Essbrechsucht (Bulimia nervosa) – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Gewichtswiederherstellung: Erreichen und Erhalten eines individuell angemessenen Körpergewichts; bei Kindern und Jugendlichen zusätzlich Sicherung von Wachstum und Pubertätsentwicklung [LL2, LL3].
  • Verbesserung der Essstörung: Normalisierung des Essverhaltens und Verminderung von Gewichtsangst, kompensatorischem Verhalten (Verhalten zum Ausgleich der Nahrungsaufnahme oder zur Vermeidung einer Gewichtszunahme) und exzessiver körperlicher Aktivität [LL2, LL3].
  • Vermeidung von Komplikationen: Behandlung somatischer und psychischer Begleiterkrankungen sowie Vorbeugung eines Refeeding-Syndroms (Stoffwechselstörungen beim Wiederbeginn der Ernährung nach längerer Unterernährung) und langfristiger Knochenschäden [LL2, LL4].

Therapieempfehlungen

  • Multimodale Behandlung: Die Behandlung der Anorexia nervosa (Magersucht) (AN) beruht auf Ernährungstherapie, essstörungsspezifischer Psychotherapie und somatischer Überwachung. Bei Kindern und Jugendlichen ist die Familie regelhaft einzubeziehen. Medikamente dürfen diese Behandlung nicht ersetzen [LL2, LL3].
  • Stellenwert der Pharmakotherapie: Eine ausreichend wirksame medikamentöse Behandlung der AN als alleinige Therapie ist nicht etabliert. Arzneimittel kommen ergänzend bei ausgewählten Symptomen, eigenständigen psychischen Begleiterkrankungen und körperlichen Komplikationen zum Einsatz [2, 3, 4, 5, LL2].
  • Olanzapin: Bei ausgewählten Erwachsenen kann ein fachärztlich begleiteter Therapieversuch als Off-Label-Use erwogen werden. Zu erwarten ist allenfalls eine begrenzte zusätzliche Gewichtszunahme; eine zuverlässige Besserung der essstörungsspezifischen Psychopathologie (Gesamtheit der psychischen Krankheitszeichen) ist nicht belegt. Behandlungsziel, Verträglichkeit und Fortführungsbedarf sind regelmäßig zu prüfen [2, 3].
  • Antidepressiva: Keine routinemäßige Verordnung zur Gewichtszunahme oder allgemeinen Rückfallprophylaxe. Eine eigenständige Depression (krankhafte Niedergeschlagenheit), Angst- oder Zwangsstörung (Erkrankung mit übermäßigen Ängsten beziehungsweise wiederkehrenden, aufdrängenden Gedanken oder Handlungen) kann eine gesonderte Indikation begründen. Dabei müssen hungerbedingte Symptome, körperliche Stabilität, Wechselwirkungen und die jeweilige Arzneimittelzulassung berücksichtigt werden [4, 5, LL2, FI1, FI2].
  • Gewichtszunahme: Als Orientierung können stationär etwa 0,5 bis 1,0 kg und ambulant etwa 0,2 bis 0,5 kg pro Woche dienen. Dies sind individuell anzupassende Zielbereiche; 1,0 kg pro Woche ist keine allgemeingültige Sicherheitsobergrenze. Frühe Gewichtsänderungen können durch Flüssigkeitsverschiebungen beeinflusst sein [LL1, LL3, LL4].
  • Refeeding: Bei ausgeprägter Mangelernährung sind Ernährungsaufbau, Thiamingabe und Elektrolytausgleich koordiniert durchzuführen. Das Risiko darf weder zu unkontrolliertem Ernährungsaufbau noch zu anhaltender Unterernährung durch eine unzureichende Energiezufuhr führen [LL4, LL5].
  • Weitere Behandlung: Einzelheiten zur Ernährungstherapie und zu psychotherapeutischen Verfahren siehe unter „Ernährungsmedizin“ beziehungsweise „Weitere Therapie“.

Indikationen zur stationären Behandlung

Die Entscheidung richtet sich nach dem Gesamtzustand, dem Gewichtsverlauf, der Behandelbarkeit im ambulanten Rahmen und dem Überwachungsbedarf. Ein einzelner Body-Mass-Index (BMI) darf nicht allein über die Aufnahme entscheiden. Auch bei höherem BMI können nach raschem Gewichtsverlust schwere Komplikationen auftreten [LL2, LL4].

