Schmerzen beim Geschlechtsverkehr (Dyspareunie) – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr) mitbedingt sein können:

Hinweis: Dyspareunie wird hier streng als Schmerzen beim Geschlechtsverkehr beziehungsweise bei Penetration (Eindringen) verstanden. Da Dyspareunie häufig Symptom organischer, urogenitaler (Harn- und Geschlechtsorgane betreffender), schmerzmedizinischer oder psychosexueller (körperlich-seelisch-sexueller) Grunderkrankungen ist, werden Ursachen der Dyspareunie nicht als Folgeerkrankungen aufgeführt. Die nachfolgenden Punkte sind nur dann als Folge beziehungsweise Komplikation zu werten, wenn sie sich im zeitlichen Zusammenhang mit persistierenden (anhaltenden) Koitus- beziehungsweise Penetrationsschmerzen entwickeln oder diese Beschwerden im Sinne eines Schmerz-Angst-Vermeidungs-Zyklus (Kreislauf aus Schmerz, Angst und Vermeidung) aufrechterhalten [1-5, LL1-2].

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Angst- und depressive Symptomatik (Beschwerden) – bei persistierender Dyspareunie beziehungsweise weiblichem Sexualschmerz wiederholt assoziiert (verbunden); nicht als gesicherte direkte Folgeerkrankung im monokausalen (durch eine einzige Ursache bedingten) Sinn zu formulieren, sondern als bidirektional (wechselseitig) mögliche psychische Begleit- beziehungsweise Chronifizierungsreaktion (Reaktion, die zur Verfestigung beiträgt) [1, 3-5, LL1-2]
  • Weitere sexuelle Funktionsstörungen (Störungen der Sexualfunktion) – vermindertes sexuelles Verlangen, Erregungsstörung (Störung der sexuellen Erregung), Orgasmusstörung (Störung des Höhepunkts) und reduzierte sexuelle Zufriedenheit können bei persistierenden Schmerzen beim Geschlechtsverkehr mitbedingt oder aufrechterhalten werden; differentialdiagnostisch (zur Abgrenzung anderer Ursachen) sind primäre sexuelle Funktionsstörungen und organische Ursachen abzugrenzen [1-3, LL1]

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Sekundärer Vaginismus (krampfhafte Verengung der Scheide) beziehungsweise Beckenbodenhypertonus (erhöhte Spannung der Beckenbodenmuskulatur) – reflektorische (unwillkürliche) oder erlernte Anspannung der Beckenboden- beziehungsweise peri-vaginalen (um die Scheide liegenden) Muskulatur (Muskeln) als Schutzreaktion auf wiederholten Penetrationsschmerz; kann die Dyspareunie im Schmerz-Angst-Vermeidungs-Zyklus aufrechterhalten [2, 4, LL1-2]

Weiteres

  • Beziehungsbelastung und partnerschaftliche Konflikte – bei chronifizierter (verfestigter) Dyspareunie durch Reduktion oder Vermeidung sexueller Intimität, Schuldgefühle, Kommunikationsprobleme und Sorge um die Partnerschaftsstabilität möglich; nicht als eigenständige ICD-10-Diagnose (Diagnose nach der internationalen Krankheitsklassifikation ICD-10) zu klassifizieren [1, 2, LL1]
  • Koitus- beziehungsweise Penetrationsvermeidung (Vermeidung von Geschlechtsverkehr beziehungsweise Eindringen) – kann aus Schmerzantizipation (Erwartung von Schmerz), Angst vor erneuter Penetration und wiederholter negativer Schmerzerfahrung entstehen; als Verhaltensfolge beziehungsweise Aufrechterhaltungsfaktor zu formulieren, nicht als eigenständige Folgeerkrankung [2, 4, LL1-2]
  • Reduzierte Lebensqualität – bei persistierender Dyspareunie und chronifiziertem Sexualschmerz beschrieben; als patientenrelevante funktionelle (die Funktion betreffende) Folge zu werten, nicht als eigenständige ICD-10-Diagnose zu klassifizieren [1, 2, 6, LL1-2]

Nicht aufgenommen: Unerfüllter Kinderwunsch wird nicht als regelhafte Folgeerkrankung der Dyspareunie aufgeführt. Eine fertilitätsrelevante (die Fruchtbarkeit betreffende) Einschränkung ist nur indirekt bei nicht vollziehbarem Geschlechtsverkehr beziehungsweise ausgeprägter Penetrationsvermeidung plausibel und gehört dann kontextabhängig (je nach Zusammenhang) in die Abklärung, nicht in die Kernliste der Folgeerkrankungen.

Autoren: Prof. Dr. med. G. Grospietsch, Dr. med. W. G. Gehring

Literatur

  1. Hill DA, Taylor CA: Dyspareunia in Women. American Family Physician. 2021;103(10):597-604. https://www.aafp.org/afp/2021/0515/p597
  2. Dias-Amaral A, Marques-Pinto A: Female Genito-Pelvic Pain/Penetration Disorder: Review of the Related Factors and Overall Approach. Revista Brasileira de Ginecologia e Obstetrícia. 2018;40(12):787-793. https://doi.org/10.1055/s-0038-1675805
  3. Burri A, Hilpert P, Williams F: Pain Catastrophizing, Fear of Pain, and Depression and Their Association with Female Sexual Pain. The Journal of Sexual Medicine. 2020;17(2):279-288. https://doi.org/10.1016/j.jsxm.2019.10.017
  4. Thomtén J, Linton SJ: A Psychological View of Sexual Pain among Women: Applying the Fear-Avoidance Model. Women's Health. 2013;9(3):251-263. https://doi.org/10.2217/WHE.13.19
  5. Mohammadzadeh Z, Khakbazan Z, Rad M et al.: Comparison of pain catastrophizing and anxiety in patients with dyspareunia and healthy women: a cross-sectional study. Journal of Medicine and Life. 2023;16(2):220-226. https://doi.org/10.25122/jml-2022-0234
  6. Sorensen J, Bautista KE, Lamvu G, Feranec J: Evaluation and Treatment of Female Sexual Pain: A Clinical Review. Cureus. 2018;10(3):e2379. https://doi.org/10.7759/cureus.2379

Leitlinien

  1. American College of Obstetricians and Gynecologists' Committee on Practice Bulletins-Gynecology: Female Sexual Dysfunction: ACOG Practice Bulletin Clinical Management Guidelines for Obstetrician-Gynecologists, Number 213. Obstetrics & Gynecology. 2019;134(1):e1-e18. https://doi.org/10.1097/AOG.0000000000003324
  2. European Association of Urology: EAU Guidelines on Chronic Pelvic Pain. 2026. https://uroweb.org/guidelines/chronic-pelvic-pain