Sport in der Schwangerschaft

Regelmäßige körperliche Aktivität und ein angepasstes körperliches Training sind bei einer unkomplizierten Schwangerschaft ohne medizinische oder geburtshilfliche Kontraindikationen (medizinische oder geburtshilfliche Gründe gegen Sport) ausdrücklich zu empfehlen. Schwangere sollen mindestens 150 Minuten pro Woche körperlich aktiv sein und dabei überwiegend eine moderate Belastungsintensität wählen. Die Aktivität soll auf mehrere Wochentage verteilt werden und aerobes Training, Krafttraining sowie Beckenbodentraining umfassen [LL1-LL5].

Auch zuvor körperlich inaktive Schwangere sowie Schwangere mit Übergewicht, Adipositas (starkes Übergewicht) oder Gestationsdiabetes (Schwangerschaftsdiabetes) sollen grundsätzlich zu regelmäßiger körperlicher Aktivität angeleitet werden. Der Trainingsbeginn erfolgt in diesen Fällen stufenweise; bei Begleiterkrankungen ist die Belastung individuell anzupassen [LL1-LL5].

Bei gesunden Schwangeren erhöht ein leitliniengerecht durchgeführtes Training weder das Risiko für Fehlgeburten noch für Frühgeburten (Geburten vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche), ein niedriges Geburtsgewicht oder eine fetale Wachstumsrestriktion (unzureichendes Wachstum des ungeborenen Kindes). Regelmäßige körperliche Aktivität kann dagegen das Risiko für Gestationsdiabetes, Gestationshypertonie (schwangerschaftsbedingten Bluthochdruck) und eine übermäßige Gewichtszunahme reduzieren sowie die körperliche und psychische Gesundheit unterstützen [1-7, LL1-LL5].

Für die differenzierte Bewertung einzelner Sportarten liegen nur begrenzt randomisierte Vergleichsstudien vor. Die Einteilung in geeignete, bedingt geeignete und zu vermeidende Sportarten beruht deshalb zusätzlich auf leitliniengestützten Risikobewertungen hinsichtlich Kontakt, Kollision, Sturz, abdominalem Trauma (Verletzung des Bauchraums), Überhitzung, Hypoxie (Sauerstoffmangel) und Umgebungsdruck [1, LL1-LL5].

Physiologische Anpassungen (normale körperliche Anpassungen) der Schwangerschaft mit Bedeutung für das Training

Organsystem Physiologische Veränderungen Konsequenzen für das Training
Kardiovaskuläres System (Herz-Kreislauf-System) Zunahme von Plasmavolumen (Volumen des flüssigen Blutanteils), Herzfrequenz (Anzahl der Herzschläge pro Minute), Schlagvolumen (vom Herzen pro Schlag ausgeworfene Blutmenge) und Herzzeitvolumen (vom Herzen pro Minute ausgeworfene Blutmenge) sowie Abnahme des systemischen Gefäßwiderstands (Widerstand der Blutgefäße im Körperkreislauf) Die Herzfrequenzreaktion unterliegt erheblichen individuellen Schwankungen. Die Trainingsintensität soll deshalb nicht ausschließlich über starre Herzfrequenzgrenzen gesteuert werden [1, LL3-LL5].
Respiratorisches System (Atmungssystem) Zunahme von Atemzugvolumen (Luftmenge pro Atemzug), Minutenventilation (pro Minute ein- und ausgeatmete Luftmenge) und Sauerstoffbedarf Eine verstärkte Atemwahrnehmung unter Belastung kann physiologisch sein. Eine bereits in Ruhe bestehende oder unverhältnismäßig ausgeprägte Dyspnoe (Atemnot) ist abklärungsbedürftig [1, LL3, LL4].
Thermoregulation (Regulation der Körpertemperatur) Erhöhter Grundumsatz (Energieverbrauch des Körpers in Ruhe) und gesteigerte Wärmeproduktion bei körperlicher Belastung Überhitzung und Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) sind zu vermeiden. Training bei extremer Hitze, hoher Luftfeuchtigkeit oder in stark aufgeheizten Räumen ist nicht zu empfehlen [1, LL1, LL4, LL5].
Glucosestoffwechsel (Verarbeitung von Zucker im Körper) Zunehmende periphere Insulinresistenz (verminderte Wirkung von Insulin im Körpergewebe), insbesondere im zweiten und dritten Trimenon (Schwangerschaftsdrittel) Muskelarbeit verbessert die Glucoseaufnahme und Insulinsensitivität (Empfindlichkeit der Körperzellen gegenüber Insulin). Bei Insulintherapie ist das Hypoglykämierisiko (Risiko einer Unterzuckerung) zu berücksichtigen [1-3, LL1].
Bewegungsapparat Gewichtszunahme, Verlagerung des Körperschwerpunkts, verstärkte Lendenlordose (Einwärtskrümmung der Lendenwirbelsäule) und zunehmende ligamentäre Laxität (Lockerung der Bänder) Mit fortschreitender Schwangerschaft können Gleichgewicht, Bewegungskontrolle und Gelenkstabilität abnehmen. Belastungen mit hohem Sturzrisiko, abrupten Richtungswechseln oder extremen Gelenkpositionen sind entsprechend anzupassen bzw. zu vermeiden [1, LL1, LL3-LL5].
Beckenboden (Muskel- und Bindegewebsschicht am unteren Becken) Zunehmende mechanische Belastung durch Uteruswachstum (Wachstum der Gebärmutter), Gewichtszunahme und fetales Gewicht Beckenbodentraining soll sowohl die koordinierte Anspannung als auch die vollständige Entspannung berücksichtigen [8, LL1, LL3].
Venöser Rückstrom (Rückfluss des Blutes zum Herzen) Mögliche Kompression (Zusammendrücken) der Vena cava inferior (unteren Hohlvene) durch den graviden Uterus (die schwangere Gebärmutter) in flacher Rückenlage Länger andauernde Übungen in flacher Rückenlage sollen im zweiten und dritten Trimenon vermieden werden. Bei Schwindel, Übelkeit, Blässe oder Unwohlsein ist die Position sofort zu ändern [1, LL1, LL3-LL5].

