Libidostörungen der Frau – Medikamentöse Therapie
Therapieziel
Verbesserung eines klinisch relevanten verminderten sexuellen Verlangens und Reduktion des damit verbundenen persönlichen Leidensdrucks unter gleichzeitiger Behandlung auslösender oder aufrechterhaltender somatischer, medikamentöser, psychischer und partnerschaftlicher Faktoren.
Bei einer Testosterontherapie sollen Testosteronkonzentrationen im physiologischen Bereich prämenopausaler Frauen (Frauen vor den Wechseljahren) erreicht, jedoch nicht überschritten werden [5, 6, LL1, LL3].
Therapieempfehlungen
- Vor Einleitung einer spezifischen Pharmakotherapie ist zwischen dem Symptom eines verminderten sexuellen Verlangens und einer klinisch relevanten Hypoactive Sexual Desire Disorder (HSDD) (Störung mit vermindertem sexuellem Verlangen) mit persönlichem Leidensdruck zu unterscheiden.
- Die Diagnose einer HSDD setzt eine biopsychosoziale Beurteilung voraus. Somatische, psychische, medikamentöse und partnerschaftliche Einflussfaktoren sollen erkannt und soweit möglich vor beziehungsweise parallel zu einer spezifischen Pharmakotherapie behandelt werden [6, LL1, LL3].
- Besonders zu berücksichtigen sind:
- genitourinäres Syndrom der Menopause (GSM) (Beschwerden der Harn- und Geschlechtsorgane in den Wechseljahren), vulvovaginale Atrophie (VVA) (Gewebeschwund an Scheide und äußeren Geschlechtsorganen), vaginale Trockenheit und Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr),
- depressive Erkrankungen (Depressionen) und andere psychische Erkrankungen,
- endokrine Erkrankungen (Erkrankungen des Hormonsystems),
- chronische Schmerzen und andere relevante Grunderkrankungen,
- medikamentös induzierte sexuelle Funktionsstörungen (Störungen der Sexualfunktion), insbesondere unter serotonergen Antidepressiva,
- partnerschaftliche und psychosoziale Faktoren.
- Ein erniedrigter Testosteron-Serumspiegel diagnostiziert keine HSDD und ist für sich allein keine Indikation für eine Testosterontherapie. Es existiert kein diagnostischer Testosteron-Grenzwert für HSDD und kein Serumwert, der das klinische Ansprechen zuverlässig vorhersagt [5, LL1, LL3].
- Ein niedriger Dehydroepiandrosteronsulfat-(DHEAS-)Serumspiegel ist keine Indikation für eine systemische Dehydroepiandrosteron-(DHEA-)Substitution zur Behandlung einer HSDD. Ein therapeutischer DHEAS-Zielwert ist nicht etabliert [6, LL3].
- Für postmenopausale Frauen (Frauen nach den Wechseljahren) mit HSDD kann nach differenzierter Diagnostik eine transdermale Testosterontherapie angeboten werden. Nach der deutschen S3-Konsultationsfassung kann diese mit oder ohne parallel durchgeführte menopausale Hormontherapie (MHT) erfolgen [5, 6, LL1, LL3].
- NICE formuliert enger und empfiehlt, eine Testosteronsupplementation bei menopausenassoziiertem vermindertem sexuellem Verlangen zu erwägen, wenn eine Hormontherapie allein nicht ausreichend wirksam ist [LL2]. Die konkrete Testosteronempfehlung stammt aus dem Jahr 2015; die NICE-Gesamtleitlinie wurde zuletzt am 15.04.2026 aktualisiert.
- Die unterschiedliche Position der Leitlinien ist zu berücksichtigen: Eine vorausgehende beziehungsweise gleichzeitig durchgeführte MHT ist nach der deutschen S3-Konsultationsfassung und den internationalen sexualmedizinischen Empfehlungen keine generelle Voraussetzung für eine Testosterontherapie der postmenopausalen HSDD, während NICE Testosteron in den Kontext eines unzureichenden Ansprechens auf HRT stellt [5, 6, LL1-3].
- Bei GSM beziehungsweise VVA mit vaginaler Trockenheit und/oder Dyspareunie können lokale Estrogene, intravaginales Prasteron oder bei entsprechender Indikation Ospemifen eingesetzt werden. Diese Arzneimittel behandeln eine mögliche somatische Ursache einer sekundären Libidominderung (vermindertem sexuellem Verlangen als Folge einer anderen Ursache), nicht jedoch eine isolierte HSDD [4, LL1].