  • Erhebliche Mangelernährung oder rasche Verschlechterung: Bei Erwachsenen unterstützt ein BMI < 15 kg/m2 die stationäre Indikation. Bei Kindern und Jugendlichen sind altersbezogene Gewichtsmaße, Wachstumskurve und Gewichtsverlust maßgeblich [LL1, LL3].
  • Kardiovaskuläre Instabilität (instabile Herz-Kreislauf-Funktion): Bei Erwachsenen unter anderem Ruheherzfrequenz < 50/min, Blutdruck < 90/60 mmHg, ausgeprägte Orthostase (Kreislaufstörung beim Aufstehen), Synkopen (kurzzeitige Ohnmachtsanfälle) oder relevante Veränderungen im Elektrokardiogramm (EKG). Eine Herzfrequenz < 40/min ist ein besonders dringliches Warnzeichen; mit der Abklärung darf nicht bis zu diesem Wert gewartet werden [LL3, LL4].
  • Metabolische Gefährdung: Glucose < 60 mg/dl, klinisch relevante Hypokaliämie (Kaliummangel im Blut), Hypophosphatämie (Phosphatmangel im Blut), Hypomagnesiämie (Magnesiummangel im Blut) oder Hyponatriämie (Natriummangel im Blut), Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) sowie eine Körpertemperatur < 36,0 °C. Ein Kaliumwert < 3,0 mmol/l erfordert eine dringliche Beurteilung [LL3, LL4].
  • Organfunktionsstörungen: Akute Beeinträchtigungen insbesondere von Herz, Niere oder Leber sowie ein manifestes oder besonders hohes Risiko für ein Refeeding-Syndrom [LL4].
  • Psychische oder verhaltensbezogene Gefährdung: Suizidalität (Gefährdung durch Selbsttötung), schwere psychische Komorbidität (Begleiterkrankung), Nahrungs- oder Flüssigkeitsverweigerung und ambulant nicht beherrschbares Erbrechen, Laxanzien- oder Diuretikamissbrauch beziehungsweise exzessive körperliche Aktivität [LL1, LL3].
  • Unzureichende ambulante Behandlung: Anhaltender Gewichtsverlust, unzureichende Gewichtszunahme trotz Behandlung, fehlende tragfähige Unterstützung oder ein ambulant nicht sicher zu gewährleistender Behandlungsrahmen [LL1, LL2].

Wirkstoffe (Hauptindikationen)

Die folgenden Dosierungen beziehen sich auf die jeweils angegebene Indikation. Bei ausgeprägtem Untergewicht sind Verträglichkeit, Organfunktion, Elektrolyte und Begleitmedikation besonders zu berücksichtigen. Ein Off-Label-Use erfordert eine dokumentierte Nutzen-Risiko-Abwägung und Aufklärung.

Atypische Antipsychotika

Wirkstoff Besonderheiten
Olanzapin Off-Label-Use bei AN. Ergänzende, regelmäßig zu überprüfende Behandlung. Unter 18 Jahren laut Fachinformation nicht empfohlen; keine pauschale altersbezogene Kontraindikation. Anwendung bei Minderjährigen allenfalls nach spezialisierter kinder- und jugendpsychiatrischer Beurteilung; die Wirksamkeit ist nicht ausreichend gesichert [2, 3, FI3].
  • Wirkweise: Antagonismus unter anderem an Serotonin-5-HT2- und Dopamin-D2-Rezeptoren; zusätzliche histaminerge, muskarinerge und adrenerge Wirkungen. Die Wirkung lässt sich nicht auf eine D4-Blockade reduzieren [FI3].
  • Indikationen: Individueller ergänzender Therapieversuch bei Erwachsenen, insbesondere bei unzureichender Gewichtszunahme und ausgeprägter essstörungsbezogener gedanklicher Einengung. Eine verlässliche Wirkung auf Gewichtsangst, Zwangssymptome oder Hyperaktivität (übermäßiger Bewegungsdrang) kann nicht zugesagt werden [2, 3, LL1].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit und bekanntes Risiko eines Engwinkelglaukoms (grüner Star durch einen verengten Abflusswinkel im Auge). Besondere Vorsicht bei Hypotonie (niedrigem Blutdruck), kardialen Risiken, Elektrolytstörungen und sedierender Begleitmedikation [FI3].
  • Nebenwirkungen: Sedierung (Dämpfung mit Müdigkeit und Schläfrigkeit), orthostatische Hypotonie (Blutdruckabfall beim Aufstehen), Obstipation (Verstopfung), metabolische Veränderungen mit erhöhten Glucose- und Lipidwerten, Hyperprolaktinämie (erhöhter Prolaktinspiegel im Blut), Leberwerterhöhungen und mögliche Blutbildveränderungen; außerdem extrapyramidale Symptome (Bewegungsstörungen wie Muskelsteifheit, Zittern oder unwillkürliche Bewegungen) und selten ein malignes neuroleptisches Syndrom (lebensbedrohliche Arzneimittelreaktion mit Fieber, Muskelsteifheit und Bewusstseinsstörungen) [FI3].

