Prostatakrebsvorsorge

Die Prostatakrebsvorsorge – medizinisch präziser: Prostatakrebsfrüherkennung – verfolgt das Ziel, klinisch signifikante Prostatakarzinome (behandlungsbedürftige Formen von Prostatakrebs) möglichst in einem noch kurativ behandelbaren Stadium zu identifizieren und dadurch die prostatakarzinomspezifische Mortalität (Sterblichkeit durch Prostatakrebs) zu senken. Gleichzeitig sollen Überdiagnostik (Erkennung von Tumoren, die ohne Früherkennung möglicherweise nie Beschwerden verursacht hätten) und Übertherapie (unnötige Behandlung) biologisch indolenter Tumoren möglichst vermieden werden [1, 2] [LL1, LL2].

Die langfristigen Daten randomisierter Screeningstudien zeigen einen moderaten, aber klinisch relevanten Nutzen der Früherkennung mittels Bestimmung des prostataspezifischen Antigens (PSA). Im 23-Jahres-Follow-up der European Randomized Study of Screening for Prostate Cancer (ERSPC) war die prostatakarzinomspezifische Mortalität in der Screeninggruppe um 13 % niedriger (Ratenverhältnis 0,87; 95-%-Konfidenzintervall 0,80-0,95); die absolute Risikoreduktion betrug 0,22 % [2]. Die aktualisierte Cochrane-Analyse von 2026 bestätigt, dass ein PSA-basiertes Screening die prostatakarzinomspezifische Mortalität wahrscheinlich reduziert, gleichzeitig jedoch die Zahl diagnostizierter Prostatakarzinome erhöht und damit Überdiagnosen verursachen kann [1].

Epidemiologische Relevanz

Das Prostatakarzinom ist die häufigste neu diagnostizierte Krebserkrankung des Mannes in Deutschland. Im Jahr 2023 wurden rund 79.600 Neuerkrankungen registriert [LL3]. Das Erkrankungsrisiko nimmt mit zunehmendem Alter deutlich zu; vor dem 50. Lebensjahr tritt ein Prostatakarzinom nur selten auf [LL2, LL3].

Für den potenziellen Nutzen einer Früherkennung ist daher nicht allein das chronologische Alter entscheidend. Ebenso relevant sind die individuelle Lebenserwartung, der funktionelle Gesundheitszustand, Begleiterkrankungen sowie das persönliche und familiäre Risikoprofil [LL1, LL2].

Ziele und Prinzipien der Vorsorge

Ziel einer modernen Prostatakrebsfrüherkennung ist nicht die maximale Tumordetektionsrate, sondern die selektive Identifikation klinisch signifikanter Karzinome bei möglichst geringer Zahl unnötiger Folgeuntersuchungen, Biopsien und Diagnosen klinisch insignifikanter Tumoren (Tumoren, die voraussichtlich keine gesundheitliche Bedeutung erlangen).

Als klinisch signifikant werden im Früherkennungs- und Diagnostikkontext im Regelfall Prostatakarzinome ab Gradgruppe 2 (feingewebliche Einstufung des Tumors) nach der International Society of Urological Pathology (ISUP) betrachtet [4] [LL1, LL2].

Die Früherkennung soll risikoadaptiert und nach ergebnisoffener ärztlicher Aufklärung erfolgen. In die individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung sind insbesondere Alter, mutmaßliche Lebenserwartung, Komorbiditäten, funktioneller Gesundheitszustand, Familienanamnese, genetische Prädisposition und der PSA-Ausgangswert einzubeziehen [LL1, LL2].

Von der Früherkennung asymptomatischer Männer ist die diagnostische Abklärung bei klinischem Verdacht auf ein Prostatakarzinom abzugrenzen. Symptome oder Befunde wie Makrohämaturie (sichtbares Blut im Urin), Harnverhalt (Unfähigkeit, die Harnblase zu entleeren), pathologischer Tastbefund (krankhaft auffälliger Tastbefund), neu aufgetretene Knochenschmerzen oder andere Hinweise auf eine fortgeschrittene Erkrankung begründen eine diagnostische Abklärung und stellen keine Früherkennungssituation dar [LL1, LL2].

