Polkörperdiagnostik (PKD)
Die Polkörperdiagnostik (PKD) ist ein Verfahren der genetischen Präimplantationsdiagnostik (genetische Untersuchung vor dem Einsetzen des Embryos) an den Polkörpern der Eizelle. Sie ermöglicht eine Untersuchung des maternalen (mütterlichen) genetischen Materials vor Abschluss der Befruchtung beziehungsweise vor der Syngamie (Verschmelzung der Erbanlagen) und wird im Rahmen der assistierten Reproduktion (künstlichen Befruchtung) vor allem in Verbindung mit In-vitro-Fertilisation (IVF) oder intrazytoplasmatischer Spermieninjektion (ICSI) eingesetzt [1-4].
Die PKD erlaubt ausschließlich Rückschlüsse auf den maternalen Chromosomensatz beziehungsweise auf maternale pathogene Varianten (krankheitsverursachende Veränderungen) der Eizelle. Paternale (väterliche) genetische Veränderungen sowie postzygotisch (nach der Befruchtung) entstehende chromosomale Fehler und Mosaike (Nebeneinander genetisch unterschiedlicher Zelllinien) können mit der PKD nicht erfasst werden. Damit ist ihre Aussagekraft grundsätzlich begrenzter als die einer embryonalen Präimplantationsdiagnostik [1-4].
Historie
Die Polkörperdiagnostik entwickelte sich aus den frühen Verfahren der Präimplantationsdiagnostik der 1990er-Jahre. Zunächst standen FISH-basierte Verfahren zur Detektion (Nachweis) ausgewählter Aneuploidien (Chromosomenfehlverteilungen) im Vordergrund. Mit der Weiterentwicklung der molekulargenetischen Diagnostik wurden diese Methoden weitgehend durch genomweite Verfahren wie Array-CGH und heute vor allem NGS-basierte Strategien ersetzt, die eine deutlich breitere und technisch robustere Analyse ermöglichen [1-4].
Methode
Die PKD beruht auf der Biopsie (Gewebeentnahme) des ersten und gegebenenfalls des zweiten Polkörpers. Diese enthalten das bei der Meiose (Reifeteilung der Keimzellen) ausgeschleuste maternale genetische Material und erlauben damit indirekte Rückschlüsse auf die genetische Ausstattung der Eizelle. Die Biopsie erfolgt nach der Follikelpunktion (Entnahme der Eizellen aus den Eierstöcken) und Reifung der Eizelle sowie in einem engen zeitlichen Fenster vor Abschluss der Befruchtung beziehungsweise vor der Kernverschmelzung [1, 3, 4].
Nach der Biopsie wird das genetische Material in der Regel mittels Whole-Genome-Amplification (Vervielfältigung des gesamten Erbguts) aufbereitet und anschließend mit modernen molekulargenetischen Verfahren untersucht. Für chromosomale Fragestellungen kommen vor allem Array-CGH oder NGS zum Einsatz; bei monogenen Erkrankungen (durch Veränderungen eines einzelnen Gens verursachte Erkrankungen) werden gezielte molekulargenetische Teststrategien verwendet. FISH hat heute vorwiegend historischen Charakter und spielt in der aktuellen Routine nur noch eine untergeordnete Rolle [1-4].
Anwendung
- Nachweis maternaler Aneuploidien: Die PKD kann zur Identifikation meiotischer (während der Reifeteilung entstandener) Chromosomenfehlverteilungen der Eizelle eingesetzt werden, insbesondere bei fortgeschrittenem maternalen Alter oder in ausgewählten Konstellationen mit erhöhter Aneuploidiewahrscheinlichkeit [1, 2, 4].
- Nachweis maternaler monogener Veränderungen: Die PKD kann bei bekannten maternalen pathogenen Varianten eine Option darstellen, insbesondere wenn nur wenige Eizellen zur Verfügung stehen oder wenn eine Untersuchung auf Eizellebene bevorzugt wird [2, 3].
- Ergänzende Selektionshilfe im Rahmen der assistierten Reproduktion: Die PKD kann in Einzelfällen dazu beitragen, Eizellen mit maternalen genetischen Auffälligkeiten von der weiteren Verwendung auszuschließen [1-4].