- Bei antidepressivainduzierter sexueller Dysfunktion (durch Antidepressiva verursachter Störung der Sexualfunktion) ist zunächst die kausale Arzneimitteltherapie zu überprüfen. Unter Berücksichtigung der psychiatrischen Stabilität können Dosis, Präparat und Behandlungsnotwendigkeit überprüft beziehungsweise ein Wechsel auf ein Antidepressivum mit geringerer sexueller Nebenwirkungsbelastung erwogen werden. Bupropion kann im Einzelfall als Off-Label-Option erwogen werden; die Evidenzsicherheit ist begrenzt [1, 6].
- Flibanserin und Bremelanotid besitzen spezifische US-amerikanische Zulassungen für definierte Formen der HSDD. Sie sind nicht Bestandteil der deutschen leitlinienbasierten Standardtherapie und werden daher von der in Deutschland leitliniengestützten Testosterontherapie getrennt dargestellt [2, 3, 6].
- Eine systemische MHT soll nicht allein mit dem Therapieziel einer Libidosteigerung begonnen werden. Eine Besserung vasomotorischer Beschwerden (Hitzewallungen und Schweißausbrüche), Schlafstörungen oder genitaler Beschwerden kann die Sexualfunktion jedoch indirekt verbessern.
Beachte: Die derzeit verfügbare deutsche S3-Leitlinie „Peri- und Postmenopause – Diagnostik und Interventionen“, AWMF-Registernummer 015-062, liegt als Konsultationsfassung vor und ist ausdrücklich nur bis zum 01.10.2026 gültig. Sie läuft damit bereits im Oktober 2026 aus. Bis zur Veröffentlichung einer nachfolgenden finalen beziehungsweise aktualisierten deutschen Leitlinienfassung werden die internationalen Empfehlungen von NICE und ISSWSH sowie die aktuellen Empfehlungen der 5th International Consultation on Sexual Medicine ergänzend herangezogen [6, LL1-3].
Hauptindikation
- Postmenopausale HSDD beziehungsweise klinisch relevante Dysfunktion des sexuellen Verlangens mit persönlichem Leidensdruck nach differenzierter biopsychosozialer Diagnostik und Behandlung modifizierbarer Ursachen:
- transdermale Testosterontherapie im Off-Label-Use in Deutschland [5, 6, LL1-3].
Nebenindikationen
- Sekundäre Libidominderung bei GSM beziehungsweise VVA mit vaginaler Trockenheit oder Dyspareunie:
- lokale Estrogentherapie,
- intravaginales Prasteron,
- Ospemifen bei geeigneter Indikation.
- Antidepressivainduzierte sexuelle Dysfunktion:
- Optimierung der auslösenden antidepressiven Therapie,
- gegebenenfalls Bupropion als kausenspezifische Off-Label-Option [1, 6].
- Erworbene, generalisierte HSDD entsprechend den jeweiligen US-amerikanischen Zulassungskriterien:
- Flibanserin – Frauen unter 65 Jahren,
- Bremelanotid – prämenopausale Frauen.
Androgentherapie – Testosteron
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Testosteron, transdermal | Für Frauen besteht in Deutschland derzeit kein speziell zur Behandlung einer HSDD zugelassenes Testosteronpräparat. Off-Label-Use. Die am besten belegte Indikation ist die HSDD bei postmenopausalen Frauen [5, 6, LL1, LL3]. Die deutsche S3-Konsultationsfassung und die internationalen Empfehlungen unterscheiden sich hinsichtlich der Präparatewahl. Individuell hergestellte Testosteronpräparate werden von ISSWSH und Global Consensus wegen fehlender standardisierter Wirksamkeits- und Sicherheitsdaten sowie möglicher Schwankungen der Wirkstoffkonzentration nicht routinemäßig empfohlen. Wird mangels geeigneter zugelassener Alternative eine Magistralrezeptur eingesetzt, sind hohe pharmazeutische Qualitäts-, Reinheits- und Dosierstandards erforderlich [5, LL1, LL3]. |
- Wirkweise: Testosteron wirkt über Androgenrezeptoren im zentralen Nervensystem und in peripheren Zielgeweben und moduliert Signalwege, die an sexuellem Verlangen, Motivation und sexueller Reaktionsfähigkeit beteiligt sind.
- Indikationen: Postmenopausale Frauen mit HSDD beziehungsweise klinisch relevanter Dysfunktion des sexuellen Verlangens und persönlichem Leidensdruck nach differenzierter Diagnostik und Behandlung modifizierbarer Einflussfaktoren [5, 6, LL1-3].
