Nierenbeckenentzündung (Pyelonephritis) – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Rasche Eradikation (Beseitigung) des ursächlichen Erregers und klinische Heilung der Pyelonephritis (Nierenbeckenentzündung) [LL1, LL2]
- Vermeidung einer Progression zur Urosepsis (Blutvergiftung durch Harnwegsinfektion) bzw. zum septischen Schock (lebensbedrohlicher Kreislaufzusammenbruch bei Sepsis) [LL2, LL3]
- Vermeidung lokaler Komplikationen, insbesondere Nieren- bzw. perinephritischer Abszesse (Eiteransammlungen im Gewebe um die Niere), Pyonephrose (eitrige Stauungsniere) und Nierenparenchymschäden (Schäden des Nierengewebes) [LL1, LL2]
- Frühzeitige Erkennung und Beseitigung einer Harnabflussstörung (Behinderung des Urinabflusses) bzw. anderer therapiebedürftiger urologischer Risikofaktoren [LL2]
- Vermeidung von Rezidiven (Wiederauftreten der Erkrankung) und Resistenzselektion (Begünstigung widerstandsfähiger Erreger) durch eine möglichst gezielte und ausreichend lange, aber nicht unnötig verlängerte Antibiotikatherapie [LL1-LL3]
Therapieempfehlungen
- Grundprinzip: Eine akute Pyelonephritis soll nach Diagnosestellung möglichst früh mit einem wirksamen Antibiotikum behandelt werden. Bei schwerem Verlauf bzw. Sepsisverdacht darf der Therapiebeginn durch die mikrobiologische Diagnostik nicht relevant verzögert werden [LL1-LL3].
- Urinuntersuchung: Bei jeder Pyelonephritis sollen eine Urinkultur und eine antimikrobielle Empfindlichkeitsprüfung durchgeführt werden [LL1, LL2].
- Blutkulturen: Bei Sepsis (Blutvergiftung), schwerem Krankheitsbild bzw. Verdacht auf Bakteriämie (Bakterien im Blut) sollen Blutkulturen vor Beginn der Antibiotikatherapie abgenommen werden, sofern hierdurch die Therapie nicht verzögert wird [LL2].
- Antibiotikawahl: Die empirische Therapie richtet sich nach klinischem Schweregrad, vorausgegangenen Urinkulturen und Resistenzbefunden, vorheriger Antibiotikaexposition, lokaler Resistenzsituation, Nierenfunktion, Allergien, Schwangerschaft sowie individuellen Risikofaktoren für resistente Erreger [LL1-LL3].
- Deeskalation (Umstellung auf eine gezieltere Behandlung): Nach Vorliegen von Erreger und Antibiogramm soll die empirische Therapie auf ein wirksames Antibiotikum mit möglichst gezieltem Wirkspektrum angepasst werden [LL2, LL3].
Aktuelle Klassifikation
- Die European Association of Urology (EAU) unterscheidet Harnwegsinfektionen inzwischen primär in lokalisierte Harnwegsinfektionen (auf die Harnwege begrenzte Infektionen) und systemische Harnwegsinfektionen (Harnwegsinfektionen mit Beteiligung des gesamten Organismus). Die Pyelonephritis gehört zu den systemischen Harnwegsinfektionen; zusätzliche Risikofaktoren werden separat erfasst [LL2].
- Zu klinisch relevanten Risikofaktoren gehören insbesondere Harnabflussstörung, Urolithiasis (Harnsteinleiden), anatomische oder funktionelle Harntraktanomalien (Fehlbildungen oder Funktionsstörungen der Harnwege), relevanter Restharn (nach dem Wasserlassen in der Blase verbleibender Urin), Harnwegskatheter (Schlauch zur Harnableitung), vorausgegangene urologische Instrumentierung (Eingriff an den Harnwegen mit Instrumenten), Nierenfunktionsstörung, Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems), Schwangerschaft, vorausgegangene Antibiotikatherapie und bekannte Besiedlung bzw. Infektion mit resistenten Erregern [LL2].
