Magnesiummangel (Hypomagnesiämie) – Medikamentöse Therapie

Therapieziel

  • Normomagnesiämie (normaler Magnesiumgehalt im Blut), Auffüllung der Magnesiumspeicher und Behandlung der Ursache.
  • Neuromuskuläre Beschwerden (Beschwerden von Nerven und Muskeln) und kardiale Komplikationen (Komplikationen am Herzen) beheben; begleitende Hypokaliämie (Kaliummangel im Blut) und Hypocalcämie (Calciummangel im Blut) mitbehandeln [1, LL1].

Therapieempfehlungen

Die Dosierungen gelten für Erwachsene; für Kinder und Präeklampsie (schwangerschaftsbedingte Erkrankung mit Bluthochdruck und Organschäden) gelten eigene Schemata. Beschwerden, Serum-Magnesium, Nierenfunktion und fortbestehende Verluste bestimmen die Behandlung.

Dosis, Konzentration und Infusionsgeschwindigkeit

  • Verabreichte Dosis: Angaben in mmol bezeichnen die Stoffmenge an Magnesium, nicht die Konzentration einer Lösung. Die Verordnung erfolgt als mmol Magnesium pro Gabe bzw. pro Tag. 1 mmol Magnesium entspricht etwa 24,3 mg elementarem Magnesium; 10 mmol entsprechen 243 mg, 20 mmol 486 mg.
  • Salzmasse: 1 g Magnesiumsulfat-Heptahydrat enthält etwa 4,05 mmol Magnesium. Die Salzmasse ist nicht mit der Masse des elementaren Magnesiums gleichzusetzen; wasserfreie Salze sind nicht grammgleich austauschbar [FI1].
  • Konzentration: mmol/l bezeichnet eine Serum- oder Infusionskonzentration. Infusionsgeschwindigkeit: mmol/h bezeichnet die pro Stunde verabreichte Magnesiumdosis. Verordnungen müssen Magnesiumdosis, Präparatkonzentration, Entnahmevolumen, Verdünnung, Endvolumen und Laufzeit ausweisen.

Schweregrad und Applikationsweg

  • Bei leichter, nicht akut symptomatischer Hypomagnesiämie (Magnesiummangel im Blut), etwa 0,5 bis unter 0,7 mmol/l, bevorzugt orale Substitution bei ausreichender gastrointestinaler Aufnahme (Aufnahme über den Magen-Darm-Trakt). Magnesiumreiche Ernährung kann die Behandlung unterstützen [1].
  • Bei Serum-Magnesium unter 0,5 mmol/l, relevanten Rhythmusstörungen, Tetanie (Muskelkrämpfen durch gesteigerte Erregbarkeit) oder Krampfanfällen intravenöse Behandlung im Krankenhaus. Beschwerden und EKG-Befunde haben Vorrang vor einer alleinigen Grenzwertentscheidung. Auch fehlende Einnahmemöglichkeit, Malabsorption (gestörte Aufnahme im Darm) oder Unverträglichkeit können eine intravenöse Behandlung erfordern [1, LL1].
  • Ursachen und fortbestehende Verluste behandeln; magnesiumsenkende Arzneimittel, z. B. Protonenpumpenhemmer, Schleifen- oder Thiaziddiuretika, überprüfen und gegebenenfalls absetzen oder ersetzen [1, LL2].

Wirkstoffe (Hauptindikationen)