Gesundheitliche Effekte regelmäßiger körperlicher Aktivität

Endpunkt Evidenzbasierte Bewertung
Gestationsdiabetes Regelmäßige körperliche Aktivität reduziert das Risiko für einen Gestationsdiabetes. Besonders günstig erscheinen früh begonnene, regelmäßig durchgeführte Programme mit niedriger bis moderater Intensität sowie eine Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining [2, 3, LL1].
Gestationshypertonie und Präeklampsie (schwangerschaftsbedingte Erkrankung mit Bluthochdruck und möglichen Organschäden) Strukturierte Bewegungsprogramme können das Risiko für eine Gestationshypertonie und hypertensive Schwangerschaftserkrankungen (Schwangerschaftserkrankungen mit Bluthochdruck) reduzieren. Der präventive Effekt auf eine Präeklampsie ist weniger einheitlich belegt [2, 4, LL1].
Gestationale Gewichtszunahme (Gewichtszunahme während der Schwangerschaft) Körperliche Aktivität kann einer übermäßigen Gewichtszunahme entgegenwirken. Die Wirkung ist bei Kombination mit einer bedarfsgerechten Ernährung am größten [1, 5, LL1].
Geburtsmodus (Art der Entbindung) Eine Meta-Analyse randomisierter Studien zeigte eine moderate Reduktion von Sectio caesarea (Kaiserschnitt) und vaginal-operativer Entbindung (vaginaler Geburt mit Saugglocke oder Zange). Der individuelle Effekt hängt von Trainingsprogramm, Adhärenz und geburtshilflichem Ausgangsrisiko ab [6].
Geburtsdauer Die Dauer der ersten Geburtsphase kann im Mittel geringfügig verkürzt sein. Wegen erheblicher Heterogenität der Studien lässt sich keine bestimmte Verkürzung für die einzelne Schwangere prognostizieren [6].
Frühgeburt Bei gesunden Schwangeren erhöht ein moderates Training weder die Frühgeburtenrate noch verkürzt es die Schwangerschaftsdauer [7, LL1-LL5].
Fetales Wachstum und neonatale Gesundheit (Gesundheit des Neugeborenen) Leitliniengerechtes Training ist nicht mit einem erhöhten Risiko für niedriges Geburtsgewicht, fetale Wachstumsrestriktion oder relevante neonatale Komplikationen (Komplikationen beim Neugeborenen) verbunden [5, 7, LL1-LL5].
Harninkontinenz (unwillkürlicher Urinverlust) Pränatales Beckenbodentraining kann bei zuvor kontinenten Frauen das Risiko einer Harninkontinenz während der Schwangerschaft und post partum (nach der Geburt) reduzieren. Bei bereits bestehender Inkontinenz ist eine gezielte Beckenbodendiagnostik (Untersuchung der Beckenbodenfunktion) angezeigt [8, LL1, LL3].
Rücken- und Beckengürtelschmerzen (Schmerzen im unteren Rücken und Beckenbereich) Angepasste Bewegungs-, Kräftigungs- und Stabilisationsprogramme können die Beschwerdeintensität und funktionelle Einschränkungen reduzieren. Nicht jede schwangerschaftsbedingte Schmerzsymptomatik lässt sich dadurch verhindern [1, 5, LL1].
Psychisches Befinden Regelmäßige körperliche Aktivität kann depressive und ängstliche Symptome vermindern und das subjektive Wohlbefinden verbessern. Bei manifester psychischer Erkrankung ersetzt Sport keine leitliniengerechte Diagnostik und Behandlung [5, LL1, LL2].

