Mundgeruch (Halitosis) – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Objektivierung der Halitosis (Mundgeruch) und Identifikation der zugrunde liegenden intraoralen oder extraoralen Ursache
  • Beseitigung bzw. Vermeidung von Mundgeruch durch kausale Behandlung, Reduktion geruchsbildender Mikroorganismen und Neutralisation flüchtiger Schwefelverbindungen
  • Vermeidung unnötiger oder langfristiger Antiseptikatherapien (Behandlungen mit keimhemmenden Mitteln) und ihrer Nebenwirkungen

Therapieempfehlungen

Grundsätze

  • Diagnosesicherung (Bestätigung der Diagnose): Vor einer medikamentösen oder antiseptischen Therapie soll eine klinisch relevante Halitosis objektiviert und ihre Ursache abgeklärt werden. Die Behandlung richtet sich nach der Ätiologie (Ursache); Mundspüllösungen sind nur eine adjuvante symptomatische Maßnahme [1, LL1].
  • Kausaltherapie (Behandlung der Ursache): Intraorale Ursachen wie Zungenbelag, Gingivitis (Zahnfleischentzündung), Parodontitis (Entzündung des Zahnhalteapparats), Karies (Zahnfäule), insuffiziente Restaurationen (unzureichende Zahnfüllungen oder Zahnersatzversorgungen), Periimplantitis (Entzündung um ein Zahnimplantat), orale Infektionen (Infektionen im Mundraum) oder schlecht gereinigter Zahnersatz werden zahnärztlich bzw. parodontologisch behandelt. Bei extraoraler Halitosis erfolgt die Behandlung der zugrunde liegenden HNO-, pneumologischen, gastroenterologischen oder systemischen Erkrankung [LL1].
  • Basistherapie: Zweimal tägliches Zähneputzen mit fluoridhaltiger Zahnpasta, tägliche Interdentalreinigung, schonende tägliche Zungenreinigung und sorgfältige Reinigung von Zahnersatz bzw. kieferorthopädischen Apparaturen. Zungenreinigung zusätzlich zum Zähneputzen kann Zungenbelag und flüchtige Schwefelverbindungen vermindern; belastbare Angaben zur optimalen Häufigkeit und Methode fehlen [2]. Eine Kombination aus Zähneputzen, Zungenreinigung und Mundspülung war in einer kleinen randomisierten Studie wirksamer als die Einzelmaßnahmen [3].
  • Mundspüllösungen: Antimikrobielle oder schwefelbindende Mundspüllösungen können bei objektivierter intraoraler Halitosis ergänzend eingesetzt werden. Die Evidenz für die Überlegenheit eines bestimmten Wirkstoffs oder einer bestimmten Konzentration ist insgesamt niedrig bis sehr niedrig [1].
  • Chlorhexidin: Chlorhexidinhaltige Mundspüllösungen können die bakterielle Last und die Bildung flüchtiger Schwefelverbindungen kurzfristig vermindern. Wegen Zahn- und Zungenverfärbungen, Geschmacksstörungen (verändertes Geschmacksempfinden), Schleimhautreizungen (Reizungen der Mundschleimhaut) und weiterer unerwünschter Wirkungen ist eine zeitlich begrenzte Anwendung vorzuziehen. Die Anwendung ausschließlich wegen Halitosis erfolgt außerhalb der zugelassenen Anwendungsgebiete; zugelassene Dosierung, Gegenanzeigen und Anwendungsdauer des jeweiligen Arzneimittels sind zu beachten [LL1, FI1].
  • Cetylpyridiniumchlorid und Zinksalze: Cetylpyridiniumchlorid wirkt antimikrobiell; Zinksalze binden flüchtige Schwefelverbindungen. Kombinationspräparate können bei intraoraler Halitosis kurzfristig hilfreich sein. Konzentration und Anwendung richten sich nach dem jeweiligen Präparat; eine einheitliche, leitliniengestützte Dosierung besteht nicht [1, LL1].
  • Weitere lokale Wirkstoffe: Mundspüllösungen mit Chlordioxid oder ätherischen Ölen sowie zinnfluoridhaltige Zahnpasten können die Geruchsbelastung bei einzelnen Patienten reduzieren. Wegen heterogener Präparate, kurzer Studiendauer und niedriger Evidenzqualität ist keine generelle Überlegenheit gegenüber anderen Maßnahmen belegt [1, 3, LL1].
  • Xerostomie (Mundtrockenheit): Auslösende Arzneimittel werden, soweit medizinisch vertretbar, überprüft. Empfohlen werden ausreichende Flüssigkeitszufuhr, zuckerfreier Kaugummi oder andere Speichelstimulation sowie bei Bedarf Speichelersatzmittel. Parasympathomimetika sind einer gesicherten Speicheldrüsenhypofunktion (verminderten Funktion der Speicheldrüsen) und den jeweiligen zugelassenen Indikationen vorbehalten [LL1].
  • Pseudohalitosis (subjektiv wahrgenommener, nicht objektivierbarer Mundgeruch) und Halitophobie (krankhafte Angst vor Mundgeruch): Bei fehlendem objektivierbarem Mundgeruch stehen Aufklärung, Rückversicherung und gegebenenfalls psychologische bzw. psychiatrische Mitbehandlung im Vordergrund; eine wiederholte antiseptische Therapie ist nicht indiziert [LL1].