Orale Magnesiumsalze

Wirkstoff Besonderheiten
Magnesium, z. B. als Magnesiumaspartat oder Magnesiumcitrat Bei leichter, nicht akut symptomatischer Hypomagnesiämie und ausreichender gastrointestinaler Aufnahme. Bei Diarrhoe (Durchfall) Dosis reduzieren oder vorübergehend pausieren [1, LL2].
Magnesiumcarbonat Zugelassene Dosierungen unterscheiden sich zwischen Präparaten. Die Angabe zum elementaren Magnesium ist maßgeblich [FI2].
  • Wirkweise: Ersatz des fehlenden Magnesiums und Wiederherstellung magnesiumabhängiger Zell- und Enzymfunktionen.
  • Indikation: Nachgewiesener Mangel ohne notwendige sofortige intravenöse Korrektur; Weiterbehandlung nach intravenöser Substitution bei fortbestehendem Bedarf.
  • Kontraindikationen: Hypermagnesiämie (zu hoher Magnesiumgehalt im Blut) sowie präparatspezifische Gegenanzeigen. Bei schwerer Niereninsuffizienz (stark eingeschränkter Nierenfunktion) oder Anurie (fehlender Urinausscheidung) keine routinemäßige orale Substitution; Fachinformation beachten und nephrologische Beurteilung (Beurteilung durch Nierenfachärzte) veranlassen.
  • Nebenwirkungen: Weiche Stühle, Diarrhoe und gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden); bei eingeschränkter Ausscheidung Gefahr einer Hypermagnesiämie.
  • Wechselwirkungen: Magnesium kann die Aufnahme anderer Arzneimittel vermindern. Präparatspezifische Einnahmeabstände beachten; für Tetracycline und Fluoride nennt die Fachinformation von Magnesiumcarbonat einen Abstand von 2–3 Stunden [FI2].

Intravenöses Magnesiumsulfat

Wirkstoff Besonderheiten
Magnesiumsulfat zur langsamen Substitution Verdünnte Infusion; keine schnelle Bolusgabe zur routinemäßigen Defizitkorrektur. Weitere Dosen nach Kontrollwerten und Verlauf; Nierenanpassung beachten. Die Initialgabe ist nicht automatisch die vollständige Tages- oder Gesamtdosis [1, LL1].
Magnesiumsulfat bei ausgeprägtem Defizit und fortbestehenden Verlusten Mögliches stationäres Schema, keine pauschale Tagesdosis. Die Speicherauffüllung kann mehrere Tage benötigen [LL3].
Magnesiumsulfat bei Torsade de pointes (bestimmter lebensbedrohlicher Herzrhythmusstörung) mit vorhandenem Kreislauf Gesonderte Notfallindikation bei polymorpher ventrikulärer Tachykardie (schneller Herzrhythmusstörung aus den Herzkammern mit wechselnder elektrischer Form) mit QT-Verlängerung; kontinuierliche EKG- und Kreislaufüberwachung. Diese Geschwindigkeit gilt ausschließlich für die Notfallindikation [LL4].
  • Wirkweise: Magnesiumersatz; Stabilisierung neuromuskulärer und kardialer Erregbarkeit.
  • Indikation: Schwere oder symptomatische Hypomagnesiämie, unzureichende enterale Aufnahme (Aufnahme über den Darm); Torsade de pointes als gesonderte Notfallindikation.
  • Kontraindikationen: Hypermagnesiämie; präparatspezifisch AV-Block (Störung der elektrischen Überleitung zwischen Herzvorhöfen und Herzkammern), andere kardiale Überleitungsstörungen und Myasthenia gravis (Autoimmunerkrankung mit belastungsabhängiger Muskelschwäche). Bei Nierenfunktionsstörungen erhöhtes Kumulationsrisiko; notwendige Substitution nur nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung und unter geeigneter Überwachung [FI1].
  • Nebenwirkungen: Wärmegefühl, Flush (anfallsartige Hautrötung), Übelkeit, Hypotonie (niedriger Blutdruck), Bradykardie (verlangsamter Herzschlag) und Überleitungsstörungen; bei Überdosierung Reflexverlust, Muskelschwäche und Atemdepression (Abschwächung der Atmung). Paravasate (Austritt der Infusionslösung in das Gewebe neben der Vene) können Gewebeschäden verursachen [FI1, LL2].

