Libidostörungen der Frau – Medizingerätediagnostik
Die Diagnose einer Libidostörung (Störung des sexuellen Verlangens) der Frau, insbesondere einer Hypoactive Sexual Desire Disorder (HSDD; Störung mit vermindertem sexuellem Verlangen), ist primär eine klinische Diagnose. Nach den Empfehlungen der 5th International Consultation on Sexual Medicine (ICSM 2024) beruht die diagnostische Beurteilung auf einer gezielten sexualmedizinischen und biopsychosozialen Anamnese (Krankengeschichte); eine körperliche Untersuchung ist nur bei entsprechender klinischer Indikation erforderlich. Ein apparatives Verfahren, mit dem eine HSDD diagnostiziert oder ausgeschlossen werden kann, existiert nicht [LL1].
Apparative Untersuchungen (gerätegestützte Untersuchungen) dienen daher ausschließlich der Abklärung klinisch vermuteter organischer Begleiterkrankungen bzw. Differentialdiagnosen (andere mögliche Erkrankungen). Bildgebende oder sexualphysiologische Verfahren gehören nicht zur Routinediagnostik einer isolierten Libidostörung [1, LL1].
Bei postmenopausalen (nach den Wechseljahren) Frauen mit HSDD sieht die aktuelle deutsche S3-Leitlinie „Peri- und Postmenopause – Diagnostik und Interventionen“, Konsultationsfassung 2026, vor Einleitung einer Testosterontherapie (Behandlung mit dem Hormon Testosteron) eine differenzierte Diagnostik als erforderlich an. Andere Faktoren, die zur Entstehung einer HSDD bzw. Dysfunktion des sexuellen Verlangens (Störung der sexuellen Funktion) beigetragen haben könnten, sollen evaluiert und vor Beginn einer Testosterontherapie angegangen werden [LL4].
Fakultative Medizingerätediagnostik – in Abhängigkeit von den Ergebnissen der Anamnese, der körperlichen Untersuchung und den obligaten Laborparametern – zur differentialdiagnostischen Abklärung:
- Magnetresonanztomographie (Kernspintomographie) (MRT) der Hypophyse (Hirnanhangdrüse) mit Selladarstellung (Darstellung der knöchernen Hypophysengrube) – bei bestätigter Hyperprolactinämie (erhöhter Prolactinspiegel im Blut), sofern keine nichtadenomatöse Ursache der Hyperprolactinämie erkennbar ist; besonders dringlich bei zusätzlichen Kopfschmerzen, Gesichtsfeldstörungen oder anderen Hinweisen auf eine selläre Raumforderung (Gewebeveränderung im Bereich der Hypophysengrube). Für die initiale Diagnostik eines Prolactinoms (meist gutartiger Prolactin-bildender Tumor der Hirnanhangdrüse) wird eine kontrastmittelgestützte Hypophysen-MRT empfohlen [LL3].
- Gezielte gynäkologische Bildgebung (bildgebende Untersuchung der weiblichen Geschlechtsorgane) – nur bei zusätzlichen klinischen Hinweisen auf eine organische gynäkologische Erkrankung, z. B. persistierenden Unterbauchschmerzen, Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr), abnormalen uterinen Blutungen (Blutungen aus der Gebärmutter), palpabler Raumforderung oder auffälligem gynäkologischen Untersuchungsbefund. Abhängig von der klinischen Fragestellung kommt insbesondere die transvaginale Sonographie (Ultraschalluntersuchung durch die Scheide) infrage. Diese Untersuchungen dienen der Differentialdiagnostik und nicht dem Nachweis einer Libidostörung [1].
- Weitere organbezogene Bildgebung oder Funktionsdiagnostik (Untersuchung der Organfunktion) – ausschließlich bei einer eigenständigen klinischen Verdachtsdiagnose; eine ungezielte MRT, Computertomographie (Röntgen-Schichtuntersuchung), neurologische oder kardiologische Funktionsdiagnostik ist bei isolierter HSDD nicht indiziert [1, LL1].
Sexualphysiologische Spezialverfahren (Verfahren zur Messung körperlicher Reaktionen bei sexueller Erregung)
Objektive Messungen der genitalen Erregungsreaktion (körperliche Reaktion der Geschlechtsorgane bei sexueller Erregung) erfassen überwiegend vaskuläre, neurophysiologische oder hämodynamische Komponenten sexueller Erregung, nicht jedoch unmittelbar das subjektive sexuelle Verlangen. HSDD und weibliche sexuelle Erregungsstörung (Störung der körperlichen sexuellen Erregung bei Frauen) werden in den aktuellen ICSM-Empfehlungen als voneinander unterscheidbare Störungen betrachtet [LL1]. Sexualphysiologische Messverfahren besitzen daher keinen etablierten Stellenwert für die klinische Diagnosestellung einer isolierten HSDD.