In einer 16-wöchigen randomisierten Studie mit 152 Erwachsenen nahm der BMI unter Olanzapin um etwa 0,259 kg/m2 pro Monat zu, unter Placebo um 0,095 kg/m2. Der zusätzliche Effekt war damit klein; bei der primär untersuchten Zwangssymptomatik bestand kein signifikanter Vorteil. Eine Metaanalyse bestätigt einen begrenzten Gewichtseffekt bei Erwachsenen, während die Ergebnisse bei Jugendlichen unsicher bleiben [2, 3].

Eine evidenzbasierte feste Höchstdauer der Behandlung ist nicht definiert. Bei fehlendem Nutzen oder relevanten Nebenwirkungen ist der Therapieversuch zu beenden; eine längerfristige Verordnung bedarf einer erneuten individuellen Begründung [2, 3].

Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) bei psychischer Komorbidität

Wirkstoff Besonderheiten
Fluoxetin Keine Zulassung für AN. Bei mittelgradiger bis schwerer Depression ab acht Jahren nach unzureichendem Ansprechen auf vier bis sechs Sitzungen psychologischer Behandlung und nur zusammen mit fortgesetzter psychologischer Behandlung zugelassen. Bei Leberfunktionsstörung Dosis reduzieren oder Einnahmeintervall verlängern [FI1].
Citalopram Keine Zulassung für AN. Wegen dosisabhängiger QT-Verlängerung bei Bradykardie (verlangsamtem Herzschlag) und Elektrolytstörungen besonders kritisch abzuwägen. Unter 18 Jahren nicht empfohlen; dies ist von einer formalen Kontraindikation zu unterscheiden [FI2].
  • Wirkweise: Selektive Hemmung der Serotonin-Wiederaufnahme; keine etablierte direkte Wirkung auf die Kernsymptomatik der AN [4, FI1, FI2].
  • Indikationen: Eigenständige behandlungsbedürftige psychische Komorbidität entsprechend der jeweiligen Zulassung. Bei fortbestehender Depression nach Gewichtswiederherstellung ist die Indikation erneut zu prüfen. Eine schwere Depression oder Suizidalität erfordert eine sofortige psychiatrische Beurteilung; notwendige Behandlung darf nicht schematisch bis zur Normalisierung des Gewichts verschoben werden [5, LL2].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit sowie kontraindizierte Kombinationen mit Monoaminoxidase-Hemmern unter Beachtung der Auswaschzeiten. Citalopram zusätzlich bei bekanntem verlängertem QT-Intervall, angeborenem Long-QT-Syndrom (Störung der elektrischen Herzerregung mit erhöhtem Risiko für Herzrhythmusstörungen) oder gleichzeitiger Einnahme QT-verlängernder Arzneimittel. Hypokaliämie und Hypomagnesiämie vor Behandlungsbeginn korrigieren [FI1, FI2].
  • Nebenwirkungen: Übelkeit, Diarrhoe (Durchfall), Schlafstörungen, sexuelle Funktionsstörungen, Aktivierung und Akathisie (quälende innere Unruhe mit Bewegungsdrang); ferner Hyponatriämie, Blutungsneigung und Serotonin-Syndrom (potenziell lebensbedrohliche Reaktion auf eine zu starke Serotoninwirkung). Zu Beginn und nach Dosisänderungen Suizidalität überwachen. Fluoxetin kann Appetit und Gewicht vermindern; Citalopram kann das QT-Intervall verlängern [FI1, FI2].

