Aufstoßen – Einleitung
Beim Aufstoßen – umgangssprachlich Rülpsen genannt – handelt es sich um die stoßweise Abgabe von Luft oder Gas aus dem Magen oder der Speiseröhre über den Mund, häufig begleitet von einem charakteristischen Geräusch. Medizinische Bezeichnungen sind Ructus und Ruktation sowie Eruktation bzw. Belching [1, 2].
Eine Regurgitation (Rückfluss von Mageninhalt in den Mund) von flüssigem oder festem Mageninhalt ist vom reinen Aufstoßen von Luft zu unterscheiden. Sie kann beispielsweise bei einer gastroösophagealen Refluxkrankheit (Erkrankung durch Rückfluss von Mageninhalt in die Speiseröhre) oder einem Ruminationssyndrom (wiederholtes Hochbringen kürzlich aufgenommener Nahrung mit erneutem Kauen, Schlucken oder Ausspucken) auftreten [1, LL1].
Synonyme und ICD-10: Rülpsen; Eruktation; Belching; ICD-10-GM R14: Flatulenz (Abgang von Darmgasen über den After) und verwandte Zustände – einschließlich Aufstoßen, Blähbauch, Blähungen und Meteorismus (vermehrte Gasansammlung im Bauch).
Aufstoßen kann bei Gesunden auftreten oder Symptom einer funktionellen oder organischen Erkrankung sein. Krankheitswert erhält es insbesondere dann, wenn es anhaltend belastend ist und die Alltagsaktivitäten beeinträchtigt. Gastrisches (aus dem Magen stammendes) und supragastrisches Aufstoßen (Aufstoßen von Luft, die nur in die Speiseröhre gelangt) unterscheiden sich in ihrem Entstehungsmechanismus; Aerophagie (übermäßiges Luftschlucken) und Ruminationssyndrom sind davon abzugrenzen [1, 2].
Ursachen des Aufstoßens
Physiologische Ursachen
- Luftschlucken: Beim Essen und Trinken gelangt Luft in den Magen. Hastiges Essen oder Trinken, Kaugummikauen und Rauchen können das Luftschlucken begünstigen [1, 2].
- Kohlensäurehaltige Getränke: Freisetzung von Kohlendioxid aus Mineralwasser, Softdrinks oder Schaumwein [1, 2].
- Postprandiales gastrisches Aufstoßen (Aufstoßen von Magengas nach einer Mahlzeit): Die Ansammlung von Luft im Magen löst vorübergehende Relaxationen des unteren Ösophagussphinkters (Schließmuskel zwischen Speiseröhre und Magen) aus. Dadurch kann das Gas über die Speiseröhre entweichen [1, 2].
Pathologische Ursachen und assoziierte Erkrankungen
- Gastroösophageale Refluxkrankheit (GERD): Aufstoßen kann gemeinsam mit Sodbrennen und saurer Regurgitation auftreten. Isoliertes Aufstoßen beweist jedoch keine GERD [2, LL1].
- Exzessives gastrisches Aufstoßen (übermäßig häufiges Aufstoßen von Magengas): Übermäßiges Entweichen von Gas aus dem Magen; mögliche Zusammenhänge bestehen mit vermehrtem Luftschlucken oder Störungen der gastralen Akkommodation (Anpassung des Magens an die aufgenommene Nahrung) [1].
- Supragastrisches Aufstoßen: Erlerntes, häufig automatisiertes Verhaltensmuster, bei dem Luft in die Speiseröhre eingesogen oder hineingedrückt und unmittelbar wieder ausgestoßen wird, ohne den Magen zu erreichen. Die Episoden nehmen bei Ablenkung häufig ab und sind im Schlaf weitgehend unterdrückt. Das Verhalten wird von Betroffenen meist als unwillkürlich erlebt [1, 2].
- Aerophagie: Übermäßiges Schlucken von Luft, die in Magen und Darm gelangt. Häufig stehen abdominelle Distension (sichtbare Aufblähung des Bauches), Völlegefühl und Flatulenz im Vordergrund; Aerophagie ist nicht mit supragastrischem Aufstoßen gleichzusetzen [1].
