Mundfäule (Gingivostomatitis herpetica) – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch eine Gingivostomatitis herpetica (Herpes-bedingte Mundschleimhaut- und Zahnfleischentzündung/"Mundfäule") mitbedingt sein können:

Die Gingivostomatitis herpetica ist meist eine selbstlimitierende Primärinfektion (Erstinfektion) durch Herpes-simplex-Virus Typ 1. Klinisch relevante Komplikationen entstehen vor allem durch schmerzhafte orale Läsionen (Verletzungen der Mundschleimhaut) mit reduzierter Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme, durch lokale Autoinokulation (Selbstübertragung) sowie selten durch okuläre (die Augen betreffende), gastrointestinale (den Magen-Darm-Trakt betreffende), neurologische (das Nervensystem betreffende) oder systemische (den ganzen Körper betreffende) Herpes-simplex-Virus-Komplikationen. Die Evidenzlage ist insgesamt begrenzt; am besten belegt sind Dehydratation (Austrocknung), Ess-/Trinkschwierigkeiten und bei schweren Verläufen die Notwendigkeit einer Rehydratation (Wiederzufuhr von Flüssigkeit) beziehungsweise stationären Behandlung [1, LL1].

Augen und Augenanhangsgebilde (H00-H59)

  • Herpetische Keratitis (Herpes-bedingte Hornhautentzündung) – seltene okuläre Herpes-simplex-Virus-Beteiligung (Mitbefall durch Herpes-simplex-Viren), insbesondere durch Autoinokulation oder Reaktivierung (Wiederaufflammen); potenziell visusgefährdend (das Sehvermögen gefährdend) [2, LL2]

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Dehydratation – wichtigste und klinisch häufigste relevante Komplikation, vor allem bei Kindern durch schmerzbedingte Trinkverweigerung; bei moderater bis schwerer Dehydratation kann orale (über den Mund), nasogastrale (über eine Magensonde durch die Nase) oder intravenöse (über die Vene) Rehydratation erforderlich sein [1, LL1]
  • Mangelernährung (unzureichende Ernährung) – möglich bei ausgeprägter oder prolongierter (verlängerter) schmerzbedingter Nahrungsverweigerung, insbesondere bei Kleinkindern, vorbestehender Vulnerabilität (Verletzlichkeit) oder Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems) [1, 2]

Haut und Unterhaut (L00-L99)

  • Erythema multiforme (akute entzündliche Hautreaktion) – seltene, Herpes-simplex-Virus-assoziierte immunologische (das Immunsystem betreffende) Komplikation; nicht als typische, sondern als seltene Folge einer Herpes-simplex-Virus-Infektion zu bewerten [2]
  • Herpetischer Umlauf (Herpesinfektion am Finger) – seltene Autoinokulation auf Finger/Hände, insbesondere bei Kindern mit engem Kontakt zu oralen Läsionen [2, LL1]

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Disseminierte Herpes-simplex-Virus-Infektion (ausgebreitete Herpes-simplex-Virus-Infektion) – sehr selten; relevant vor allem bei Immunsuppression, Neugeborenen oder schwer gestörter zellulärer Immunabwehr (Abwehr durch Immunzellen) [2, LL1]
  • Sekundäre bakterielle Superinfektion (zusätzliche bakterielle Infektion) der oralen/perioralen Läsionen (Läsionen im Mundbereich/um den Mund herum) – möglich bei ausgeprägten Ulzerationen (Geschwürbildungen), Kratzen, gestörter Haut-/Schleimhautbarriere (Schutzschicht von Haut und Schleimhaut) oder reduzierter Mundhygiene [2, LL1]

Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Herpetische Ösophagitis (Herpes-bedingte Speiseröhrenentzündung) – seltene Komplikation durch Ausbreitung der Herpes-simplex-Virus-Infektion auf den Ösophagus; häufiger bei Immunsuppression, aber auch bei immunkompetenten (abwehrgesunden) Patienten beschrieben [2, LL1]