Allgemeine Trainingsempfehlungen

Trainingskomponente Empfehlung
Häufigkeit Körperliche Aktivität an mindestens drei Tagen pro Woche, möglichst verteilt über die meisten Wochentage. Längere Sitzzeiten sollen regelmäßig durch leichte körperliche Aktivität unterbrochen werden [9, LL1-LL5].
Trainingsumfang Mindestens 150 Minuten körperliche Aktivität mit moderater Intensität pro Woche. Die Gesamtzeit kann auf kürzere Einheiten verteilt werden. Eine allgemeingültige Obergrenze von 60 Minuten pro Trainingseinheit ist nicht evidenzbasiert [LL1-LL5].
Trainingsintensität Überwiegend moderate Intensität. Beim Sprechtest soll eine Unterhaltung in vollständigen Sätzen weiterhin möglich sein. Auf der Borg-Skala von 6-20 entspricht dies ungefähr einem subjektiven Belastungsempfinden von 12-14 [LL1, LL3-LL5].
Herzfrequenz Eine starre maximale Trainingsherzfrequenz, insbesondere eine pauschale Begrenzung auf 140 Schläge pro Minute, ist nicht evidenzbasiert. Herzfrequenzbereiche können ergänzend eingesetzt werden, müssen jedoch an Alter, Trainingszustand, Schwangerschaftswoche und individuelle Herzfrequenzreaktion angepasst werden [1, LL3-LL5].
Ausdauertraining Rhythmische Belastungen großer Muskelgruppen, z. B. Walking, Schwimmen oder Ergometertraining, bilden die Grundlage des aeroben Trainings [LL1-LL5].
Krafttraining Empfohlen wird ein kontrolliertes Training der großen Muskelgruppen mit submaximalen Belastungen. Ungewohnte Maximalbelastungen, Training bis zum Muskelversagen, ausgeprägte Pressatmung und länger anhaltende Valsalva-Manöver sind zu vermeiden. Eine allgemeingültige Gewichtsbeschränkung in Kilogramm existiert nicht [1, LL1, LL3-LL5].
Beckenbodentraining Regelmäßiges, korrekt angeleitetes Training mit koordinierten Anspannungs- und Entspannungsphasen soll Bestandteil des Trainingsprogramms sein [8, LL1, LL3].
Beweglichkeit Sanfte Mobilisations- und Dehnübungen sind möglich. Wegen der zunehmenden ligamentären Laxität sollen forcierte Dehnungen und extreme Gelenkpositionen vermieden werden [LL1, LL3-LL5].
Zuvor körperlich inaktive Schwangere Beginn mit kurzen Einheiten niedriger Intensität. Zunächst werden Häufigkeit und Dauer, erst danach die Intensität gesteigert [LL1-LL5].
Zuvor regelmäßig trainierende Schwangere Gewohnte körperliche Aktivität kann bei unkompliziertem Schwangerschaftsverlauf grundsätzlich fortgeführt werden. Trainingsumfang und Intensität sind an Beschwerden, Schwangerschaftsverlauf und Regenerationsbedarf anzupassen [LL1-LL5].
Leistungs- und Hochleistungssport Ein deutlich über den allgemeinen Empfehlungen liegender Trainingsumfang erfordert eine individuelle sportmedizinische und geburtshilfliche Betreuung. Zu überwachen sind insbesondere Energieverfügbarkeit, Gewichtsentwicklung, Eisenstatus, fetales Wachstum, Regeneration, Beckenbodenfunktion und muskuloskelettale Beschwerden (Beschwerden an Muskeln und Skelett) [1, LL1, LL3-LL5].

