Flüssigkeitszufuhr bei Untergewicht – wie viel sinnvoll ist und worauf zu achten ist

Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr ist essenziell für alle Stoffwechselprozesse. Bei Untergewicht gewinnt sie eine besondere Bedeutung: Einerseits unterstützt sie Verdauung, Nährstofftransport und Zellfunktion, andererseits kann eine ungünstige Trinkmenge das Sättigungsgefühl verstärken und so die Energieaufnahme beeinträchtigen. Die richtige Balance zwischen Hydrierung und Energiezufuhr ist daher ein wichtiger Baustein im Konzept „gesund zunehmen“.

Physiologische Grundlagen des Flüssigkeitshaushalts

Der menschliche Körper besteht zu etwa 50-60 % aus Wasser. Dieses verteilt sich auf den Intrazellulärraum (innerhalb der Zellen) und den Extrazellulärraum (außerhalb der Zellen). Wasser dient als Lösungs- und Transportmittel für Nährstoffe, Elektrolyte und Stoffwechselprodukte.

Die Regulation erfolgt über komplexe Mechanismen, unter anderem über das Hormon Vasopressin (antidiuretisches Hormon, ADH), das die Wasserrückresorption in der Niere steuert.

Ein stabiler Flüssigkeitshaushalt ist Voraussetzung für:

  • eine normale Nierenfunktion
  • eine geregelte Verdauung
  • einen funktionierenden Energiestoffwechsel
  • eine ausreichende Durchblutung der Gewebe

Gerade bei Untergewicht können reduzierte Muskelmasse und geringe Glykogenspeicher (Kohlenhydratspeicher in Leber und Muskulatur, die Wasser binden) zu veränderten Flüssigkeitsverteilungen führen.

Wie viel Flüssigkeit ist bei Untergewicht sinnvoll?

Für gesunde Erwachsene gilt als Orientierungswert eine tägliche Flüssigkeitszufuhr von etwa 30-35 ml pro Kilogramm Körpergewicht. Bei einem Körpergewicht von 50 kg entspricht dies etwa 1,5-1,8 Litern pro Tag.

Dabei ist zu berücksichtigen:

  • Körperliche Aktivität erhöht den Bedarf.
  • Fieber, Durchfall oder starkes Schwitzen steigern den Verlust.
  • Eine sehr ballaststoffreiche Ernährung erfordert zusätzliche Flüssigkeit.

Bei Untergewicht sollte jedoch vermieden werden, große Flüssigkeitsmengen unmittelbar vor oder während der Hauptmahlzeiten zu trinken. Ein stark gefüllter Magen aktiviert Dehnungsrezeptoren (Sensoren in der Magenwand), die über hormonelle Signale wie Cholezystokinin (Sättigungshormon) das Sättigungsgefühl verstärken können. Dies kann die ohnehin oft reduzierte Energieaufnahme weiter einschränken.

Trinkmenge und Energieaufnahme – ein sensibles Gleichgewicht

Eine hohe Trinkmenge mit energiearmen Getränken (z. B. Wasser oder ungesüßtem Tee) kann bei Personen mit frühem Sättigungsgefühl problematisch sein.

Sinnvoll sind daher folgende Strategien:

  • Flüssigkeit zeitlich versetzt zu den Hauptmahlzeiten zuführen
  • Kleine Schlucke statt großer Trinkmengen auf einmal
  • Bei Bedarf energiereiche Getränke ergänzend einsetzen (z. B. Milch, angereicherte Smoothies)
  • Keine Mahlzeiten durch reine Flüssigkeit ersetzen, sofern keine medizinische Indikation besteht

Ziel ist eine ausreichende Hydrierung ohne Beeinträchtigung der Kalorienzufuhr.

Elektrolyte und Mikronährstoffe beachten

Neben Wasser spielen Elektrolyte (z. B. Natrium, Kalium, Magnesium) eine zentrale Rolle für die Zellfunktion und den osmotischen Druck (Druckverhältnisse zwischen Flüssigkeitsräumen).

Bei stark eingeschränkter Nahrungsaufnahme kann es zu relativen Defiziten kommen. Besonders bei schneller Gewichtszunahme oder nach längerer Mangelernährung sollte das Risiko eines Refeeding-Syndroms (Stoffwechselentgleisung durch rasche Nährstoffzufuhr mit Elektrolytverschiebungen) bedacht werden. Eine medizinische Begleitung ist in solchen Fällen erforderlich.

Warnzeichen einer unzureichenden oder übermäßigen Flüssigkeitszufuhr

Hinweise auf Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) können sein:

  • Dunkler Urin
  • Verminderte Urinmenge
  • Konzentrationsschwäche
  • Kreislaufbeschwerden

Eine übermäßige Flüssigkeitszufuhr kann dagegen zu Hyponatriämie (zu niedriger Natriumspiegel im Blut) führen, insbesondere wenn große Mengen stark verdünnter Getränke konsumiert werden. Dies ist jedoch im Alltag selten.

Praktische Empfehlungen für den Ernährungsalltag

  • Regelmäßige, moderate Trinkmengen über den Tag verteilt
  • Getränke nicht als „Appetitzügler“ einsetzen
  • Energiearme Getränke bewusst dosieren
  • Bei Appetitmangel energiedichte Getränke gezielt ergänzen
  • Individuelle Anpassung an Körpergewicht, Aktivität und klinische Situation

Eine strukturierte Trinkplanung kann ebenso sinnvoll sein wie eine geplante Mahlzeitenstruktur.

Fazit

Bei Untergewicht ist eine ausreichende, aber maßvolle Flüssigkeitszufuhr entscheidend. Orientierungswerte von 30–35 ml/kg Körpergewicht bieten eine sinnvolle Grundlage. Entscheidend ist das Timing: Große Trinkmengen unmittelbar vor Mahlzeiten können das Sättigungsgefühl verstärken und die Energieaufnahme reduzieren. Ziel ist eine ausgewogene Hydrierung, die den Stoffwechsel unterstützt, ohne die Gewichtszunahme zu behindern.

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Literatur

  1. Popkin BM, D'Anci KE, Rosenberg IH. Water, hydration, and health. Nutr Rev. 2010 Aug;68(8):439-58. doi: 10.1111/j.1753-4887.2010.00304.x.
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