Evidenzbewertung

  • Eine Cochrane-Analyse von 44 randomisierten Studien mit 1.809 Teilnehmern bewertete die Evidenz für die untersuchten Interventionen als niedrig bis sehr niedrig und konnte keine Überlegenheit einer bestimmten Maßnahme oder Konzentration belegen [1].
  • Mundspüllösungen ersetzen weder die mechanische Biofilmkontrolle noch die Behandlung einer Gingivitis, Parodontitis, Karies oder anderer Ursachen [1, LL1].

Nicht routinemäßig empfohlen

  • Triclosan, Wasserstoffperoxid und Aminfluorid allein sollen mangels belastbarer halitosisspezifischer Evidenz nicht pauschal als bevorzugte Wirkstoffe empfohlen werden. Insbesondere konzentrierte Wasserstoffperoxidlösungen sind wegen des Risikos chemischer Schleimhautschäden (Schäden an der Mundschleimhaut) nicht zur Selbstbehandlung geeignet.
  • Systemische Antibiotika, Protonenpumpeninhibitoren, Antimykotika oder andere systemische Arzneimittel sind ohne gesicherte entsprechende Grunderkrankung nicht indiziert.
  • Probiotika, pflanzliche Präparate, Chlorophyll und andere sogenannte interne Desodoranzien können derzeit nicht als Standardtherapie empfohlen werden; mögliche kurzfristige Effekte sind nicht hinreichend durch robuste Langzeitdaten abgesichert [1, LL1].

Red Flags

  • Persistierende orale Ulzeration (Geschwür der Mundschleimhaut), Leukoplakie (weiße Schleimhautveränderung), Erythroplakie (rote Schleimhautveränderung), Induration (Verhärtung), spontane Blutung oder zervikale Lymphadenopathie (vergrößerte Halslymphknoten)
  • Dysphagie (Schluckstörung), Odynophagie (Schmerzen beim Schlucken), Heiserkeit, Hämoptysen (Bluthusten), Gewichtsverlust oder einseitig übel riechende nasale Sekretion (einseitiger übel riechender Nasenausfluss)
  • Fieber, schwere Zahn- oder Gesichtsschmerzen, progrediente Schwellung, Trismus (Kieferklemme) oder Zeichen einer tiefen odontogenen Infektion (von einem Zahn ausgehenden Infektion)
  • Acetongeruch bei Verdacht auf diabetische Ketoazidose (lebensbedrohliche Stoffwechselentgleisung bei Diabetes) sowie Foetor hepaticus (typischer Atemgeruch bei schwerer Lebererkrankung) oder urämischer Foetor (typischer Atemgeruch bei schwerer Nierenfunktionsstörung) bei möglicher schwerer Organfunktionsstörung

