Sick Building-Syndrom (SBS) – Labordiagnostik
Das Sick-Building-Syndrom (SBS; auch Building-related symptoms) bezeichnet eine Konstellation unspezifischer Beschwerden, die in einem zeitlichen Zusammenhang mit dem Aufenthalt in einem bestimmten Gebäude oder Gebäudeteil auftreten und sich bei Expositionskarenz (Meidung der auslösenden Umgebung) typischerweise bessern. Eine allgemein akzeptierte Ätiologie (Krankheitsursache) bzw. ein einzelner kausaler Mechanismus ist nicht etabliert; diskutiert wird ein multifaktorielles Zusammenwirken physikalischer, chemischer, biologischer, psychosozialer und individueller Faktoren. Auch die aktuelle systematische Literatur zeigt eine heterogene Erfassung sowohl von Parametern der Innenraumqualität als auch von nutzerbezogenen Faktoren [1, LL2]. Für einen spezifischen kausalen Zusammenhang zwischen Feuchte-/Schimmelexposition (Einwirkung von Feuchtigkeit oder Schimmel) und dem Sick-Building-Syndrom besteht nach aktueller AWMF-Leitlinie keine ausreichende Evidenz [LL1].
Die Medizingerätediagnostik dient daher nicht der apparativen Bestätigung eines Sick-Building-Syndroms, sondern der gezielten differentialdiagnostischen Abklärung (Abklärung anderer möglicher Erkrankungen) definierter Erkrankungen, insbesondere eines Asthmas (chronisch-entzündliche Atemwegserkrankung mit anfallsweiser Verengung der Bronchien), einer allergischen Rhinitis (allergischer Schnupfen) oder anderer spezifischer gebäudebezogener Erkrankungen [LL1, LL3, LL4].
Obligate Medizingerätediagnostik
- Keine obligate Medizingerätediagnostik – für das Sick-Building-Syndrom existiert kein validierter apparativer Einzeltest zur Diagnosesicherung. Entscheidend sind insbesondere Anamnese (Krankengeschichte), zeitlicher Zusammenhang zwischen Beschwerden und Gebäudeaufenthalt sowie die differentialdiagnostische Abgrenzung definierter Erkrankungen [LL1, LL2].
Fakultative Medizingerätediagnostik – in Abhängigkeit von Anamnese, körperlicher Untersuchung und klinischer Verdachtsdiagnose – zur differentialdiagnostischen Abklärung
- Spirometrie (Lungenfunktionsmessung) mit vollständiger Fluss-Volumen-Kurve – bei Husten, Giemen (pfeifendes Atemgeräusch), Belastungsdyspnoe (Atemnot bei körperlicher Belastung), thorakalem Engegefühl (Engegefühl im Brustkorb) oder anderen Hinweisen auf eine obstruktive Atemwegserkrankung (Atemwegserkrankung mit Verengung der Atemwege); bei nachgewiesener Obstruktion (Verengung der Atemwege) Durchführung eines Bronchodilatator-Reversibilitätstests (Tests auf Rückbildung der Atemwegsverengung nach einem bronchienerweiternden Medikament). Die Spirometrie dient der Diagnostik bzw. Abgrenzung eines Asthmas oder einer anderen Atemwegserkrankung, nicht der Bestätigung eines Sick-Building-Syndroms [LL3].
- Bei unklaren Befunden kann ergänzend eine Bodyplethysmographie (erweiterte Lungenfunktionsprüfung) zur differenzierten Lungenfunktionsdiagnostik eingesetzt werden [LL3].
- Unspezifischer bronchialer Provokationstest (Test auf Überempfindlichkeit der Bronchien), insbesondere mit Methacholin – bei klinisch begründetem Asthmaverdacht und unauffälliger bzw. nicht eindeutig diagnostischer Lungenfunktion zum Nachweis einer bronchialen Hyperreagibilität (Überempfindlichkeit der Bronchien) [LL3].