- Funktionelle Dyspepsie (anhaltende oder wiederkehrende Oberbauchbeschwerden ohne nachweisbare organische Ursache) und Gastroparese (verzögerte Magenentleerung): Aufstoßen kann als Begleitsymptom auftreten. Zusätzliche Übelkeit, Erbrechen oder ausgeprägte frühe Sättigung können auf eine Magenentleerungsstörung hinweisen [1, 2].
- Hiatushernie (Verlagerung von Magenanteilen durch die Zwerchfellöffnung in den Brustraum): Kann insbesondere zusammen mit einer Refluxkrankheit mit Aufstoßen verbunden sein [2, LL1].
- Gastritis (Magenschleimhautentzündung), Ulcus ventriculi (Magengeschwür) und Helicobacter-pylori-Infektion (Infektion des Magens mit dem Bakterium Helicobacter pylori): Bei entsprechenden Begleitbeschwerden differenzialdiagnostisch zu berücksichtigen. Aufstoßen allein ist kein spezifischer Hinweis auf diese Erkrankungen.
- Ruminationssyndrom: Wichtige Differenzialdiagnose bei wiederholter, müheloser Regurgitation kürzlich aufgenommener Nahrung, typischerweise ohne vorausgehende Übelkeit oder Würgen. Es handelt sich nicht um reines Aufstoßen von Luft [1].
- Ernährungsbedingte Auslöser: Individuelle Zusammenhänge sind möglich. Eine pauschale Zuordnung von Aufstoßen zu fett- oder zuckerreichen Speisen, Zwiebeln oder Hülsenfrüchten ist nicht gerechtfertigt; intestinale Gasbildung und Aufstoßen sind unterschiedliche Vorgänge [2].
Aufstoßen kann Symptom verschiedener Erkrankungen sein (siehe Differentialdiagnosen). Supragastrisches Aufstoßen, Rumination und GERD können sich überlagern [1].
Epidemiologie
Geschlechterverhältnis: Beide Geschlechter sind betroffen. In der internetbasierten Rome-Foundation-Erhebung erfüllten 1,1 % der Frauen und 0,9 % der Männer die damaligen Rom-IV-Kriterien einer Aufstoßstörung [3].
Alter: Aufstoßstörungen kommen in unterschiedlichen Altersgruppen vor. Eine allgemeine Zunahme mit dem Alter ist nicht belegt; die beobachteten Altersunterschiede hängen unter anderem von der Erhebungsmethode ab [3].
Prävalenz
- Gelegentliches Aufstoßen: Sehr häufig und überwiegend physiologisch [2].
- Aufstoßstörungen: In der multinationalen Rome-Foundation-Studie von 2021 betrug die Prävalenz nach Rom-IV-Kriterien 1,0 % in der Internetbefragung und 0,7 % in der Haushaltsbefragung [3].
- Supragastrisches Aufstoßen: Seine Prävalenz lässt sich aus solchen Fragebogenerhebungen nicht zuverlässig gesondert bestimmen, da die sichere Unterscheidung vom gastrischen Aufstoßen eine Impedanzmessung erfordern kann [2, 3].
Verlauf und Prognose
Verlauf
- Akut: Kurzzeitig, meist nahrungs- oder situationsabhängig.
- Chronisch: Möglich bei einer Aufstoßstörung oder im Zusammenhang mit einer funktionellen beziehungsweise organischen Erkrankung. Supragastrisches Aufstoßen kann durch die Automatisierung des Verhaltensmusters fortbestehen [1, 2].
- Refluxassoziierter Verlauf: Eine zugrunde liegende GERD kann mit Refluxösophagitis (Entzündung der Speiseröhre durch zurückfließenden Mageninhalt), peptischen Strikturen (narbigen Verengungen der Speiseröhre durch Säureschädigung) oder Barrett-Ösophagus (Umbau der Schleimhaut der unteren Speiseröhre) verbunden sein. Ein Barrett-Ösophagus erhöht das Risiko eines ösophagealen Adenokarzinoms (bestimmten Speiseröhrenkrebses). Aufstoßen selbst verursacht diese Komplikationen nicht [LL1].
Prognose
- Physiologisches Aufstoßen: Harmlos; bei störenden Episoden kann eine Anpassung der Ess- und Trinkgewohnheiten ausreichen [2].