Sicherheitsmaßnahmen

  • Belastungssteigerung: Trainingsumfang und Intensität schrittweise erhöhen; keine abrupten Steigerungen oder ungewohnten hochintensiven Programme beginnen [LL1-LL5].
  • Aufwärmen und Abwärmen: Jede Trainingseinheit mit einer niedrigen Belastungsintensität beginnen und beenden [1, LL3-LL5].
  • Flüssigkeitszufuhr: Vor, während und nach längeren Trainingseinheiten bedarfsgerecht trinken; Dehydratation vermeiden [LL1, LL4, LL5].
  • Thermoregulation: Training bei extremer Hitze, hoher Luftfeuchtigkeit oder in stark aufgeheizten Räumen vermeiden. Hot Yoga und Hot Pilates sind nicht zu empfehlen [LL1, LL4, LL5].
  • Energieverfügbarkeit: Bei längerem oder intensivem Training ist auf eine ausreichende Energie- und Kohlenhydratzufuhr zu achten. Eine chronisch niedrige Energieverfügbarkeit ist insbesondere im Leistungssport zu vermeiden [1, LL1, LL5].
  • Atmung: Pressatmung und länger anhaltende Valsalva-Manöver vermeiden; während Kraftübungen kontinuierlich weiteratmen [1, LL3-LL5].
  • Rückenlage: Länger dauernde Übungen in flacher Rückenlage im zweiten und dritten Trimenon vermeiden. Bei Beschwerden sofort in Seitenlage wechseln oder den Oberkörper anheben [LL1, LL3-LL5].
  • Akute Erkrankung: Bei Fieber, systemischer Infektion (den gesamten Körper betreffender Infektion) oder ausgeprägtem Krankheitsgefühl das Training bis zur Erholung aussetzen [1, LL4].
  • Sturzprophylaxe: Rutschfeste Schuhe, einen sicheren Untergrund und eine an den Schwangerschaftsverlauf angepasste Bewegungsauswahl verwenden [LL1, LL3-LL5].
  • Höhenbelastung: Gesunde, an Höhenlagen gewöhnte Schwangere können in moderaten Höhen von etwa 1.800-2.500 m körperlich aktiv sein. Unakklimatisierte intensive Belastungen, rascher Aufstieg und abgelegene Hochgebirgstouren sind zu vermeiden [LL1, LL5].

Indizierte bzw. regelhaft empfohlene Sportarten

Die medizinische Indikation bezieht sich primär auf regelmäßige körperliche Aktivität und nicht auf eine einzelne Sportart. Folgende Bewegungsformen sind bei einer unkomplizierten Schwangerschaft aufgrund ihres günstigen Nutzen-Risiko-Verhältnisses regelhaft zu empfehlen [LL1-LL5]:

Sportart bzw. Trainingsform Bewertung und Besonderheiten
Walking und Nordic Walking Gut steuerbares Ausdauertraining mit geringem Sturz- und Verletzungsrisiko. Nordic-Walking-Stöcke können zusätzliche Stabilität bieten [LL1-LL5].
Schwimmen Gelenkschonendes Ganzkörpertraining mit geringer Stoßbelastung. Normale Schwimmbadtemperaturen sind unproblematisch [LL1-LL5].
Aquafitness und Aquajogging Geeignet bei Übergewicht, Ödemen (Wassereinlagerungen) sowie Rücken- oder Gelenkbeschwerden. Auf Rutschgefahr im Nassbereich achten [LL1, LL3-LL5].
Fahrradergometer Gut dosierbare und sturzsichere Ausdauerbelastung. Sitzposition und Lenkerhöhe an den zunehmenden Bauchumfang anpassen [LL1, LL3-LL5].
Low-Impact-Aerobic Geeignet bei Verzicht auf ausgeprägte Sprungfolgen, abrupte Richtungswechsel und komplexe Gleichgewichtsanforderungen [LL1, LL3-LL5].
Schwangerschaftsangepasstes Krafttraining Empfohlen zur Erhaltung von Muskelkraft, Haltung und Alltagsfunktion. Kontrollierte Wiederholungen, submaximale Belastungen und kontinuierliche Atmung wählen [1, LL1, LL3-LL5].
Beckenbodentraining Empfohlener Bestandteil eines umfassenden Trainingsprogramms. Bei Schmerzen, Hypertonus (übermäßig hoher Muskelspannung), Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr) oder Entleerungsstörungen (Störungen beim Wasserlassen oder Stuhlgang) ist eine physiotherapeutische Diagnostik erforderlich [8, LL1, LL3].
Schwangerschaftsangepasstes Yoga und Pilates Geeignet bei Verzicht auf extreme Gelenkstellungen, forcierte Dehnung, länger anhaltende flache Rückenlage und stark komprimierende Positionen. Hot Yoga und Hot Pilates vermeiden [LL1, LL4, LL5].
Moderates Tanzen Geeignet bei geringem Kontakt- und Sturzrisiko. Sprünge, schnelle Drehungen und abrupte Richtungswechsel reduzieren [LL3-LL5].
Wandern auf sicheren Wegen Bei angepasster Streckenlänge, ausreichender Trittsicherheit und geeigneten Witterungsbedingungen möglich. Höhenlage und Rettungsmöglichkeiten berücksichtigen [LL1, LL5].