- Serielles spirometrisches Monitoring (wiederholte Lungenfunktionsmessungen) während Expositions- und Karenzphasen – bei Verdacht auf ein arbeits- bzw. gebäudebezogenes Asthma. Die fachärztliche Asthma-Leitlinie empfiehlt bei entsprechender Fragestellung wiederholte Lungenfunktionsmessungen während Arbeits- bzw. Expositionsphasen und während expositionsfreier Zeiträume; als Orientierungszeitraum werden 2-3 Wochen mit mehreren Messungen pro Tag mittels portabler elektronischer Spirometer beschrieben [LL4].
- Messung der Fraktion des exhalierten Stickstoffmonoxids (FeNO) – ausschließlich als mögliche Zusatzdiagnostik bei Verdacht auf Asthma bzw. eosinophile Atemwegsentzündung (durch bestimmte Entzündungszellen geprägte Entzündung der Atemwege). Ein FeNO-Wert > 50 ppb unterstützt bei entsprechender Anamnese die Asthmadiagnose; ein niedriger Wert schließt Asthma nicht aus. FeNO ist weder ein spezifischer Test für das Sick-Building-Syndrom noch geeignet, eine Innenraumschimmel-assoziierte Atemwegsreaktion (mit Schimmel in Innenräumen zusammenhängende Reaktion der Atemwege) kausal nachzuweisen [LL1, LL3].
- Nasaler Provokationstest (Allergietest an der Nasenschleimhaut) – bei begründetem Verdacht auf eine klinisch relevante allergische Rhinitis durch ein Innenraumallergen, insbesondere wenn Anamnese und Sensibilisierungsdiagnostik (Untersuchung auf eine allergische Empfindlichkeit) keine eindeutige Zuordnung erlauben. Der Test kann eine allergische Reaktion am Manifestationsorgan (betroffenen Organ) unter standardisierten Bedingungen objektivieren; ein positiver Befund belegt jedoch keine Diagnose eines Sick-Building-Syndroms [LL1].
- Konjunktivaler Provokationstest (Allergietest an der Bindehaut des Auges) – fakultativ bei überwiegend konjunktivaler Symptomatik (Beschwerden der Augenbindehaut) oder wenn bei nasalen Beschwerden ein nasaler Provokationstest nicht durchgeführt werden kann. Das Verfahren ist weniger standardisiert als der nasale Provokationstest und kein allgemeines Standardverfahren zur Abklärung von Sick-Building-Beschwerden [LL1].
- Spezifischer bronchialer Provokationstest bzw. arbeitsplatzbezogener Inhalationstest (Einatmungstest mit einem verdächtigten Auslöser) – nur bei spezieller pneumologisch-allergologischer (lungenfachärztlich-allergologischer) oder arbeitsmedizinischer Fragestellung, insbesondere wenn ein konkreter inhalativer Auslöser (über die Atemluft aufgenommener Auslöser) eines arbeits- bzw. gebäudebezogenen Asthmas objektiviert werden muss und weniger invasive diagnostische Verfahren keine ausreichende Klärung ermöglichen. Durchführung ausschließlich in entsprechend erfahrenen Zentren. Bei vermuteter Schimmelpilzallergie sollte sich die Auswahl des Allergens am nachgewiesenen Sensibilisierungsspektrum orientieren; für eine Provokation bei fehlendem Sensibilisierungsnachweis besteht keine ausreichende Evidenz [LL1, LL4].
- Bildgebung des Thorax (bildgebende Untersuchung des Brustkorbs) – nicht zur Diagnostik des Sick-Building-Syndroms, sondern nur bei klinischem Verdacht auf eine definierte pulmonale Erkrankung (Lungenerkrankung), z. B. exogen-allergische Alveolitis (allergisch bedingte Entzündung der Lungenbläschen), pulmonale Infektion (Infektion der Lunge) oder andere strukturelle Lungenerkrankung. Die Auswahl des bildgebenden Verfahrens richtet sich nach der jeweiligen klinischen Verdachtsdiagnose. Bei Verdacht auf eine invasive Schimmelpilzinfektion (in Gewebe eindringende Schimmelpilzinfektion) gehören radiologische Verfahren indikationsabhängig zu den Kernelementen der spezifischen Infektionsdiagnostik [LL1].