- Supragastrisches Aufstoßen: Durch Aufklärung, diaphragmale Atmung, logopädische Behandlung oder kognitive Verhaltenstherapie häufig deutlich besserbar. Eine randomisierte Studie belegt einen Nutzen verhaltensmedizinischer Behandlung; ein vollständiges oder dauerhaftes Verschwinden ist jedoch nicht bei allen Betroffenen zu erwarten [2, 4].
- Aufstoßen bei einer Grunderkrankung: Die Prognose hängt von der Ursache und deren Behandlung ab. Trotz erfolgreicher Refluxtherapie kann begleitendes supragastrisches Aufstoßen fortbestehen [1, 2].
- Gezielte Diagnostik: Anamnese und klinische Untersuchung bilden die Grundlage. Bei unklaren oder therapieresistenten Beschwerden kann die Impedanz-pH-Metrie gastrisches und supragastrisches Aufstoßen unterscheiden und den Zusammenhang mit Reflux erfassen. Bei Verdacht auf Rumination kann eine postprandiale hochauflösende Impedanzmanometrie hilfreich sein. Eine routinemäßige Gastroskopie ist bei isoliertem Aufstoßen ohne Alarmzeichen nicht erforderlich [1, 2, LL1].
Wann zum Arzt?
- Anhaltende Beschwerden: Länger anhaltendes, zunehmendes oder den Alltag beeinträchtigendes Aufstoßen.
- Wiederkehrende Regurgitation: Rückfluss von Speisen oder Flüssigkeit, insbesondere zusammen mit Sodbrennen oder Erbrechen.
- Alarmzeichen: Schluckbeschwerden, Schmerzen beim Schlucken, ungewollter Gewichtsverlust, anhaltendes Erbrechen, Bluterbrechen, Teerstuhl (schwarzer, teerartiger Stuhl durch verdautes Blut) oder ungeklärte Anämie (Blutarmut) erfordern eine zeitnahe ärztliche Abklärung [LL1].
- Akute Thoraxschmerzen (plötzlich auftretende Brustschmerzen): Neu auftretende starke Brustschmerzen, insbesondere mit Atemnot, Kaltschweißigkeit oder Kreislaufbeschwerden, erfordern eine sofortige Notfallabklärung und dürfen nicht vorschnell als Reflux oder Aufstoßen eingeordnet werden.
Abkürzungen
- AGA: American Gastroenterological Association (amerikanische gastroenterologische Fachgesellschaft).
- AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
- GERD: Gastroesophageal Reflux Disease (gastroösophageale Refluxkrankheit).
- ICD-10: Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision.
- ICD-10-GM: Deutsche Anpassung der ICD-10 (German Modification).
- LL: Leitlinie.
- pH: Maß für den Säuregrad.
- S2k: Entwicklungsstufe einer konsensbasierten Leitlinie mit strukturierter Konsensfindung.
Literatur
- Liu K et al.: Diagnostic and Management Review of Gastric and Supragastric Belching, Aerophagia, and Rumination Syndrome. Clin Gastroenterol Hepatol. 2026;24(2):285 bis 295. doi: 10.1016/j.cgh.2025.08.012.
- Moshiree B, Drossman D, Shaukat A: AGA Clinical Practice Update on Evaluation and Management of Belching, Abdominal Bloating, and Distention: Expert Review. Gastroenterology. 2023;165(3):791 bis 800.e3. doi: 10.1053/j.gastro.2023.04.039.
- Sperber AD et al.: Worldwide Prevalence and Burden of Functional Gastrointestinal Disorders, Results of Rome Foundation Global Study. Gastroenterology. 2021;160(1):99 bis 114.e3. doi: 10.1053/j.gastro.2020.04.014.
- Punkkinen J et al.: Behavioral therapy is superior to follow-up without intervention in patients with supragastric belching—A randomized study. Neurogastroenterol Motil. 2022;34(2):e14171. doi: 10.1111/nmo.14171.
Leitlinien
- S2k-Leitlinie: Gastroösophageale Refluxkrankheit und eosinophile Ösophagitis. (AWMF-Registernummer: 021-013). Version 3.0, März 2023. Leitlinientext und Langfassung. [LL1]