- Kontraindikationen: Allergie gegen den jeweiligen Wirkstoff. Eine Testosterontherapie soll nicht bei bereits erhöhten beziehungsweise supraphysiologischen Testosteronwerten oder ungeklärtem klinischem Hyperandrogenismus (Überschuss männlicher Sexualhormone) begonnen werden. Schwangerschaft und Stillzeit schließen eine Anwendung aus. Bei hormonabhängigen malignen Erkrankungen (hormonabhängigen Krebserkrankungen) beziehungsweise entsprechender Anamnese ist eine routinemäßige Therapie nicht zu empfehlen; gegebenenfalls ist eine interdisziplinäre individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung erforderlich. Relevante Lebererkrankungen und Hyperlipidämien (erhöhte Blutfettwerte) sind vor Therapiebeginn zu berücksichtigen [LL3].
- Dosierung: Ein vollständiges, leitlinien- beziehungsweise hausstandardkonformes Regime verwenden; unterschiedliche Regime nicht unkritisch kombinieren oder verlängern. Es ist die niedrigste geeignete Dosis anzuwenden, mit der Testosteronkonzentrationen innerhalb des physiologischen prämenopausalen Bereichs erhalten werden. Supraphysiologische Dosierungen sind zu vermeiden [5, LL1, LL3].
- Hinweise:
- Vor Therapiebeginn Gesamt-Testosteron und sexualhormonbindendes Globulin (SHBG) bestimmen [LL1, LL3].
- Vor Therapiebeginn werden zusätzlich ein Nüchtern-Lipidprofil und die Bestimmung der Leberwerte empfohlen [LL3].
- Der Testosteronwert dient nicht zur Diagnosestellung einer HSDD und nicht als alleiniger Wirksamkeitsparameter [5, LL1, LL3].
- Vor Beginn der Therapie soll eine dokumentierte ärztliche Aufklärung erfolgen. Zu besprechen sind insbesondere der Off-Label-Use in Deutschland, der erwartbare moderate Nutzen, mögliche androgenbedingte Nebenwirkungen, Therapiealternativen, regelmäßige Verlaufskontrollen sowie die begrenzte Datenlage zur Langzeitsicherheit. Die Therapieentscheidung soll im Rahmen einer gemeinsamen Entscheidungsfindung getroffen werden [LL3].
- Gesamt-Testosteron etwa 3-6 Wochen nach Therapiebeginn kontrollieren [LL1, LL3].
- Nach relevanter Dosisänderung erneute Kontrolle innerhalb von etwa 6 Wochen [LL3].
- Bei stabiler Therapie Gesamt-Testosteron regelmäßig kontrollieren; die ISSWSH empfiehlt Kontrollen etwa alle 4-6 Monate, um supraphysiologische Konzentrationen zu vermeiden [LL3].
- Klinisch auf Akne (entzündliche Hautveränderungen), Hirsutismus (männliches Behaarungsmuster bei Frauen), androgenetische Alopezie (hormonell bedingter Haarausfall) beziehungsweise andere Zeichen einer Androgenisierung (verstärkte Ausprägung männlicher Merkmale) achten.
- Eine klinische Wirkung tritt im Mittel nach etwa 6-8 Wochen ein; eine Verbesserung kann bereits nach etwa 4 Wochen auftreten. Maximale Effekte auf sexuelles Verlangen und zufriedenstellende sexuelle Ereignisse werden häufig nach etwa 12 Wochen beobachtet [LL1, LL3].
- Bei fehlender klinisch relevanter Verbesserung nach spätestens 6 Monaten soll die Therapie beendet und die Diagnose beziehungsweise mögliche andere Ursachen erneut überprüft werden [5, LL3].
- Bei gutem Ansprechen kann nach 6-12 Monaten ein kontrollierter Auslassversuch erwogen werden, um die fortbestehende Therapiebedürftigkeit zu überprüfen [LL3].
- Langzeitdaten zur kardiovaskulären und onkologischen Sicherheit über mehrere Jahre sind begrenzt [5, LL3].
- Orales Testosteron soll aufgrund ungünstiger Effekte auf das Lipidprofil nicht eingesetzt werden [5, LL3].
- Testosteronpellets, intramuskuläre Hochdosispräparate und andere Regime, die zu supraphysiologischen Konzentrationen führen können, werden nicht empfohlen [5, LL3].