- Die deutsche S3-Leitlinie 2024 verwendet für ihre Therapieempfehlungen weiterhin die Kategorie der akuten unkomplizierten Pyelonephritis und differenziert insbesondere:
- A. Nicht-schwangere Frauen in der Prämenopause (Zeit vor den Wechseljahren) ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen
- B. Schwangere ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen
- C. Frauen in der Postmenopause (Zeit nach der letzten Regelblutung) ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen
- D. Jüngere Männer ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen
- E. Patienten mit Diabetes mellitus und stabiler Stoffwechsellage ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen [LL1]
- Die früher verwendeten ORENUC-Kriterien sind für die aktuelle leitlinienorientierte Klassifikation und Therapieentscheidung nicht mehr erforderlich [LL2].
Ambulante versus stationäre Behandlung
- Eine ambulante orale Therapie ist bei klinisch stabilen Patienten mit leichtem bis mittelschwerem Verlauf, ausreichender oraler Flüssigkeits- und Medikamentenaufnahme, fehlenden Hinweisen auf eine relevante Harnabflussstörung und gesicherter kurzfristiger Verlaufskontrolle möglich [LL1, LL2].
- Eine stationäre Behandlung mit initial parenteraler Antibiotikatherapie (zu Beginn über eine Injektion oder Infusion verabreichte Antibiotikatherapie) ist insbesondere erforderlich bzw. zu erwägen bei:
- Sepsis bzw. hämodynamischer Instabilität (Kreislaufinstabilität)
- schwerem Allgemeinzustand
- anhaltendem Erbrechen bzw. fehlender oraler Medikamentenaufnahme
- relevanter Dehydratation (Flüssigkeitsmangel)
- Harnabflussstörung bzw. Verdacht auf Pyonephrose
- Nieren- bzw. perinephritischem Abszess
- ausgeprägter Nierenfunktionsstörung
- Immunsuppression
- erhöhtem Risiko für multiresistente Erreger (gegen viele Antibiotika widerstandsfähige Krankheitserreger)
- Schwangerschaft
- fehlender zuverlässiger ambulanter Überwachung [LL1-LL3]
A. Nicht-schwangere Frauen in der Prämenopause ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen
- Bei leichtem bis mittelschwerem Verlauf soll primär mit oralen Antibiotika behandelt werden [LL1].
- Bei klinisch unkompliziertem Verlauf sollte die Therapiedauer im Regelfall 5-10 Tage betragen [LL1].
- Die deutsche S3-Leitlinie empfiehlt für die orale Therapie insbesondere Cefpodoxim-Proxetil, Ciprofloxacin und Levofloxacin [LL1].
- Bei Fluorchinolonen müssen die europäischen Anwendungsbeschränkungen, individuelle Risikofaktoren sowie die lokale Resistenzsituation berücksichtigt werden [2, 3, LL1, LL2].
- Bei schwerem Verlauf mit systemischen Begleiterscheinungen soll initial eine hochdosierte parenterale Antibiotikatherapie erfolgen [LL1].
Wirkstoffe (Hauptindikation)
Empirische orale Antibiotikatherapie bei leichtem bis mittelschwerem Verlauf einer akuten unkomplizierten Pyelonephritis bei nichtschwangeren Frauen ohne relevante Begleiterkrankungen [LL1, LL2]
| Wirkstoff | Therapiedauer | Besonderheiten |
| Cefpodoxim-Proxetil | 10 Tage | Orale Cephalosporin-Option; Einnahme mit einer Mahlzeit verbessert die Resorption; Dosisanpassung bei eingeschränkter Nierenfunktion [LL1, LL2, FI3] |
| Ciprofloxacin | 7 Tage | Dosierung entsprechend aktueller deutscher Fachinformation für akute Pyelonephritis; lokale Fluorchinolonresistenz und individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung berücksichtigen [LL1, LL2, FI1] |
| Levofloxacin | 7-10 Tage | Zugelassenes Dosierungsregime entsprechend aktueller deutscher Fachinformation; Dosisanpassung bei Kreatinin-Clearance ≤ 50 ml/min [FI2] |
| Levofloxacin | 5 Tage | Hochdosis-Kurzregime der deutschen S3-Leitlinie; die Wirksamkeit eines 5-Tage-Regimes mit 750 mg 1-mal täglich wurde in einer randomisierten Studie gegenüber Ciprofloxacin über 10 Tage untersucht. Da die aktuelle deutsche Fachinformation für akute Pyelonephritis 500 mg 1-mal täglich über 7-10 Tage vorsieht: Off-Label-Use [6, LL1, FI2] |
| Trimethoprim/Sulfamethoxazol | 14 Tage | Nicht bevorzugte ungezielte empirische Therapie in der deutschen S3-Leitlinie. Gemäß EAU bei nachgewiesener Erregerempfindlichkeit geeignet; bei empirischem Einsatz soll initial eine langwirksame parenterale Dosis, z. B. Ceftriaxon, verabreicht werden [LL2] |
Nicht zur Therapie der Pyelonephritis geeignet
- Nitrofurantoin, Fosfomycin-Trometamol oral und Pivmecillinam sollen zur Behandlung einer Pyelonephritis nicht eingesetzt werden [LL2].