Untersuchungsverfahren der Prostatakrebsvorsorge

Anamnese und Risikoevaluation

Vor Beginn einer Prostatakrebsfrüherkennung sollen insbesondere folgende Faktoren erhoben beziehungsweise berücksichtigt werden [LL1, LL2]:

  • Alter und mutmaßliche Lebenserwartung: Entscheidend ist, ob der Mann voraussichtlich lange genug lebt, um von einer frühzeitigen Diagnose und gegebenenfalls kurativen Therapie zu profitieren.
  • Komorbiditäten und funktioneller Gesundheitszustand: Diese beeinflussen die individuelle Nutzen-Schaden-Bilanz der Früherkennung.
  • Familienanamnese: Anzahl und Verwandtschaftsgrad betroffener Angehöriger sowie deren Erkrankungsalter sollen erfasst werden; von besonderer Bedeutung sind Prostatakarzinome bei erstgradig Verwandten und ein junges Erkrankungsalter. Das Risiko steigt mit der Zahl betroffener Verwandter und mit jüngerem Erkrankungsalter. Eine Konstellation mit ≥ 2 betroffenen Männern im Alter ≤ 55 Jahre kann auf eine hereditäre Belastung (erbliche Belastung) hinweisen [LL1]. Die European Association of Urology (EAU) berücksichtigt für die Empfehlung einer frühen PSA-Testung ausdrücklich eine Familienanamnese mit Prostatakarzinom vor dem 60. Lebensjahr [LL2].
  • Genetische Prädisposition: Von besonderer Bedeutung sind pathogene Varianten (krankheitsverursachende Genveränderungen) in den Genen BRCA2, MSH2 und MSH6 [LL1, LL2].
  • Vorangegangene PSA-Werte: Ausgangswert und Verlauf sind für die risikoadaptierte weitere Strategie relevant.
  • Vorangegangene diagnostische Befunde: Frühere Magnetresonanztomographie-, Biopsie- und histopathologische Befunde (feingewebliche Befunde) müssen in die Risikobeurteilung einbezogen werden.

Nach der deutschen S3-Leitlinie sollen Männer ab dem Alter von 45 Jahren mit einer Lebenserwartung von mindestens zehn Jahren, die eine Prostatakarzinom-Früherkennung wünschen, ergebnisoffen über deren Vor- und Nachteile beraten werden. Männern, die nach dieser Beratung weiterhin eine Früherkennung wünschen, soll eine PSA-Bestimmung angeboten werden [LL1].

Digital-rektale Untersuchung

Die digital-rektale Untersuchung (DRU) soll nach der aktuellen deutschen S3-Leitlinie nicht zur Früherkennung des Prostatakarzinoms eingesetzt werden. Für diese Empfehlung besteht Empfehlungsgrad A [LL1]. Die diagnostische Leistungsfähigkeit der DRU ist insbesondere für frühe, kleine und ventral gelegene Tumoren unzureichend.

Davon zu unterscheiden ist die Anwendung der DRU bei bereits bestehendem klinischen Karzinomverdacht sowie zur klinischen Bestimmung der lokalen Tumorausdehnung. In diesen Situationen kann sie weiterhin diagnostische Zusatzinformationen liefern [LL1, LL2].

Die leistungsrechtliche Situation in Deutschland weicht derzeit vom aktuellen, leitliniengerechten Früherkennungskonzept ab. Die gesetzliche Krebsfrüherkennung sieht für Männer ab dem 45. Lebensjahr weiterhin jährlich eine gezielte Anamnese sowie eine Tastuntersuchung der Prostata, der regionären Lymphknoten (zugehörigen Lymphknoten) und der äußeren Genitalorgane vor [LL4]. Die PSA-Bestimmung gehört gegenwärtig nicht zum regulären gesetzlichen Prostatakrebs-Früherkennungsprogramm.

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat im Oktober 2025 ein Bewertungsverfahren zu einem risikoadaptierten PSA- und Magnetresonanztomographie-basierten Screening eingeleitet [LL5].