- Duplex- bzw. Farbdopplersonographie (Ultraschalluntersuchung zur Messung des Blutflusses) der genitalen bzw. clitoralen Gefäße – ermöglicht die Untersuchung genitaler hämodynamischer Reaktionen und wurde als physiologisches Untersuchungsverfahren bei weiblichen Sexualfunktionsstörungen (Störungen der sexuellen Funktion) eingesetzt. Die Methodik ist jedoch nicht ausreichend für die klinische Diagnostik einer HSDD validiert; allgemein akzeptierte HSDD-spezifische diagnostische Grenzwerte fehlen [3].
- Vaginale Photoplethysmographie (Messung von Blutvolumenschwankungen in der Scheide) – erfasst Veränderungen des vaginalen Blutvolumens bzw. der vaginalen Pulsamplitude als Parameter genitaler Vasokongestion (vermehrte Blutfüllung der Gefäße) und wird vorwiegend in sexualphysiologischen Studien eingesetzt [3, 4]. Eine Metaanalyse von 132 Studien mit 2.505 Frauen zeigte lediglich eine geringe Übereinstimmung zwischen subjektiv berichteter und genital gemessener sexueller Erregung; die mittlere Korrelation betrug bei Frauen r = 0,26 [2]. Eine klinische Diagnosestellung einer HSDD anhand der vaginalen Photoplethysmographie ist daher nicht möglich [2-4].
- Laser-Doppler-Flowmetrie (laserbasierte Messung der Gewebedurchblutung) bzw. Laser-Doppler-Imaging (bildgebende laserbasierte Messung der Gewebedurchblutung) – optische Verfahren zur Erfassung genitaler Mikrozirkulations- und Blutflussveränderungen (Veränderungen der Durchblutung kleinster Blutgefäße). Sie wurden in experimentellen und klinischen Untersuchungen der weiblichen genitalen Erregungsreaktion eingesetzt, sind jedoch nicht als diagnostische Verfahren für HSDD standardisiert oder validiert [4].
- Nahinfrarotspektroskopie (Messung von Gewebeoxygenierung und Durchblutung mit Nahinfrarotlicht) (NIRS) – optisches Verfahren zur Erfassung von Veränderungen der Gewebeoxygenierung (Sauerstoffversorgung des Gewebes) und Hämodynamik. Für die weibliche sexuelle Erregungsreaktion liegen bislang keine klinischen Studien vor, die einen Einsatz als klinisches Diagnoseverfahren rechtfertigen; insbesondere besteht kein diagnostischer Stellenwert bei HSDD [4].
- Funktionelle Magnetresonanztomographie (Kernspintomographie zur Darstellung der Hirnaktivität) (fMRT) – eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse neurofunktioneller Studien zeigte bei Frauen mit HSDD auf Gruppenebene Veränderungen frontaler, limbischer und parietaler neuronaler Netzwerke (Nervenzellnetzwerke). Aufgrund fehlender individuell validierter diagnostischer Schwellenwerte und fehlender klinischer Standardisierung ist die fMRT kein klinisches Diagnoseverfahren für HSDD [5].
Für die Routinediagnostik nicht geeignete Verfahren
- Genitale Blutflussmessungen zur Bestätigung oder zum Ausschluss einer HSDD – nicht geeignet, da physiologische genitale Erregung und subjektives sexuelles Erleben bzw. sexuelles Verlangen nur begrenzt übereinstimmen [2, 3].
- Vaginale Photoplethysmographie zur individuellen Diagnosestellung – keine validierten HSDD-spezifischen diagnostischen Grenzwerte; geringe Übereinstimmung zwischen genitaler und subjektiver Erregung [2-4].
- Laser-Doppler-Flowmetrie, Laser-Doppler-Imaging oder Nahinfrarotspektroskopie zur HSDD-Diagnostik – Forschungsinstrumente ohne etablierte klinische diagnostische Standards [4].
- Funktionelle Magnetresonanztomographie zur Diagnosestellung einer HSDD – derzeit ausschließlich wissenschaftliche Anwendung; neurofunktionelle Unterschiede sind auf Gruppenebene nachweisbar, erlauben jedoch keine validierte Individualdiagnostik [5].
- Bildgebende Verfahren ohne zusätzliche klinische Indikation – bei einer isolierten Libidostörung nicht erforderlich [1, LL1].