- Diese Wirkstoffe besitzen teilweise einen Stellenwert bei der akuten Zystitis (Blasenentzündung), dürfen jedoch nicht von der Zystitistherapie auf die Pyelonephritis übertragen werden [LL1, LL2].
Initiale parenterale Therapie bei schwerem Verlauf
| Wirkstoff | Stellenwert/Besonderheiten |
| Ceftriaxon | Mittel der ersten Wahl gemäß deutscher S3-Leitlinie [LL1] |
| Cefotaxim | Mittel der ersten Wahl gemäß deutscher S3-Leitlinie [LL1] |
| Ciprofloxacin | Mittel der ersten Wahl gemäß deutscher S3-Leitlinie; Fluorchinolon-Sicherheitsbeschränkungen und Resistenzlage beachten [2, 3, LL1] |
| Levofloxacin | Zugelassene Dosierung für akute Pyelonephritis entsprechend deutscher Fachinformation [FI4] |
| Levofloxacin | In der deutschen S3-Leitlinie als parenterales Regime aufgeführt; gegenüber der aktuellen deutschen Fachinformation Off-Label-Use [LL1, FI4] |
| Piperacillin/Tazobactam | Breitere Therapieoption insbesondere bei schwerem Verlauf bzw. entsprechenden Risikofaktoren; nicht routinemäßig bei unkompliziertem Verlauf erforderlich [LL1, LL2] |
| Cefepim | Breitere Therapieoption; zwingende Dosisanpassung bei eingeschränkter Nierenfunktion beachten [4, LL1] |
| Ceftazidim | Option bei entsprechender Erreger- bzw. Resistenzkonstellation [LL1] |
| Amikacin | Mittel der zweiten Wahl; nephro- und ototoxisches Potenzial, bei wiederholter Gabe Nierenfunktionskontrolle und Therapeutisches Drug-Monitoring [LL1] |
| Gentamicin | Mittel der zweiten Wahl; nephro- und ototoxisches Potenzial, bei wiederholter Gabe Nierenfunktionskontrolle und Therapeutisches Drug-Monitoring [LL1] |
| Ertapenem | Reserveoption insbesondere bei entsprechender ESBL-Konstellation; keine Wirksamkeit gegen Pseudomonas aeruginosa [LL1, LL2] |
| Meropenem | Reserve bei schwerem Verlauf und hohem Risiko bzw. Nachweis resistenter gramnegativer Erreger; nach Antibiogramm möglichst Deeskalation [LL1-LL3] |
| Imipenem/Cilastatin | Reserve bei entsprechender Resistenzkonstellation; Nierenfunktion und neurotoxisches Potenzial berücksichtigen [LL1] |
- Breitspektrum- und Reserveantibiotika, insbesondere Carbapeneme sowie neuere β-Lactam/β-Lactamase-Inhibitor-Kombinationen oder Cefiderocol, sollen nicht routinemäßig bei einer ambulant erworbenen unkomplizierten Pyelonephritis eingesetzt werden. Sie sind im Wesentlichen schweren Infektionen mit nachgewiesenen bzw. hochwahrscheinlichen resistenten Erregern und fehlenden geeigneteren Therapiealternativen vorbehalten [LL2, LL3].