- Bei transdermaler Anwendung ist eine unbeabsichtigte Übertragung auf andere Personen durch Hautkontakt zu vermeiden. Hände sind nach der Applikation zu reinigen; die Applikationsstelle soll entsprechend gewählt und nach Möglichkeit durch Kleidung bedeckt werden [LL1, LL3].
- Nebenwirkungen: Insbesondere Akne und vermehrte Behaarung. Bei supraphysiologischen Testosteronkonzentrationen steigt das Risiko für Hirsutismus, androgenetische Alopezie, Stimmveränderungen und andere Virilisierungserscheinungen (Vermännlichungszeichen). Lokale Hautreaktionen sind bei transdermaler Anwendung möglich [5, LL3].
Antidepressivainduzierte sexuelle Dysfunktion – Bupropion
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Bupropion | Kausenspezifische Option bei antidepressivainduzierter sexueller Dysfunktion, insbesondere unter SSRI beziehungsweise SNRI. Off-Label-Use für diese Indikation. Eine aktuelle Metaanalyse zeigt Verbesserungen mehrerer Domänen der Sexualfunktion, die Evidenzsicherheit ist jedoch niedrig; die aktuelle ICSM-Konsensusarbeit bewertet die Daten insgesamt als begrenzt beziehungsweise uneinheitlich [1, 6]. Keine gleichrangige Standardtherapie einer primären HSDD. |
- Wirkweise: Bupropion hemmt vorwiegend die neuronale Wiederaufnahme von Noradrenalin und Dopamin und besitzt im Vergleich zu stark serotonergen Antidepressiva eine geringere sexuelle Nebenwirkungsbelastung.
- Indikationen: Im Rahmen dieses Artikels als mögliche Off-Label-Strategie bei antidepressivainduzierter sexueller Dysfunktion nach sorgfältiger Prüfung der ursächlichen Medikation. Eine depressive Erkrankung selbst kann ebenfalls sexuelle Funktionsstörungen verursachen und muss bei der Beurteilung berücksichtigt werden [1, 6].
- Kontraindikationen: Allergie gegen den jeweiligen Wirkstoff. Ferner sind insbesondere bestehende oder anamnestische Krampfanfälle, Tumoren des zentralen Nervensystems, Bulimie (Ess-Brech-Sucht) oder Anorexia nervosa (Magersucht), schwere Leberzirrhose (Narbenleber), abrupter Alkohol- oder Benzodiazepinentzug, gleichzeitige Einnahme weiterer bupropionhaltiger Arzneimittel sowie die gleichzeitige beziehungsweise nicht ausreichend zurückliegende Behandlung mit Monoaminoxidasehemmern zu berücksichtigen.
- Dosierung: Ein vollständiges, leitlinien- beziehungsweise hausstandardkonformes Regime verwenden; unterschiedliche Regime nicht unkritisch kombinieren oder verlängern. Die bei antidepressivainduzierter sexueller Dysfunktion untersuchte Dosierung ist nicht mit einer deutschen Zulassung für diese Indikation gleichzusetzen. Präparatespezifische Retardierungsformen und maximale Tagesdosen müssen berücksichtigt werden.
- Hinweise:
- Eine Änderung einer wirksamen antidepressiven Therapie darf nur unter Berücksichtigung des psychiatrischen Rezidivrisikos erfolgen.
- Vor Einleitung soll geprüft werden, ob die sexuelle Funktionsstörung zeitlich und klinisch mit dem Antidepressivum zusammenhängt.
- Die Evidenz für eine additive Bupropiontherapie ist nicht einheitlich; eine Anwendung soll individuell erfolgen [1, 6].
- Bupropion besitzt ein dosisabhängiges Krampfanfallrisiko.
- Der Blutdruck sollte vor und während der Therapie insbesondere bei bestehender Hypertonie (Bluthochdruck) kontrolliert werden.
- Bupropion hemmt CYP2D6. Dies ist insbesondere bei gleichzeitiger Tamoxifentherapie relevant, da die Bildung des aktiven Tamoxifenmetaboliten Endoxifen vermindert werden kann; eine solche Kombination sollte kritisch geprüft werden.
- Nebenwirkungen: Unter anderem Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Mundtrockenheit, Übelkeit, Unruhe beziehungsweise Angst, Tremor (Zittern) und Blutdruckanstieg. Krampfanfälle sind selten, jedoch dosisabhängig und klinisch relevant.