Fluoxetin zeigte in einer randomisierten Studie nach Gewichtswiederherstellung keinen allgemeinen Vorteil hinsichtlich der Rückfallverhütung. Eine 2025 veröffentlichte explorative Sekundäranalyse derselben Studie ergab einen möglichen Nutzen bei weiterhin deutlich depressiven Patienten. Diese Beobachtung muss bestätigt werden und rechtfertigt keine routinemäßige Verordnung an alle Patienten mit AN [4, 5].

Thiamin zur Prävention von Refeeding-Komplikationen

Wirkstoff Besonderheiten
Thiamin Bei nicht möglicher oraler Gabe parenterale Substitution. Bei Verdacht auf Wernicke-Enzephalopathie (Hirnerkrankung durch schweren Thiaminmangel) sofortige parenterale Behandlung nach gesondertem Notfallschema; die orale Prophylaxedosis ist hierfür nicht ausreichend. Pädiatrische Dosierung nach spezialisiertem Protokoll [LL4, LL5].
  • Wirkweise: Bereitstellung eines essenziellen Cofaktors des Kohlenhydratstoffwechsels [LL4].
  • Indikationen: Refeeding-Prophylaxe bei erheblicher Mangelernährung beziehungsweise längerfristig sehr geringer Nahrungszufuhr und Behandlung eines Thiaminmangels [LL4, LL5].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Thiamin oder andere Bestandteile des verwendeten Präparats [FI6].
  • Nebenwirkungen: Selten Überempfindlichkeitsreaktionen; bei parenteraler Gabe sind schwere allergische Reaktionen möglich [FI6].

Elektrolytsubstitution bei Mangelzuständen und Refeeding

Wirkstoff Besonderheiten
Phosphat Engmaschige Kontrollen beim Ernährungsaufbau. Eine prophylaktische Gabe bei besonders hohem Risiko kann Bestandteil des spezialisierten Refeeding-Protokolls sein [LL4, LL5].
Kalium Keine unverdünnte intravenöse Bolusgabe. Begleitenden Magnesiummangel berücksichtigen [LL4, FI7].
Magnesium Bei schwerer oder symptomatischer Hypomagnesiämie überwachte Behandlung [LL4, LL5].
  • Wirkweise: Ausgleich von Elektrolytdefiziten und Verminderung neuromuskulärer und kardialer Komplikationen [LL4].
  • Indikationen: Nachgewiesener Mangel; gegebenenfalls vorbeugende Substitution bei hohem Refeeding-Risiko nach festgelegtem Behandlungsprotokoll [LL4, LL5].
  • Kontraindikationen: Erhöhte Konzentration des jeweils zu substituierenden Elektrolyten. Bei eingeschränkter renaler Ausscheidung besteht ein erhebliches Überdosierungsrisiko; Dosierung und Kontrollen müssen entsprechend angepasst werden. Für parenterales Magnesium sind zusätzliche präparatspezifische Gegenanzeigen, insbesondere relevante kardiale Überleitungsstörungen (Störungen der elektrischen Erregungsleitung im Herzen), zu beachten [LL5, FI7, FI8].
  • Nebenwirkungen: Gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden) bei oraler Gabe; bei Überdosierung oder zu schneller intravenöser Zufuhr unter anderem Herzrhythmusstörungen. Phosphat kann Hypocalcämie (Calciummangel im Blut) auslösen; Magnesium kann bei Akkumulation Hypotonie und neuromuskuläre Depression (Dämpfung der Nerven- und Muskelfunktion) verursachen [FI7, FI8].