Sequenztherapie und Therapiedauer
- Eine initial intravenöse Therapie (Behandlung über eine Vene) soll bei klinischer Besserung, hämodynamischer Stabilität, möglicher oraler Medikamenteneinnahme und Verfügbarkeit eines wirksamen oralen Antibiotikums möglichst früh auf eine orale Sequenztherapie (Fortsetzung der Behandlung mit Tabletten oder Saft) umgestellt werden [LL2, LL3].
- Ein starres Vorgehen wie „intravenös bis zwei Tage nach Entfieberung“ ist nicht erforderlich. Entscheidend sind klinische Stabilisierung, orale Resorptionsfähigkeit, Erregerempfindlichkeit und gegebenenfalls erfolgte Herdsanierung (Beseitigung der Infektionsquelle) [LL2, LL3].
- Bei unkomplizierter Pyelonephritis beträgt die Therapiedauer, abhängig von Wirkstoff und klinischem Verlauf, im Allgemeinen 5-10 Tage. Die deutsche S3-Leitlinie sieht bei schweren Verlaufsformen mit initial parenteraler Therapie eine Gesamttherapiedauer von etwa 1-2 Wochen vor [LL1, LL2].
- Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse randomisierter Studien zeigte, dass bei vielen Erwachsenen mit akuter Pyelonephritis bzw. septischer Harnwegsinfektion Therapiedauern von höchstens 7 Tagen vergleichbare klinische Ergebnisse erzielen können; bei Patienten mit urogenitalen Anomalien (Fehlbildungen der Harn- und Geschlechtsorgane) ergaben sich Hinweise zugunsten längerer Behandlungszeiten [5].
- Die Infectious Diseases Society of America (IDSA) empfiehlt bei Patienten mit komplizierter Harnwegsinfektion einschließlich akuter Pyelonephritis und gutem klinischen Ansprechen 5-7 Tage bei Fluorchinolonen bzw. 7 Tage bei wirksamen Nicht-Fluorchinolonen anstelle von 10-14 Tagen. Die Empfehlung für Fluorchinolone ist konditional bei moderater Evidenzsicherheit, diejenige für Nicht-Fluorchinolone konditional bei sehr niedriger Evidenzsicherheit. Hochrisikogruppen waren in vielen zugrunde liegenden Studien ausgeschlossen, sodass hier eine individuelle Therapiedauer erforderlich sein kann [LL3].
B. Schwangerschaft
- In der Schwangerschaft soll bei Pyelonephritis eine stationäre Behandlung erwogen werden [LL1].
- Die Antibiotikatherapie sollte möglichst initial parenteral erfolgen; für die empirische Therapie empfiehlt die deutsche S3-Leitlinie Cephalosporine der Gruppe 3 [LL1].
- Nach Vorliegen der vor Therapiebeginn gewonnenen Urinkultur soll die weitere Antibiotikatherapie entsprechend Erreger und Empfindlichkeit angepasst werden [LL1].
- Fluorchinolone sollen in der Schwangerschaft nicht eingesetzt werden.
- Nitrofurantoin und Fosfomycin-Trometamol sind unabhängig von ihrer möglichen Verwendung bei unteren Harnwegsinfektionen für die Therapie einer Pyelonephritis nicht geeignet [LL2].
- Nach abgeschlossener Therapie einer Pyelonephritis in der Schwangerschaft ist eine Urinkultur zur Sicherung der Erregereradikation bzw. des Therapieerfolgs durchzuführen [LL1].
- Davon zu unterscheiden ist die allgemeinere S3-Empfehlung nach einer behandelten Harnwegsinfektion in der Schwangerschaft: Eine Urinkultur zum Ausschluss einer asymptomatischen Bakteriurie (Bakterien im Urin ohne Beschwerden) sollte durchgeführt werden, wenn das Ergebnis klinische Konsequenzen, d. h. eine Antibiotikabehandlung, hätte [LL1].