Bedingt geeignete und individuell anzupassende Sportarten

Die folgenden Sportarten sind nicht grundsätzlich kontraindiziert. Sie setzen jedoch Vorerfahrung, einen unkomplizierten Schwangerschaftsverlauf und eine Anpassung an das zunehmende Sturz-, Kollisions- oder Überlastungsrisiko voraus [1, LL1-LL5].

Sportart Voraussetzungen und Einschränkungen
Joggen und Laufen Bei bereits vor der Schwangerschaft regelmäßig laufenden, beschwerdefreien Frauen grundsätzlich auch im zweiten und dritten Trimenon möglich. Trainingsumfang, Tempo, Untergrund und Stoßbelastung anpassen. Bei Inkontinenz, Druckgefühl, Beckengürtelschmerzen, Bewegungsschmerz oder zunehmender Instabilität auf gelenkschonende Alternativen wechseln [1, LL1, LL3-LL5].
Radfahren im Straßenverkehr Bei erfahrenen Radfahrerinnen zunächst möglich. Wegen des zunehmenden Sturzrisikos im weiteren Schwangerschaftsverlauf ist das Fahrradergometer häufig die sicherere Alternative [LL1, LL3-LL5].
Spinning Bei Vorerfahrung, moderater Belastungssteuerung und guter Belüftung möglich. Keine maximalen Belastungsspitzen; Sitzposition und Lenkerhöhe anpassen [LL3-LL5].
Ruderergometer Bei angepasster Technik möglich. Mit zunehmendem Bauchumfang kann die Hüftbeugung eingeschränkt sein. Pressatmung und maximale Belastungen vermeiden [LL3-LL5].
Tennis, Badminton und andere Rückschlagsportarten Bei erfahrenen Spielern und reduzierter Intensität möglich. Abrupte Richtungswechsel, Rückwärtslaufen und Sprünge erhöhen das Sturzrisiko. Doppelspiel ist häufig besser steuerbar als intensives Einzelspiel [LL3-LL5].
Skilanglauf Bei erfahrenen Langläuferinnen auf leichtem und sicherem Gelände möglich. Vereisung, steile Abfahrten, hohe Geschwindigkeit und abgelegene Strecken vermeiden [LL1, LL3, LL5].
Golf In der Regel möglich. Rotationsbewegung, Standbreite und Schlägerführung an Bauchumfang, Gleichgewicht und Beschwerden des Beckenrings anpassen [LL3-LL5].
Hochintensives Intervalltraining Nur bei bereits vor der Schwangerschaft entsprechend trainierten Frauen, unkompliziertem Verlauf und individualisierter Belastungssteuerung. Während der Schwangerschaft soll kein neues hochintensives Trainingsprogramm begonnen werden [1, LL3-LL5].

Für Joggen, Tennis oder vergleichbare Sportarten besteht keine evidenzbasierte pauschale Kontraindikation ab der 18. Schwangerschaftswoche. Entscheidend sind Vorerfahrung, Beschwerden, Sturzrisiko, Belastungssteuerung und Schwangerschaftsverlauf [1, LL1-LL5].