Vitamin D und Calcium zur Unterstützung der Knochengesundheit

Die wichtigste Maßnahme gegen den AN-bedingten Knochenverlust ist die nachhaltige Korrektur des Energiedefizits mit Gewichtswiederherstellung und Erholung der gonadalen Funktion (Funktion der Eierstöcke beziehungsweise Hoden). Vitamin D und Calcium sichern die Versorgung, beheben aber allein die zugrunde liegende Störung nicht [LL2, LL6].

Wirkstoff Besonderheiten
Cholecalciferol (Vitamin D3) Bei nachgewiesenem Mangel kann eine vorübergehend höhere, kontrollierte Substitution erforderlich sein. Keine unkontrollierten Hochdosisgaben. Bereits in anderen Präparaten enthaltenes Vitamin D berücksichtigen [7, FI5].
Calcium Gesamtzufuhr aus Lebensmitteln und Präparaten erfassen. Einnahmeabstände zu interagierenden Arzneimitteln, beispielsweise Levothyroxin, Tetracyclinen und Bisphosphonaten, entsprechend der jeweiligen Fachinformation einhalten [6, FI5].
  • Wirkweise: Unterstützung der Knochenmineralisation (Einlagerung von Mineralstoffen in die Knochen); Vitamin D fördert die intestinale Calciumaufnahme [6, 7].
  • Indikationen: Unzureichende Zufuhr beziehungsweise nachgewiesener Mangel; Sicherung einer ausreichenden Versorgung bei erhöhtem Risiko für Knochenschäden [6, 7, LL2].
  • Kontraindikationen: Präparatabhängig insbesondere Hypercalcämie (erhöhter Calciumspiegel im Blut), Hypercalcurie (vermehrte Calciumausscheidung im Urin), Nephrocalcinose (Calciumablagerungen im Nierengewebe), calciumhaltige Nierensteine und Vitamin-D-Überdosierung; bei Niereninsuffizienz (eingeschränkter Nierenfunktion) ist eine gesonderte fachärztliche Beurteilung erforderlich [FI5].
  • Nebenwirkungen: Calcium kann Obstipation und andere gastrointestinale Beschwerden verursachen. Überdosierungen können zu Hypercalcämie, Hypercalcurie, Nierensteinen und Nierenfunktionsstörungen führen [FI5].

Bei persistierender hypothalamischer Amenorrhoe (Ausbleiben der Regelblutung durch eine gestörte hormonelle Steuerung im Gehirn) und beeinträchtigter Knochengesundheit kann nach unzureichendem Erfolg der Ernährungs- und Psychotherapie eine zeitlich begrenzte transdermale Estradiolbehandlung mit zyklischem Gestagen fachendokrinologisch erwogen werden. Bei Jugendlichen sind Pubertätsstatus und Knochenalter zu berücksichtigen. Kombinierte orale Kontrazeptiva sollen nicht allein zur Verbesserung der Knochendichte verordnet werden [LL2, LL6].

Bisphosphonate sind keine routinemäßige Prophylaxe bei AN. NICE nennt sie als mögliche Option bei erwachsenen Frauen mit langjährigem Untergewicht und niedriger Knochendichte; die Endocrine Society rät bei funktioneller hypothalamischer Amenorrhoe von ihrem routinemäßigen Einsatz ab. Eine etwaige Behandlung erfordert daher eine osteologische Einzelfallentscheidung unter besonderer Berücksichtigung von Frakturen (Knochenbrüchen), Alter und Schwangerschaftsplanung [LL2, LL6].