C. Frauen in der Postmenopause ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen
- Frauen in der Postmenopause mit mildem bis mittelschwerem Verlauf einer akuten unkomplizierten Pyelonephritis sollen mit oralen Antibiotika behandelt werden. Bei schweren Infektionen mit systemischen Begleiterscheinungen soll die Therapie initial mit hohen Dosen parenteraler Antibiotika begonnen werden [LL1].
- Die deutsche S3-Leitlinie empfiehlt grundsätzlich eine Vorgehensweise wie bei prämenopausalen Frauen; spezifische Therapiestudien zur Pyelonephritis bei postmenopausalen Frauen liegen jedoch nicht vor. Die Empfehlung beruht daher auf Expertenkonsens [LL1].
- Eine lokal-vaginale Östrogentherapie (örtliche Behandlung der Scheide mit weiblichen Geschlechtshormonen) kann bei postmenopausalen Frauen zur Prävention rezidivierender unterer Harnwegsinfektionen indiziert sein; sie ist jedoch keine Therapie der akuten Pyelonephritis. Einzelheiten siehe „Zystitis/Pharmakotherapie“ [LL1, LL2].
- Die frühere pauschale Aussage, Östriol besitze grundsätzlich „weder Karzinom- noch Thromboserisiken“, ist in dieser Absolutheit nicht evidenzgerecht und wird nicht übernommen.
D. Jüngere Männer ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen
- Für die empirische orale Therapie der milden bis mittelschweren akuten unkomplizierten Pyelonephritis können gemäß deutscher S3-Leitlinie primär Fluorchinolone eingesetzt werden, sofern die lokale Escherichia coli-Resistenzrate unter 10 % liegt und keine patientenbezogenen Kontraindikationen bzw. relevanten Fluorchinolon-Risikofaktoren bestehen [LL1].
- Bei febriler Harnwegsinfektion bzw. Pyelonephritis des Mannes muss eine mögliche Prostatabeteiligung (Mitbeteiligung der Vorsteherdrüse) berücksichtigt werden.
- Die deutsche S3-Leitlinie empfiehlt bei jüngeren Männern eine Therapiedauer von etwa 14 Tagen, abhängig vom Antibiotikum und klinischen Verlauf [LL1].
- Diese Empfehlung wird durch eine multizentrische randomisierte Studie gestützt, in der bei Männern mit febriler Harnwegsinfektion eine 7-tägige Ofloxacintherapie einer 14-tägigen Behandlung hinsichtlich des Therapieerfolgs unterlegen war [1, LL1].
E. Patienten mit Diabetes mellitus und stabiler Stoffwechsellage ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen
- Die deutsche S3-Leitlinie 2024 enthält für die Antibiotikatherapie der akuten unkomplizierten Pyelonephritis bei Patienten mit Diabetes mellitus und stabiler Stoffwechsellage keine formale Empfehlung bzw. kein Statement [LL1].
- Eine pauschale Gleichsetzung der Antibiotikatherapie mit derjenigen bei Patienten ohne Diabetes mellitus wird daher in der aktuellen Fassung nicht als Leitlinienempfehlung dargestellt.
- Gemäß den Hintergrundinformationen der S3-Leitlinie ist Cotrimoxazol wegen erhöhter Resistenz uropathogener Erreger und möglicher hypoglykämischer Regulationsstörungen (Störungen der Blutzuckerregulation mit Unterzuckerung) bei Diabetes mellitus kritisch zu bewerten [LL1].
- Bei drohender oder manifester Stoffwechseldekompensation (Entgleisung des Stoffwechsels), Übelkeit, Erbrechen oder beginnender Sepsis ist eine stationäre Behandlung erforderlich [LL1].
- Für die optimale Therapiedauer liegen keine spezifischen randomisierten Studien bei Patienten mit Diabetes mellitus vor; die S3-Hintergrundinformationen nennen im Allgemeinen 7-14 Tage, wobei sich die Dauer nach dem klinischen Verlauf richten soll [LL1].
- Abszedierungen (Bildung von Eiteransammlungen) bzw. Hinweise auf eine emphysematöse Pyelonephritis (gasbildende Form der Nierenbeckenentzündung) können eine interventionelle bzw. urologisch-chirurgische Therapie erforderlich machen [LL1, LL2].