Zubereitung und Infusionsverordnung

  • Konzentrat gemäß Fachinformation verdünnen, je nach Präparat mit Natriumchlorid 0,9 % oder Glucose 5 %. Für periphere Infusionen im dargestellten Schema höchstens etwa 0,2 mmol Magnesium/ml wählen; bei ausreichender Volumentoleranz stärker verdünnen [LL1, LL2].
  • Rechenbeispiel: Bei einem ausdrücklich mit 2 mmol Magnesium/ml deklarierten Konzentrat enthalten 10 ml insgesamt 20 mmol Magnesium. Mit kompatibler Trägerlösung auf 250 ml Endvolumen auffüllen und über 5 Stunden infundieren: 50 ml/h entsprechen 4 mmol Magnesium/h. Gesamtdosis: 20 mmol; Endkonzentration: 80 mmol/l. Die Endkonzentration ist keine Dosisangabe.
  • Die Konzentration des tatsächlich verwendeten Präparates vor jeder Zubereitung prüfen; das Rechenbeispiel gilt nicht für anders konzentrierte Ampullen.
  • Infusionspumpe verwenden; weitere Arzneimittel über denselben Zugang nur nach Kompatibilitätsprüfung zuführen. Flüssigkeitsrestriktion (Begrenzung der Flüssigkeitszufuhr) und Gefäßzugang berücksichtigen [LL1].

Nierenanpassung

  • Leichte bis mäßige Nierenfunktionseinschränkung: Intravenöse Initialdosis vorsichtig wählen; je nach Situation eine Reduktion um etwa 25–50 % erwägen. Für die orale Gabe besteht keine einheitliche Anpassungsformel für alle Präparate; Fachinformation, Serumwerte und Verlauf entscheiden [1].
  • eGFR unter 30 ml/min/1,73 m², akute Nierenschädigung, Oligurie (verminderte Urinausscheidung), Anurie oder Dialyse: Kein unverändertes Standardschema anwenden; nephrologisch abstimmen. Bei langsamer Substitution häufig etwa die halbe übliche Dosis oder weniger und eine längere Infusionsdauer wählen. Wiederholungsdosen erst nach klinischer und laborchemischer Kontrolle; keine automatisch fortlaufende Tagesverordnung [LL1].
  • Die zeitkritische Behandlung einer lebensbedrohlichen Arrhythmie (Herzrhythmusstörung) ist von der langsamen Defizitkorrektur zu unterscheiden und gesondert unter intensivierter Überwachung festzulegen.

Notfallbehandlung

  • Torsade de pointes mit vorhandenem Kreislauf: 8 mmol Magnesium i. v., entsprechend etwa 2 g Magnesiumsulfat-Heptahydrat, verdünnt über 10 Minuten unter kontinuierlicher EKG- und Kreislaufüberwachung geben. QT-verlängernde Arzneimittel absetzen und Elektrolytstörungen (Störungen des Salzhaushalts) korrigieren. Bei anhaltenden Episoden kardiologische Behandlung, gegebenenfalls temporäre Stimulation; Amiodaron bei dieser QT-assoziierten Arrhythmie vermeiden [LL4].
  • Kreislaufstillstand: Sofort Reanimation und bei Kammerflimmern bzw. pulsloser ventrikulärer Tachykardie Defibrillation. Magnesium darf diese Maßnahmen nicht verzögern und wird nicht routinemäßig bei jedem Kreislaufstillstand gegeben; bei Torsade de pointes Gabe nach Reanimationsprotokoll [LL5].
  • Krampfanfälle, ausgeprägte Tetanie oder hämodynamische Instabilität (Kreislaufinstabilität): Sofort überwachte Notfallbehandlung. Langsame Stationsschemata reichen als alleinige Akutmaßnahme nicht aus. Atemwege sichern und begleitende symptomatische Hypocalcämie mitbehandeln [1, FI1].

Therapiekontrollen und Behandlungsdauer

  • Vor Beginn Serum-Magnesium, Kalium, Calcium und Nierenfunktion bestimmen; bei schwerem Mangel oder kardialen Beschwerden EKG ableiten [1].
  • Unter intravenöser Therapie Blutdruck, Herzfrequenz, Atmung und Urinausscheidung überwachen; bei schweren Symptomen kontinuierliches EKG. Bei wiederholter oder hoch dosierter Gabe Sehnenreflexe und Toxizitätszeichen (Vergiftungszeichen) prüfen [FI1, LL3].
  • Serum-Magnesium nach intravenöser Gabe und vor weiterer Substitution kontrollieren; stationär mindestens täglich, bei Niereninsuffizienz oder Instabilität häufiger. Zur Beurteilung des ausgeglichenen Spiegels empfiehlt das Cornwall-Protokoll eine Abnahme frühestens 12 Stunden nach Infusionsende. Bei Toxizitätsverdacht sofort kontrollieren; die Abnahme darf dann nicht aufgeschoben werden [LL1, LL2].
  • Nach Beginn oraler Therapie erste Kontrolle gewöhnlich nach etwa 7 Tagen, bei erhöhtem Risiko früher; bei fortbestehendem Bedarf erneut nach 1–3 Monaten. Keine generelle Behandlungsvorgabe von 2–3 Monaten. Bei erhaltener Nierenfunktion meist noch 1–2 Tage nach Normalisierung substituieren; chronische Verluste können eine längere Erhaltungstherapie erfordern [1].