Bewertung der apparativen Befunde
Ein unauffälliger apparativer Befund (Befund einer gerätegestützten Untersuchung) schließt eine klinisch relevante Libidostörung nicht aus. Umgekehrt beweist eine verminderte oder veränderte genitale Durchblutungsreaktion keine HSDD. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund der geringen Übereinstimmung zwischen subjektiver und genitalphysiologischer sexueller Erregung bei Frauen zu berücksichtigen [2, 3].
Die apparative Diagnostik ist deshalb grundsätzlich hypothesengeleitet einzusetzen. Sie soll eine aufgrund von Anamnese, körperlicher Untersuchung oder Laborbefunden vermutete organische Ursache abklären und nicht das sexuelle Verlangen objektivieren [1, LL1].
Red Flags (Warnzeichen) bei Libidostörungen der Frau
- Neu aufgetretene Kopfschmerzen, Gesichtsfeldstörungen oder andere neurologische Symptome bei Hyperprolactinämie – zeitnahe hypothalamisch-hypophysäre Bildgebung (Bildgebung von Zwischenhirn und Hirnanhangdrüse), in der Regel MRT der Hypophyse [LL3].
- Bestätigte Hyperprolactinämie ohne erkennbare nichtadenomatöse Ursache – Hypophysen-MRT zur Abklärung eines Prolactinoms bzw. einer anderen sellären oder parasellären Läsion (krankhafte Veränderung im Bereich oder neben der Hypophysengrube) [LL3].
- Postmenopausale oder anderweitig ungeklärte abnorme uterine Blutung – zeitnahe gynäkologische Abklärung; eine Libidostörung erklärt diese Symptomatik nicht.
- Persistierende Unterbauchschmerzen, neu aufgetretene ausgeprägte Dyspareunie, palpable Beckenraumforderung oder auffälliger gynäkologischer Untersuchungsbefund – gezielte gynäkologische Bildgebung entsprechend der klinischen Verdachtsdiagnose [1].
- Neurologische Ausfälle, Sensibilitätsstörungen (Gefühlsstörungen) im Genital- oder Sakralbereich (Kreuzbeinbereich) oder Blasen-/Mastdarmfunktionsstörungen (Störungen der Blasen- bzw. Enddarmfunktion) – zeitnahe neurologische und bei entsprechender Indikation neuroradiologische Abklärung (bildgebende Abklärung des Nervensystems).
Literatur
- Parish SJ, Pope R: Female Sexual Health: Screening and Evaluation. Obstet Gynecol Clin North Am. 2024;51(2):223-239. doi: 10.1016/j.ogc.2024.03.002.
- Chivers ML, Seto MC, Lalumière ML et al.: Agreement of Self-Reported and Genital Measures of Sexual Arousal in Men and Women: A Meta-Analysis. Arch Sex Behav. 2010;39(1):5-56. doi: 10.1007/s10508-009-9556-9.
- Woodard TL, Diamond MP: Physiologic Measures of Sexual Function in Women: A Review. Fertil Steril. 2009;92(1):19-34. doi: 10.1016/j.fertnstert.2008.04.041.
- Jeong H, Seong M, Park K et al.: Optical assessment of genital changes associated with female sexual arousal: a mini-review. Sex Med. 2025;13(5):qfaf065. doi: 10.1093/sexmed/qfaf065.
- Cacioppo S: Neuroimaging of Female Sexual Desire and Hypoactive Sexual Desire Disorder. Sex Med Rev. 2017;5(4):434-444. doi: 10.1016/j.sxmr.2017.07.006.
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- Rowen TS, Abdo C, El Kak F et al.: Evaluation and management of hypoactive sexual desire disorder in women. Recommendations from the 5th International Consultation on Sexual Medicine (ICSM 2024). Sex Med Rev. 2026;14(1):qeaf057. doi: 10.1093/sxmrev/qeaf057. [LL1]
- Parish SJ, Simon JA, Davis SR et al.: International Society for the Study of Women's Sexual Health Clinical Practice Guideline for the Use of Systemic Testosterone for Hypoactive Sexual Desire Disorder in Women. J Sex Med. 2021;18(5):849-867. doi: 10.1016/j.jsxm.2020.10.009. [LL2]
- Petersenn S, Fleseriu M, Casanueva FF et al.: Diagnosis and management of prolactin-secreting pituitary adenomas: a Pituitary Society international Consensus Statement. Nat Rev Endocrinol. 2023;19(12):722-740. doi: 10.1038/s41574-023-00886-5. [LL3]
- S3-Leitlinie: Peri- und Postmenopause – Diagnostik und Interventionen, Konsultationsfassung 2026. (AWMF-Registernummer 015-062). Juni 2026 Langfassung der Konsultationsfassung. [LL4]