Riboflavin (Vitamin B2)
Riboflavin (Vitamin B2) (Vitamin B2) ist ein wasserlösliches Vitamin aus dem Vitamin-B-Komplex (Gruppe von wasserlöslichen Vitaminen). Es ist Vorstufe der biologisch aktiven Coenzyme (Hilfsstoffe für Enzyme) Flavinmononukleotid (FMN) und Flavinadenindinukleotid (FAD), die an zahlreichen Redoxreaktionen (biochemische Reaktionen zur Energiegewinnung), am Energiestoffwechsel (Stoffwechsel zur Energieproduktion) sowie am Stoffwechsel (biochemische Prozesse im Körper) weiterer Vitamine beteiligt sind.
In der klinischen Labordiagnostik wird Riboflavin vor allem zur Abklärung eines vermuteten Mangels sowie in ausgewählten spezialdiagnostischen Konstellationen eingesetzt [1-4].
Synonyme
- Riboflavin
- Vitamin B2
- Lactoflavin
Das Verfahren
- Benötigtes Material
- EDTA-Vollblut, Serum oder Plasma – abhängig von der Methode des jeweiligen Labors
- Bei funktioneller Diagnostik (Untersuchung der Funktionsfähigkeit): Erythrozyten (rote Blutkörperchen) zur Bestimmung des Erythrozyten-Glutathionreduktase-Aktivierungskoeffizienten (EGRAC)
- Vorbereitung des Patienten
- Nüchternblutabnahme ist für direkte Plasmabestimmungen sinnvoll, da Referenzintervalle häufig an Nüchternproben etabliert wurden [4]
- Eine kürzlich erfolgte Supplementierung (Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln) sollte anamnestisch erfasst werden
- Störfaktoren
- Ausgeprägte Lichtempfindlichkeit – Probe konsequent lichtgeschützt lagern und transportieren [4]
- Nicht nüchterne Blutabnahme kann direkte Plasmakonzentrationen erhöhen [4]
- Methodenabhängige Unterschiede zwischen Plasma-, Vollblut- und funktionellen Bestimmungen
- Die Interpretation des EGRAC ist methodenabhängig; einheitliche internationale Grenzwerte bestehen nicht [2, 3]
- Methode
- Direkte Quantifizierung von Riboflavin bzw. Flavinen mittels Hochleistungsflüssigkeitschromatographie (HPLC) oder Flüssigkeitschromatographie-Tandem-Massenspektrometrie (LC-MS/MS) [4]
- Funktionelle Statusbeurteilung über den Erythrozyten-Glutathionreduktase-Aktivierungskoeffizienten (EGRAC) [1-3]
Normbereiche (je nach Labor)
| Subgruppe/Material/Methode | Referenzbereich |
| Plasma, direkte Bestimmung | 1-19 mcg/L [4] |
| Plasma, direkte Bestimmung – Hinweis auf Defizienz | < 1 mcg/L spricht für einen Mangel [4] |
| EGRAC, funktioneller Marker | Kein international einheitlich standardisierter Referenzbereich; häufig verwendete Schwellen: 1,30-1,39 suboptimal, ≥ 1,40 Mangel [2, 3] |
Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.