PSA-Diagnostik

Die PSA-Bestimmung im Serum bildet das zentrale Instrument der modernen risikoadaptierten Prostatakrebsfrüherkennung [1-3] [LL1, LL2]. PSA ist prostataspezifisch, jedoch nicht tumorspezifisch.

Erhöhte PSA-Konzentrationen können neben einem Prostatakarzinom unter anderem bei benigner Prostatahyperplasie (gutartiger Prostatavergrößerung), Prostatitis (Prostataentzündung), Harnwegsinfektion (Infektion der ableitenden Harnwege), akutem Harnverhalt und nach invasiven Manipulationen der Prostata auftreten. Auch biologische und analytische Schwankungen sind zu berücksichtigen [LL2].

Eine PSA-Kontrollmessung sollte möglichst unter standardisierten Bedingungen und mit demselben Testverfahren erfolgen. Vorübergehende Einflussfaktoren, insbesondere Infektionen und relevante Manipulationen der Prostata, müssen bei der Interpretation berücksichtigt werden [LL1, LL2].

5α-Reduktasehemmer wie Finasterid und Dutasterid reduzieren die PSA-Konzentration typischerweise um etwa 50 %. Dies muss bei der Interpretation berücksichtigt werden [LL2].

Beginn der PSA-basierten Früherkennung

  • Männer ohne besondere Risikokonstellation: Nach deutscher S3-Leitlinie soll ab 45 Jahren bei einer mutmaßlichen Lebenserwartung von mindestens zehn Jahren und fortbestehendem Früherkennungswunsch nach ergebnisoffener Beratung eine PSA-Bestimmung angeboten werden [LL1].
  • Familiäre Belastung: Männern mit mindestens einem erstgradig Verwandten mit Prostatakarzinom soll ab dem Alter von 45 Jahren ein PSA-basiertes Screening angeboten werden [LL1]. Erkrankungsalter und Anzahl der betroffenen Verwandten sind zusätzlich zu berücksichtigen.
  • Pathogene Keimbahnvarianten (krankheitsverursachende erbliche Genveränderungen): Männern ab 40 Jahren mit einer bekannten pathogenen Variante in den Genen BRCA2, MSH2 oder MSH6 sollte eine Konsultation im Rahmen einer Risikosprechstunde angeboten werden. Bei Vorliegen einer entsprechenden pathogenen Variante sollen PSA-Bestimmung und Magnetresonanztomographie der Prostata erfolgen [LL1].

Die EAU-Leitlinie 2026 empfiehlt eine frühe PSA-Testung bei gut informierten Männern ohne zusätzliche Risikofaktoren ab 50 Jahren, bei familiärer Belastung mit Erkrankungsalter <60 Jahren sowie bei Männern afrikanischer Abstammung ab 45 Jahren und bei Trägern einer pathogenen BRCA2-Variante ab 40 Jahren [LL2]. Für die Versorgung in Deutschland ist primär die deutsche S3-Leitlinie maßgeblich.

PSA-basierte Risikostratifikation (Einteilung des Risikos anhand des PSA-Wertes)

Nach der deutschen S3-Leitlinie erfolgt die weitere Früherkennungsstrategie risikoadaptiert anhand des Basis-PSA-Wertes. Wesentliche Evidenz hierfür stammt aus der deutschen PROBASE-Studie („Risk-adapted prostate cancer early detection study based on a 'baseline' PSA value in young men – a prospective multicenter randomised trial“) [3] [LL1].

Basis-PSA-Wert Risikozuordnung Empfohlenes Vorgehen
< 1,5 ng/ml niedriges Risiko erneute PSA-Bestimmung nach 5 Jahren
1,5-2,99 ng/ml intermediäres Risiko erneute PSA-Bestimmung nach 2 Jahren
≥ 3,0 ng/ml hohes Risiko Kontrollmessung; bei bestätigter Erhöhung weiterführende Diagnostik

Die PROBASE-Daten zeigen, dass rund 89 % der untersuchten Männer im Alter von 45 Jahren einen Basis-PSA-Wert <1,5 ng/ml aufweisen und in dieser Gruppe innerhalb der folgenden fünf Jahre nur ein sehr geringes Erkrankungsrisiko besteht [3] [LL1]. Dadurch kann bei der großen Mehrzahl der Männer das Untersuchungsintervall verlängert werden.