- Blutglukose und metabolische Situation sind während des akuten Infektes engmaschig zu kontrollieren.
Kinder und Jugendliche
- Eine febrile Harnwegsinfektion bzw. Pyelonephritis im Kindesalter soll unverzüglich antibiotisch behandelt werden. Eine Verzögerung von mehr als 48-72 Stunden erhöht das Risiko für renale Narbenbildung (Vernarbung des Nierengewebes) [LL4].
- Die Entscheidung zwischen oraler und parenteraler Therapie richtet sich insbesondere nach Alter, klinischem Schweregrad, Urosepsisverdacht, Erbrechen bzw. fehlender oraler Medikamenteneinnahme sowie dem Vorliegen einer komplizierten Pyelonephritis, z. B. bei Harnabflussstörung [LL4].
- Bei Neugeborenen und Säuglingen im Alter von < 2 Monaten wird wegen des erhöhten Risikos für Urosepsis bzw. schwere Pyelonephritis eine parenterale Antibiotikatherapie empfohlen [LL4].
- Auch bei älteren schwer erkrankten Kindern bzw. fehlender oraler Toleranz soll parenteral behandelt werden [LL4].
- Bei klinisch stabilem Kind kann eine orale Therapie mit einem geeigneten, auf lokale Resistenzdaten abgestimmten Antibiotikum erfolgen [LL4].
- Die EAU/ESPU-Leitlinie 2026 empfiehlt bei febriler Harnwegsinfektion grundsätzlich eine Therapiedauer von 4-7 Tagen; bei kompliziertem Verlauf ist die Behandlung individuell anzupassen [LL4].
- Bei fehlendem Ansprechen auf die Antibiotikatherapie soll insbesondere eine Harnabflussstörung ausgeschlossen und gegebenenfalls eine Harnableitung erwogen werden [LL4].
Beachte
- Harnabflussstörung/Pyonephrose: Ein infiziertes obstruiertes Harnsystem erfordert neben einer unverzüglichen wirksamen Antibiotikatherapie die rasche Beseitigung der Obstruktion (Blockierung) bzw. Harnableitung. Eine Antibiotikatherapie allein kann unzureichend sein [LL2].
- Fehlende klinische Besserung innerhalb von 48-72 Stunden: Erneute klinische Evaluation, Wiederholung von Urinkultur und Resistenzprüfung sowie Bildgebung zum Ausschluss von Harnabflussstörung, Konkrement (Stein), Nieren- bzw. perinephritischem Abszess oder anderer Komplikationen [LL2].
- Verlaufskontrolle: Ambulant behandelte Patienten mit Pyelonephritis sollten innerhalb von 48-72 Stunden klinisch nachkontrolliert werden [LL2].
- Kontrollkultur bei nicht schwangeren Patienten: Bei asymptomatischen Patienten ist nach erfolgreicher Therapie keine routinemäßige Urinkultur erforderlich. Bei persistierenden bzw. rezidivierenden Beschwerden soll die mikrobiologische Diagnostik wiederholt werden [LL2].
- Schwangerschaft: Nach Pyelonephritis ist die Erregereradikation durch Urinkultur zu verifizieren [LL1].
- Nierenfunktion: Die renale Elimination der eingesetzten Antibiotika muss berücksichtigt werden; zahlreiche Wirkstoffe erfordern eine Dosisanpassung bei eingeschränkter Nierenfunktion.
- Cefepim: Bei Kreatinin-Clearance ≤ 50 ml/min muss die Dosierung angepasst werden. Eine Akkumulation kann insbesondere zu reversibler Enzephalopathie (Funktionsstörung des Gehirns) mit Bewusstseinsstörungen, Verwirrtheit, Halluzinationen, Stupor (Zustand stark verminderter Reaktionsfähigkeit) oder Koma (tiefe Bewusstlosigkeit), Myoklonien (unwillkürliche Muskelzuckungen) und Krampfanfällen einschließlich eines nichtkonvulsiven Status epilepticus (anhaltender epileptischer Anfall ohne typische Krämpfe) führen [4].