Grenzen der Methode
- Erfassung nur maternaler Informationen: Paternale Varianten und paternale chromosomale Beiträge bleiben unberücksichtigt [1-4].
- Keine Erfassung postzygotischer Fehler: Mitotische Fehler (Fehler bei der Zellteilung) nach der Befruchtung sowie embryonale Mosaike werden durch die PKD nicht erkannt [1, 2, 4].
- Begrenzte Aussagekraft im Vergleich zur embryonalen PGT: Die PKD ist keine vollständige Alternative zur Trophektodermbiopsie (Entnahme von Zellen aus der äußeren Schicht des Embryos), sondern eine diagnostisch enger gefasste Methode [1, 2, 4].
- Abhängigkeit von Laborqualität und Timing: Aussagekraft und Zuverlässigkeit hängen wesentlich von standardisierten Biopsie-, Tubing- und Analyseprozessen ab [3, 4].
Sicherheit
Nach den aktuellen Good-Practice-Empfehlungen gilt die Polkörperbiopsie bei adäquater technischer Durchführung als etabliertes und im IVF-/ICSI-Kontext grundsätzlich sicheres Verfahren. Da nicht embryonale Zellen, sondern ausgeschleustes maternales Material untersucht werden, ist die PKD biologisch anders einzuordnen als eine embryonale Zellbiopsie. Die Qualität der Durchführung, die Erfahrung des Zentrums und die korrekte Indikationsstellung (medizinische Begründung für die Untersuchung) bleiben jedoch entscheidend [3, 4].
Klinischer Nutzen und Erfolgsraten
Die Evidenzlage (wissenschaftliche Datenlage) zur PKD ist differenziert. Für ausgewählte Konstellationen kann die Methode klinisch nützlich sein, insbesondere bei maternalen monogenen Erkrankungen und bei ausgewählten Fragestellungen zur maternalen Aneuploidiediagnostik [1, 2]. Ein genereller, für alle Patientinnen konsistenter Vorteil hinsichtlich klinischer Schwangerschaftsrate oder Lebendgeburtenrate ist jedoch bislang nicht gesichert. Die Daten sprechen eher für einen selektiven Nutzen in spezifischen klinischen Situationen als für einen universellen Routineeinsatz [1, 2, 4, 5].
Die PKD sollte deshalb nicht pauschal als Methode zur generellen Steigerung des IVF-/ICSI-Erfolgs dargestellt werden. Ihr Stellenwert liegt vielmehr in der gezielten Anwendung bei klarer Indikation, strukturierter genetischer Beratung und qualitätsgesicherter Labordiagnostik (Laboruntersuchung) [2-5].
Einordnung im klinischen Kontext
Die PKD ist heute kein Standardverfahren für alle Paare in der assistierten Reproduktion. Ihr sinnvoller Einsatz erfordert eine präzise klinische und humangenetische (erbmedizinische) Indikationsstellung, die Einbettung in ein erfahrenes reproduktionsmedizinisches Setting sowie eine differenzierte Aufklärung über Aussagekraft und Grenzen der Methode. Im Vordergrund stehen dabei nicht nur technische Machbarkeit, sondern vor allem medizinische Sinnhaftigkeit und patientenindividueller Nutzen [3-5].
Fazit
Die Polkörperdiagnostik (PKD) ist ein spezialisiertes Verfahren der Präimplantationsdiagnostik, das die genetische Untersuchung maternalen Materials auf Ebene der Eizelle ermöglicht. Die Methode ist vor allem bei maternalen monogenen Fragestellungen und ausgewählten Aneuploidie-Konstellationen klinisch relevant. Ihre zentrale Limitation (Einschränkung) besteht darin, dass ausschließlich maternale meiotische Veränderungen erfasst werden, während paternale und postzygotische Veränderungen unentdeckt bleiben. Die PKD ist daher keine generelle Ersatzmethode für andere Formen der Präimplantationsdiagnostik, sondern ein indikationsbezogenes Verfahren mit
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Literatur
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- Carvalho F, Coonen E, Goossens V, Kokkali G, Rubio C, Meijer-Hoogeveen M et al.: ESHRE PGT Consortium good practice recommendations for the organisation of PGT. Hum Reprod Open. 2020;2020(3):hoaa021. https://doi.org/10.1093/hropen/hoaa021
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