Ein erhöhter PSA-Wert ≥ 3,0 ng/ml soll nach der deutschen S3-Leitlinie vor Einleitung der weiteren Diagnostik unter Berücksichtigung möglicher Einflussfaktoren innerhalb von drei Monaten kontrolliert werden [LL1]. Die EAU empfiehlt bei asymptomatischen Männern mit einem initialen PSA-Wert zwischen 3 und 10 ng/ml ebenfalls zunächst eine Wiederholungsmessung [LL2].

Bei kontrolliert erhöhtem PSA-Wert soll eine urologische Risikobewertung erfolgen. Bestätigt sich ein relevantes Risiko für ein Prostatakarzinom, soll eine Magnetresonanztomographie (MRT) der Prostata durchgeführt werden [LL1].

Der früher häufig verwendete starre PSA-Grenzwert von 4,0 ng/ml als alleinige Indikation zur weiterführenden Diagnostik entspricht damit nicht mehr dem aktuellen risikoadaptierten Früherkennungskonzept.

PSA-Dynamik

Die longitudinale Entwicklung des PSA-Wertes kann im klinischen Gesamtkontext zusätzliche Informationen liefern. Starre Schwellenwerte der PSA-Anstiegsgeschwindigkeit (PSA-Velocity) wie >0,75 ng/ml/Jahr beziehungsweise > 0,35-0,4 ng/ml/Jahr sind jedoch nicht Bestandteil des aktuellen risikoadaptierten Früherkennungsalgorithmus und sollen nicht isoliert zur Indikationsstellung einer MRT oder Prostatabiopsie herangezogen werden [LL1, LL2].

Die PSA-Dynamik wird durch biologische und analytische Schwankungen sowie benigne Veränderungen beeinflusst. Für die weitere Risikobeurteilung sind daher insbesondere der bestätigte PSA-Wert, die PSA-Dichte, Alter, Familienanamnese, Erkrankungsalter betroffener Verwandter, genetische Prädisposition und der MRT-Befund zu berücksichtigen [LL1, LL2].

PSA-Dichte

Die PSA-Dichte wird aus dem Serum-PSA-Wert dividiert durch das Prostatavolumen berechnet. Mit zunehmender PSA-Dichte steigt die Wahrscheinlichkeit eines klinisch signifikanten Prostatakarzinoms. PSA-Dichte und der Score des Prostate Imaging Reporting and Data System (PI-RADS) gehören zu den stärksten diagnostischen Prädiktoren für das Vorliegen eines klinisch signifikanten Prostatakarzinoms [LL1, LL2].

Eine PSA-Dichte um 0,15 ng/ml/cm³ stellt eine klinisch relevante Orientierungsgröße dar, jedoch keine isolierte Biopsieschwelle. Sie muss insbesondere im Zusammenhang mit dem MRT-Befund und der Familienanamnese interpretiert werden [LL1, LL2].

Bei negativer MRT und einer PSA-Dichte ≤ 0,15 ng/ml/cm³ steigt der negative prädiktive Wert für ein klinisch signifikantes Prostatakarzinom nach den in der S3-Leitlinie ausgewerteten Daten auf 90,4 % [LL1]. Ein negativer MRT-Befund darf deshalb nicht isoliert beurteilt werden.

Bildgebung: Magnetresonanztomographie der Prostata

Die MRT der Prostata ist kein primärer Screeningtest für alle Männer, sondern das zentrale bildgebende Verfahren der weiterführenden Diagnostik nach PSA-basierter Risikoselektion [4] [LL1, LL2].

Nach deutscher S3-Leitlinie soll bei kontrolliert erhöhtem PSA-Wert zunächst eine urologische Risikobewertung erfolgen. Bestätigt sich ein relevantes Prostatakarzinomrisiko, soll eine MRT der Prostata durchgeführt werden. Im Rahmen der Primärdiagnostik (ersten diagnostischen Abklärung) soll die MRT vor einer Biopsie erfolgen, sofern sich daraus handlungsrelevante Konsequenzen ergeben [LL1].