Kontraindizierte bzw. zu vermeidende Sportarten

Risikokategorie Sportarten und Aktivitäten Begründung
Kontakt- und Kollisionssportarten Boxen, Kickboxen, Vollkontakt-Kampfsport, Ringen, Judo, Rugby, American Football, Eishockey, Feldhockey sowie wettkampforientierter Fußball, Handball und Basketball Risiko direkter abdominaler Traumata, Kollisionen und unkontrollierter Stürze [LL1, LL3-LL5]
Sportarten mit hohem Sturzrisiko Abfahrtsski, Snowboarden, Reiten, Mountainbiking, BMX, Skateboarden, Inlineskating, Eislaufen, Gerätturnen, Trampolinspringen, Bouldern und Vorstiegsklettern Mit fortschreitender Schwangerschaft zunehmendes Risiko schwerer Stürze und abdominaler Traumata [LL1, LL3-LL5]
Gerätetauchen Flaschentauchen Kontraindiziert wegen des nicht sicher quantifizierbaren Risikos fetaler Gasembolien (Gefäßverschlüsse durch Gasblasen) und Dekompressionsschäden (Schäden durch Druckentlastung) [LL1-LL5]
Aktivitäten mit extremer Beschleunigung oder Absturzrisiko Fallschirmspringen, Bungee-Jumping, Base-Jumping, Drachenfliegen und vergleichbare Aktivitäten Hohes Trauma-, Hypoxie- und Rettungsrisiko [LL3-LL5]
Motor- und Hochgeschwindigkeitssport Motorradsport, Motorsport, Bahnrad-Hochgeschwindigkeitsdisziplinen und vergleichbare Aktivitäten Hohes Kollisions- und Traumarisiko [LL3-LL5]
Wildwasser- und Hochrisikowassersport Wildwasserkanu, Wasserski, Kitesurfen und vergleichbare Sportarten mit hoher Sturzgeschwindigkeit oder eingeschränkter Rettungsmöglichkeit Trauma-, Ertrinkungs- und Unterkühlungsrisiko [LL3-LL5]
Maximalkraft- und Kraftwettkampfsport Ungewohnte Maximalkraftversuche, Powerlifting-Wettkampf, Strongman-Disziplinen sowie olympisches Gewichtheben mit maximalen oder nahezu maximalen Lasten Ausgeprägte Pressatmung, hohe intraabdominelle Druckspitzen (hohe Druckspitzen innerhalb des Bauchraums), technische Fehlbelastung und Verletzungsrisiko; nicht gleichzusetzen mit moderatem Krafttraining [1, LL3-LL5]
Training unter extremer Hitze Hot Yoga, Hot Pilates und Training in stark aufgeheizten Räumen oder bei extremer Hitze und Luftfeuchtigkeit Risiko von Überhitzung, Dehydratation und Kreislaufdekompensation (Zusammenbruch der Kreislauffunktion) [LL1, LL4, LL5]
Unakklimatisierte intensive Höhenbelastung Intensives Training, rascher Aufstieg oder Bergsteigen in großer Höhe ohne vorherige Akklimatisation Reduziertes Sauerstoffangebot sowie erhöhtes kardiopulmonales (Herz und Lunge betreffendes), Sturz- und Rettungsrisiko [LL1, LL5]

Medizinische und geburtshilfliche Kontraindikationen

Die traditionelle starre Einteilung in absolute und relative Kontraindikationen ist nur unzureichend evidenzbasiert und unterscheidet sich zwischen den Leitlinien. Zahlreiche Erkrankungen erfordern kein dauerhaftes vollständiges Bewegungsverbot, sondern eine individuelle geburtshilfliche bzw. fachärztliche Risikobewertung und eine angepasste Trainingsverordnung [9, LL1, LL3-LL5].

Ein geplantes körperliches Training soll zunächst ausgesetzt bzw. nur nach spezialisierter Freigabe durchgeführt werden bei:

  • aktiver vorzeitiger Wehentätigkeit;
  • vorzeitigem Blasensprung;
  • Plazentaablösung (vorzeitiger Ablösung des Mutterkuchens);
  • Vasa praevia (vor dem Muttermund verlaufenden kindlichen Blutgefäßen);
  • persistierender oder klinisch relevanter vaginaler Blutung;
  • schwerer Präeklampsie oder Eklampsie (Krampfanfällen im Rahmen einer Präeklampsie);
  • schwerer oder unkontrollierter Hypertonie (Bluthochdruck);
  • dekompensierter oder hämodynamisch relevanter Herzerkrankung (Herzerkrankung mit wesentlicher Beeinträchtigung des Blutkreislaufs);
  • schwerer symptomatischer Lungenerkrankung;
  • Zervixinsuffizienz (Schwäche des Gebärmutterhalses) mit unmittelbarem Frühgeburtsrisiko;
  • schwerer fetaler Wachstumsrestriktion bei Plazentainsuffizienz (unzureichender Funktion des Mutterkuchens);
  • unkontrolliertem Diabetes mellitus Typ 1 (Zuckerkrankheit Typ 1) mit metabolischer Instabilität (instabiler Stoffwechsellage) [9, LL1, LL3-LL5].