Lokale Hormontherapie bei genitourinärem Syndrom der Menopause
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Estriol, vaginal | Behandlung estrogenmangelbedingter VVA beziehungsweise GSM und damit verbundener vaginaler Trockenheit oder Dyspareunie. Keine spezifische Behandlung einer isolierten HSDD [LL1]. |
| Prasteron (DHEA), intravaginal | Behandlung moderater bis schwerer VVA-Symptome bei postmenopausalen Frauen. Intravaginales DHEA ist von der nicht empfohlenen systemischen DHEA-Therapie bei HSDD klar zu unterscheiden [4, LL1]. |
- Wirkweise:
- Estriol aktiviert Estrogenrezeptoren im vulvovaginalen Gewebe und verbessert Epithelreifung, Durchblutung, Feuchtigkeit und Gewebeelastizität.
- Prasteron wird intrazellulär im Vaginalgewebe zu Estrogenen und Androgenen metabolisiert und verbessert Zeichen und Symptome der VVA.
- Indikationen: GSM beziehungsweise VVA mit vaginaler Trockenheit, Reizung und/oder Dyspareunie. Eine mögliche Verbesserung des sexuellen Verlangens ist sekundär zur Besserung der genitalen Beschwerden; eine spezifische HSDD-Indikation besteht nicht [4, LL1].
- Kontraindikationen: Allergie gegen den jeweiligen Wirkstoff. Darüber hinaus sind die jeweiligen präparatespezifischen Gegenanzeigen zu berücksichtigen. Nicht abgeklärte genitale Blutungen müssen vor einer hormonellen Therapie diagnostisch geklärt werden.
- Dosierung: Ein vollständiges, leitlinien- beziehungsweise hausstandardkonformes Regime verwenden; unterschiedliche Regime nicht unkritisch kombinieren oder verlängern. Präparatespezifische Fachinformation und niedrigste wirksame Dosierung beachten.
- Hinweise:
- Lokale Estrogene und Prasteron sind keine Pharmakotherapie einer isolierten HSDD ohne GSM beziehungsweise VVA.
- Systemisches DHEA soll bei Frauen mit normaler Nebennierenfunktion nicht zur Behandlung einer HSDD eingesetzt werden [6, LL3].
- Ein DHEAS-Zielwert zur Steuerung einer HSDD-Therapie ist nicht etabliert [6, LL3].
- Bei Frauen nach behandeltem Mammakarzinom (Brustkrebs) soll zunächst eine nicht hormonelle lokale Behandlung erfolgen. Bei erheblichen GSM-Beschwerden und Versagen nicht hormoneller Alternativen kann nach der deutschen S3-Konsultationsfassung eine vaginale Estrioltherapie im Rahmen einer individuellen Nutzen-Risiko-Abwägung erwogen werden [LL1].
- Nebenwirkungen:
- Estriol: insbesondere lokale Reizung, Brennen, Juckreiz, vaginaler Ausfluss beziehungsweise vaginale Blutungen; weitere Nebenwirkungen entsprechend Fachinformation.
- Prasteron: insbesondere vaginaler Ausfluss; weitere unerwünschte Wirkungen entsprechend Fachinformation.
Selektiver Estrogenrezeptormodulator bei vulvovaginaler Atrophie
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Ospemifen | Zur Behandlung moderater bis schwerer symptomatischer VVA bei postmenopausalen Frauen, insbesondere wenn eine lokale Estrogenbehandlung nicht geeignet ist. Keine spezifische HSDD-Therapie. |
- Wirkweise: Selektiver Estrogenrezeptormodulator (SERM) mit estrogenagonistischer Wirkung auf das Vaginalepithel.
- Indikationen: Moderate bis schwere symptomatische VVA bei postmenopausalen Frauen, insbesondere wenn eine lokale Estrogenbehandlung nicht geeignet ist. Keine spezifische HSDD-Therapie.
- Kontraindikationen: Allergie gegen den jeweiligen Wirkstoff. Ferner insbesondere bestehende oder vorausgegangene venöse thromboembolische Erkrankungen (Erkrankungen durch Blutgerinnsel in Venen), nicht abgeklärte vaginale Blutungen, bestehende oder vermutete estrogenabhängige maligne Erkrankungen sowie Endometriumhyperplasie (Verdickung der Gebärmutterschleimhaut) entsprechend Fachinformation.
- Dosierung: Ein vollständiges, leitlinien- beziehungsweise hausstandardkonformes Regime verwenden; unterschiedliche Regime nicht unkritisch kombinieren oder verlängern. 60 mg 1-mal täglich zusammen mit Nahrung.