Beachte

  • Ein normalisierter Serumwert beweist keine vollständige Auffüllung intrazellulärer Speicher (Speicher innerhalb der Zellen); verzögertes Ansprechen rechtfertigt keine unkontrollierten Wiederholungsdosen [LL1].
  • Magnesiumtoxizität (Magnesiumvergiftung): Bei neu auftretender Bradykardie, Hypotonie, Reflexverlust oder Atemdepression Magnesiumzufuhr sofort stoppen; Notfallversorgung, EKG- und Atemüberwachung. Zur Antagonisierung 10 ml Calciumgluconat 10 % langsam i. v. unter EKG-Kontrolle gemäß Fachinformation; bei schwerer Intoxikation (Vergiftung) gegebenenfalls Beatmung und Dialyse [FI1, FI2].

Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)

Geeignete Nahrungsergänzungsmittel sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:

  • Vitamine (D3, B1)
  • Mineralstoffe (Kalium, Magnesium)
  • Weitere Vitalstoffe (Fruchtsäuren – Citrat (gebunden in Magnesiumcitrat und Kaliumcitrat))

Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.

Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.

Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.

Abkürzungen

  • AV = atrioventrikulär; zwischen Herzvorhof und Herzkammer
  • eGFR = geschätzte glomeruläre Filtrationsrate; Maß für die Filterleistung der Nieren
  • EKG = Elektrokardiogramm; Aufzeichnung der elektrischen Herzaktivität
  • FI = Fachinformation
  • g = Gramm
  • h = Stunde
  • i. v. = intravenös; in eine Vene
  • l = Liter
  • LL = Leitlinie
  • mg = Milligramm
  • ml = Milliliter
  • mmol = Millimol; Einheit der Stoffmenge
  • mmol/h = Millimol pro Stunde
  • mmol/l = Millimol pro Liter
  • QT = Zeitintervall im EKG vom Beginn der Erregung bis zum Ende der Erregungsrückbildung der Herzkammern

Literatur

  1. NHS Specialist Pharmacy Service: Treating acute hypomagnesaemia in adults. 19. Dezember 2024. Pharmazeutische Praxisempfehlung.

Leitlinien

  1. Royal Cornwall Hospitals NHS Trust: Treatment of Hypomagnesaemia in Adults Clinical Guideline. August 2024, Version 4.0. Institutionelle Leitlinie, Langfassung [LL1]
  2. Worcestershire Acute Hospitals NHS Trust: Guideline for acute treatment of hypomagnesaemia. WAHT-PHA-012, Version 7. Institutionelle Leitlinie, Langfassung [LL2]
  3. Kent and Medway: Quick Guide: Treatment of acute hypomagnesaemia in adults. Juli 2024. Regionaler Behandlungsalgorithmus [LL3]
  4. Resuscitation Council UK: Adult tachyarrhythmia. Resuscitation Guidelines 2025. Behandlungsalgorithmus [LL4]
  5. Soar J et al.: European Resuscitation Council Guidelines 2025 Adult Advanced Life Support. Resuscitation. 2025;215(Suppl 1):110769. doi:10.1016/j.resuscitation.2025.110769 [LL5]

Fachinformationen

  1. Mg 5-Sulfat Amp. 10 % Injektionslösung. Fachinformation, Stand März 2019. Fachinformation [FI1]
  2. Magnesium 100 mg JENAPHARM, Tabletten. Fachinformation, Stand April 2016. Fachinformation [FI2]