Eine individuelle geburtshilfliche bzw. fachärztliche Trainingsverordnung ist erforderlich bei:

  • Placenta praevia (vor dem Muttermund liegendem Mutterkuchen) ohne aktuelle Blutung;
  • Cerclage (operativer Umschlingung des Gebärmutterhalses) oder verkürzter Zervix (verkürztem Gebärmutterhals) ohne aktuelle Wehentätigkeit;
  • Mehrlingsschwangerschaft, insbesondere bei erhöhtem Frühgeburtsrisiko;
  • Gestationshypertonie oder kontrollierter chronischer Hypertonie;
  • kontrolliertem Diabetes mellitus Typ 1 oder Typ 2 (Zuckerkrankheit Typ 2);
  • insulinpflichtigem Gestationsdiabetes;
  • Herzrhythmusstörungen (Störungen des Herzschlags) oder stabilen kardialen Erkrankungen (Herzerkrankungen);
  • chronischen pulmonalen Erkrankungen (Lungenerkrankungen);
  • symptomatischer oder schwerer Anämie (Blutarmut);
  • Epilepsie (Anfallsleiden) oder anderen neurologischen Erkrankungen (Erkrankungen des Nervensystems);
  • Essstörung, ausgeprägtem Untergewicht oder unzureichender Energiezufuhr;
  • relevanten orthopädischen oder rheumatologischen Einschränkungen (Einschränkungen durch Erkrankungen des Bewegungsapparats oder entzündlich-rheumatische Erkrankungen);
  • anamnestisch rezidivierenden Fehlgeburten oder Frühgeburten [9, LL1, LL3-LL5].

Adipositas, Gestationsdiabetes, Nikotinkonsum, ein zuvor überwiegend sitzender Lebensstil oder ein einzelner vorausgegangener Abort (Fehlgeburt) stellen für sich allein keine Kontraindikationen gegen körperliche Aktivität dar. Sie begründen vielmehr eine besonders sorgfältige Beratung, einen stufenweisen Trainingsbeginn und gegebenenfalls eine engmaschigere medizinische Begleitung [9, LL1-LL5].

Warnzeichen während oder nach dem Training

Bei folgenden Symptomen ist die Belastung sofort zu beenden und eine zeitnahe geburtshilfliche bzw. notfallmedizinische Abklärung zu veranlassen [LL1, LL3-LL5]:

  • Vaginale Blutung
  • Abgang oder persistierender Verlust von Fruchtwasser
  • Regelmäßige schmerzhafte Wehentätigkeit
  • Thoraxschmerz (Brustschmerz) oder ausgeprägte Palpitationen (Herzklopfen oder Herzrasen)
  • Dyspnoe bereits vor Belastungsbeginn oder unverhältnismäßige, persistierende Dyspnoe
  • Schwindel, Präsynkope (Beinahe-Ohnmacht) oder Synkope (kurzzeitige Bewusstlosigkeit)
  • Starker oder neuartiger Kopfschmerz, Sehstörungen oder neurologische Symptome (Beschwerden des Nervensystems)
  • Einseitiger Wadenschmerz, Überwärmung oder Schwellung
  • Ausgeprägter abdominaler, pelviner (den Beckenbereich betreffender) oder thorakaler Schmerz
  • Muskelschwäche oder Koordinationsstörung mit Beeinträchtigung des Gleichgewichts
  • Deutlich verminderte fetale Bewegungen nach dem Zeitpunkt regelmäßig wahrnehmbarer Kindsbewegungen