Die MRT soll nach definierten Qualitätsstandards durchgeführt und von entsprechend qualifizierten Befundern beurteilt werden. Die standardisierte Beurteilung erfolgt anhand des Prostate Imaging Reporting and Data System (PI-RADS). Mit zunehmendem PI-RADS-Score steigt die Wahrscheinlichkeit eines klinisch signifikanten Prostatakarzinoms [LL1, LL2].

Die multiparametrische Magnetresonanztomographie (mpMRT) umfasst T2-gewichtete, diffusionsgewichtete und dynamische kontrastmittelverstärkte Sequenzen. Aktuelle Evidenz zeigt jedoch, dass eine qualitätsgesicherte biparametrische Magnetresonanztomographie (bpMRT) ohne dynamische Kontrastmittelserie unter definierten Voraussetzungen eine diagnostisch gleichwertige Alternative darstellen kann.

Im prospektiven multizentrischen PRIME-Trial war die bpMRT der mpMRT hinsichtlich der Detektion klinisch signifikanter Prostatakarzinome der ISUP-Gradgruppe ≥ 2 nicht unterlegen. Die Detektionsraten betrugen 29,2 % beziehungsweise 29,6 % [5]. Voraussetzung für die Übertragbarkeit dieser Ergebnisse sind eine hohe technische Bildqualität, eine qualifizierte Befundung und die Möglichkeit einer ergänzenden Untersuchung bei unklaren Befunden [5] [LL2].

MRT-basierter Diagnostikpfad

MRT-basierte Screening- und Diagnostikstrategien können die Zahl unnötiger Biopsien und insbesondere die Detektion klinisch insignifikanter Prostatakarzinome reduzieren [4] [LL1, LL2].

In der randomisierten Göteborg-2-Studie reduzierte eine Strategie, bei negativer MRT auf eine Biopsie zu verzichten und bei auffälliger MRT gezielt zu biopsieren, die Detektion klinisch insignifikanter Prostatakarzinome deutlich. Das relative Risiko für die Diagnose eines klinisch insignifikanten Karzinoms betrug gegenüber einer Strategie mit zusätzlicher systematischer Biopsie 0,43 (95-%-Konfidenzintervall 0,32-0,57). Für klinisch signifikante Prostatakarzinome ergab sich kein statistisch signifikanter Unterschied (relatives Risiko 0,84; 95-%-Konfidenzintervall 0,66-1,07) [4].

Der MRT-basierte diagnostische Pfad trägt damit wesentlich dazu bei, das Verhältnis zwischen Nutzen und Schaden der Prostatakrebsfrüherkennung zu verbessern.

Konsequenzen des MRT-Befundes

  • PI-RADS 1-2: Nach der deutschen S3-Leitlinie soll keine Biopsie durchgeführt werden [LL1]. Bei klinisch fortbestehendem erhöhtem Risiko muss die weitere Überwachung risikoadaptiert erfolgen.
  • PI-RADS 3: Bei niedrigem individuellem Risiko soll nach deutscher S3-Leitlinie keine Biopsie erfolgen. PSA-Dichte, Familienanamnese einschließlich Erkrankungsalter betroffener Verwandter und weitere Risikofaktoren sind in die Entscheidung einzubeziehen [LL1, LL2].
  • PI-RADS 4-5: Die in der MRT beschriebenen karzinomsuspekten Herde (krebsverdächtigen Gewebebereiche) sollen gezielt biopsiert werden. Die deutsche S3-Leitlinie empfiehlt die Entnahme von 2-3 Gewebezylindern (zylinderförmigen Gewebeproben) pro Herd [LL1].

Bei biopsienaiven Männern (Männern ohne vorausgegangene Gewebeentnahme) ist der zusätzliche diagnostische Nutzen einer systematischen Probenentnahme neben der MRT-gezielten Biopsie zu berücksichtigen [LL1, LL2]. Die genaue Biopsiestrategie soll entsprechend MRT-Befund, individuellem Risiko und vorausgegangener Diagnostik festgelegt werden.