Wirkstoffe und Wirkstoffkombinationen

Mundspüllösungen und Zahnpflegemittel

Wirkstoff Besonderheiten
Chlorhexidindigluconat Nur kurzfristig und nach zahnärztlicher Indikationsstellung; Anwendung bei Halitosis außerhalb der zugelassenen Indikationen. Abstand zu anionischen Bestandteilen üblicher Zahnpasten beachten. Zahn- und Zungenverfärbungen, Geschmacksstörungen, Taubheitsgefühl, Brennen oder Schleimhautreizung möglich; selten schwere Überempfindlichkeitsreaktion (schwere allergische Reaktion) [4, FI1]
Cetylpyridiniumchlorid Antimikrobieller Wirkstoff; häufig in Kombination mit Zinksalzen. Mögliche lokale Reizung, Geschmacksveränderung und oberflächliche Verfärbung.
Zinksalze, z. B. Zinklactat, Zinkacetat oder Zinkchlorid Binden flüchtige Schwefelverbindungen; keine standardisierte halitosisspezifische Dosierung. Lokale Reizung oder metallischer Geschmack möglich.
Chlordioxid Oxidiert geruchsbildende Schwefelverbindungen. Kurzfristiger Nutzen möglich; Evidenz und Übertragbarkeit sind begrenzt
Ätherische Öle, z. B. Eukalyptol, Menthol und Thymol Antimikrobielle und geruchsüberdeckende Wirkung; halitosisspezifische Evidenz begrenzt. Alkoholhaltige Präparate können bei Xerostomie oder empfindlicher Schleimhaut ungünstig sein.
Zinnfluorid in Zahnpasta Primär zur Kariesprophylaxe; kann zusätzlich Plaque und Mundgeruch reduzieren. Kein Ersatz für Zungenreinigung oder Kausaltherapie.
  • Wirkweise: Chlorhexidin, Cetylpyridiniumchlorid und ätherische Öle vermindern geruchsbildende Mikroorganismen; Zinksalze binden und Chlordioxid oxidiert flüchtige Schwefelverbindungen.
  • Indikationen: Kurzfristige adjuvante Behandlung einer objektivierten intraoralen Halitosis nach Optimierung der Mundhygiene und Behandlung der zugrunde liegenden oralen Erkrankung.
  • Kontraindikationen: Präparatespezifische Überempfindlichkeit; bei Chlorhexidin unter anderem unkontrollierter Schluckakt, schlecht durchblutetes Gewebe sowie bestimmte Wunden, Ulzerationen oder erosiv-desquamative Veränderungen der Mundschleimhaut (oberflächliche entzündliche Abschilferungen der Mundschleimhaut) [FI1].
  • Nebenwirkungen: Lokale Reizung, Brennen, Trockenheitsgefühl, Geschmacksveränderung und Verfärbung von Zunge oder Zähnen; bei Chlorhexidin selten schwere allergische Reaktionen bis zur Anaphylaxie (lebensbedrohliche allergische Sofortreaktion) [4, FI1].

Beachte: Bei Schwellung, Urtikaria (Nesselsucht), Atemnot oder anderen Zeichen einer Überempfindlichkeitsreaktion ist Chlorhexidin sofort abzusetzen und eine notfallmedizinische Behandlung zu veranlassen [4, FI1].

Literatur

  1. Kumbargere Nagraj S, Eachempati P, Uma E, Singh VP, Ismail NM, Varghese E. Interventions for managing halitosis. Cochrane Database Syst Rev. 2019;12(12):CD012213. doi: 10.1002/14651858.CD012213.pub2
  2. Kuo YW, Yen M, Fetzer S, Lee JD. Toothbrushing versus toothbrushing plus tongue cleaning in reducing halitosis and tongue coating: a systematic review and meta-analysis. Nurs Res. 2013;62(6):422-429. doi: 10.1097/NNR.0b013e3182a53b3a
  3. Aung EE, Ueno M, Zaitsu T, Furukawa S, Kawaguchi Y. Effectiveness of three oral hygiene regimens on oral malodor reduction: a randomized clinical trial. Trials. 2015;16:31. doi: 10.1186/s13063-015-0549-9
  4. U.S. Food and Drug Administration. FDA Drug Safety Communication: FDA warns about rare but serious allergic reactions with the skin antiseptic chlorhexidine gluconate. 02.02.2017. Safety Communication

Leitlinien

  1. Clinical Practice Guideline: Shang X, Chen X, Lv C et al. Clinical Practice Guidelines on the Diagnosis and Treatment of Halitosis. Int Dent J. April 2026;76(2):109436. doi: 10.1016/j.identj.2026.109436 [LL1]

Fachinformationen

  1. Fachinformation: Chlorhexamed FORTE alkoholfrei 0,2 %, Haleon Germany GmbH. Stand November 2025. Fachinformation [FI1]