Besondere klinische Situationen

  • Gestationsdiabetes: Körperliche Aktivität ist ein wesentlicher Bestandteil der Therapie. Eine Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining kann die Glucosekontrolle verbessern. Kurze Bewegungseinheiten nach den Mahlzeiten können insbesondere postprandiale Glucosespitzen (Blutzuckeranstiege nach dem Essen) reduzieren. Bei Insulintherapie sind Blutzuckerkontrolle, Kohlenhydratzufuhr und Hypoglykämieprophylaxe (Vorbeugung einer Unterzuckerung) anzupassen [2, 3, LL1].
  • Adipositas: Körperliche Aktivität ist ausdrücklich indiziert. Gelenkschonende Aktivitäten wie Walking, Schwimmen, Aquafitness, Ergometer- und angepasstes Krafttraining sind besonders geeignet. Das Belastungsniveau wird langsam gesteigert [LL1-LL5].
  • Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen: Regelmäßige Aktivität kann bei gesunden Schwangeren präventiv wirken. Nach Manifestation einer Gestationshypertonie oder Präeklampsie ist eine individuelle geburtshilfliche Entscheidung erforderlich. Eine schwere Präeklampsie ist eine Kontraindikation gegen geplantes Training [2, 4, LL1-LL5].
  • Mehrlingsschwangerschaft: Eine Mehrlingsschwangerschaft ist nicht grundsätzlich mit einem vollständigen Bewegungsverbot gleichzusetzen. Bei erhöhtem Frühgeburtsrisiko, Zervixverkürzung, Blutung oder Wachstumsauffälligkeiten ist die Aktivität individuell festzulegen [9, LL1, LL3-LL5].
  • Beckenbodenbeschwerden: Belastungsinkontinenz, Druckgefühl, Senkungsbeschwerden (Beschwerden durch eine Absenkung der Beckenorgane) oder Beckenbodenschmerzen erfordern eine Anpassung von Lauf-, Sprung- und Kraftbelastungen sowie gegebenenfalls eine spezialisierte physiotherapeutische Untersuchung [8, LL1, LL3].
  • Leistungssport: Fortgesetztes intensives Training ist bei ausgewählten, gut trainierten Frauen möglich, erfordert jedoch eine individualisierte Betreuung. Zu überwachen sind insbesondere Energieverfügbarkeit, Eisenstatus, Gewichtsentwicklung, fetales Wachstum, Regeneration, Beckenbodenfunktion und muskuloskelettale Beschwerden [1, LL1, LL3-LL5].
  • Ärztlich angeordnete Aktivitätsrestriktion: Eine routinemäßige Bettruhe oder generelle Aktivitätsrestriktion verbessert die meisten untersuchten Schwangerschaftsendpunkte nicht zuverlässig und kann Thromboembolien (Gefäßverschlüsse durch Blutgerinnsel), Dekonditionierung (Verlust körperlicher Leistungsfähigkeit), Muskelabbau und psychosoziale Belastungen begünstigen. Eine Aktivitätsrestriktion ist deshalb auf klar definierte klinische Situationen zu begrenzen [9].

Praktischer Beratungsalgorithmus

  1. Schwangerschaftsverlauf, Vorerkrankungen, geburtshilfliche Risikofaktoren und bisherigen Trainingsstatus erfassen.
  2. Aktuelle Beschwerden und mögliche Warnzeichen ausschließen.
  3. Sportart nach Kontakt-, Kollisions-, Sturz-, Überhitzungs-, Hypoxie- und Druckrisiko einordnen.
  4. Bei unkomplizierter Schwangerschaft mindestens 150 Minuten moderate körperliche Aktivität pro Woche empfehlen.
  5. Ausdauer-, Kraft- und Beckenbodentraining kombinieren.
  6. Bei zuvor inaktiven Frauen stufenweise beginnen; bei trainierten Frauen bestehendes Training schwangerschaftsgerecht anpassen.
  7. Belastung primär über Sprechtest und subjektives Belastungsempfinden steuern; keine starre Herzfrequenzgrenze verwenden.
  8. Trainingsprogramm im Verlauf der Schwangerschaft sowie bei neuen Beschwerden erneut beurteilen.
  9. Warnzeichen und Gründe für einen sofortigen Trainingsabbruch ausdrücklich besprechen [LL1-LL5].

Fazit

Sport und körperliche Aktivität sind bei unkomplizierter Schwangerschaft sicher und medizinisch indiziert. Empfohlen werden mindestens 150 Minuten moderate körperliche Aktivität pro Woche, kombiniert aus Ausdauertraining, Krafttraining und Beckenbodentraining. Nicht die Schwangerschaftswoche allein, sondern Trainingsstatus, Beschwerden, geburtshilflicher Verlauf sowie Kontakt-, Sturz-, Trauma-, Überhitzungs-, Höhen- und Druckrisiko bestimmen die Eignung einer Sportart. Pauschale Herzfrequenzgrenzen, ein generelles Verbot von Joggen oder Tennis ab der 18. Schwangerschaftswoche sowie geschwindigkeitsabhängige Sportartenverbote sind nicht evidenzbasiert. Medizinische Komplikationen erfordern eine individuelle geburtshilfliche Trainingsverordnung; eine routinemäßige körperliche Schonung oder Bettruhe ist dagegen nur selten gerechtfertigt [1, 9, LL1-LL5].

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