Beachte

  • Bupropion ist kontraindiziert: Dies gilt bei aktueller und auch bei früher diagnostizierter Anorexia nervosa oder Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht), insbesondere wegen des Krampfanfallrisikos [FI4].
  • Therapiesicherheit: Vor Psychopharmakagabe insbesondere Gewicht, Blutdruck, Herzfrequenz, Elektrolyte, Nieren- und Leberfunktion sowie kardiale Risiken beurteilen. EKG-Kontrollen sind bei Bradykardie, Elektrolytstörungen oder potenziell QT-verlängernder Medikation erforderlich [LL2, LL3].
  • Überwachung unter Olanzapin: Gewicht, Blutdruck, Glucose beziehungsweise HbA1c und Lipide kontrollieren; weitere Untersuchungen einschließlich Blutbild und Leberwerten nach Ausgangsbefund und klinischem Verlauf. Eine vorbestehende Leukopenie (Verminderung der weißen Blutkörperchen) oder Neutropenie (Verminderung einer bestimmten Gruppe der weißen Blutkörperchen) erfordert besondere Aufmerksamkeit [FI3].
  • Blutbildkontrollen unter Antidepressiva: Ein pauschales regelmäßiges Blutbild allein wegen einer SSRI-Verordnung ist nicht generell vorgeschrieben. Bei AN ergeben sich Kontrollen insbesondere aus der Mangelernährung, vorbestehenden Zytopenien (Verminderungen der Anzahl von Blutzellen) oder klinischen Auffälligkeiten [LL3, FI1, FI2].
  • Refeeding-Überwachung: Phosphat, Kalium, Magnesium und Glucose vor Beginn sowie während der frühen Phase engmaschig kontrollieren; bei hohem Risiko mindestens täglich, gegebenenfalls häufiger. Zusätzlich Flüssigkeitsbilanz, Ödeme (Wassereinlagerungen im Gewebe) und kardiorespiratorischen Zustand beurteilen [LL4, LL5].
  • Stand der deutschen Leitlinie: Die bisherige S3-Leitlinie von 2018 ist abgelaufen und befindet sich in Überarbeitung. Sie wird als ergänzende Grundlage geführt; neuere Studien und internationale Empfehlungen sind zusätzlich berücksichtigt [LL1].

Supplemente

Geeignete diätetische Lebensmittel zur Versorgung mit Energie sollten die folgenden Mikronährstoffe (Vitalstoffe) enthalten:

  • Vitamine (A, C, E, D3, K, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
  • Mineralstoffe (Calcium, Chlorid, Kalium, Magnesium, Natrium, Phosphor)
  • Spurenelemente (Chrom, Eisen, Fluorid, Jod, Kupfer, Mangan, Molybdän, Selen, Zink)
  • Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Alpha-Linolensäure (ALA), Omega-6-Fettsäuren: Linolsäure)

Weitere Mikronährstoffe siehe unter „Therapie mit Mikronährstoffen“.

Ggf. Einnahme eines geeigneten Nahrungsergänzungsmittels, z. B.:

  • EUCELL Optima – Nahrungsergänzungsmittel für Energie | Muskeln | Knochen

Beachte: Die aufgeführten Mikronährstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.

Red Flags (Warnzeichen) bei Anorexia nervosa

  • Sofortige notfallmedizinische Beurteilung: Synkope, Brustschmerzen, relevante Herzrhythmusstörungen, schwere Bradykardie, Bewusstseinsstörung, Krampfanfall, ausgeprägte Hypoglykämie (Unterzuckerung) oder Kreislaufinstabilität [LL3, LL4].
  • Verdacht auf Refeeding-Komplikationen: Neu auftretende Dyspnoe (Atemnot), Ödeme, Verwirrtheit oder erhebliche Muskelschwäche während des Ernährungsaufbaus erfordern unverzügliche Abklärung [LL4].
  • Akute Suizidalität oder vollständige Nahrungs- und Flüssigkeitsverweigerung: Unverzügliche psychiatrische und somatische Krisenbeurteilung; gegebenenfalls stationäre Behandlung [LL3, LL4].

Abkürzungsverzeichnis

  • 5-HT: 5-Hydroxytryptamin
  • ALA: Alpha-Linolensäure
  • AN: Anorexia nervosa
  • APA: American Psychiatric Association
  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • BMI: Body-Mass-Index
  • EKG: Elektrokardiogramm
  • FI: Fachinformation
  • HbA1c: glykiertes Hämoglobin A1c
  • I.E.: Internationale Einheiten
  • LL: Leitlinie
  • MEED: Medical Emergencies in Eating Disorders
  • NICE: National Institute for Health and Care Excellence
  • p.o.: per os
  • QT-Intervall: Zeitintervall vom Beginn des QRS-Komplexes bis zum Ende der T-Welle im EKG
  • SSRI: selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer

Literatur

  1. Sipos V, Schweiger U: Psychologische Therapie von Essstörungen. Lengerich: Pabst Science Publishers; 2003. ISBN: 978-3-89967-034-9. Weiterführende Grundlagenliteratur.
  2. Attia E, Steinglass JE, Walsh BT et al.: Olanzapine Versus Placebo in Adult Outpatients With Anorexia Nervosa: A Randomized Clinical Trial. Am J Psychiatry. 2019;176(6):449 bis 456. doi: 10.1176/appi.ajp.2018.18101125.
  3. Han R, Bian Q, Chen H: Effectiveness of olanzapine in the treatment of anorexia nervosa: A systematic review and meta-analysis. Brain Behav. 2022;12(2):e2498. doi: 10.1002/brb3.2498.
  4. Walsh BT, Kaplan AS, Attia E et al.: Fluoxetine after weight restoration in anorexia nervosa: a randomized controlled trial. JAMA. 2006;295(22):2605 bis 2612. doi: 10.1001/jama.295.22.2605.
  5. Lloyd EC, Griffen T, Wang Y, Attia E, Walsh BT: Fluoxetine for anorexia nervosa after weight restoration: moderation of effect by depression. Psychol Med. 2025;55:e290. doi: 10.1017/S003329172510127X.
  6. Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr: Calcium. Referenzwerte. Zugriff: 29.09.2026.
  7. Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr: Vitamin D. Referenzwerte. Zugriff: 29.09.2026.

Leitlinien

  1. S3-Leitlinie: Diagnostik und Therapie der Essstörungen. (AWMF-Registernummer: 051-026). Version 2.2, Mai 2018. Gültigkeit abgelaufen; in Überarbeitung. Register; Archivierte Langfassung [LL1]
  2. National Institute for Health and Care Excellence: Eating disorders: recognition and treatment. NICE guideline NG69. 2017; aktualisiert Dezember 2020. Empfehlungen [LL2]
  3. American Psychiatric Association: The American Psychiatric Association Practice Guideline for the Treatment of Patients With Eating Disorders. 4. Auflage. Washington, DC: American Psychiatric Association Publishing; 2023. Leitlinie; Kriterien für eine stationäre Behandlung [LL3].
  4. Royal College of Psychiatrists: Medical Emergencies in Eating Disorders: Guidance on Recognition and Management. College Report CR233. Mai 2022; aktualisierte Fassung Dezember 2025. Langfassung [LL4].
  5. National Institute for Health and Care Excellence: Nutrition support for adults: oral nutrition support, enteral tube feeding and parenteral nutrition. Clinical guideline CG32. 2006; aktualisiert August 2017. Empfehlungen [LL5].
  6. Endocrine Society: Functional Hypothalamic Amenorrhea: An Endocrine Society Clinical Practice Guideline. 2017. Leitlinie und Empfehlungen [LL6].

Fachinformationen

  1. ratiopharm GmbH: Fluoxetin-ratiopharm 20 mg Tabletten. Stand: August 2026. Fachinformation [FI1].
  2. ratiopharm GmbH: Citalopram-ratiopharm Filmtabletten. Stand: Dezember 2024. Fachinformation [FI2].
  3. ratiopharm GmbH: Olanzapin-ratiopharm Tabletten. Stand: Juli 2020; aktuell vom Hersteller bereitgestellte Fassung, abgerufen am 29.09.2026. Fachinformation [FI3].
  4. ratiopharm GmbH: Bupropion-ratiopharm 300 mg Tabletten mit veränderter Wirkstofffreisetzung. Stand: November 2025. Fachinformation [FI4].
  5. ratiopharm GmbH: Calcium D3-ratiopharm forte 1200 mg/800 I.E. Brausetabletten. Stand: Januar 2022. Fachinformation [FI5].
  6. Electronic Medicines Compendium: Thiamine Hydrochloride 50 mg/ml solution for injection. Summary of Product Characteristics. Aktualisiert am 14.11.2024. Fachinformation [FI6].
  7. Electronic Medicines Compendium: Sterile Potassium Acid Phosphate Solution. Summary of Product Characteristics. Fachinformation. Zugriff: 29.09.2026 [FI7].
  8. Electronic Medicines Compendium: Magnesium Sulfate 10% w/v Solution for Injection/Infusion. Summary of Product Characteristics. Aktualisiert am 15.05.2025. Fachinformation [FI8].