Ergänzende Verfahren

Transrektale Prostatasonographie

Die transrektale Ultraschalluntersuchung (TRUS) ist kein primäres Verfahren zur Prostatakrebsfrüherkennung. Sie kann zur Bestimmung des Prostatavolumens und damit zur Berechnung der PSA-Dichte sowie als bildgebende Grundlage bei ultraschallgestützten Biopsieverfahren eingesetzt werden [LL1, LL2].

Konventioneller Ultraschall, kontrastmittelverstärkter Ultraschall, Ultraschallelastographie oder Histoscanning ersetzen eine qualitätsgesicherte MRT der Prostata im aktuellen diagnostischen Pfad nicht [LL1].

Biomarker und Risikokalkulatoren

Zusätzliche Serum- und Urinmarker sowie validierte Risikokalkulatoren können bei ausgewählten Männern mit unklarer Risikokonstellation zur weiteren Risikostratifikation beitragen. Hierzu gehören beispielsweise der Prostate Health Index (PHI), der 4Kscore und der Stockholm3-Test [LL1, LL2].

Die EAU-Leitlinie empfiehlt bei asymptomatischen Männern mit PSA-Werten zwischen 3 und 20 ng/ml für die weitere Entscheidung über eine Biopsie primär eine MRT der Prostata. Ein für die untersuchte Population korrekt kalibrierter Risikokalkulator oder zusätzliche Serum- beziehungsweise Urinbiomarker können alternativ beziehungsweise ergänzend eingesetzt werden [LL2].

Für keinen einzelnen Biomarkertest besteht derzeit eine generelle Empfehlung als Standardtest der Prostatakrebsfrüherkennung in Deutschland. Für den 4Kscore und den Stockholm3-Test weist die deutsche S3-Leitlinie zudem auf Einschränkungen hinsichtlich Verfügbarkeit und externer Qualitätskontrolle hin [LL1].

Zusammenfassung

  • Grundprinzip: Die moderne Prostatakrebsfrüherkennung ist PSA-basiert, risikoadaptiert und auf die Detektion klinisch signifikanter Tumoren ausgerichtet.
  • Beginn: Nach deutscher S3-Leitlinie soll Männern ab 45 Jahren mit einer Lebenserwartung von mindestens zehn Jahren nach ergebnisoffener Beratung eine PSA-Bestimmung angeboten werden, wenn sie weiterhin eine Früherkennung wünschen.
  • Familienanamnese: Neben dem Verwandtschaftsgrad sind Anzahl und insbesondere Erkrankungsalter betroffener Angehöriger zu erfassen. Ein junges Erkrankungsalter erhöht den Verdacht auf eine hereditäre Risikokonstellation (erbliche Risikokonstellation).
  • Digital-rektale Untersuchung: Die DRU soll nicht zur Prostatakrebsfrüherkennung eingesetzt werden.
  • PSA <1,5 ng/ml: erneute PSA-Bestimmung nach 5 Jahren.
  • PSA 1,5-2,99 ng/ml: erneute PSA-Bestimmung nach 2 Jahren.
  • PSA ≥3,0 ng/ml: zunächst Kontrollmessung innerhalb von drei Monaten; bei bestätigter Erhöhung risikoadaptierte weitere Diagnostik.
  • PSA-Dynamik: Starre Grenzwerte der PSA-Anstiegsgeschwindigkeit sind keine eigenständigen Kriterien für MRT oder Biopsie.
  • PSA-Dichte: Sie ist gemeinsam mit PI-RADS, Alter und weiteren Risikofaktoren ein zentraler Parameter der nachgelagerten Risikostratifikation.
  • MRT der Prostata: Sie ist das zentrale bildgebende Verfahren vor einer möglichen Biopsie, jedoch kein primärer Screeningtest für alle Männer.
  • Biparametrische MRT: Bei hoher technischer Qualität und qualifizierter Befundung kann sie eine diagnostisch gleichwertige Alternative zur mpMRT darstellen [5] [LL2].
  • MRT-basierter Diagnostikpfad: Er kann insbesondere unnötige Biopsien und die Detektion klinisch insignifikanter Tumoren reduzieren [4].