- Aminoglykoside: Nephro- und Ototoxizität (Schädlichkeit für Niere und Innenohr) beachten; Dosierung entsprechend Nierenfunktion, bei wiederholter Gabe therapeutisches Drug-Monitoring.
- Flüssigkeitstherapie: Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr zur Wiederherstellung bzw. Aufrechterhaltung der Euvolämie (ausgeglichener Flüssigkeitshaushalt) ist sinnvoll. Eine forcierte Flüssigkeitszufuhr ohne klinische Indikation ist nicht erforderlich.
Fluorchinolone – Arzneimittelsicherheit
- Systemisch angewendete Fluorchinolone können selten schwerwiegende, lang anhaltende, die Lebensqualität beeinträchtigende und möglicherweise irreversible Nebenwirkungen insbesondere an Sehnen, Muskeln, Gelenken und Nervensystem verursachen [2, 3].
- Sie sollen nicht bei nicht schweren bzw. selbstlimitierenden Infektionen und nicht zur Prävention rezidivierender Infektionen der unteren Harnwege eingesetzt werden [2, 3].
- Bei leichten bis mittelschweren bakteriellen Infektionen sollen Fluorchinolone nur eingesetzt werden, wenn andere üblicherweise empfohlene Antibiotika ungeeignet sind [2, 3].
- Diese Sicherheitsbeschränkungen stellen jedoch kein generelles Fluorchinolonverbot bei Pyelonephritis dar. Ciprofloxacin und Levofloxacin bleiben sowohl in der deutschen S3-Leitlinie als auch in der EAU-Leitlinie Therapieoptionen der Pyelonephritis [LL1, LL2].
- Die Indikation muss individuell unter Berücksichtigung von zugelassener Indikation, Resistenzlage, Therapiealternativen und patientenbezogenen Risikofaktoren gestellt werden [2, 3].
- Fluorchinolone sollen bei Patienten mit früherer schwerwiegender Chinolon- bzw. Fluorchinolon-Nebenwirkung vermieden werden [2, 3].
- Besondere Vorsicht ist bei älteren Patienten, Nierenfunktionsstörung, Organtransplantation und gleichzeitiger systemischer Corticosteroidtherapie geboten. Eine gleichzeitige Fluorchinolon- und Corticosteroidtherapie soll wegen des erhöhten Risikos für Tendinitis (Sehnenentzündung) bzw. Sehnenruptur (Sehnenriss) möglichst vermieden werden [2, 3].
Wirkweise und wesentliche Nebenwirkungen
- Cephalosporine: β-Lactam-Antibiotika; Hemmung der bakteriellen Zellwandsynthese mit bakterizider Wirkung. Wesentliche Nebenwirkungen sind insbesondere allergische Reaktionen, gastrointestinale Beschwerden und Clostridioides difficile-assoziierte Diarrhoe (Durchfall).
- Fluorchinolone: Hemmung bakterieller DNA-Gyrase und Topoisomerase IV (Enzyme zur Verarbeitung der bakteriellen Erbsubstanz) mit bakterizider Wirkung. Neben gastrointestinalen und zentralnervösen Nebenwirkungen sind insbesondere Tendinopathien (Sehnenerkrankungen) bzw. Sehnenrupturen, periphere Neuropathien (Schädigungen peripherer Nerven) und weitere potenziell lang anhaltende unerwünschte Wirkungen zu berücksichtigen [2, 3].
- Aminoglykoside: Bindung an die bakterielle 30S-Ribosomenuntereinheit (Teil der bakteriellen Eiweißfabrik); konzentrationsabhängig bakterizide Wirkung. Wesentliche dosislimitierende Risiken sind Nephrotoxizität (Nierenschädlichkeit) und Ototoxizität (Schädlichkeit für das Innenohr).
- Piperacillin/Tazobactam: Acylaminopenicillin in Kombination mit β-Lactamase-Inhibitor; bakterizide Wirkung und breites gramnegatives sowie grampositives Wirkspektrum einschließlich Pseudomonas aeruginosa.