- Hinweise: Keine primäre Therapie einer Libidostörung (Störung des sexuellen Verlangens). Eine Verbesserung der Sexualfunktion kann sekundär durch Verminderung von vaginaler Trockenheit und Dyspareunie eintreten. Thromboembolische und onkologische Risiken müssen individuell berücksichtigt werden.
- Nebenwirkungen: Unter anderem Hitzewallungen, vulvovaginale mykotische Infektionen (Pilzinfektionen), Kopfschmerzen, Muskelspasmen (Muskelkrämpfe), vaginaler Ausfluss, vaginale Blutungen und Hautreaktionen.
Zentral wirksame HSDD-Therapie – Flibanserin
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Flibanserin | US-FDA-Zulassung für Frauen unter 65 Jahren mit erworbener, generalisierter HSDD entsprechend der aktuellen US-Fachinformation. Keine reguläre deutsche Standardtherapie [2, 6]. |
- Wirkweise: Der genaue Mechanismus der klinischen Wirkung ist nicht vollständig geklärt. Flibanserin wirkt unter anderem als Agonist am 5-Hydroxytryptamin-1A-(5-HT1A-)Rezeptor und als Antagonist am 5-Hydroxytryptamin-2A-(5-HT2A-)Rezeptor und moduliert zentrale monoaminerge Signalwege.
- Indikationen: Nach aktueller US-FDA-Zulassung erworbene, generalisierte HSDD bei Frauen unter 65 Jahren mit relevantem Leidensdruck, sofern die Störung nicht durch eine medizinische oder psychiatrische Erkrankung, Partnerschaftsprobleme oder Arzneimittel beziehungsweise andere Substanzen verursacht wird. Keine Indikation zur allgemeinen Steigerung der sexuellen Leistungsfähigkeit.
- Kontraindikationen: Allergie gegen den jeweiligen Wirkstoff. Gleichzeitige Behandlung mit mittelstarken oder starken CYP3A4-Inhibitoren sowie Leberfunktionsstörung.
- Dosierung: Ein vollständiges, leitlinien- beziehungsweise hausstandardkonformes Regime verwenden; unterschiedliche Regime nicht unkritisch kombinieren oder verlängern. 100 mg 1-mal täglich vor dem Schlafengehen. Bei fehlender klinischer Verbesserung nach 8 Wochen absetzen.
- Hinweise:
- Die Einnahme während des Tages erhöht das Risiko für Hypotonie (niedriger Blutdruck), Synkope (Ohnmacht), Unfallverletzungen und zentralnervöse Sedierung (Dämpfung des zentralen Nervensystems).
- Alkoholkonsum ist entsprechend der aktuellen US-Fachinformation zeitlich von der Einnahme zu trennen.
- Tätigkeiten, die vollständige Aufmerksamkeit erfordern, sollen nach der Einnahme für den in der Fachinformation angegebenen Zeitraum vermieden werden.
- Der durchschnittliche therapeutische Nutzen ist statistisch nachweisbar, im Mittel jedoch moderat [2, 6].
- Nebenwirkungen: Insbesondere Schwindel, Somnolenz (Schläfrigkeit), Übelkeit, Müdigkeit und Schlafstörungen. Klinisch besonders relevant sind Hypotonie, Synkope und zentralnervöse Sedierung [2].
Melanocortinrezeptor-Agonist – Bremelanotid
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Bremelanotid | US-FDA-Zulassung für prämenopausale Frauen mit erworbener, generalisierter HSDD. Keine Indikation bei postmenopausalen Frauen und nicht zur allgemeinen Steigerung der sexuellen Leistungsfähigkeit. Keine reguläre deutsche Standardtherapie [3, 6]. |
- Wirkweise: Agonistische Wirkung an Melanocortinrezeptoren mit zentraler Modulation sexuellen Verlangens; der genaue Wirkmechanismus bei HSDD ist nicht vollständig geklärt.
- Indikationen: Nach US-FDA-Zulassung erworbene, generalisierte HSDD bei prämenopausalen Frauen mit relevantem Leidensdruck, sofern sie nicht durch eine medizinische oder psychiatrische Erkrankung, Partnerschaftsprobleme oder Arzneimittel beziehungsweise andere Substanzen verursacht wird [3, 6].