Abkürzungen

  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • bpMRT: biparametrische Magnetresonanztomographie
  • BRCA2: BRCA2-Gen (DNA-Reparaturgen)
  • DRU: digital-rektale Untersuchung
  • EAU: European Association of Urology
  • ERSPC: European Randomized Study of Screening for Prostate Cancer
  • G-BA: Gemeinsamer Bundesausschuss
  • ISUP: International Society of Urological Pathology
  • KFE-RL: Krebsfrüherkennungs-Richtlinie
  • LL: Leitlinie
  • mpMRT: multiparametrische Magnetresonanztomographie
  • MRT: Magnetresonanztomographie
  • MSH2: MSH2-Gen (DNA-Reparaturgen)
  • MSH6: MSH6-Gen (DNA-Reparaturgen)
  • PHI: Prostate Health Index
  • PI-RADS: Prostate Imaging Reporting and Data System
  • PRIME: PRostate Imaging using Mri +/- contrast Enhancement
  • PROBASE: Risk-adapted prostate cancer early detection study based on a 'baseline' PSA value in young men – a prospective multicenter randomised trial
  • PSA: prostataspezifisches Antigen
  • S3: evidenz- und konsensbasierte Leitlinie der Entwicklungsstufe S3
  • TRUS: transrektale Ultraschalluntersuchung

Literatur

  1. Franco JVA, Hwang EC, Jung JH et al.: Prostate-specific antigen (PSA) test for prostate cancer screening. Cochrane Database Syst Rev. 2026;5:CD004720. doi: 10.1002/14651858.CD004720.pub4.
  2. Roobol MJ, de Vos II, Månsson M et al.: European Study of Prostate Cancer Screening - 23-Year Follow-up. N Engl J Med. 2025;393(17):1669-1680. doi: 10.1056/NEJMoa2503223.
  3. Krilaviciute A, Kaaks R, Seibold P et al.: Risk-adjusted Screening for Prostate Cancer-Defining the Low-risk Group by Data from the PROBASE Trial. Eur Urol. 2024;86(6):493-500. doi: 10.1016/j.eururo.2024.04.030.
  4. Hugosson J, Godtman RA, Wallstrom J et al.: Results after Four Years of Screening for Prostate Cancer with PSA and MRI. N Engl J Med. 2024;391(12):1083-1095. doi: 10.1056/NEJMoa2406050.
  5. Ng ABCD, Asif A, Agarwal R et al.: Biparametric vs Multiparametric MRI for Prostate Cancer Diagnosis: The PRIME Diagnostic Clinical Trial. JAMA. 2025;334(13):1170-1179. doi: 10.1001/jama.2025.13722.

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. S3-Leitlinie: Prostatakarzinom. (AWMF-Registernummer 043-022OL) August 2025. Langfassung. [LL1]
  2. European Association of Urology: EAU Guidelines on Prostate Cancer. EAU Guidelines. Edition presented at the EAU Annual Congress London 2026. ISBN 978-94-92671-32-5. EAU Guidelines Office, Arnhem, The Netherlands. Online-Version. [LL2]
  3. Robert Koch-Institut, Zentrum für Krebsregisterdaten: Krebs in Deutschland für 2021-2023 – Prostata (C61). Dezember 2025. Kapitel Prostata. [LL3]
  4. Gemeinsamer Bundesausschuss: Richtlinie über die Früherkennung von Krebserkrankungen (Krebsfrüherkennungs-Richtlinie/KFE-RL). Fassung vom 18. Juni 2009, zuletzt geändert am 18. Dezember 2025, in Kraft getreten am 12. März 2026. Aktuelle Fassung. [LL4]
  5. Gemeinsamer Bundesausschuss: Einleitung des Beratungsverfahrens – Bewertung eines risikoadaptierten PSA- und MRT-Screenings zur Früherkennung eines Prostatakarzinoms. Beschluss vom 16. Oktober 2025. Beschluss. [LL5]