- Technische Innenraum- bzw. Gebäudeuntersuchung – keine Medizingerätediagnostik am Patienten. Bei einem plausiblen gebäudebezogenen Beschwerdemuster kann jedoch eine qualifizierte, hypothesengeleitete Untersuchung der Innenraumqualität sinnvoll sein. Untersuchungsparameter können abhängig von der konkreten Fragestellung beispielsweise Raumtemperatur, relative Luftfeuchtigkeit, Lüftung bzw. Kohlendioxidkonzentration sowie gezielt ausgewählte chemische, partikuläre oder biologische Belastungen umfassen. Ein ungezieltes breites Screening ohne konkrete Expositionshypothese ist nicht geeignet, ein Sick-Building-Syndrom medizinisch zu diagnostizieren [1, LL1].
Zur Vermeidung von Fehl- und Überdiagnostik sind insbesondere folgende Verfahren bzw. Interpretationen nicht zur Sicherung eines Sick-Building-Syndroms oder einer behaupteten Innenraumschimmel-bedingten Erkrankung geeignet:
- Visual-Contrast-Sensitivity-Test (VCS-Test) – keine ausreichende wissenschaftliche Evidenz für die medizinische Diagnostik bei Innenraum-Schimmelexposition [LL1].
- Tränenfilmabrisszeit (Zeit bis zum Aufreißen des Tränenfilms) als Expositionsnachweis – aufgrund zahlreicher Einflussfaktoren nicht zur individuellen Objektivierung Innenraumschimmel-assoziierter Augenbeschwerden geeignet [LL1].
- FeNO-Messung als Nachweis einer Innenraumschimmel-bedingten Atemwegsreaktion – hierfür nicht ausreichend spezifisch und nicht geeignet [LL1].
- Umweltmonitoring von Mykotoxinen in Innenraumluft oder Hausstaub – keine medizinische Indikation im Rahmen der Diagnostik einer Innenraum-Schimmelexposition [LL1].
- Messung mikrobiell erzeugter flüchtiger organischer Verbindungen (MVOC) in der Innenraumluft zur medizinischen Diagnostik – keine Indikation [LL1].
- Human-Biomonitoring von Mykotoxinen – keine Indikation zur medizinischen Diagnostik einer Innenraum-Schimmelexposition [LL1].
- Quantitative oder qualitative Bestimmung von Schimmelpilzarten bei bereits sichtbarem relevantem Schimmelbefall – für die medizinische Indikationsstellung in der Regel entbehrlich; entscheidend sind Ursachenklärung und sachgerechte Beseitigung des Feuchte-/Schimmelschadens [LL1].
Literatur
- Subri MSM, Arifin K, Mohd Sohaimin MFA et al.: The parameter of the Sick Building Syndrome: A systematic literature review. Heliyon 2024;10(12):e32431. doi:10.1016/j.heliyon.2024.e32431.
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- S2k-Leitlinie: Medizinisch klinische Diagnostik bei Schimmelpilzexposition in Innenräumen [2023-2028]. (AWMF-Registernummer 161-001). September 2023 Langfassung. [LL1]
- S3-Leitlinie: Müdigkeit [2022-2027]. (AWMF-Registernummer 053-002). Dezember 2022 Langfassung. [LL2]
- Nationale VersorgungsLeitlinie: Asthma, Version 5.0 [2024-2029]. (AWMF-Registernummer nvl-002). August 2024 Langfassung. [LL3]
- S2k-Leitlinie: Fachärztliche Diagnostik und Therapie von Asthma [2023-2028]. (AWMF-Registernummer 020-009). März 2023 Langfassung. [LL4]