- Kontraindikationen: Allergie gegen den jeweiligen Wirkstoff. Unkontrollierte arterielle Hypertonie oder bekannte kardiovaskuläre Erkrankung (Herz-Kreislauf-Erkrankung).
- Dosierung: Ein vollständiges, leitlinien- beziehungsweise hausstandardkonformes Regime verwenden; unterschiedliche Regime nicht unkritisch kombinieren oder verlängern. 1,75 mg subkutan mindestens 45 Minuten vor der erwarteten sexuellen Aktivität; höchstens 1 Dosis innerhalb von 24 Stunden. Mehr als 8 Dosen pro Monat werden nicht empfohlen.
- Hinweise:
- Vor Therapiebeginn und im Verlauf kardiovaskuläres Risiko und Blutdruck berücksichtigen.
- Nach jeder Anwendung können Blutdruck vorübergehend ansteigen und Herzfrequenz abfallen; die Veränderungen bilden sich typischerweise innerhalb von etwa 12 Stunden zurück.
- Bremelanotid kann die Magenentleerung verzögern und dadurch die Resorption gleichzeitig oral verabreichter Arzneimittel beeinflussen.
- Die systemische Exposition von oral verabreichtem Naltrexon kann vermindert werden; entsprechende Kombinationen sind zu vermeiden.
- Bei Eintritt einer Schwangerschaft ist die Behandlung abzusetzen.
- Nebenwirkungen: Besonders häufig Übelkeit. Weitere Nebenwirkungen sind Flush, Reaktionen an der Injektionsstelle, Kopfschmerzen, Erbrechen und Schwindel. Fokale Hyperpigmentierungen (umschriebene dunkle Hautverfärbungen) insbesondere im Gesicht, an der Gingiva und an der Brust können auftreten und sind nicht immer vollständig reversibel [3].
Nicht empfohlene beziehungsweise nicht HSDD-spezifische Therapien
- Systemisches DHEA: Eine orale beziehungsweise systemische DHEA-Therapie wird bei Frauen mit normaler Nebennierenfunktion nicht zur Behandlung einer HSDD empfohlen. Weder ein niedriger DHEAS-Wert noch ein festgelegter DHEAS-Zielwert begründen eine entsprechende Substitution [6, LL3].
- Testosteron ohne HSDD: Für eine routinemäßige Anwendung von Testosteron zur Verbesserung von Kognition, Stimmung, allgemeinem Wohlbefinden, Muskelkraft, Knochengesundheit oder zur Prävention altersassoziierter Erkrankungen besteht keine ausreichende Evidenz [5, LL1, LL3].
- Testosteron bei prämenopausalen Frauen: Der Global Consensus beschränkt die gesicherte evidenzbasierte Indikation auf postmenopausale Frauen. Die ISSWSH sieht begrenzte Daten für ausgewählte Frauen im späten reproduktiven Lebensabschnitt. Eine routinemäßige Testosterontherapie der HSDD bei prämenopausalen Frauen kann daher nicht generell empfohlen werden [5, 6, LL3].
- Supraphysiologische Testosterondosierungen: Nicht empfohlen. Testosteronpellets, intramuskuläre Hochdosispräparate und andere Regime, die zu supraphysiologischen Serumkonzentrationen führen, sollen vermieden werden [5, LL3].
- Individuell hergestellte Testosteronpräparate: Nach Global Consensus und ISSWSH nicht routinemäßig empfohlen, solange ein geeignetes behördlich zugelassenes transdermales Präparat zur Verfügung steht. Falls mangels geeigneter zugelassener Alternative eine Magistralrezeptur erforderlich ist, sollen hohe pharmazeutische Qualitäts- und Reinheitsstandards sowie eine zuverlässige Dosierung gewährleistet und die Serumkonzentrationen sorgfältig überwacht werden [5, LL1, LL3].
- Lokale Estrogene, Prasteron und Ospemifen: Nicht als spezifische Pharmakotherapie einer isolierten HSDD ohne GSM beziehungsweise VVA einsetzen.
- Bupropion: Nicht als routinemäßige Erstlinientherapie einer primären HSDD einsetzen. Der Schwerpunkt liegt auf einer individualisierten Off-Label-Anwendung bei antidepressivainduzierter sexueller Dysfunktion beziehungsweise ausgewählten Patientinnen [1, 6].
Siehe auch unter „Weitere Therapie“.
Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)
Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für den Energiestoffwechsel sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:
- Vitamine (C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Biotin)
- Mineralstoffe (Magnesium)
- Spurenelemente (Kupfer, Mangan, Selen, Zink)
- Weitere Vitalstoffe (Coenzym Q10 (CoQ10), L-Carnitin)
Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
Abkürzungen
- 5-HT – 5-Hydroxytryptamin
- CYP2D6 – Cytochrom P450 2D6
- CYP3A4 – Cytochrom P450 3A4
- DHEA – Dehydroepiandrosteron
- DHEAS – Dehydroepiandrosteronsulfat
- FDA – Food and Drug Administration
- GSM – genitourinäres Syndrom der Menopause
- HRT – Hormone Replacement Therapy
- HSDD – Hypoactive Sexual Desire Disorder
- ICSM – International Consultation on Sexual Medicine
- ISSWSH – International Society for the Study of Women's Sexual Health
- MHT – menopausale Hormontherapie
- NICE – National Institute for Health and Care Excellence
- SERM – selektiver Estrogenrezeptormodulator
- SHBG – sexualhormonbindendes Globulin
- SNRI – Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer
- SR – Sustained Release
- SSRI – selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer
- VVA – vulvovaginale Atrophie
Literatur
- de Aquino ACQ, Sarmento ACA, Teixeira RLA et al.: Pharmacological treatment of antidepressant-induced sexual dysfunction in women: A systematic review and meta-analysis of randomized clinical trials. Clinics (Sao Paulo) 2025;80:100602. doi: 10.1016/j.clinsp.2025.100602
- Kamrul-Hasan ABM, Hannan MA, Alam MS et al.: Role of flibanserin in managing hypoactive sexual desire disorder in women: A systematic review and meta-analysis. Medicine (Baltimore) 2024;103(25):e38592. doi: 10.1097/MD.0000000000038592
- Kingsberg SA, Clayton AH, Portman D et al.: Bremelanotide for the Treatment of Hypoactive Sexual Desire Disorder: Two Randomized Phase 3 Trials. Obstet Gynecol 2019;134(5):899-908. doi: 10.1097/AOG.0000000000003500
- Labrie F, Archer DF, Koltun W et al.: Efficacy of intravaginal dehydroepiandrosterone (DHEA) on moderate to severe dyspareunia and vaginal dryness, symptoms of vulvovaginal atrophy, and of the genitourinary syndrome of menopause. Menopause 2018;25(11):1339-1353. doi: 10.1097/GME.0000000000001238
- Davis SR, Baber R, Panay N et al.: Global Consensus Position Statement on the Use of Testosterone Therapy for Women. J Clin Endocrinol Metab 2019;104(10):4660-4666. doi: 10.1210/jc.2019-01603
- Rowen TS, Abdo C, El Kak F et al.: Evaluation and management of hypoactive sexual desire disorder in women. Recommendations from the 5th International Consultation on Sexual Medicine (ICSM 2024). Sex Med Rev 2026;14(1):qeaf057. doi: 10.1093/sxmrev/qeaf057
Leitlinien
- S3-Leitlinie: Peri- und Postmenopause – Diagnostik und Interventionen. (AWMF-Registernummer 015-062). Konsultationsfassung, Stand 09.06.2026, veröffentlicht am 10.06.2026, gültig bis 01.10.2026. Langfassung; Kurzfassung [LL1]
- National Institute for Health and Care Excellence (NICE): Menopause: identification and management. NICE Guideline NG23. Published 12.11.2015; last updated 15.04.2026. Empfehlung 1.5.25 zur Testosteronsupplementation aus 2015. NICE Guideline NG23; Recommendations [LL2]
- Parish SJ, Simon JA, Davis SR et al.: International Society for the Study of Women's Sexual Health Clinical Practice Guideline for the Use of Systemic Testosterone for Hypoactive Sexual Desire Disorder in Women. J Sex Med 2021;18(5):849-867. doi: 10.1016/j.jsxm.2020.10.009 [LL3]
Produktinformationen
- Elontril 150 mg/300 mg Tabletten mit veränderter Wirkstofffreisetzung (Bupropion) – aktuelle Fachinformation.
- Estriol Wolff 0,5 mg/g Vaginalcreme – aktuelle Fachinformation.
- Intrarosa (Prasteron) – European Medicines Agency, aktuelle Produktinformation.
- Senshio (Ospemifen) – European Medicines Agency, aktuelle Produktinformation.
- Addyi (Flibanserin) – US Food and Drug Administration, aktuelle Prescribing Information.
- Vyleesi (Bremelanotid) – US Food and Drug Administration, aktuelle Prescribing Information.