzündliche Erkrankung [1-4]
  • Tumorzellen/klonale Population → meningeale Neoplasie [1]
  • Xanthochromie bzw. Erythrophagen/Siderophagen, ggf. Ferritinanstieg → Subarachnoidalblutung in passender klinischer Konstellation [1]

Weiterführende Diagnostik

  • Infektiologische Spezialdiagnostik: PCR, Kultur, Antigen- und Antikörperdiagnostik, erregerspezifische Antikörperindizes [1]
  • Immunologische Diagnostik: oligoklonale Banden, Reiber-Diagramm, quantitative Immunglobuline, Kappa-freie Leichtketten, ggf. MRZ-Reaktion [1-4]
  • Neoplastische Diagnostik: Zytologie, Immunphänotypisierung/Durchflusszytometrie, ggf. Wiederholungspunktion bei hoher klinischer Wahrscheinlichkeit [1]
  • Blutungsdiagnostik: Zytologie auf Erythrophagen/Siderophagen, Xanthochromie, ggf. Ferritin; Ferritin nicht als genereller Routineparameter, sondern gezielt bei SAB-Fragestellung [1]
  • Neurodegenerative Diagnostik: Aβ42, Aβ42/Aβ40, Gesamt-Tau, pTau181, ggf. weitere Ratio-Parameter; nur unter standardisierter Präanalytik [1,5]

Literatur

  1. Higgins V, Chen Y, Parker ML, Freedman MS, Beriault DR. Best practice recommendations for laboratory analysis and reporting of cerebrospinal fluid oligoclonal banding and associated tests for multiple sclerosis (MS): a consensus report from the harmonized CSF analysis for MS investigation (hCAMI) subcommittee of the Canadian society of clinical chemists (CSCC). Clin Biochem. 2026;142:111098. https://doi.org/10.1016/j.clinbiochem.2026.111098
  2. Higgins V, Chen Y, Freedman MS, Beriault DR. A review of laboratory practices for CSF oligoclonal banding and associated tests. Crit Rev Clin Lab Sci. 2025;62(5):363-385. https://doi.org/10.1080/10408363.2025.2490166
  3. Deisenhammer F, Hegen H, Arrambide G, Banwell BL, Coetzee T, Gnanapavan S et al.: Positive cerebrospinal fluid in the 2024 McDonald criteria for multiple sclerosis. EBioMedicine. 2025;120:105905. https://doi.org/10.1016/j.ebiom.2025.105905
  4. Leuzy A, Bollack A, Pellegrino D, Teunissen CE, La Joie R, Rabinovici GD et al.: Considerations in the clinical use of amyloid PET and CSF biomarkers for Alzheimer's disease. Alzheimers Dement. 2025;21(3):e14528. https://doi.org/10.1002/alz.14528
  5. Thakur V, Akerele OA, Randell E. Validation of glucose and lactate in cerebrospinal fluid (CSF) on a Radiometer blood gas analyzer ABL90 Flex plus. Clin Biochem. 2025;136:110876. https://doi.org/10.1016/j.clinbiochem.2025.110876

Leitlinien

  1. S1-Leitlinie: Lumbalpunktion und Liquordiagnostik.  (AWMF-Registernummer: 030 - 141). Januar 2026 Langfassung