- Carbapeneme: β-Lactam-Antibiotika mit sehr breitem Wirkspektrum und hoher Stabilität gegenüber zahlreichen β-Lactamasen (bakteriellen Enzymen zum Abbau bestimmter Antibiotika). Wegen ihres hohen Selektionsdrucks sollen sie insbesondere schweren Infektionen durch ESBL-bildende bzw. andere resistente gramnegative Erreger vorbehalten und nach Möglichkeit deeskaliert werden [LL1-LL3].
Supplemente
- Für die Behandlung einer akuten Pyelonephritis besteht keine evidenzbasierte Indikation für Nahrungsergänzungsmittel als Ergänzung oder Ersatz einer wirksamen Antibiotikatherapie.
- Vitamine, Spurenelemente, Omega-3-Fettsäuren, Cranberryprodukte, Probiotika oder andere Mikronährstoffpräparate besitzen keinen gesicherten Stellenwert in der Akuttherapie einer Pyelonephritis.
- Maßnahmen zur nichtantibiotischen Prävention rezidivierender unterer Harnwegsinfektionen sind getrennt unter „Zystitis/Pharmakotherapie“ zu behandeln und dürfen nicht mit der Therapie einer akuten Pyelonephritis gleichgesetzt werden [LL1, LL2].
Literatur
- Lafaurie M et al.: Antimicrobial for 7 or 14 Days for Febrile Urinary Tract Infection in Men: A Multicenter Noninferiority Double-Blind, Placebo-Controlled, Randomized Clinical Trial. Clin Infect Dis. 2023;76(12):2154-2162. doi:10.1093/cid/ciad070 [1]
- European Medicines Agency (EMA): Fluoroquinolone antibiotics: reminder of measures to reduce the risk of long-lasting, disabling and potentially irreversible side effects. 2023. EMA [2]
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): Rote-Hand-Brief zu systemisch und inhalativ angewendeten fluorchinolonhaltigen Antibiotika – Erinnerung an die Anwendungsbeschränkungen. 2023. Rote-Hand-Brief [3]
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): Maxipime® (Cefepim): Risiko schwerwiegender neurologischer Nebenwirkungen bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion. 2018. Rote-Hand-Brief [4]
- Eliakim-Raz N et al.: Duration of antibiotic treatment for acute pyelonephritis and septic urinary tract infection-- 7 days or less versus longer treatment: systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. J Antimicrob Chemother. 2013;68(10):2183-2191. doi:10.1093/jac/dkt177 [5]
- Klausner HA et al.: A trial of levofloxacin 750 mg once daily for 5 days versus ciprofloxacin 400 mg and/or 500 mg twice daily for 10 days in the treatment of acute pyelonephritis. Curr Med Res Opin. 2007;23(11):2637-2645. doi:10.1185/030079907X233340 [6]
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- S3-Leitlinie: Epidemiologie, Diagnostik, Therapie, Prävention und Management unkomplizierter, bakterieller, ambulant erworbener Harnwegsinfektionen bei Erwachsenen (HWI). (AWMF-Registernummer 043-044) April 2024. Langfassung [LL1]
- European Association of Urology (EAU): Guidelines on Urological Infections. 2026. Full Guideline [LL2]
- Infectious Diseases Society of America (IDSA): 2025 Guideline Update on Complicated Urinary Tract Infections. 2025. Guideline [LL3]
- European Association of Urology/European Society for Paediatric Urology (EAU/ESPU): Guidelines on Paediatric Urology – Urinary Tract Infections in Children. 2026. Full Guideline [LL4]
Fachinformationen
- Ciprobay® 500 mg (Ciprofloxacin): Fachinformation, Stand Januar 2026. Fachinformation [FI1]
- Levofloxacin-ratiopharm® 250 mg/500 mg Filmtabletten: Fachinformation, Stand Mai 2025. Fachinformation [FI2]
- Cefpodoxim-ratiopharm® 100 mg/200 mg Filmtabletten: Fachinformation, Stand März 2026. Fachinformation [FI3]
- Levofloxacin Kabi 5 mg/ml Infusionslösung: Fachinformation. Fachinformation [FI4]