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Enzephalitis (Gehirnentzündung) – sehr seltene, potenziell lebensbedrohliche Herpes-simplex-Virus-Komplikation; bei Bewusstseinsstörung (Störung des Bewusstseins), Krampfanfall, fokal-neurologischen Defiziten (örtlich begrenzten Ausfällen des Nervensystems), Meningismus (Nackensteifigkeit) oder progredienter Somnolenz (zunehmender Schläfrigkeit) sofortige Notfalldiagnostik erforderlich [2, LL3]

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Dysphagie/Odynophagie (Schluckstörung/Schluckschmerz) – bei ausgeprägter oraler, pharyngealer (den Rachen betreffender) oder ösophagealer (die Speiseröhre betreffender) Beteiligung; kann Dehydratation und reduzierte Nahrungsaufnahme verstärken [1, 2]
  • Fieber – häufiges Begleitsymptom der Primärinfektion; bei persistierendem (anhaltendem) oder erneut ansteigendem Fieber sind Dehydratation, bakterielle Superinfektion oder systemische Komplikationen differentialdiagnostisch (zur Abgrenzung anderer Ursachen) zu prüfen [1, 2]
  • Schmerzbedingte Trink- und Nahrungsverweigerung – zentrale klinische Ursache für Dehydratation und ggf. stationäre Behandlungsbedürftigkeit [1, LL1]

Prognosefaktoren

  • Alter – Säuglinge und Kleinkinder haben wegen begrenzter Flüssigkeitsreserven und schmerzbedingter Trinkverweigerung ein erhöhtes Risiko für Dehydratation [1, LL1]
  • Ausmaß der oralen Läsionen – multiple Ulzerationen, ausgeprägte Gingivitis (Zahnfleischentzündung), Lippen-/periorale Beteiligung (Mitbefall der Lippen/um den Mund herum) und starke Schmerzen erhöhen das Risiko für reduzierte orale Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme [1, 2]
  • Früher Therapiebeginn – Aciclovir innerhalb von 72 Stunden kann bei ausgeprägten Symptomen Krankheitsdauer, orale Läsionen, Fieber, Ess-/Trinkschwierigkeiten und Virusausscheidung (Ausscheidung von Viren) verkürzen; die Evidenz ist begrenzt [1, LL1]
  • Immunsuppression – erhöht das Risiko für schwere, prolongierte, ösophageale oder disseminierte Herpes-simplex-Virus-Verläufe [2, LL1]
  • Ophthalmologische Warnzeichen (augenärztliche Warnzeichen) – Photophobie (Lichtscheu), Fremdkörpergefühl, konjunktivale Injektion (Bindehautrötung), Visusminderung (Sehverschlechterung) oder Hornhautschmerz erfordern augenärztliche Abklärung zum Ausschluss einer herpetischen Keratitis [LL2]
  • Neurologische Warnzeichen (Warnzeichen des Nervensystems) – Bewusstseinsstörung, Krampfanfall, fokal-neurologische Defizite, Meningismus oder progrediente Somnolenz sprechen gegen einen unkomplizierten Verlauf und erfordern sofortige Notfalldiagnostik [LL3]

Literatur

  1. Coppola N, Cantile T, Adamo D, Canfora F, Baldares S, Riccitiello F et al.: Supportive care and antiviral treatments in primary herpetic gingivostomatitis: a systematic review. Clin Oral Investig. 2023;27(11):6333-6344. https://doi.org/10.1007/s00784-023-05250-5
  2. Kolokotronis A, Doumas S. Herpes simplex virus infection, with particular reference to the progression and complications of primary herpetic gingivostomatitis. Clin Microbiol Infect. 2006;12(3):202-211. https://doi.org/10.1111/j.1469-0691.2005.01336.x

Leitlinien

  1. The Royal Children’s Hospital Melbourne. Clinical Practice Guidelines: HSV Gingivostomatitis. Updated March 2025. https://www.rch.org.au/clinicalguide/guideline_index/HSV_Gingivostomatitis/
  2.  S1-Leitlinie: Herpes-simplex-Virus-Keratitis. (AWMF-Registernummer 045-020) April 2025 Langfassung
  3. Tunkel AR, Glaser CA, Bloch KC, Sejvar JJ, Marra CM, Roos KL et al.: The Management of Encephalitis: Clinical Practice Guidelines by the Infectious Diseases Society of America. Clin Infect Dis. 2008;47(3):303-327. https://doi.org/10.1086/589747