Indikationen (Anwendungsgebiete)
- Verdacht auf Riboflavinmangel bei Mangelernährung, Alkoholmissbrauch, Malabsorption (gestörte Nährstoffaufnahme im Darm) oder länger bestehender einseitiger Ernährung [1, 2]
- Abklärung typischer Mangelsymptome wie Cheilitis (Lippenentzündung), Mundwinkelrhagaden (eingerissene Mundwinkel), Glossitis (Zungenentzündung), seborrhoischer Dermatitis (entzündliche Hautveränderung), okulären Beschwerden (Augenbeschwerden) oder Anämie (Blutarmut) [1]
- Abklärung kombinierter B-Vitamin-Mangelzustände [1, 2]
- Verlaufskontrolle unter Substitution (Behandlung durch Zufuhr fehlender Stoffe) in ausgewählten Fällen [4]
- Spezialdiagnostik bei Verdacht auf seltene Störungen des Riboflavin-Transports oder -Stoffwechsels [1, 5]
Interpretation
- Erhöhte Werte
- Meist nach Supplementierung oder kurz zuvor erfolgter Zufuhr riboflavinhaltiger Präparate [4]
- Erhöhte direkte Plasmakonzentrationen haben in der Regel keine eigenständige pathologische Aussagekraft [1, 2]
- Erniedrigte Werte
- Unzureichende Zufuhr im Rahmen einer allgemeinen Mangelernährung oder restriktiven Kost [1, 2]
- Malabsorption (gestörte Aufnahme von Nährstoffen im Darm), z. B. bei Zöliakie oder chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen [1]
- Chronischer Alkoholmissbrauch [1]
- Erhöhter Bedarf, z. B. in Schwangerschaft und Stillzeit [1, 2]
- Begleitbefund bei kombiniertem Mikronährstoffmangel [1, 2]
- Seltene angeborene Transport- oder Stoffwechselstörungen [1, 5]
- Spezifische Konstellationen
- Ein suboptimaler biochemischer Riboflavinstatus kann ohne manifeste klinische Symptome vorliegen [1, 2]
- Der EGRAC gilt als sensitiver funktioneller Marker des Riboflavinstatus als eine isolierte Plasmakonzentration [2, 3]
- Bei neurologischer Symptomatik (Beschwerden des Nervensystems), Hörstörung und axonaler Neuropathie (Schädigung von Nervenfasern) sollte an eine Riboflavin-Transporter-Defizienz gedacht werden, da diese behandelbar ist [5]
Weiterführende Diagnostik
- Ernährungsanamnese einschließlich Supplementen und Alkoholanamnese
- Abklärung weiterer Mikronährstoffdefizite, insbesondere Folat, Vitamin B6, Vitamin B12 und Eisenstatus [1, 2]
- Kleines Blutbild bei Verdacht auf Anämie (Blutarmut)
- Abklärung einer Malabsorption (gestörte Nährstoffaufnahme im Darm), z. B. Zöliakie-Serologie oder weitere gastroenterologische Diagnostik je nach Klinik
- Bei Verdacht auf hereditäre (erblich bedingte) Riboflavin-Transporter-Defizienz: humangenetische Diagnostik (Untersuchung der Gene), insbesondere SLC52A2/SLC52A3 [5]
Klinische Hinweise
- Die direkte Riboflavinbestimmung ist kein überall standardisierter Routinelaborparameter; die Aussagekraft ist stark methodenabhängig [2-4].
- Ein früherer pauschaler Normbereich wie 6-12 µg/dl ist ohne klare Angabe von Matrix, Präanalytik und Methode heute nicht belastbar übertragbar.
- Für die Beurteilung des Versorgungsstatus ist ein funktioneller Marker wie EGRAC häufig aussagekräftiger als eine isolierte direkte Konzentrationsmessung [2, 3].
- Ein Riboflavinmangel tritt klinisch oft zusammen mit weiteren Mangelzuständen auf und sollte daher selten isoliert interpretiert werden [1, 2].
- Bei progredienter Neuropathie, Hirnnervenbeteiligung oder Hörverlust sollte trotz Seltenheit an eine Riboflavin-Transporter-Defizienz gedacht werden, weil eine frühzeitige Therapie prognostisch relevant sein kann [5].
Literatur
- McNulty H, Pentieva K, Ward M. Causes and Clinical Sequelae of Riboflavin Deficiency. Annu Rev Nutr. 2023;43:101-122. https://doi.org/10.1146/annurev-nutr-061121-084407
- Lysne V, Strandler HS. Riboflavin: a scoping review for Nordic Nutrition Recommendations 2023. Food Nutr Res. 2023;67:10315. https://doi.org/10.29219/fnr.v67.10315
- Hoey L, McNulty H, Strain JJ. Studies of biomarker responses to intervention with riboflavin: a systematic review. Am J Clin Nutr. 2009;89(6):1960S-1980S. https://doi.org/10.3945/ajcn.2009.27230B
- Petteys BJ, Frank EL. Rapid determination of vitamin B2 (riboflavin) in plasma by HPLC. Clin Chim Acta. 2011;412(1-2):38-43. https://doi.org/10.1016/j.cca.2010.08.037
- Balasubramaniam S, Christodoulou J, Rahman S. Disorders of riboflavin metabolism. J Inherit Metab Dis. 2019;42(4):608-619. https://doi.org/10.1002/jimd.12058