Schwangerschaftserbrechen (Hyperemesis gravidarum) – Körperliche Untersuchung

Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:

  • Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruck, Puls, Körpertemperatur, Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung, Körpergewicht und Körpergröße; des Weiteren:
    • Beurteilung des Allgemein- und Ernährungszustandes: Erfassung von Erschöpfung, körperlicher Schwäche und sichtbarem Muskelabbau; Vergleich des aktuellen Gewichts mit dem Gewicht vor der Schwangerschaft und Dokumentation des Gewichtsverlaufs. Ein Gewichtsverlust von mehr als 5 % des Ausgangsgewichts ist klinisch bedeutsam, jedoch keine zwingende Diagnosevoraussetzung.
    • Inspektion von Haut, Mundschleimhaut, Zunge und Skleren (Lederhäute der Augen, sichtbar als Augenweiß): Suche nach trockenen Schleimhäuten, trockenen Lippen, vermindertem Hautturgor (Spannungszustand der Haut) und eingesunkenen Augen als Zeichen einer Dehydratation (Flüssigkeitsmangel). Ein Ikterus (Gelbsucht) ist kein typischer Routinebefund und erfordert die Abklärung einer Leberbeteiligung oder anderer Ursachen.
    • Beurteilung des Kreislaufs und der peripheren Durchblutung: Prüfung von Rekapillarisierungszeit (Zeit bis zur Wiederauffüllung kleinster Blutgefäße nach Druck auf die Haut), Hauttemperatur und Pulsqualität; bei Kreislaufbeschwerden und ausreichender Standfestigkeit zusätzlich Blutdruck- und Pulsmessung im Liegen und Stehen zur Erfassung einer orthostatischen Kreislaufstörung (Kreislaufstörung beim Aufrichten). Tachykardie (beschleunigter Herzschlag) und Hypotonie (niedriger Blutdruck) können auf einen relevanten Volumenmangel (Flüssigkeitsmangel im Blutkreislauf) hinweisen.
    • Auskultation des Herzens: Beurteilung von Herzfrequenz und Herzrhythmus; auffällige Rhythmusunregelmäßigkeiten erfordern eine weiterführende Abklärung.
    • Auskultation der Lunge: insbesondere bei Atemnot oder auffälliger Atemfrequenz Suche nach Hinweisen auf pulmonale Komplikationen (Folgeprobleme an der Lunge) oder eine andere Erkrankung.
  • Untersuchung des Abdomens (Bauchs)
    • Inspektion, Auskultation und vorsichtige Palpation: Beurteilung von Distension (Aufblähung), Darmgeräuschen, lokalisiertem Druckschmerz, Abwehrspannung (unwillkürlicher Anspannung der Bauchmuskeln bei Berührung) und Organvergrößerungen.
    • Bei entsprechenden Beschwerden Prüfung der Nierenlager (Bereiche über den Nieren) auf Klopfschmerz.
    • Ausgeprägte oder umschriebene Bauchschmerzen, Abwehrspannung, Fieber und Nierenlagerklopfschmerz sind für eine unkomplizierte Hyperemesis gravidarum untypisch und erfordern die gezielte Abklärung anderer Ursachen.
  • Gynäkologische und geburtshilfliche Untersuchung
    • Beurteilung der Uterusgröße (Größe der Gebärmutter) beziehungsweise des Fundusstandes (Höhe des oberen Gebärmutterrandes) entsprechend dem Gestationsalter (Schwangerschaftsalter), soweit klinisch beurteilbar. Besonders in der Frühschwangerschaft lässt sich die zeitgerechte Entwicklung der Schwangerschaft durch die körperliche Untersuchung allein nicht zuverlässig feststellen.
    • Ein gegenüber dem Gestationsalter vergrößerter Uterus kann Anlass zur weiteren Abklärung geben; Mehrlingsschwangerschaft und Blasenmole (Fehlentwicklung von Schwangerschaftsgewebe mit bläschenartigen Veränderungen) lassen sich körperlich weder sicher erkennen noch ausschließen.
    • Eine Spekulumuntersuchung oder bimanuelle Untersuchung erfolgt bei zusätzlicher Indikation, insbesondere vaginaler Blutung (Blutung aus der Scheide), Unterbauchschmerzen oder auffälligem Ausfluss; sie ist bei isolierter Hyperemesis gravidarum nicht routinemäßig erforderlich.
  • Neurologische Untersuchung
    • Orientierende Prüfung von Bewusstseinslage, Orientierung und Aufmerksamkeit; bei länger anhaltendem schwerem Erbrechen oder auffälligem Befund zusätzlich Untersuchung von Augenbewegungen, Koordination und Gang, soweit der Kreislauf dies zulässt.
    • Verwirrtheit, Benommenheit, Nystagmus (unwillkürliches Augenzittern), Augenmuskelparesen (Lähmungen der Augenmuskeln) oder Ataxie (Störung der Bewegungskoordination) können auf eine Wernicke-Enzephalopathie (Gehirnerkrankung durch Vitamin-B1-Mangel) infolge Thiaminmangels (Vitamin-B1-Mangels) hinweisen und erfordern eine unverzügliche ärztliche Notfallbeurteilung. Das Fehlen der vollständigen klassischen Symptomtrias (Kombination dreier typischer Krankheitszeichen) schließt diese Komplikation nicht aus.
  • Ergänzende Untersuchung bei klinischem Verdacht – bei Struma (vergrößerter Schilddrüse), auffälligem Tremor (Zittern) oder anderen Hinweisen auf eine Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) gezielte Untersuchung von Schilddrüse, Augen und Reflexen zur Abgrenzung einer zusätzlichen Schilddrüsenerkrankung.

Klinische Einordnung: Es gibt keinen für die Hyperemesis gravidarum beweisenden körperlichen Untersuchungsbefund. Dehydratationszeichen und Gewichtsverlust unterstützen die Schweregradbeurteilung; ihr Fehlen schließt die Erkrankung nicht aus. Kreislaufinstabilität oder neurologische Auffälligkeiten erfordern eine sofortige klinische Beurteilung.